96/100: Dämon

Ganjaman feat. Junior Randy (2002)

Ein Traum?
Ich weiß nicht.
Es fühlt sich schon irgendwie real an.
Real, aber weit weg.
Denn die Erfahrungen, die ich in jener Nacht im Frühjahr 2003 gemacht habe, waren irgendwie metaphysischer Art. Wenn ich später versuchte, davon zu erzählen, konnte ich es nie so richtig schlüssig erklären. Das wird mit dem Abstand von zwölf Jahren nicht viel besser geworden sein. Aber ich versuche es mal…

Es fing an, kurz nachdem ich bei der Zeitung rausgeflogen war. Das letzte Jahr war turbulent gewesen: Neue Berufung als Zeitungsreporter gefunden – kurz darauf von der Freundin verlassen worden – ans andere Ende der Welt gereist – dort den Kopf frei bekommen – zurück mit neuem Elan im Job durchgestartet – frisch verliebt – 11. September – Zeitungskrise – arbeitslos.

Ich war 26 Jahre alt und wusste nicht, was ich machen sollte: Die Berliner Redaktionen schmissen einen Freien nach dem anderen raus – nicht mal an Praktikumsplätze bei Stadtteilzeitungen oder im Jugendradio kam man hier mehr problemlos heran. Es war zum Verzweifeln. Ich musste aber dringend irgendwo einen Fuß in die Tür bekommen und die Redaktionen von meinen Autoren-Qualitäten überzeugen.

Es ergab sich ein Kontakt zur Berliner Zeitung, nun musste ich ein cooles Thema auftreiben. Das HipHop-Fanzine, für das ich jahrelang unentgeltlich gearbeitet hatte, wurde umstrukturiert. Aus HipHop wurde Dancehall und bei der Gelegenheit mal eben ein Label gegründet. Der erste und bis heute einzige Künstler hieß Stefan. Er wohnte in einem Hochhaus-Turm im Berliner Süden und machte Roots Reggae.

Reggae aus Deutschland – da tat sich gerade etwas. Der schneeweiße Gentleman brachte selbst die Jamaikaner mit seinen Patois-Skills zum Schunkeln. Jan Delay verscherzte es sich gerade mit seinen RAF-Sympathien beim Kölner Karneval. Und in Berlin machte sich eine Formation namens Seeed auf, die Bunte Republik Deutschland zu erobern. Der Redakteur ließ mich mal machen – einen konkreten Auftrag wollte er mir aber nicht erteilen. Also arbeitete ich erstmal auf eigenes Risiko. Ich besorgte mir eine Vorab-Kopie von Ganjamans CD „Resonanz“ und las mich in die Welt der Reggae-Metaphern ein. Es sollte mir helfen, dass ich parallel dazu ein Seminar zu karibischen Kulturtraditionen besuchte, bei dem sich zumindest zwei Kurstermine mit Jamaika beschäftigten.

Ich fuhr zu Ganjaman nach Hause und stellte etwa drei Stunden lang meine Reporterfragen, um Stefans Geschichte zu verstehen. Aufgewachsen in einem besetzten Haus in Schöneberg, war er mit revolutionärer Musik von Ton Steine Scherben und Hannes Wader aufgewachsen und hatte als Teenager eben zu Reggae gefunden. War er anfangs noch in grün-gelb-roter Ganzkörper-Reggae-Montur herumgelaufen und hatte alle jamaikanischen Soundstile gefeiert, lief bei ihm inzwischen ein anderer Film. Ganjaman durchstreifte gerne die Stadt mit einem Rucksack voller Bücher von verschiedenen Philosophen und Wissenschaftlern und drückte jedem, der es wollte, ein Buch für den Weg zur Erleuchtung in die Hand. Genau so war auch sein Sound aufgebaut: Ganjaman verstand sich nicht nur musikalisch sondern auch ethisch in bester Reggae-Tradition. Also nix mit Schunkeln zu „Red Red Wine“ sondern Musik für Menschen, die sich von Regierungen und Konzernen nicht alles erzählen lassen wollte. Man könnte sagen: Ganjaman war der erste waschechte Verschwörungstheoretiker, den ich persönlich kennenlernen durfte.

