98/100: Wir träumen gemeinsam von besseren Tagen

Blumio (2012)

Ich habe Dir in den letzten drei Jahren mehrere Deutschrap-Songs vorgestellt, von denen ich glaube, dass Du sie kennen solltest. Ich hätte natürlich noch ein paar Dutzend mehr in petto, jedoch habe ich tunlichst darauf geachtet, dieses Subgenre in unserem Blog nicht zu stark zu betonen. Doch der hier gehört für mich einfach dazu:

Als Du mich 2012 gefragt hast, ob wir nicht gemeinsam diesen Blog starten wollen, da war für mich ganz klar, dass viele von „meinen“ 50 Songs mit deutschem HipHop zu tun haben würden. Dieses Genre hat mich musikalisch einfach am stärksten geprägt. Ein Großteil dieser Lieder stammte naturgemäß aus den frühen 90er Jahren, weil damals die für mich richtungsweisenden Dinge passierten. Denn auch wenn ich mich in den letzten sechs Jahren wieder intensiv mit den Deutschrap-Entwicklungen beschäftigt habe, so steht mir die Generation des Golden Age-Raps doch näher als viele der 25- bis 30-Jährigen, die heute gute Musik veröffentlichen.

Das hat ganz sicher etwas mit den Inhalten zu tun: Wie neulich schon mal beschrieben, fand um 2001 eine Werte- und Styleverschiebung statt, die so krass war, dass mich das ganze Genre für mehrere Jahre total abturnte. Die Gangsta- und Straßenrapper mit ihrem inflationären Mütter-Geficke ließen aber nicht nur mich, sondern auch die besagte Golden Age-Generation einigermaßen sprachlos zurück. Was dazu führte, dass viele ihrer Platten in den Nuller Jahren für mich und viele andere Hörer keinerlei Bedeutung mehr hatten. Ja, auch wenn es weh tut, so kann ich hier ganz klar Namen aussprechen: die Massiven Töne, Freundeskreis, die Beginner, Die Coolen Säue, Eins Zwo, Die Fantastischen Vier, Advanced Chemistry und Curse hatten den jungen Wilden fast nichts Substantielles mehr entgegen zu setzen und verstummten nacheinander.

Wie schmerzhaft dieser Prozess für die Musiker gewesen sein muss, habe ich erst vor zwei Wochen wieder vor Augen geführt bekommen, als ich mit Sékou Neblett von Freundeskreis ein längeres Interview über sein Regiedebüt – den experimentellen Dokumentarfilm „Blacktape“ – geführt habe. Auch da geht es um Deutschrap und um Veränderungen und Entwicklungen. Doch mittlerweile blickt er ganz ohne Groll auf diese Zeit des Umbruchs zurück – so wie ich auch.

Warum schreibe ich das alles? Nun, bei all meiner Liebe für dieses Genre ist es wirklich schwierig geworden, dass mich Musik nachhaltig umhaut. Ein paar Rapper haben das natürlich geschafft – Casper, Prinz Pi, Marteria und auch Sido und Cro haben aus unterschiedlichen Gründen einen festen Stein bei mir im Brett. Sie alle eint ein gewisses Maß an intellektuellem Wortwitz, ohne den ich Rap nicht hören mag.

Es mag zunächst ganz offensichtlich klingen, aber: Die Sprache ist für mich dieses Kernkompetenz von deutschem Rap. Jeder, der mal zugehört hat, versteht, wieviel mehr Inhalte man rein quantitativ in einen Rap-Song packen kann – beispielsweise im Vergleich zu einem durchschnittlichen Rock-Song. Umso wichtiger ist es mir deshalb, dass in diesen Songs dann auch „gute“ Botschaften untergebracht werden.

