99/100: When I’m 64

The Beatles (1967)

Eine Liste von 100 hörenswerten Songs zusammenzustellen ohne dabei Lennon/McCartney zu berücksichtigen, fühlt sich irgendwie unvollständig an. Die Gefahr bestand durchaus: Als ich noch jung war, waren die Beatles für mich so selbstverständlich wie Youtube für die Kinder von heute. Als ich anfing, Musik zu hören, hatten die Fab Four die Welt bereits verändert. Ich nahm ihre Errungenschaften einfach so hin und wusste gar nicht, wie viel von den Beatles in der aktuellen Musik steckte, die ich hörte. Auf der Maxell-Kassette, die ich bei meinem Vater in Auftrag gab, waren es von „I Saw Her Standing There“ bis „I Am The Walrus“ keine 90 Minuten. Dass die Beatles in den dazwischen liegenden Jahren Songwriting- und Aufnahme-Techniken revolutioniert hatten sowie ein bis dato unbekanntes Ausmaß von Begeisterung ausgelöst hatten – ich durchblickte das kaum.

Als Jahre später um mich herum die Hippies vom Handruper Gymnasium anfingen, die Beatles für sich zu entdecken, drehte ich mich gelangweilt weg. Ich hatte alle Platten ja Dank der umfangreichen Sammlung meines Vaters schon längst durchgehört, kannte alle ihre Filme und wandte also mich stattdessen neueren Bands zu.

Diese Ignoranz habe ich mittlerweile überwunden und die vergangenen Jahre genutzt, mich mit der Geschichte der Band zu beschäftigen. Dass ich sie heute in unsere Liste aufnehme ist sicher auch ein Versuch, die Beatles für ihre zahlreichen Pionierleistungen zu würdigen. Angesichts des umfangreichen Outputs der Fab Four habe ich lange überlegt, welchen Song ich denn überhaupt nehmen soll. Denn beim Durchscrollen der Songtitel stellte ich: Die Beatles haben für alle Stimmungs- und Lebenslagen großartige Songs geschrieben. Auch das ist etwas, was man ihnen neben allen anderen Dingen gar nicht hoch genug anrechnen kann. Wie auch immer: Als ich den Titel „When I‘m 64“ las, startete der Song sofort in meinem Kopf.

Die Frage, wie ich mir mein Leben in 20 Jahren vorstelle, beschäftigt mich natürlich auch. Hier sind ein paar unsortierte und unvollständige Punkte, die ich bis dahin erreicht haben möchte.

Bis 2034 will ich

1. einen signifikanten Teil des Jahres aufs Meer schauen
Ich liebe das Meer. Ich könnte Stunden lang aufs Wasser schauen und den Wellen zusehen – egal ob Nordsee oder Mittelmeer. Ich mag den Wind, der einen an der Küste anpustet. Und ich mag das Leben, das die Nähe zum Meer einem aufdrängt. Sowohl im Norden als auch im Süden.

2. nochmal im Ausland gelebt haben
Mein Jahr in London hat mir sehr gefallen. Und mich in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Ich würde so etwas das gern noch einmal wiederholen – diesmal mit meiner Familie. Das würde uns alle glaube ich sehr bereichern. Jeden für sich. Und uns als Familie.

3. New York besucht haben
Ich weiß nicht warum, aber seit einigen Jahren übt New York aus der Ferne eine große Anziehung auf mich aus. Es ist nichts Konkretes. Mehr so ein Gefühl, das ich habe, wenn ich Bilder von New York sehe. Darum würde ich die Stadt gern mal besuchen.

4. mein Sendungsbewusstsein auf ein angemessenes Maß heruntergefahren haben
Alte Männer tendieren irgendwie dazu, nicht aufzuhören. Zumindest ist das mein Eindruck. Einfach in den Ruhestand gehen? Undenkbar. Bis ins hohe Greisenalter werden noch Zeitungskommentare geschrieben, Talk-Shows aufgesucht und Bühnen bespielt. Ich finde das ein bisschen affig und hoffe, dieses Sendungsbewusstsein mit 64 Jahren schon abgelegt zu haben. Meine Frau hat auf jeden Fall den Auftrag, mir den Mund zuzukleben, sollte ich dem Alter unangemessene Profilneurose an den Tag legen.

