100/100 The Show Must Go On

Queen (1991)

So, nun ist es also soweit: Der finale Song unseres Blogs steht an:

Genauso lange, wie Du über 1/100 gegrübelt hast, habe ich über 100/100 nachgedacht. Was nimmt man da? Was besonders Cooles? Einen Song, der mich besonders lange begleitet hat? Oder einen, der einfach den Sack zu macht? Nun, „The Show Must Go On“ ist all das für mich. Und der Song ist zugleich natürlich auch ein optimistischer Ausblick auf die Zukunft. Das ist Dir beim Lesen natürlich sofort klar gewesen, trotzdem wollte ich es noch mal gesagt haben.

Als ich vor ein paar Jahren angefangen habe, auf Partys aufzulegen, war ich immer auf der Suche nach einem letzten Lied – dem ultimativen Rausschmeißer. Der Rausschmeißer ist ein wichtiges Thema für jeden DJ, wie mir Kumpel HiFi Brown vorher auch schon mal versichert hatte. Man kann nach einer Party nicht einfach die Kiste ausschalten und das Licht anmachen. Nein – es muss für die letzten ein Signal ertönen: „Leute, es war ein super Abend, aber draußen wird es bald hell und ich muss den ganzen Krempel noch abbauen und nach Hause schleppen.“

Jetzt gibt es viele Strategien für den Rausschmeißer: Man kann einfach ganz schlechte Schlagermusik oder Eurodance à la Rednex auswählen. Irgendwas, was die Leute hassen – und was den Spirit des Abends abrupt kaputt macht (sofern es vorher gut gelaufen ist). Im Zweifel erinnert sich zwar später eh keiner mehr daran, wenn die Party erst morgens um 4:30 Uhr zu Ende gegangen ist und die letzten Mohikaner einigermaßen beschwippst waren. Aber irgendwie fühlt sich diese Strategie für mich nicht richtig an.

Dann gibt es die Methode, den Ausstieg langsam vorzubereiten: Man sucht sich ein paar coole Bands aus, spielt aber immer bewusst nicht den größten, sondern eher den viertgrößten Hit. Ob das klappt, hängt vor allem vom Zustand der Partygäste ab. Sind sie im Mitgröhl-Modus, kann man auch „We are the World“ spielen und die Leute checken es nicht, sondern mobilisieren die letzten Kräfte und fordern danach noch „Do They Know it’s Christmas“ oder so etwas.

Ich bin irgendwann auf „The Show Must Go On“ gekommen, weil das ein Wink mit dem Zaunpfahl, nein besser mit dem Betonpfeiler ist: „Leute, es war schön mit Euch, aber jetzt ist mal gut. Wir können uns ja ein andermal treffen und weiterfeiern. Freddie hätte das auch so gewollt.“ Gleichzeitig ist das Lied so schön, dass ich mit der Auswahl jedes Mal mein Herz für alle öffne, die in diesem Moment dafür empfänglich sind.

Denn Queen gehören für mich zu den ultimativ wichtigsten Bands aller Zeiten. In den meisten Top 10-Hitlisten würde man vielleicht nicht immer sofort auf sie kommen, aber bei meinen Top 50 dürfen sie nicht fehlen. Es gibt nur wenige Bands, deren Stil so heterogen und zugleich so deutlich wieder erkennbar ist, wie der von Queen.

Wahrscheinlich brauche ich Dich gar nicht erst davon zu überzeugen, aber ich mache es trotzdem: Queen haben so viele Hits gespielt, die mich in den letzten 30 Jahren nachhaltig überzeugen konnten. Als ich 1986/ 1987 anfing, mich für Popmusik zu interessieren, war gerade „A Kind of Magic“ erschienen. Eine Platte voller Hits: Der Titeltrack genauso wie „One Vision“, „Who Wants to Live Forever“ oder „Friends Will Be Friends“. Dieser rockige, hymnische Trademark-Sound erfasste einfach jeden. Als mein Vater merkte, dass ich immer öfter den Namen seiner Idole Queen in den Mund nahm, spielte er mir „Queen“, „Live Killers“ und „A Night at the Opera“ vor.