Als sich meine Musikredaktion vor zwei Monaten Gedanken darüber machte, wie wir die Flüchtlings-Thematik in unserer Sendung verarbeiten können, kamen wir auf eine Serie, in der wir deutsche Musiker mit unterschiedlichem Migrationshintergrund featuren wollten. Schnell war mir klar, dass sehr viele Künstler aus dem Black Music- und HipHop-Bereich dabei sein würden – denn das ist empirisch gesehen die Musik, von der sich Minderheiten weltweit stark angesprochen fühlen. Und mir war auch sofort klar, dass wir für unsere Serie Blumio treffen sollten.

Als ich diesen Song zum ersten Mal im Herbst 2012 hörte, war ich sofort geflasht: Hatte es Blumio etwa vermocht, in rund vier Minuten die ganze Dramatik der NSU-Affäre zu verarbeiten? Ja, das hatte – und war damit war er den meisten seiner Kollegen um Lichtjahre voraus. Denn was er in Song und Video auf so vielen Meta-Ebenen getan hatte, war nicht weniger als eine historische Leistung: Er hat nicht nur den Stand der Dinge akkurat referiert, sondern auch eine Richtung aus der Misere hinaus gewiesen.

An diesem Song stimmt für mich einfach alles: Der Sound, der zwischen multikultureller Friedenshymne und Aufruf zum Handeln schwankt. Und natürlich auch der Text, der diese Gedanken genauso voran treibt. Ich war so dankbar, als ich das Lied zum ersten Mal hörte. Es war wie eine kleine Erlösung.

Denn zuvor hatten bei mir wochenlang zwei Gefühle regiert: Wut und Fassungslosigkeit. Wut auf die Täter und die gesamte rechte Szene, aus der heraus sich die Terrorzelle entwickeln konnte. Fassungslosigkeit darüber, dass offenbar alle Staatsorgane versagt hatten: Das komplette Verfassungs-Regulativ meines Landes stand plötzlich unter Generalverdacht, das gesamte System musste in Frage gestellt werden. So etwas mussten die deutschen Bürger erst einmal verarbeiten.

Und in dieser tiefen Wunde hatte Blumio also nicht nur herumgebohrt sondern gleichzeitig auch klargemacht, dass der einzige Weg aus diesem rechten Schlammloch auch im Zusammenhalt der Bewohner dieses schönen Landes bestehen konnte. Sein Song hatte etwas Aufrüttelndes: Für den Luxus der Politikverdrossenheit war nun kein Raum mehr. Ich empfand es als überfälligen Weckruf – nicht nur für das Land, sondern auch für den Teil von mir, der aus Bequemlichkeit aufgehört hatte, mit seinen Freunden politisch zu diskutieren. Und ich freute mich, dass es ausgerechnet ein Rapper war, der diesen Weckruf deutlich hörbar propagierte. Ja, ich war sogar etwas stolz, dass Deutschrap mit diesem Song wieder den Weg zu seinen Anfängen gefunden hatte.

Als die Pegida-Demos dann vor etwa einem Jahr an Fahrt gewannen, musste ich an diesen Song denken. Und auch, als die Flüchtlingskrise in diesem Sommer Tag für Tag die Nachrichten bestimmte. Bei aller Angst, bei allem Hass und bei allen Konflikten war mir klar, dass es nur eine Lösung für uns geben kann: Gemeinsam anzupacken mit dem innerlichen Traum von besseren Tagen.

Vor drei Wochen reiste ich dann nach Düsseldorf, um Blumio für unsere Reihe zu interviewen. Er hatte sich – im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen – im Vorfeld als sehr unproblematisch erwiesen. Viele Künstler sind nicht besonders erfreut, wenn sie über alte Songs reden sollen oder das Gefühl haben, für eine Medieninitiative in irgendeiner Art instrumentalisiert zu werden. Und es ist immer heikel, wenn man einen etablierten Künstler darauf ansprechen muss, dass er eine andere Hautfarbe hat, obwohl es in dem Beitrag ja gerade darum geht, dass diese eben kein Distinktionsmerkmal mehr sein darf.