5. weiterhin was mit Musik machen
„Music was my first love“ und hat mich bis hierhin begleitet. Ich würde gern weiterhin über Musik schreiben, mich mit ihr beschäftigen, vielleicht auf auflegen oder etwas produzieren. Ein paar erste Erfahrungen als Veranstalter habe ich ja jetzt auch sammeln können – wer weiß, wofür das gut ist. Und ein eigenes Label, mit dem man Künstler unterstützt, die einem am Herzen liegen, wäre auch cool – wenn auch sicherlich nicht fürs Bankkonto… Aber all das muss ja nicht immer in der Öffentlichkeit sein. Obwohl: Jemand wie Giorgio Moroder kriegt das mit dem Auflegen ja auch hin. Andererseits: Greift da nicht schon Punkt 4…?

6. ein weiteres Buch veröffentlicht haben – gern einen Roman
Bevor ich den Berufswunsch Lehrer entwickelte, fand ich „Schriftsteller“ ganz schön. Schon in der Grundschule fiel es mir leicht, leere Seiten mit Text zu füllen. Und „Schreiben“ lief wie selbstverständlich durch mein Leben mit. Gemeinsam mit einem Freund habe ich vor ein paar Jahren ein kleines Buch zu „Twitter, XING & Co.“ veröffentlicht und fand den Prozess des Schreibens sehr easy und erfüllend. Die Planung und Finalisierung hingegen waren schwieriger – aber das wüsste ich ja jetzt besser einzuschätzen. Allein: Mir fehlt noch eine Geschichte, die ich über mehrere Dutzend Seiten erzählen wollte und könnte. Aber ich halte die Augen offen.

7. einen Bungee-Sprung/Fallschirm-Sprung gewagt haben
Ich bin sicherlich kein Adrenalin-Junkie. Gleichzeitig finde ich die Vorstellung eines freien, aber gut gesicherten Falls sehr reizvoll. Von den Sachen auf dieser Liste, ist dieser Punkt mit am leichtesten zu realisieren. Zumindest logistisch/organisatorisch. Ich bin selbst gespannt, ob ich den Mumm aufbringe, mich da mal drum zu kümmern.

8. viel Zeit für meine Familie haben
Meine Familie ist das Großartigste, was ich habe. Aber ich fühle mich eigentlich immer hin- und hergerissen zwischen ihr, der Erwerbstätigkeit und meinen ganzen anderen Vorhaben. Hinter diesem Thema steht vermutlich die Sorge, dass ich Prioritäten falsch setze und wichtige Momente im Leben verpassen könnte. Von daher steckt in diesem Wunsch auch die Notiz an mich selbst, das Setzen von Prioritäten zu lernen und zu beherzigen.

9. ein besserer Mensch sein
Das klingt leichter als es ist. Aber es gibt da ein paar Verhaltensmuster, mit denen ich mir und den Menschen in meiner Nähe das Leben regelmäßig, vorhersehbar und unnötig schwer mache. Wenn Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist, dann bin ich schon mal auf dem richtigen Weg. Und hätte ja auch noch rund 20 Jahre, um den weiterzugehen.

10. glücklich sein
Noch so ein leicht daher gesagtes Ziel. Was macht schon glücklich? Tanzen? Schokolade? Die Menschen, mit denen man sich umgibt? Eine Mischung von allem, schätze ich. Und sicherlich auch das Wissen um die Dinge, die mich unglücklich machen. Vermutlich bin ich in 20 Jahren auch dann glücklich, wenn ich behaupten kann, dass ich an meinem Leben nichts nachträglich ändern würde. Bis jetzt ist das so. Und diese Erkenntnis macht mich gerade – glücklich.

Mit diesem Ausblick auf das Jahr 2034 verabschiede ich mich zufrieden, stolz und auch erleichtert als Autor aus diesem Blog. Wenn ich im Alter von 64 Jahren zurückblicke werde ich denken: Es waren tolle, sehr bereichernde drei Jahre. Danke an Dich, Mikko. Danke an unsere Leser, Gastautoren und Musiklieferanten. Und an meine Familie (sh. Punkt 8).

Alles Gute!

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Michael,

    vielen Dank für dieses Posting, das mir so dermaßen aus der
    Seele spricht, dass ich kaum etwas hinzuzufügen weiß, ohne Dich zu wiederholen…

    Ja, natürlich haben die Beatles jetzt drei Jahre lang bei
    uns gefehlt. Dabei standen sie durchaus auf meiner imaginären Liste von Acts,
    die ich noch verarzten wollte. Aber ich habe mich nie so richtig getraut, etwas
    über diese Band zu schreiben.

    Wie auch – ich bin für die Beatles mal gefühlt 30 Jahre zu
    jung. Mein Schwiegervater könnte Euch etwas erzählen – der hat sie schließlich im
    Star-Club live gesehen und ist selber Mucker geworden, dessen Cover-Band später
    mit der von Heinz Strunk um die Gigs auf Schützenfesten und Hochzeiten rund um
    Hamburg konkurrierte. Das ist mal eine ordentliche Beatles-Geschichte – aber
    eben nicht meine.