Als wir 1988 umzogen und ich in eine neue Klasse kam, erhielt ich meinen ersten CD-Player. Und ich lernte Siebrig kennen, die mir freundlicherweise alle übrigen bisherigen Queen-CDs lieh, mit denen ich eifrig alte TKKG-Kassetten überspielte. Dann kam 1989 und wir hatten plötzlich Kabelfernsehen. Genau der richtige Moment, um die ganzen Videos von Queens „Miracle“-Album zu genießen: „Scandal“, „The Invisible Man“ und natürlich das atemberaubende „Breakthrou“ mit der Band auf dem rasenden Zug.

Dann fiel die Mauer, die Pubertät setzte langsam ein und ich verpasste das erste Mal einen halben Kinofilm, weil ich mit Knutschen beschäftigt war. Snap!, Public Enemy, Bob Marley, Nirvana und Vanilla Ice wurden als Musikmacher interessanter als die glitzernden Bühnen-Opis mit ihren überdimensionierten Gitarren.

Und trotzdem war ich schockiert, als ich an jenem Montagmorgen im November 1991 die Nachricht von Freddie Mercurys Tod beim Frühstück im Radio hörte. Ich radelte zur Schule und war unglücklich. Siebrig kam an diesem Montag gar nicht zur Schule und konnte unsere Klassenlehrerin am nächsten Tag nur schwer von den Gründen überzeugen. Dabei liefen überall im Radio Queen-Songs: Natürlich auch „The Show Must Go On“, das gerade mal einen Monat zuvor erschienen war. Genauso wie das berührende „These Are the Days of Our Lives“ mit dem letzten Video von Freddie, in dem er schon sichtlich geschwächt ohne seinen markanten Moustache den „Great Pretender“ gibt.

Alles, was nach Mercurys Tod erschien, war allerdings musikalisch nicht mehr interessant für mich. Was total unfair ist, weil Brian May und die anderen sich sichtlich Mühe gegeben haben, gute Ersatz-Frontleute zu engagieren. Aber Queen war für mich einfach immer auch Freddie Mercury. Auch deshalb geriet die Band bei mir aus dem Bewusstsein – abgesehen von den Partys, auf denen sich irgendwann alle auf die Knie hockten, um mit den Fäusten im Takt zu „We Will Rock You“ auf den Boden einzudreschen, um dann beim Einsatz des Gitarrensolos ekstatisch aufzuspringen und Luftgitarre zu spielen.

Als ich 2006 meinen guten alten Schulfreund Sven in Tansania besuchte, bot sich für die letzte Woche ein Trip nach Sansibar an. Nach einer leicht wackeligen Überfahrt von Dar es Salaam nach Stone Town stromerten meine Freundin und ich durch die Altstadt auf der Suche nach dem Geburtshaus von Freddie Mercury. Denn wie wir in einem Reiseführer gelesen hatten, gehörte zu den wenigen Attraktionen der Insel-Hauptstadt das Gebäude, in dem Mercury 1946 als Farrokh Bulsara zur Welt gekommen war.

Viel gab es nicht zu sehen (und erstaunlicherweise auch nicht zu kaufen), aber immerhin eine Tafel mit dem Verweis auf Lyrics aus „Bohemian Rhapsody“, in denen Freddie Mercury Szenen seiner Kindheit auf Sansibar verarbeitet hatte – samt seiner erwachenden Homosexualität, die als Mitgrund für seine Verschickung auf eine indische Privatschule galt:

„I’m just a poor boy, nobody loves me
He’s just a poor boy from a poor family
Spare him his life from this monstrosity
Easy come, easy go, will you let me go
Bismillah, no, we will not let you go (let him go)…”

Wer sich mit dem Song beschäftigt hat weiß, dass es so einfach nicht ist. Ganze Dokumentationen wurden über die Entstehungsgeschichte gedreht. Aber die verbliebenen Bandmitglieder haben auch nach seinem Tod den Schlüssel nicht aus der Hand gegeben. Für mich wurde mit dieser Mini-Episode auf Sansibar aber wieder klar, welche popkulturelle Bedeutung die Band eigentlich immer noch hat – das Magisch-Verschlüsselte und der Mix der Stile sind einfach immer noch genial. Ganz abgesehen vom Sound.

