95/100: Vapour Trail

Ride (1990)

„Schönes Thema, aber da gibt es gerade keinen aktuellen Aufhänger. Lass‘ uns mal beobachten, ob sich da nicht noch eine neue Entwicklung auftut. Dann können wir ja immer noch einsteigen.“ Ich behaupte mal: Mit dieser Begründung landen viele tolle Geschichten in den Wiedervorlagen zahlreicher Redaktionen – und werden nie wieder hervorgeholt. Denn irgendwas ist ja immer: Griechenland, IS, Flüchtlinge… Und so schaffen es ein paar Themen nie an die mediale Öffentlichkeit, obwohl sie es eigentlich verdient hätten. Mit „Vapour Trail“ von Ride ging es mir die vergangenen Jahre auch so. Von Anfang an in meiner Liste gesetzt, habe ich nie den Anlass gefunden, den Song zu einem Text zu verarbeiten. Nun ist der Aufhänger aber da.

Und wie es im Pop-Biz so häufig ist, ist dieser Aufhänger recht banal: Nach mehreren Jahren Funkstille ist die Band in diesem Jahr beim Melt!-Festival aufgetreten. Dann haben Ride angekündigt, (zumindest in England) wieder auf Tour zu gehen. Und zu guter Letzt soll ihr Debütalbum, „Nowhere“ neu aufgelegt werden. Und damit wären wir schon bei dem, was mir am Herzen liegt. „Nowhere“. Dieses unglaubliche Debüt, das so jenseits meiner damaligen Vorlieben und auch des musikalischen Programms lag, mit dem ich mich 1990 beschäftigte. Da spielten Public Enemy eine große Rolle, aber auch Prong, Lard, die Ramones oder Fields Of The Nephilim. Ride begegneten mir jenseits dessen, was ich im Fiz Oblon oder bei der Bundeswehr gehört hatte – in einer Radiosendung von Ecki Stieg. Ich war auf dem Weg nach Osnabrück und hörte seine Sendung (statt meines Ministry-Tapes) und bekam da „Dreams Burn Down“ geboten. Tolles Schlagzeug, krasse Gitarrenwand, schöner Gesang – ich vermute, dass das meine Gedanken waren, als ich den Song lauter drehte. Da ich damals ein bisschen Geld übrig hatte, zögerte ich nicht lange, um am selben Abend noch das dazugehörige Album bei Brinkmann zu erfragen – „Nowhere“ – und die CD gleich zu kaufen. Nicht zuletzt auch, weil ich eine Chance witterte, in der von den Handruper Jungs dominierten Fiz-Oblon-Musikwelt mit einem neuen Impuls angeben zu können.

Zuhause angekommen hörte ich „Nowhere“ gleich durch. Und war glücklich. Und das, obwohl es eine Art Musik war, die irgendwie anders klang. Denn obwohl Ride sich auf Gitarren stützten, war es weder Rock, noch Punk noch Metal. Nicht alle Songs waren so gut wie „Dreams Burn Down“. Einer aber war sogar noch besser: „Vapour Trail“. Vom verträumten Intro bis hin zu den Streichern zum Schluss – ein Song den man kennen muss.

Vapour Trail von Ride auf tape.tv.

So sehr ich für den Song entbrannte: Um mich herum wollten Ride nicht wirklich zünden. Einer meiner besten Freunde fand „Vapour Trail“ zwar auch gut. Und im Zillo, das wir im Wechsel kauften und dann im Freundeskreis einen Monat lang herumreichten, gab es auch immer wieder mal Artikel über die Band. Aber ansonsten interessierte sich niemand so richtig für Ride. Das blieb auch so, obwohl Ride im Sommer auf dem von uns so geschätzten Bizarre Festival auftreten. Während unsere Clique geschlossen zu einer bis dato nicht näher bekannten Hiphop-Band aus England namens Stereo MC’s abging, blieb die Begeisterung bei Ride verhalten. Was vielleicht auch damit zu tun gehabt haben könnte, dass das Quartett mit seinem verträumten Sound am helllichten Nachmittag nicht so richtig überzeugen konnte. Ich kaufte mir trotzdem ein T-Shirt und alle bis dahin erschienenen und noch erscheinenden EPs in der Hoffnung dadurch auch die Songs zu bekommen, die ich beim Ride-Auftritt beim Bizarre-Festival noch nicht kannte.

