97/100: Rückspiegel

Maxim (2013)

Eigentlich hätte es mir schon lange klar sein müssen. Schließlich hatte Martin L. Gore es mir schon vorgesungen, da war ich 15. Robin Williams hat es mir gesagt, da war ich 19. James Hetfield hatte es mir vorgesungen, da war ich 33. Aber erst bei Maxim kam die Botschaft an. Mit seinen Zeilen über Mücken und Sommerurlaube zog er mich in einen Song, der auf einmal alles zusammenbrachte: das Leben, die Liebe, das Glück und den Tod. Da war ich 43.

„Du vergisst die Mückenstiche wenn Du an den Sommer denkst.“ Mit diesen Zeilen hatte Maxim meine Aufmerksamkeit. Denn im just vorbeigegangenen Sommerurlaub hatten meine Familie und ich mit extrem aggressiven Mücken zu kämpfen. Sobald die Sonne hinter den Hügeln rund um unsere Ferienwohnung in Montalfoglio verschwunden war, kamen die Viecher angeflogen. Die Konsequenz: Statt „dolce far niente“ unter freiem Himmel, saßen wir abends bei verriegelten Fenstern vor dem TV-Gerät und schauten deutsche Fernsehprogramme. Regelmäßig schlugen wir Monsterwespen tot, die sich durch den Kaminschacht in das Wohnzimmer unserer Ferienwohnung verirrten. Und wickelten uns nachts so gut es ging in die dünnen Laken ein, um den Mücken möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten. Mit eher bescheidenem Erfolg. All das war noch sehr präsent, als ich Maxims Zeilen aus dem Radio vernahm. Ich drehte lauter und wurde zunächst mit einem sehr schönen Refrain und dann mit diesem Streicher-Break belohnt. Beim anschließenden Wieder-und wieder-Hören ging mir auf, was Maxim da eigentlich erzählte.

Und auf einmal machte es Klick.

Ziemlich genau ein Jahr zuvor war völlig überraschend unsere Nachbarin gestorben. Sie war 35. Sie und ihr Mann erwarteten ihr erstes Kind. Kurz vor dem errechneten Geburtstermin bekam sie Kopfschmerzen und fuhr vorsichtshalber zum Arzt. Der stellte ein Aneurysma im Hirn fest. Muss sie wohl schon immer gehabt haben. Sie wurde operiert und auch das Kind konnte gerettet werden. Aber dann war ihr Körper durch die Operationen, die Medikamente und die Folgen doch zu geschwächt gewesen.

Ihr Tod hat mich fassungslos hinterlassen. Wie kann es sein, dass jemand mit 35 Jahren kurz nach der Geburt des Sohnes stirbt? Dass auf einmal jemand Witwer und alleinerziehend ist? Dass ein Junge ohne Mutter aufwachsen muss? All das hat bei mir existenzielle Fragen wieder akut werden lassen. Fragen, die ich im Alltag gern mal weggeschoben habe. Aber hier war jetzt diese Lücke, die ihr Tod gerissen hat, die ich nicht übersehen konnte und mir somit keine Ruhe ließ. In der Tiefgarage stand noch ihr Auto mit den Initialen auf dem Nummernschild. Ihr Mann fuhr mit dem Kinderwagen vor unserem Haus spazieren. Aber wo meine Nachbarin hätte sein müssen, war nur ein großes Loch.

„Death Is Everywhere“, hat Martin L. Gore mal für einen Depeche-Mode-Song getextet. Auf einmal habe ich diese Zeilen ganz anders verstanden. Damals, 1985, hatte ich das auf den Kalten Krieg und den permanent drohenden Weltuntergang bezogen. Jetzt aber realisierte ich: Das Leben kann jeden Moment vorbei sein. Ein unaufmerksamer Autofahrer fährt mich um. Eine unbeachtete gesundheitliche Geschichte rafft mich dahin… Ich schiebe jetzt keine Panik. Und habe zum Glück auch keine Hypochondrie entwickelt. Oder versuche, auf jeder Party unbedingt auf dem Tisch zu tanzen. „The more I look, the more I see – the more I feel a sense of urgency”, heißt es in dem Depeche Mode-Song weiter. Und im Sinne dieser Dringlichkeit und meines zunehmenden Alters habe ich drei Schlussfolgerungen gezogen. Erstens: Worauf warten? Zweitens: Genieße die Momente. Drittens: Sei offen.