Als wir am nächsten Tag weiter nach Norden an einen abgelegenen Strand fuhren, bat ich den Taxifahrer, meinen iPod an sein Kassettendeck anzustöpseln (ich hatte vorher extra für diese Reise einen Kassetten-Adapter besorgt!). Der einzige Queen-Song, den ich dabei hatte, war „The Show Must Go On“. Es wurde eine sehr rumpelige Fahrt mit guter Musik.

Wenn ich heute mit diesem Song also meinen Teil dieses Blogs beende, so soll das aber nicht nur eine Verneigung vor diesem großartigen Künstler sein. Es ist wie immer vor allem ein tiefer Einblick in meine popmusikalische Sozialisation. Wie Du sicherlich gemerkt hast, habe ich in den letzten drei Jahren nicht so viel mit musikalischen Fachbegriffen glänzen können – einfach, weil ich selber nie ernsthaft musiziert habe und mir viele dieser Kategorisierungen fehlen.

Für mich war und ist Popmusik immer etwas, das mich emotional unterstützt oder manchmal auch getragen hat. Popmusik hat mich in Welten entführt, von deren Existenz ich zuvor nichts geahnt habe. Popmusik hat mir viele gute Jobs ermöglicht. Dass aus einem 15-jährigen MTV-Junkie mal ein Musik-Redakteur fürs Fernsehen werden würde, war nicht abzusehen. Aber es hat gepasst – und ich bin glücklich damit.

Natürlich gab es immer wieder Momente, in denen ich überhaupt nichts hören wollte. Wo mich alles nur genervt hat oder ich manche Lieder sogar abgrundtief gehasst habe. Ohrwürmer, die meinen Liebeskummer noch schlimmer gemacht haben. Melodien, die sich im falschen Moment in mein Bewusstsein gefressen haben und nicht wieder wegwollten. Aber so ist das mit Liebesbeziehungen eben.

Ich sollte jetzt ein schönes Schlusswort finden, aber das fällt mir nicht leicht. Wie ich letzte Woche schon geschrieben habe, bin ich sehr glücklich, dass wir das jetzt drei Jahre lang durchgezogen haben. Ich bin sogar sehr stolz auf unsere Liste – auch wenn ich aus meiner Sicht nie einen Masterplan hatte und heute vielleicht ein paar Dinge anders schreiben würde. Geschenkt. Menschen verändern sich – manche Ansichten und Perspektiven auch. All in all ist es sehr gut gelaufen.

Denn ich verdanke der Popmusik noch eine Sache, die ich eben nicht erwähnt habe: Popmusik hat unsere Freundschaft begründet. Nicht erst vor drei Jahren – aber mit unserem Blog hat sie sich verfestigt. Vor und hinter den Kulissen. Mit „100 Songs“ durfte ich Dich besser kennenlernen und Du mich. Es ist erstaunlich, wie harmonisch das alles abgelaufen ist – fast schon unheimlich. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit.

Natürlich bin ich auch traurig, dass wir mit Deinem Antworttext dann hier fertig sein werden. Aber bei einem bin ich mir ganz sicher: Jetzt werden dafür viele neue Kapitel aufgeschlagen, denn keiner von uns wird seine Füße stillhalten. Schließlich weißt Du so gut wie ich: „The Show Must Go On“!