Mit „Today Forever“ und „Leave Them All Behind“ folgten auf das tolle Debüt zwei großartige EPs. Aber mit ihrem zweiten Album wurden Ride mir dann zu konventionell. Für mich klangen sie auf einmal so, als wollten sie wie die Beatles sein. Oder die Byrds. Oder die Kinks. Mir gefiel das längst nicht mehr so gut, wie die ersten Platten. Und so verabschiedete ich mich schweren Herzens von einer Band, in die ich große Hoffnungen gesetzt hatte.

Wann immer sich die Gelegenheit bot aber holte ich Ride aus dem Plattenregal.

Bei der Release-Party von Decorder, mit dem sie 2004 ihr Debüt „Für immer und weiter“ feierten, durfte ich das musikalische Vorprogramm bestreiten. Ich fing bei Leonard Cohen an und endete bei Massive Attack – und hatte mittendrin „Dreams Burn Down“ eingebaut. Was prompt zu Nachfragen von Leuten führten, die Ride noch nicht kannten. Und Anerkennung von denen, die sie 1990 auch schon gut fanden.

Und als ich Sommer 2014 beim Melt!-Festival die Gelegenheit bekam, am letzten Tag die Zeit zwischen den Bands musikalisch zu verkürzen, hatte ich „Vapour Trail“ im Gepäck. Erneut kamen Leute auf mich zu, die sich freuten den Song nach langer Zeit wieder einmal zu hören.

Da passt es ja ganz gut, dass Ride in diesem Jahr bei Melt!-Festival auf der Bühne standen. Leider konnte ich nicht mit dabei sein. Aber wenn ich ihre Songs oft genug hier in Bonn spiele, vielleicht kommen sie dann ja auch hierhin. Und hätte spätestens dann ich wieder einen Aufhänger, um über sie zu schreiben.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, diese Nummer mit den Aufhängern für redaktionelle Geschichten ist schon teuflisch. Als ich vor 13 Jahren ins TV-Business einstieg und versuchte, mir in der Redaktion meiner Wahl mit möglichst vielen Pop-Themen einen Namen zu machen, lief das oft genug so ab:

    Ich: „Boa, ich glaube ich spinne. Habe gerade mit Universal telefoniert und die würden uns mit XY in Wien drehen lassen.“

    Redakteur: „Wer issn das? Hat der überhaupt schon was gerissen? Wie viele Top Ten-Hits? Wie viele verkaufte Platten?“

    Ich: „Gn-naja, ich glaube, der hat von seinen drei Alben schon so drölftausend abgesetzt. Das ist in der digitalen Zeit gar nicht mal so wenig…“

    Redakteur: „Och nee, komm mal wieder, wenn Coldplay oder meinetwegen die Stones was Neues machen.“

    Ja, diesen Dialog gab es mehr als einmal. Und ich war immer persönlich angepisst, wenn ich meinte, eine coole Band entdeckt zu haben, die ganz sicher gut durch die Decke gehen würde – und die dann ignoriert wurde, weil sie für meinen Redakteur nicht Mainstream genug war.

    Bloc Party. Left Boy. Prinz Pi. Sogar Max Raabe. Ob deren Weg zum Erfolg tatsächlich sehr viel steiniger war, weil über diese Künstler bei uns gar nicht oder erst später berichtet wurde, darf bezweifelt werden. Mich hat das jedenfalls jedes Mal geärgert.