Aber Blumio war ganz locker und erzählte davon, wie er als einziges asiatisches Kind in dem Düsseldorfer Vorort Hilden aufgewachsen war und deshalb fast täglich als „Schlitzauge“ bezeichnet wurde. Wie er in Rap später ein Ventil für seine jugendlichen Gedanken fand und warum er seit drei Jahren jede Woche bei Yahoo! ein Rap-Video veröffentlicht, in dem er sich mit tagesaktuellen politischen Themen auseinander setzt. Und er verschwieg auch nicht, wie sehr ihn die permanente Auseinandersetzung mit Hass, Terror und Armut emotional und geistig fordert: Warum er im Laufe der Zeit seine Meinung zu bestimmten Themen revidieren musste und dass er manchmal auch einfach keine Lust mehr hat, sich mit menschlichen Katastrophen aller Art auseinander zu setzen.

Außerdem erklärte er mir, warum seine Haltung aus künstlerischer Sicht eher hinderlich für seine Entwicklung sei, weil er als politischer Künstler mit viel mehr Gegenwind zurecht kommen muss, als es normale Rapper mit ihren Alltagsthemen tun. Dennoch fühlt er sich als Künstler verpflichtet, seinen Teil zum gesellschaftlichen Diskurs beizutragen und macht immer weiter. Und am Ende des Interviews hörte ich auch von ihm den schönen Satz: „Ich glaube, gemeinsam schaffen wir das schon.“

Ich fühlte mich stolz, dass ich ihm einen halben Tag lang über die Schulter schauen durfte. Auch wenn wir – und das will ich nicht verschweigen – während dieser Zeit menschlich leider nicht hundertprozentig harmonierten, so stieg ich am Abend trotzdem sehr zufrieden in meinen Zug in Richtung Flughafen. Ich war stolz, dass ich diesen großartigen Rapper und Menschen kennenlernen durfte und beobachten konnte, wie er in seinem Bereich ungeachtet aller größeren und kleineren Stolpersteine sein Ding aus Überzeugung durchzieht. Und genau deshalb ist Blumio für mich einer der wichtigsten deutschen Künstler der Gegenwart.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Hey, der Einstieg Deines Texts klingt für mich ja schon fast ein bisschen wie ein vorgezogenes Abschlussfazit. Deinen kleinen Blick zurück greife ich aber gern auf. Denn angesichts der nahenden Vervollständigung unseres kleinen Projekts werde ich etwas melancholisch. Und erinnere mich gern zurück an den Moment, als Du mir schriebst, dass Du bei 100songs.de mitmachst. „Gerne nehme ich es auf mich, eine komplett subjektiv gestaltete Liste mit viel zu hohem Rap- und Deutschrock-Anteil zu gestalten…“ Nun, der Deutschrock-Anteil ist dann doch etwas hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben 😉 Beim Thema Rap aber war ich häufig etwas überfordert (was man meinen Antworten rückblickend durchaus entnehmen kann), habe mich aber sehr gern von Dir an die Hand nehmen lassen. Und habe in den vergangenen drei Jahren wieder ein bisschen Begeisterung aufbringen können für ein Genre, von dem ich mich Mitte der Neunzigerjahre verabschiedet hatte. Ende der Achtzigerjahre und in den darauf folgenden Jahren sah das noch ganz anders aus: Da habe ich wie Du über die fetten CD-Booklets gestaunt, in denen die Rap-Texte von Public Enemy pro Song jeweils über mehrere Seiten verteilt waren. Wenn man die paar kargen Zeilen von „Enjoy The Silence“ daneben hält… Aber spätestens der Beef zwischen Tupac und Notorious BIG war für mich Grund genug, Rap zu vernachlässigen. Da konnten auch die deutschsprachigen Kollegen mit ihren Party-Hits wie „Jein“, „Hammerhart“ oder „Was geht“ nicht mehr viel reißen. Was dann passierte, hast Du treffend beschrieben: „Die Gangsta- und Straßenrapper mit ihrem inflationären Mütter-Geficke ließen aber nicht nur mich, sondern auch die besagte Golden Age-Generation einigermaßen sprachlos zurück.“