Im Grunde genommen banal, oder? Da hätte ich schon früher drauf kommen können. Auch schon zehn Jahre vorher, als James Hetfield aus seiner Entziehungskur zurück kam und diese in „Frantic“ und vielen weiteren Songs verarbeitet hatte. Ich habe auch Robin Williams im „Club der toten Dichter“ zugehört. Du weißt schon: „Carpe Diem“. Alles ohne große Wirkung. Aber den Tod unserer Nachbarin habe ich als ultimative Aufforderung verstanden, diese Grundsätze endlich zu beherzigen. Den Arsch hoch zu kriegen. Wenn ich zum Beispiel mit einer Situation nicht zufrieden bin – warum sollte ich sie länger als nötig ertragen? Also habe ich meinen Arbeitgeber gewechselt. Es war nicht leicht, nach zwölf Jahren ein im Grunde warmes Nest zu verlassen und mich von den vielen tollen Menschen zu verabschieden. Aber ich hatte schon lange das Gefühl, dass es Zeit war, etwas Neues anzufangen. Warum also noch länger warten? Dieselbe Frage gilt auch für ein andere Themen, die mich beschäftigten: das Auflegen etwa. Ich wollte das schon lange wieder intensiver betreiben. Und versuche, das im Rahmen meiner – auch zeitlichen – Möglichkeiten anzuschieben. Ich organisiere jetzt sogar mit einem Freund eine eigene Partyreihe und klebe Flyer auf Laternenpfähle. Familie und Freunde unterstützen mich. Und selbst wenn der gebuchte Club nicht ganz voll werden sollte, habe ich es wenigstens versucht. Ich bin natürlich sehr gespannt, ob jemand kommt. Und ob wir eine schöne Party ans Laufen kriegen. Bei aller Nervosität will ich den Moment aber auch genießen, wenn ich hinter meinem Controller stehe und die Musik spiele. Denn dafür mache ich das ja alles.

Überhaupt – Momente genießen. Angesichts der vielen Bälle, die ich versuche in der Luft zu halten, ist das nicht meine Stärke. Was blöd ist, weil ich damit meiner Umgebung und mir schnell mal den Zauber einer tollen Situation zerstören kann. Also ermahne ich mich täglich, mich um Dinge zu kümmern. Nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Schöne Momente auszukosten. Präsent zu sein. Und mich dem zu öffnen, was mir im Leben begegnet. Den Menschen, zum Beispiel, die ich treffe. Oder den Möglichkeiten, die sich auftun, wenn man einfach mal genauer hinsieht. Natürlich klappt das im Alltag nicht immer. Und ich habe echt noch viel zu tun. Aber wenigstens bin ich sensibilisiert und versuche ich jetzt öfter, mich zusammenzureißen. Weniger Ablenken. Mehr Achtsamkeit. Denn das Glück ist um mich herum. Es ist in mir. Das Glück steht vor mir an der Straße…

Ich kann den Song nicht hören, ohne an meine Nachbarin zu denken. Einerseits, die Ungerechtigkeit zu beklagen, die ihr wiederfahren ist. Anderseits, mein eigenes Leben wertzuschätzen. Ich bin dankbar dafür, dass ich dieses Leben so leben darf. Und hoffe, dass ich von dem Glück, dem ich begegne, möglichst viel an die Menschen um mich herum weitergeben kann. Durch Aufmerksamkeit. Liebe. Achtung. Ja, auch Musik. Ein langer Weg. Die Augenbinde, die Maxim besingt, kann ich aber immerhin immer mal wieder ablegen. Besser spät als nie.

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  1. Ich habe heute das Gefühl, mal etwas zügiger als sonst antworten
    zu wollen. Ja, zu müssen. Es will aus mir raus.

     

    Wir wissen beide, dass unser Blog bald zu Ende geht. Und nach
    immerhin drei Jahren bin ich dennoch immer wieder überrascht, wie viele
    ähnliche Gedanken wir beide haben. Vielleicht äußern wir das nicht immer so –
    wäre ja sonst auch ein wenig zu langweilig. Und ganz sicher haben wir immer
    andere Lieder zu bestimmten Themen im Kopf. Aber Fakt ist: Das Thema Tod hatte
    ich auch noch auf meiner Agenda.

     

    Das Seltsame ist, dass es sich dabei auch meinen Nachbarn
    handelt.

     

    Ich sitze in meinem Kaminzimmer, das wir so genannt haben,
    weil das zentrale Element ein künstlicher Kamin ist, den ich meiner Freu vor
    ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt habe. Ich sitze an unserem geliebten Esstisch
    aus nepalesischem Holz und habe noch mal die Teelichter angemacht, die wir vorhin
    rausgeholt haben, als wir Besuch zum Essen hier hatten.  Du kennst das Zimmer ja – als Du immer Sommer
    zum ersten Mal bei mir zu Besuch warst, haben wir uns hier Hamburger belegt –
    so dick, dass ich hinterher Magenschmerzen hatte.