    Aber na ja, inzwischen weiß ich selber, wie das läuft: Denn fünf Jahre später saß ich auf der anderen Seite des Schreibtisches. Und musste jungen Reportern mit leuchtenden Augen erklären, warum gerade dieses oder jenes Thema in Zeiten von Budget-Knappheit kein „Must Do“ war. Wobei die manchmal auch wirklich mit ganz schönem Scheiß um die Ecken kommen 😉

    Aber ich habe es mir weitestgehend abgewöhnt, meine privaten Favoriten im beruflichen Kontext abzuhandeln. Seitdem ich mich hier bei 100 Songs austoben darf, ist mein Pop-Bekehrer-Seelchen dahingehend auch etwas ruhiger geworden. Und manchmal weiß ich auch, dass die Leute meinen aktuellen Flash nicht fühlen (können). Dann sehe ich etwas, was ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte – und bin plötzlich ganz baff. Gerade bei älteren Sachen ist sowas meinem Umfeld häufig schwer vermittelbar. 

    So ging mir das mit den Stone Roses, die ich erst spät kapierte. An die musste ich nämlich sofort denken, als ich das Video zu „Vapour Trail“ in Deinem Text das erste Mal anklickte. Irgendetwas erinnert mich vom Sound her verdammt an „I Wanna Be Adored“. Der Stone Roses-Song ist ja nur ein Jahr älter als der von Ride. Zeit und Herkunftsland stimmen schon mal überein – auch wenn Oxford und Manchester natürlich Welten trennen.

    Aber bei mir lösen beide Songs eine Sehnsucht nach einem Großbritannien aus, das ich so selber nie erlebt habe und nur aus Filmen, Büchern und eben Platten kenne. Als ich das erste Mal mit ein paar britischen Kollegen über Musik sprach und in einem Nebensatz auf die Stone Roses zu sprechen kam, war ich total verwundert, was dieser Bandname bei denen auslöste. Diese totale Euphorie bei denen gegenüber einer Band, von der ich nur mal das Video von „Fool’s Gold“ gesehen hatte. Was ich im Übrigen bis heute für einen ihrer schlechteren Songs halte. Zumindest im Vergleich mit „Waterfall“, „Made of Stone“ oder „I Wanna Be Adored“. 

    Jedenfalls flog ich zwischen 2002 und 2007 unregelmäßig so vier bis fünf Mal nach Großbritannien – meistens nach London – und kaufte mir dort CDs, DVDs und Bücher, die mich der britischen Pop-Kultur näher bringen sollten. Dazu gehörten auch die Filme „Green Street Hooligans“ und „The Football Factory“, die beide so ziemlich den selben Plot haben: Ahnungsloser Jüngling gerät zufällig an eine Londoner Hooligan-Gruppe. Erst wird sich gegenseitig kritisch beäugt, nach der ersten Schlägerei versteht der Jüngling dann, warum sich Fahrradkuriere, Autohändler und Börsenmakler in ihrer Freizeit gerne mit anderen Fans prügeln. Und dabei eben die Stone Roses hören. Nach anderthab Stunden bin ich dieser zunächst abstoßenden Gewaltkultur ein wenig näher gekommen. Aber vor allem habe ich die Stone Roses kapiert – und ebenfalls fühlen gelernt…

    Wenn Dich das noch nicht überzeugt, kannst Du Dir ja vielleicht „Spike Island“ von 2012 ansehen: Der Film spielt Anfang der 90er und ein paar mittellose Mancunian-Kids setzen alles daran, bei einem Stone Roses Open Air dabei zu sein. Mich hat das jedenfalls alles total eingefangen. 

    Seit ein paar Jahren höre ich sowieso immer etwas genauer hin, wenn  es um Spielfilme über Popmusiker oder Dokumentationen geht. 