    Denn ich besitze zwar das große „Beatles
    Anthology“-Coffeetable Book und habe mich vom viel zu kurz existierenden
    Beatles-Museum in Hamburg verzaubern lassen – aber dafür ist keine einzige
    wichtige Beatles-Platte, -CD oder sonstige –Sounddatei in meinem Besitz.
    Totally crazy, sag ich nur.

    Als 12-Jähriger stand ich bei Michael Schanze auf einer
    Bühne und habe „Let It Be“ gesungen (siehe 36/100) – ohne zu begreifen, wer das
    Lied ursprünglich mal komponiert hatte, bevor es 1987 von einem
    Musiker-Charity-Zusammenschluss namens „Ferry Aid“ gecovert wurde. Michael
    Schanze liebte diesen Song wegen McCartney – ich wegen Boy George, Level 42 und
    Mel & Kim.

    Mein Dilemma war: Ich wurde von Zuhause aus leider nicht mit
    den Beatles sozialisiert. Meine Mutter liebte sie zwar, besaß aber keinen
    einzigen Tonträger – jedenfalls nicht, seitdem ich mich erinnern kann. Mein
    Vater mochte die auch, aber in seinem Plattenschrank fand ich „The Wall“ und
    „Saturday Night Fever“, aber leider nicht „Abbey Road“ oder „Sgt. Pepper“.

    Jedenfalls habe ich in der achten Klasse das erste Mal
    ernsthaft zu den Beatles gefunden, als unser Sportlehrer auf der Ski-Fahrt in
    Südtirol abends die Glotze mit dem Musikfernsehen ausschaltete und seine
    Klampfe herausholte. Da war dann auch direkt „When I’m 64“ dabei – neben
    „Yesterday“ und „I Saw Her Standing There“. Fand ich alles prima und habe es
    mir gerne einverleibt. Wenn auch nicht so nachhaltig, dass ich das Zuhause
    dringend hätte replizieren müssen.

    Die Beatles waren immer da und – so wie Du – habe auch ich erst sehr viel später den Impact kapiert, den die alten Herren auf meine
    musikalische Sozialisation gehabt haben.

    Ich muss zugeben: „When I’m 64“ wäre nicht meine erste Wahl
    gewesen. Ich hätte mich für andere Songs entschieden, die noch mehr Konsens
    waren: „Get Back“.  „Come Together“. Oder
    eben „Yesterday“…

    Aber natürlich mache ich jetzt auch mal so eine Flash
    Forward-Liste 😉

    1. Meer:

    Guter Plan. Ich mag das Meer auch, kenne aber keinen, den
    ich dort besuchen könnte. Das hat sich hiermit ja gerade geändert. See you in
    2035!

    2. Ausland:

    Ja, das geht mir genauso. Bei waren es ja vier Monate
    Jakarta, aber ich könnte mir noch einigermaßen viele andere Orte vorstellen, wo
    ich gerne mit Frau und Hund wohnen wollen würde. Die liegen irgendwo im Dreieck
    Stockholm – Hamburg – Los Angeles.

    3. New York

    Been there,
    done that – more than once.
    Und muss dringend wieder mal hin – erstmals
    in Begleitung meiner Liebsten.

    4. Sendungbewusstsein verringern

    Hm, das sehe ich ganz anders als Du: Da Sex im Alter ja als
    Freizeitbeschäftigung zunehmend wegfällt, bleibt kreativen Menschen wie uns ja
    gar nichts anderes übrig, als sich mit öffentlich proklamierter Meinung Gehör
    zu verschaffen. Und wenn es nur das Verfassen von Romanen über Sex im Alter ist
    😉

    5. Weiterhin Mucke

    Ja, das sehe ich genauso. Ich bin nach meinem Empfinden über
    das kritische Alter, in dem man sich nicht mehr für neue Musik zu interessieren
    droht, weit hinaus. Sehen wir vielleicht mal von ApeCrime ab. Insofern habe ich
    Hoffnung, dass ich auch 2039 – wenn ich dann 64 Jahre alt bin – nicht nur die
    neue Adele kaufe, sondern mich auch für die neuesten Entwicklungen im Rap- und
    Club-Segment interessiere.

    6. Roman schreiben

    Siehe 4. Im Ernst, ich würde mich ja schon mal freuen, wenn
    ich nur 1 Buch mit meinem Namen veröffentliche, auf dessen Inhalt ich auch
    später noch zufrieden und nicht verschämt zurückblicken kann.