     

    Über mir rumpeln die Nachbarn – es ist gleich sieben und ihre
    Mädels müssen ins Bett. Unsere Nachbarn wohnen noch gar nicht so lange in der
    Wohnung über uns – vielleicht seit anderthalb Jahren. Davor stand die Wohnung
    lange leer, nachdem Feridun urplötzlich an einem Samstagmorgen an einem
    Hirnschlag in seinem Bett verstarb. Ich weiß das noch so genau, weil ich damals
    die Feuerwehr gerufen habe.

     

    Feridun war ein wirklich netter Kerl. Er wohnte zusammen mit
    seiner Mutter seit den 70er Jahren in der Wohnung – bis er Ende der 80er zum
    Studium auszog. Er war an mehreren großen Theatern im deutschsprachigen
    europäischen Raum beschäftigt und überall in der Welt unterwegs. Als wir vor
    sieben Jahren in das Haus zogen, lebte dort seine Mutter – sie war fast 90
    Jahre alt. Eine nette Frau, die sich immer freute, wenn ich ihr samstags eine
    Tüte Brötchen vom Bäcker mitbrachte. Sie redete vielleicht ein bisschen viel
    und merkte nicht immer, wenn wir auch mal einfach nur so im Garten sein
    wollten, ohne mit ihr zu schwatzen. Sie erzählte viel von Feridun, der in Brasilien
    lebte und sie so alle zwei, drei Jahre besuchen kam.

     

    Wir lernten ihn zwei Jahre später kennen, als er eine
    Stellung in einem Kreuzberger Migrantentheater angenommen hatte und nach Berlin
    gezogen war. So ein Jahr ging das mit seiner Mutter noch gut – dann musste sie
    in ein Altersheim. Feridun übernahm die Wohnung über uns – allerdings hätten
    wir das nicht gewusst, wenn er uns nicht zufällig davon erzählt hätte. Denn man
    sah ihn kaum und hörte ihn nie. Ein sehr angenehmer Nachbar, mit dem ich mich
    gerne unterhielt, wenn ich ihn denn mal traf.

     

    Eines Tages spürte ich, dass sich etwas in ihm verändert
    hatte: Er war total aufgeregt. Das entsprach eigentlich gar nicht seinem Wesen.
    Feridun war als Intendant einer chronisch geldknappen Off-Bühne eigentlich
    nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Der Grund dafür war ein sehr schöner –
    sein brasilianischer Freund wollte endlich zu ihm nach Berlin kommen und die
    beiden sollten später ihre Lebenspartnerschaft eintragen lassen. Eben dem
    Ehebündnis so nahe kommen, wie es der deutsche Staat zulässt. Ich freute mich
    für Feridun, der zu viel arbeitete und zu spät nach Hause kam. Außerdem hatte
    er wirklich sehr zugenommen, seitdem ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

     

    Sein Freund war ebenso wunderbar wie er: Stell Dir bitte
    keinen Enrique Iglesias oder Ricky Martin-Typen vor. Sondern eher jemanden, der
    Teil der Nerd-WG von „Big Bang Theory“ sein könnte. Schüchtern, sehr höflich
    und sehr darauf bedacht, niemanden zu stören. Nur im Sommer konnte man ihn manchmal
    hören: Wenn er beim Putzen alle Fenster und die Balkontür aufgerissen hatte,
    sang er mit einer sehr hellen, fast kindlichen Stimme Musical-Melodien mit
    portugiesischen Texten. Das war immer sehr lustig und meine Frau und ich
    freuten uns immer, wenn wir im Garten saßen und von oben irgendein Song aus „Evita“
    oder „Westside Story“ in der fremden Sprache ertönte.

     

    Im Herbst 2011 wurde ich Zeuge, wie leicht eine junge Familie
    zerbrechen kann: Ein halbes Jahr nach der Geburt ihres Sohnes bekam die Frau
    meines damals besten Freundes Lungenkrebs attestiert. Die Heilungschancen
    bestanden, aber sie waren statistisch sehr gering. Ich erlebte die Hilflosigkeit
    im Kampf gegen den Feind im eigenen Körper, die endlosen Therapieversuche,
    Chemotherapien, vermeintlichen Rettungsanker – und schließlich das qualvolle
    Ende. Obwohl wir uns regelmäßiger als sonst sahen, zerbrach irgendwo in dieser
    Zeit etwas zwischen meinem Freund und mir – und nach der Trauerfeier war unsere
    Beziehung plötzlich vorbei. Was genau passiert ist, gehört nicht hierher. Fakt
    war aber, dass ich eine ziemlich beschissene Seite des Lebens hautnah miterlebt
    hatte und nichts dagegen tun konnte. Ebenso plötzlich wie die Krankheit in das
    Leben geplatzt war, hatte sie nicht nur ein junges Leben viel zu früh
    ausgelöscht, sondern im Vorbeirauschen auch eine Freundschaft. Natürlich hatte ich
    nicht ansatzweise so viel verloren, wie mein Freund. Aber ich kann ja
    schließlich nur aus meiner Perspektive berichten. Plötzlich war dieses Kapitel in
    meinem Buch der Beziehungen fertig geschrieben und beendet.