Das Schöne dabei war aber, dass er eben nicht so fanatisch dabei war. Stattdessen stellte er vor allem Fragen, über die man vielleicht mal nachdenken könnte. Das betraf alle Bereiche: Die Ernährung, natürlich die Weltpolitik (es war die große Hysterie nach 9/11), die eigene Lebensweise und Zukunft (lange, bevor ich das Wort Nachhaltigkeit an jeder Ecke hörte). Natürlich ging das alles in typischer Rasta-Manier mit ordentlich viel Gras vonstatten. Bei Ganjaman trafen sich immer ein paar Typen, die mit einem Joint in der Hand den schnöden Alltag vergessen wollten und ihm bei seinen Vorträgen lauschten. Er war aber mitnichten ein Sektenführer, sondern vielmehr ein Teacher. Ein Typ, der sich entschlossen hatte, sich so gut es eben in einer Großstadt ging, vom Wirtschaftskreislauf und gesellschaftlichen Erwartungen abzukoppeln – und trotzdem nicht blind für gewisse Notwendigkeiten war.

Ich war begeistert: Stefan war ein Supertyp. Einer der zehn freundlichsten Menschen, die ich bis heute getroffen habe – durch und durch ehrlich und durchaus auch aufnahmebereit für andere Positionen. Dass ich nicht mitkiffen wollte, gerne Fleisch aß und Markenklamotten trug, störte ihn überhaupt nicht. Er freute sich vielmehr, dass sich eine so große Zeitung wie die Berliner Zeitung für ihn interessierte. Ach stimmt, da war ja was: Ein Foto musste natürlich auch noch gemacht werden. Also gingen wir auf seinen Balkon, wo er sich mit seinem Partner Junior Randy zwischen seine Hanfpflanzen quetschte und besonnen über die Stadt blickte. Klick – und fertig.

Ich sauste nach Hause – im Gepäck hatte ich ein paar Reggae-Bücher, die mir Stefan geliehen hatte. Voller Elan setzte ich mich an diesen Text: Er sollte gut werden – das war ich diesem netten Menschen schuldig. Und außerdem wollte ich schließlich wieder einen Job bekommen. Am nächsten Tag ließ ich die Bilder bei Foto Fix entwickeln und sandte sie zusammen mit der Diskette mit dem Text an den Redakteur.

Zwei Tage später hatte ich immer noch nichts von ihm gehört und rief ihn an. Er ging nicht ran. Also fuhr ich hin.

– „Ja, nee, also das können wir echt nicht drucken!“
– „Aber warum denn nicht?“, fragte ich ehrlich überrascht.
– „Fragst Du mich das wirklich? Na gut, also ich sag Dir was: Der Typ hat eine totale Macke. Der hat wohl zu lange in seinem Kasten geschmort und ist etwas gaga“, kam seine überhebliche Antwort.
Ich war verletzt, weil Stefan ja wirklich alles, aber bestimmt nicht irre war. Er hatte halt einen alternativen Lebensentwurf gewählt – und die bunte Berlinseite der Zeitung war doch wohl genau für so etwas da?!
– „Also, der Stefan ist wirklich ganz normal“, versuchte ich es erneut: „Jetzt schau Dir doch noch mal die Fotos an…“
Er unterbrach mich harsch und oberlehrerhaft:
– „Ja, also das ist das Nächste: Du glaubst doch nicht, dass wir solche Bilder drucken? Der hat da seine Haschplantage gezüchtet und will mir was Weltpolitik erzählen? Vergiss es.“ Und damit war das Thema tot.

Ich war deprimiert. Und peinlich berührt, weil sich Stefan kurzfristig extra Zeit für mich genommen hatte. Also rief ich ihn an und erklärte ihm die Situation und entschuldigte mich.

– „Ach Mikko, mach Dir keinen Kopf. So ist Babylon eben“, entgegnete er sehr cool. Und ich fühlte mich noch elender.

Nicht nur, dass dieses schöne Thema nicht veröffentlicht wurde – zu allem Überfluss zweifelte ich nun an meinem Schreiber-Talent. Deshalb wagte ich nicht, den Text irgendjemand anderem anzubieten. Offenbar war mein Gastspiel im Journalisten-Beruf nun beendet.

Doch meine Freundin baute mich wieder auf. Zum Semesterende kam ihr die Idee, dass ich den Schein für das Karibikseminar doch einfach mit einer Hausarbeit zu Babylon erwerben sollte. Die Idee war sehr gut: Ganjaman hatte mir einiges über die Weltsicht der Rastafaris erklärt und mit mir die Übertragung von Ideen der 70er Jahre in die deutsche Gegenwart erläutert. Außerdem hatte ich peinlicherweise immer noch seine Rasta-Bücher im Regal.