    7. In der Luft baumeln

    Es ist so gemein: Bei einem Dreh vor acht Jahren wäre ich
    beinahe in den Genuss eines Tandem-Sprungs gekommen, aber der Flug wurde mir
    wegen miesen Herbst-Wetters verweigert. Immerhin war ich mal
    Gleitschirm-Fliegen – das war auch sehr aufregend. Bungee überlasse ich gerne
    irgendwelchen Irren, aber das mit dem Fallschirm-Sprung können wir gerne
    gemeinsam unternehmen – also in separaten Tandems, soll ja nicht Laurel und
    Hardy werden. Und Panzerfahren will der Pazifist in mir dringend auch noch mal…

    8. Zeit mit der Familie

    Meine Familie ist ja sehr viel kleiner als Deine – aber im
    Prinzip läuft Deine Idee ja auf eine Verringerung der Arbeitszeit hinaus.
    Etwas, das ich mir schon seit drei, vier Jahren vorgenommen habe. Und das werde
    ich auch im kommenden Jahr weiterhin tun.

    9. Besserer Mensch

    Ach, ich fühle mich eigentlich ganz okay. Ob ich am Ende in
    den Himmel komme oder unten mit den bösen Mädchen chillen muss, soll gerne
    jemand anders entscheiden. Grundsätzlich sind ein paar Ecken und Kanten beim
    Menschen ja auch nicht verkehrt, wenn man auf dieser Erde seine Spuren
    hinterlassen will. Was Dich betrifft: Deine Selbstzweifel sind sicherlich
    größer als Deine fiesen Eigenschaften – so viel Meinung über Dich erlaube ich
    mir hier in der digitalen Weltöffentlichkeit einfach mal. Alles andere dann bei
    einem Bier oder Wodka oder 3 Kilo Koks 😛

    10. Glück

    Hm, mir fallen schon noch ein paar andere Dinge als Tanzen
    und Schokolade ein: Liebe, Sex, Rock’n’Roll und Konsumrausch – um nur ein paar
    Offensichtlichkeiten mit Oberflächlichkeiten zu vermischen. Wir haben hier in
    „100 Songs“ beide schon über so viele Momente geschrieben, in denen es um das
    Gegenteil von glücklich ging. Und auch die möchte ich alle nicht missen. Außerdem
    lehrt mich meine Erfahrung, dass auch nach dem größten Tief irgendwann wieder
    eine Aufwärtsbewegung folgt. Das nur als meine Rechtfertigung für meine
    scheinbare Sorglosigkeit an dieser Stelle.

    Glück ist aber in jedem Fall auch, dass ich mich hier drei
    Jahre lang intensiv halböffentlich mit Dir austauschen konnte. Denn auch das
    soll die Nachwelt noch einmal erfahren: Michael war der Mann, der die Idee für
    diesen Blog hatte und auf mich zugegangen ist. Mit einem Angebot, das man nicht
    ablehnen konnte. Er hat die ganze Technik gewartet und sich ums Layout
    gekümmert, um nur ein paar Sachen zu nennen. Vor allem in diesem Jahr konnte aber
    jeder Leser gut nachverfolgen, wie Michael „100 Songs“ wochenlang alleine aufrecht
    erhalten hat, als ich mich krankheitsbedingt und später wegen Überarbeitung
    immer mehr zurückziehen musste. Danke.

    „100 Songs“ ist also in jedem Fall fest in DEINEM Karma-Portfolio
    verankert – ich bin eigentlich nur Mit-Schreiber gewesen und habe viele Bälle,
    die Du mir zugespielt hast, einfach nur zurückgespielt. Damit will ich meine
    Leistung nicht kleinreden, denn ich bin sehr stolz auf meine 100+ Texte. Aber
    ich will einfach noch mal klarmachen, dass Du hier der Babo warst und bleibst.

    Ich weiß nicht, ob uns jemand vermissen wird oder ob die
    vielen 100 täglichen Page-Impressions alle nur von Bots stammen. Ich weiß aber,
    dass mir zum Ende hin das Herz blutet und ich gleichzeitig sehr stolz auf unser
    Projekt bin.

    Damit habe ich nun alles Wichtige aus meiner Sicht gesagt
    und kann nächste Woche mit 100/100 ein wenig mehr Optimismus und weniger Pathos
    versprühen. By the way: Du schreibst, dass Du Dich mit obigem Text aus dem Blog
    verabschiedest. Den Teufel wirst Du – ich erwarte auf meinen 100/100-Text noch eine
    anständige Antwort 😉

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