     

    Es dauerte einige Monate, bis ich wieder an andere Dinge
    denken konnte. Zu eng waren wir nicht nur privat sondern auch beruflich
    verwoben gewesen. Ständig kamen Menschen im Büro zu mir, die mich – meist unabsichtlich
    – mit ihren Fragen nach dem Wohlbefinden meines Freundes in die Situation
    brachten, dass ich jedes Mal offen legen musste, dass unsere Freundschaft zu
    Ende war. Natürlich konnte es mindestens die Hälfte der Frager nicht lassen,
    ein „Und warum?“ hinterher zu schieben, was mich monatelang verfolgen sollte. Doch
    auch das ging vorbei. Und nach dem düsteren Winter 2012 kam der Frühling.

     

    Die Türen und Fenster standen jetzt wieder häufiger offen
    und wir hörten unseren neuen brasilianischen Nachbarn an den Wochenenden wieder
    singen. Irgendwann beschlossen wir, die beiden zu uns einzuladen. Feridun
    bestand darauf, uns zu bekochen. Mit persischen Gerichten, die er im Heimatland
    seines Vaters erlernt hatte – und die er wirklich wunderbar beherrschte. Wir saßen
    also an dem Tisch, an dem ich auch jetzt sitze und aßen aufregende
    Reis-Gerichte und lauschten seinen Geschichten.

     

    Feridun war ein toller Erzähler. Er besaß immer noch ein
    Haus in den Hügeln von Rio und lud uns ein, dort zu wohnen. Also, ich weiß
    nicht wie viele Brasilianer Du kennst, aber die plötzliche Vorstellung, in
    Gedanken die Sommerferien an der Copacabana zu verbringen, war schon sehr
    überwältigend für mich. Es klang verlockend, auch wenn finanztechnisch für uns
    gerade zwei Tickets nach Rio nicht drin waren. Doch das machte nichts, denn
    Feridun und sein Freund zeigten uns Fotos von dem kleinen Haus und er erzählte
    so anschaulich, dass ich in Gedanken bereits auf seiner Terrasse lag und Caipirinha
    schlürfte.

     

    Der Mann war inzwischen 51 Jahre alt und sehr weltgewandt. Vielleicht
    war es deswegen so skurril, sich vorzustellen, wie er in den 70er Jahren aus
    unserem Haus in die Schule um die Ecke gegangen war – und ständig zu spät dran
    war. Wie er seine ersten Partys im Park bei uns um die andere Ecke gefeiert
    hatte. Dann spielte meine iPod-Playliste einen alten Bee Gees-Klassiker: „Tragedy“.

     

    „Boa, das ist jetzt aber echt Opa-Musik, oder?“, unterbrach
    sich Feridun und sagte dann lächelnd: „Dazu habe ich echt noch in der Disco getanzt.“
    Dieser Satz, so unbedeutend er im Gesamtkontext des Abends gewesen sein mag,
    hat sich tief in mein Gedächtnis gebrannt. Sich diesen 51-Jährigen in
    Travolta-Outfit mit Schlaghosen und allem in einer Westberliner Disco
    vorzustellen, war einfach genial.

     

    Der Abend ging viel zu schnell herum, aber wir verabredeten,
    dass wir unser Nachbarschafts-Treffen unbedingt vertiefen müssten – und wir
    natürlich das nächste Mal kochen würden. Oder wir könnten ja auch bei uns im
    Garten grillen. „Wow, dann mache ich Euch brasilianisches Barbecue“, sagte
    Feridun sogleich – und ich wusste, dass wir ihn nur würden schwer bremsen
    können.

     

    Leider kam es nicht mehr so weit. Feridun hatte mit seinem
    Theater sehr viele Tour-Termine und irgendwie haute es nicht mehr hin. Sechs
    Wochen später klingelte an besagtem Samstagvormittag der Sohn meiner anderen Nachbarn
    und zog mich zu Feriduns Wohnung: Sein Freund stand weinend vor der Tür und
    Feridun lag tot auf seiner Schlafcouch im Lesezimmer. Sein Laptop lag
    aufgeklappt auf seinem Schoß – er hatte bis früh am Morgen gearbeitet und
    seinen Freund wohl nicht wecken wollen.

     

    Immer wenn ich Tragedy irgendwo höre, denke ich an diesen
    wunderbaren, lebenslustigen Menschen.

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