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. Queen. Eine Band – tausend Assoziationen. Das fängt an mit einer Performance von „We Will Rock You“ und „We Are The Champions“, die ich als (wahrscheinlich) Sieben- oder Achtjähriger auf einem Samstag-Abend-Sendeplatz bei einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender verfolgt habe. Da war diese häufig gespielte LP, die sowohl „Autobahn“ von Kraftwerk als auch „Bicycle Race“ enthielt. „Save Me“ war eine der ersten Singles, die ich gekauft habe. Ich habe die Bravo-Autogrammkarte von Freddie Mercury aufmerksam studiert und dabei erfahren, dass sein Familienname eigentlich Bulsara war und er aus einem Land kam, von dem ich vorher nie gehört hatte. Dann habe ich mich 1980 gegen „Unmasked“ von Kiss entschieden und mir von meiner Mutter stattdessen den Soundtrack von „Flash Gordon“ schenken lassen. Ein paar Jahre später habe ich versucht, den Songtitel von „Body Language“ so zu transkribieren, wie ich ihn bei Mal Sandock verstanden habe („Body Langwich“). Und war natürlich geplättet, als ich die Videos zu „Radio Gaga“ und „I Want To Break Free“ gesehen habe. Nicht zu vergessen der tolle Auftritt bei „Live Aid“.

    Genügend Material also, um selbst ein Posting zu Queen zu verfassen. Dass ich dann doch keinen der oben genannten Momente zu einem Text verarbeitet habe, liegt wahrscheinlich daran, dass ich nach „A Kind Of Magic“ immer weniger Queen-Songs mochte. Auch die Fahrt auf dem Zug hat mich nicht mehr beeindruckt. Und das Bemühen von Brian May und den übriggebliebenen Mitgliedern, die Maschinerie Queen am Laufen zu halten, sagte mir nicht wirklich zu. Schon der Auftritt mit George Michael 1992 gefiel mir nicht. Lieber bleibe ich auch heute noch nachts wach und schaue auf Vox oder 3sat oder Arte Dokumentationen und Konzertfilme, in denen Freddie Mercury im Fokus steht. Einfach, weil er ein großartiger Entertainer war. Das wirkt so überlegen und selbstverständlich wie er über die Bühnen in Wembley, Rio oder Budapest stolziert und mit dem Publikum interagiert – ich könnte mir das Stunden lang ansehen. Und dabei denke ich dann, wie schade es ist, dass Mercury so früh verstorben ist.

    Ich glaube, dass ich das 1991 noch nicht ganz so bedauert habe. Wie gesagt: Mit Queen hatte ich abgeschlossen. Die Kollaboration mit Montserrat Caballe war auch nichts für mich. Und Mercurys Solo-Sachen waren mir zu überkandidelt. Aber das sehe ich heute alles etwas anders.
    Nicht nur deswegen freue ich mich, dass Du Queen zum Abschluss unseres Blogs ausgewählt hast. Wobei ich „The Show Must Go On“ noch nie auf einer Party gespielt habe. Meine Standards für das Ende eines Abends sind „Feel“ von Robbie Williams, „Wonderwall“ von Oasis oder auch „Under The Bridge“ von den Red Hot Chili Peppers. Wenn dann die letzten Gäste etwas entrückt auf der Tanzfläche stehen, bereite ich mir oft selbst noch eine Freude mit Outkasts „Hey Ya“ in der Version von Obadiah Parker, die ein bisschen nach der Fassung aus „Scrubs“ klingt. „The Show Must Go On“ ist für den Anschluss einer Party aber auf jeden Fall eine gute Wahl.

    Und auch für den Blog. Denn Du hast natürlich völlig recht: Die Mikko-Michael-Show wird weitergehen. Jetzt wieder im Privaten. Aber dadurch für mich nicht weniger bereichernd. Deine Tipps in Sachen Popkultur, Literatur, Mode und Berlin möchte ich nicht missen. Und den freundschaftlichen, vertrauensvollen Austausch in allen Lebenslagen ebenso wenig. Klickzahlen, Popmusikbegeisterung und Sendungsbewusstsein in allen Ehren, aber so richtig Spaß gemacht hat mir der Blog gemacht, weil Du hier mein Partner warst. Und es ist großartig zu wissen, dass wir uns auch weiterhin die Bälle zuspielen werden. Danke!

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