    Bei mir wäre es vermutlich auch so geblieben, wenn Du da nicht in den vergangenen drei Jahren das Bild wieder etwas gerade gerückt hättest. Und ich würde mal behaupten: Wenn 100songs.de wieder von vorne anfangen würde, dann wäre der Deutschrap-Anteil bei „meinen“ 50 Songs größer. Denn diese Songs wären auf jeden Fall mit dabei:

    Bilder im Kopf – Sido
    Sido war einer dieser Typen, die mir mit ihrem Auftauchen prompt auf den Keks gingen. Das hat sich mittlerweile ja geändert. Aber ich würde mal behaupten: Wenn Du nicht sein Fürsprecher gewesen wärst, hätte ich Sidos Annäherung an den Pop gar nicht auf mich wirken lassen. So aber fand ich Gefallen an einem Typen, der mich zuvor mit seiner Maske und seinen Bildern nur abgestoßen hatte. „Bilder im Kopf“ hingegen ist witzig, selbstironisch, toll getextet und eingängig. So fand Sido also den Weg in unser Familienunterhaltungsprogramm. Und diesen Status hat er mit „Liebe“ erfolgreich verteidigt.

    Kids – Marteria
    Ich weiß gar nicht, ob Marteria an Bonn gedacht hat, als er „Kids“ schrieb. Aber wenn Du Dich in meiner Wohngegend umschaust und mitbekommst, wie die Angestellten der hier ansässigen Dax-Konzerne ihr Leben führen, dann könnte man meinen, er habe genau die beim Texten vor Augen gehabt. Täglich fahre ich mit dem Fahrrad an gefühlt hunderten Dienstwagen mit deutlich diesen Konzernen zuordnenbaren Kennzeichen vorbei und denke: „Euch würde ein wenig Rock ‚n‘ Roll echt gut tun.“ Dieser Jogging-Kult. Der gepflegte Rasen. Die teuren Haustiere. Diese klinische Schweden-Affinität. All das bringt Marteria herrlich auf den Punkt. Aus meiner Perspektive fühlt sich das ein wenig an wie „Wohin mit dem Hass?“ – nur in witzig.

    „Beate Zschäpe hört U2“ – Antilopen Gang
    Vor gut einem Jahr hast Du die Antilopen Gang hier in den Blog gehievt. Und mir ging es dabei wie Dir: War der Titel lediglich Provokation? Was sind das für Typen? Darf man das? Ich war beeindruckt, wie das Trio ein so komplexes Thema wie die unfassbare NSU-Mordserie in einen Deutsch-Rap-Song verarbeitet hat. Denn: Deutsch-Rap, das war für mich ja bis vor kurzem noch „Ich fick Deine Mutter“. Wenn ich meine veränderte Wahrnehmung von Deutsch-Rap an nur einem Song festmachen müsste – es wäre dieser.

    Hurra, die Welt geht unter – K.I.Z.
    So eine wunderschöne Utopie. So schöne Wortwitze. Dann auch noch ein (wohl kalkulierter) schöner Refrain, die Verbindung an den Sommer-„Urlaub“ in Berlin und die Erinnerung an eine Party, bei der ich mit den Gästen gemeinsam dazu tanzen durfte. (Kleine Frage am Rande: „Tanzt“ man eigentlich zu Hiphop? Oder „bounct“ man?) Das wären die Bestandteile, an denen ich mich in einem längeren Posting abarbeiten würde, stünde bei uns mal ein Neuanfang bei 100songs.de an. Ich weiß: Der Song ist nicht unumstritten. Aber großartig.

    Was sagst Du nun zu Deinem Einfluss? Ich würde zwar nicht so weit gehen zu sagen, ich hätte das Genre durchdrungen. Es hat schon seine Gründe, dass ich mich etwa aus der aktuellen Diskussion um Böhmermann, Haftbefehl und Fler raushalte. Aber den einen oder anderen schönen Moment bescheren mir die genannten – und noch ein paar Leute mehr – inzwischen doch. Und da nehme ich Blumio auf jeden Fall mit dazu.

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