Interlude: David Guetta

guetta1David Guetta hat nur wenige Sekunden gebraucht, um meine Vorbehalte zu zerstreuen: #realdjing, Kinderlieder, EDM – das alles spielte keine Rolle mehr als der Franzose zu seinem Intro in der erhöhten DJ-Kanzel erschien. Denn David Guetta strahlte so liebenswert, als er in das Rund der prall gefüllten Lanxess-Arena schaute. Er schien sich über die ihm entgegengebrachte Sympathie so aufrichtig zu freuen. Er war so sympathisch. Und blieb es auch die nächsten 100 Minuten, während er uns alle zu einer Hochgeschwindigkeits-Achterbahnfahrt mitnahm.

guetta3Der Aufbau seines Sets ist schnell erklärt: Ein Track baut sich auf, dann kommt eine kurze Pause bis Bass und Beat loslegen. Dazu werden Feuerwerkskörper gezündet oder Konfetti in die Menge geschossen. Es folgt ein Break, in dem ein Hit angespielt wird. Das waren sowohl Guettas eigene, aber auch welche von Major Lazer, Sebastian Ingrosso oder „Wonderwall“ von Oasis. Und dann baut sich der Track wieder dramatisch auf, dann wieder Abfahrt und so weiter und sofort. Eine permanente Berg- und Talfahrt, bei der ich aber nie den Wunsch hatte auszusteigen. Zum einen gab es genug Show-Elemente, die meine Aufmerksamkeit hoch hielten. Dann gab es wie gesagt auch Songs, über die ich mich sehr gefreut habe. Und zu guter Letzt war da ja auch immer noch dieser freundliche Mann in der Kanzel, dem ich einfach gern zugesehen habe.

Angesichts so viel Herzlichkeit hat mich die Diskussion um #realdjing auch nicht wirklich gekümmert. Sind seine CD-Player angeschlossen sind? Kann er Beatmatchen? Kann er eine Crowd lesen? All das war in der Situation von gestern nebensächlich. Denn Guettas Ziel war ganz offensichtlich, den Leuten eine gute Zeit zu geben. Und mit diesem Anspruch rennt er bei mir offene Türen ein. Natürlich habe ich versucht zu erkennen, ob er das, was ich höre, in irgendeiner Form beeinflusst. Mein Fazit: Jein. Ich würde sagen, dass ein paar der Übergänge und Edits vorproduziert waren, dass er aber auch live Songs eingespielt und manipuliert hat. Und mit dieser Technik arbeitete sich Guetta alle zwei Minuten durch einen neuen Song. Das ist eigentlich gar nicht so weit weg von dem, was ein Hiphop-DJ an zwei Turntables macht: Hier ein Drop, da ein Accapella – aber eben alles der Situation, den heutigen technischen Möglichkeiten und einem Massengeschmack angepasst.

Er hat übrigens auch „If you’re happy and you know it clap your hands“ gespielt – seine Bearbeitung des Kinderlieds, für die er im Sommer so einige Schelte bekommen hat. Als ich damals die ersten Youtube-Videos davon sah, war ich auch ein wenig entsetzt. Aber gestern, im Kontext der Dramaturgie und der vorherrschenden Stimmung, muss ich einräumen: Das hat Sinn gemacht. Es kam so rüber, als meinte Guetta das mit dem „Happy“ wirklich ernst. Und da kann man auch ruhig zweimal klatschen.

Ein Vertreter dieser Guetta-Schule war übrigens auch Sam Feldt, der den Abend eröffnete. Es dauerte nicht lange, bis der holländische DJ auf seinem Pult stand und sich volle Pulle zu den von ihm mitgebrachten Hits verausgabte. Mit seiner Coverversion von „Show Me Love“ hatte er mich diesen Sommer ohnehin schon für sich eingenommen: Ich mag seine Version des Klassikers einfach. Sein Set war dann aber doch wesentlich energetischer, als ich es angesichts seines eher ruhigen Hits vermutet hätte. Aber auch ihm war offensichtlich daran gelegen, gute Laune zu verbreiten. Und so, wie er das gemacht hat, war das ansteckend. Erst recht, als er auch noch seine Oma auf die Bühne holte, die sich seinen Auftritt mal angucken wollte.

robinschulz1Robin Schulz, der direkt vor Guetta spielte, fiel da etwas ab. Zum einen ist seine Bühnenpräsenz eine ganz andere: Er wirkte wesentlich distanzierter, als sein Vorgänger. Auch dann noch, als er seine Mutter auf die Bühne holte. Dazu kam, dass seine eher traditionelle, songbasierte Art und Weise des Mischens (so, wie ich es selbst auch mache) im direkten Vergleich nicht ganz so dynamisch rüberkam, wie die von Sam Feldt. Schulz musste zu allem Überfluss auch noch kleine Aussetzer seiner DJ-Software überspielen. Da konnte ich nachvollziehen, dass er nicht ganz so befreit auftreten konnte, wie Feldt – oder später eben Guetta.

guetta2Womit wir noch einmal bei David Guetta wären: Ich habe da gestern einen Künstler gesehen, der mit seinem Publikum einen kurzweiligen Abend verbracht hat, bei dem kein Wunsch offen blieb. Dessen Musik bleibende Momente schafft, wenn ich sie auf Partys spiele. Und ich habe einen Menschen gesehen, der offenbar zu schätzen weiß, was ihm da nach 20 Jahren Arbeit widerfahren ist. Und dieser freudig strahlende Guetta wird mir in Erinnerung bleiben. Auch wenn ich demächst im Autoradio einen seiner Songs wieder wegdrücken sollte.