Mein Professor fand die Idee gut und ich machte mich in den Weiten unserer Uni-Bibliothek auf die Suche nach weiteren erläuternden Texten. Ich musste feststellen: Ganjaman hatte seine Hausaufgaben gemacht. Seine Argumente folgten denen großer Rasta-Vordenker – und selbst Bibelzitate hatte Stefan größtenteils sehr akkurat wiedergegeben. Die 20 Seiten meiner Hausarbeit waren in zwei Wochen fertig geschrieben – und am Ende fügte ich ein Transkript meines Interviews mit Ganjaman und Junior Randy als Quelle an.

Acht Wochen später erhielt ich eine „1-“ zurück. Ich war begeistert – und auch etwas stolz. Der Redakteur konnte mich mal kreuzweise – Ganjamans Sichtweisen trugen jetzt den akademischen Stempel meines Instituts. Ich rief ihn an, um mich bei ihm zu bedanken – und obwohl unser letzter Kontakt vier Monate zurück lag, lud er mich sofort ein, um das großartige Ergebnis mit einem neuen Treffen zu feiern.

Meine Freundin buk einen runden Kuchen. Ich hatte Lebensmittelfarben besorgt und wir glasierten den Kuchen in den Reggae-Farben und schrieben „Danke“ darauf. Dann tat ich noch das, worum mich Ganjaman gebeten hatte, und kopierte meine Hausarbeit. Dann stiegen wir ins Auto und fuhren in den Süden in die Hochhaussiedlung.

Diese Hochhaus-Siedlung ist ein sehr merkwürdiger Ort: Stell Dir einfach das Viertel vor, in dem Christiane F. aufgewachsen ist und addiere eine Shopping Mall des 21. Jahrhunderts dazu. Offiziell soll sie den Menschen in der Gropiusstadt das Leben erleichtern. Ich habe vielmehr den Verdacht, dass man die vielen dort ansäßigen, sozial benachteiligten Menschen von der Innenstadt fernhalten will…

Doch Stefan fühlte sich dort wohl. Der Ort war sein persönliches Babylon, mit dem er sich arrangiert hatte. Er erklärte mir fasziniert, dass er theoretisch sein Gebäude nie mehr verlassen musste, da nun alles – von der Post bis zum U-Bahnhof – eine Fahrstuhlfahrt von seiner Wohnung entfernt lag. Natürlich verließ er wie jeder andere Werktätige ständig seine Wohnung, denn die Musik spielte für Reggaekünstler nicht in diesem Viertel.

Er freute sich sehr über den Kuchen und fotografierte ihn: „Das könnte mein nächstes Cover werden“, sagte er und dann zündete irgendeiner seiner Gäste den nächsten Joint an.

Dann folgte noch einer – und noch einer. Meine Freundin und ich schauten zu und merkten, wie die Wohnung langsam vernebelte. Auch wenn wir nicht mitrauchten, so war ein gewisser Passiv-Flash nicht wegzudiskutieren. Stefan erzählte freudig von dem Steakhaus, das zwei Mal die Woche ein all-You-Can-Eat-Salatbuffet anbot, wo er sich mit seinen Rasta-Kumpels kostengünstig versorgte. Dann wechselten die Geschichten zu einem japanischen Forscher, der die physikalische Struktur von Wasser analysiert hatte, weshalb Stefan sein Wasser immer levitierte. Wie das funktionierte, erklärte er uns anschaulich mit einer alten Weinflasche, die er umdrehte und in einer Doppelhelix-Bewegung schüttelte. Hinterher schmeckte das selbe Wasser wirklich besser. So ging es immer weiter, bis tief in die Nacht.

Irgendwann war die Zeit des Abschieds gekommen. Stefan umarmte uns herzlich und sagte uns, wie sehr er sich freute, so schöne Menschen kennengelernt zu haben: „Von innen wie von außen!“ Wir fuhren beseelt und vielleicht ein wenig passiv bekifft zurück nach Hause und freuten uns, einmal eine andere Seite von Babylon kennengelernt zu haben…

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

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  2. Hach, es ist immer schade, wenn man Gesprächspartnern sagen muss, dass man sie in der Berichterstattung dann doch nicht berücksichtigen kann. Stefan ist damit ja echt cool umgegangen. Einen ähnlichen Fall hatte ich im vergangenen Jahr. Da hatte ich mir im Zusammenhang eines Artikels über Blank & Jones zwei Wünsche erfüllt. Zum einen hatte ich Peter Illmann um ein Interview gebeten, den Moderator von Formel Eins. Zum anderen hatte ich Paul Sinclair angefragt, der die großartige Seite Super Deluxe Edition betreibt. Mit beiden führte ich dann sehr ergiebige, unterhaltsame und bereichernde Telefonate. Aber als ich dann alles zu einem Text verwoben hatte, fand mein zuständiger Redakteur: „Das ist zu lang.“ Und so wurde die Passage mit Paul kurzerhand gestrichen. Als ich Paul darüber per E-Mail informierte klang er – zurecht  enttäuscht. Aber auch er hat die Absage mit Größe hingenommen.

    Das war eine von drei Begegnungen, an die Du mich mit Deiner schönen Geschichte erinnert hast. Die zweite Assoziation ist eine musikalische: „Ganjaman macht Reggae mit deutschen Texten, seine Botschaft ist die Liebe.“ So hast Du es ja in Deinem Artikel bei mkzwo formuliert. Dieses Zitat, Deine Beschreibungen und nicht zuletzt der Sound haben mich sofort an FlowinImmo erinnert. Du kennst ihn sicher: Diesen Hiphopper aus Bremen, der ganz zu Beginn seiner Karriere mit Ferris MC unterwegs war, später dann unter seinem eigenen Namen Platten aufgenommen hat. Als ich 2001 mit dem Festivalguide auf dem Splash Festival war, war er irgendwie unser Resident am Stand. Er fiel mit seiner Entspanntheit und Entrücktheit ein bisschen auf im Vergleich zu den anderen Jungs, die wir gebucht hatten bzw. zum Freestylen auf unsere Bühne kamen. Eine willkommene Abwechslung, auch wenn ich sein Denken und Wirken zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz mit meinem damals noch eher traditionellen Weltbild in Einklang bringen konnte. Heute wäre ich dafür sicherlich offener. Aber auch so hallt sein Vibe ja in mir immer noch nach. Dass ich mit meiner Zuordnung gar nicht so falsch liege, zeigt dieses Video:  Ganjaman und Flowin Immo auf einer Bühne vereint – auf der Release-Party ihres gemeinsamen Kollegen Mellow Mark. Wirkt alles sehr entspannt – so wie ich auch Immos Auftritte in Erinnerung habe und mir Ganjaman nach Deinem Text vorstelle.

    Die dritte Assoziation meldete sich in dem Moment, in dem ich das Wort „Verschwörungstheoretiker“ verarbeitet hatte. Und fühlte mich zurückversetzt in das Jahr 1993. Ich saß am Schreibtisch unter meinem Hochbett, in der einen Hand einen Telefonhörer, in der anderen einen Stift, um mir Notizen zu machen. Am anderen Ende der Leitung: Rodney Orpheus, Kopf der Elektro-Industrial-Band Cassandra Complex. Wir hatten schon ein wenig über sein neues Album „Sex & Death“ gesprochen, als Orpheus mir folgende Theorie unterbreitete: Demnach gebe es Leute, die die Verbreitung von Aids auf dem afrikanischen Kontinent auf Impfungen der World Health Organization zurückführten. Die WHO habe laut diesen Menschen in den Neunzehnachtzigerjahren unter irgendeinem Vorwand eine Impfkampagne in Afrika gestartet und dabei den HIV-Virus verbreitet. Schließlich, so die kolportierte Begründung, gebe es ja zu viele Menschen auf dem Planeten – da hätte irgendwer korrigierend eingreifen wollen, so das Gerücht. Ich war schockiert und fühlte mein Weltbild wanken. Dank des Internets haben wir uns mittlerweile ja irgendwie daran gewöhnt, dass es immer jemanden gibt, der hinter jeder noch so banalen Meldung auch gleich eine Verschwörung vermutet. Aber damals… Dass ich aus dem Telefonat nicht völlig paranoid rausging hatte sicher auch mit Rodney Orpheus zu tun, der das Ganze auch etwas distanziert betrachtete und auf den Wahrheitsgehalt nicht pochte.

    Aber hängengeblieben ist die Episode offensichtlich dennoch.

    Um den Bogen wieder zurück zu Ganjaman zu schlagen:

    „sie präsentieren uns ihre Lügen auf einem silbernen Tablett
    überfluten uns mit Reizen und bedeutungslosem Dreck
    verbergen jeden Sinn und des Lebens Zweck
    nichts ist wie es sein soll doch alles scheint perfekt“

    Diese Zeilen aus „Dämon“ passen letztendlich auch auf die Verschwörungstheorien, die mich vor Ewigkeiten verunsichert haben. In dem Reggae-Soundgewand klingt das aber alles viel weniger bedrohlich als durch eine knackende Telefonleitung. Von daher kann ich mir auch gut vorstellen, dass ein Treffen mit Ganjaman ein bereicherndes Erlebnis ist. Und schön, dass die Geschichte auf diesem Wege noch einmal einen würdigen Rahmen gefunden hat.

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