    Ein wenig war es dagegen bei Rammstein. Die interessierten mich nicht die Bohne. Doch als ich mich auf den Bericht über die Kinopremiere ihrer Dokumentation „Rammstein in Amerika“ vorbereitete, war mir schon klar, dass ich für diesen Termin von vielen Fans beneidet werden würde. Also machte ich mich daran, mich besonders gut vorzubereiten, um nicht dumm da zu stehen.

    An Interviews mit den Musikern war zwar nicht zu denken – zu unberechenbar sind die Herren der Neuen Deutschen Härte. Aber für meinen Sender sind Rammstein trotzdem ein großes Thema – im weltweiten Kontext zählen sie zu den drei, vier deutschen Künstlern, die im Ausland überhaupt jemand kennt. 

    Die professionelle Distanz fiel mir diesmal überhaupt nicht schwer, denn Rammstein waren für mich ehrlich gesagt immer… bäh. Sorry, aber das muss ich genau so schreiben. Ich habe den Werdegang dieser Band so gut verfolgt, wie man das als Musikfernseh-Junkie der 90er Jahre eben so tat. 

    Aber diese ganze Inszenierung und die Art zu Musizieren war nichts für mich. Riefenstahl-Filmausschnitte, homosexueller Kannibalismus als Thema, düsterste Mordor-Phantasien – alles nix für mich. Dazu kamen die Fans mit ihren unförmigen schwarzen Boller-Klamotten und merkwürdigen Frisuren. Darunter viele, die nie müde wurden, zu erklären, dass Rammstein wirklich keine „rechte Gruppe“ seien. Auch wenn viele andere Rammstein-Fans oft genug danach aussahen.

    Also dann später zum Fernsehen kam, musste ich feststellen, dass auch die ganzen Normalos um mich herum diese Band ganz großartig fanden: „Du musst die Dir mal live ansehen, dann wirkt das ganz anders!“ war ein oft gehörter „Rat“. Aber wieso sollte ich Geld für eine Show mit Musik ausgeben, die mich nicht interessierte? Oder gar sogar abturnte? 

    Doch dies war ein Job und den wollte ich eben gut machen. Also fuhr ich hin und stellte mich zwei Stunden zu früh an den Roten Teppich. Dort konnte ich drei Rammsteinen sogar kurze Statements entlocken (Reporterglück…), bevor ich mich in den Kinosaal begab. Und dort erlebte ich dann das Unglaubliche: Ich sah nicht nur einen extrem guten Musikfilm, sondern fühlte mich auch immer stärker in den Bann dieser Musiker gezogen.

    Ich kannte Flake Lorenz und Till Lindemann bis dato vor allem aus abstrusen Radio- und TV-Interviews, in denen sie dumm-freche Sachen sagten. Aber in diesem Film wirkten alle sechs Rammsteine auf einmal total nahbar und sympathisch. Ich erfuhr, wie sie drei Jahre nach der Wende fast mittellos die USA mit ihren Vorgängerbands bereisten und davon träumten, später auch einmal durchs Land der unbegrenzten Mögliochkeiten zu touren. Ich erlebte, wie sie hart für diesen Traum arbeiteten. Und ich sah, wie Lindemann und Flake seit einem Gerichtsprozess immer wieder mit den selben Schikanen bei der Einreise zu kämpfen haben, wie jeder andere Normalsterbliche auch.  

    Außerdem war ich baff über die Hochachtung, mit der Musiker wie Kiss, die Red Hot Chilli Peppers oder Slipknot über Rammsteins Performance sprachen. Wie sehr sie die ausgefeilten Pyro-Shows bewunderten und den Wagemut der Deutschen verehrten. Natürlich hatten die Rammsteine selber an dem Film mitgewirkt und konnten sich so die besten Statements der anderen Musiker aussuchen… andererseits hatte ja wohl niemand Marilyn Manson gezwungen, die Jungs zu loben, oder? 

    Was mich im Kinosaal aber wirklich ganz besonders beeindruckte, war die optische Inszenierung ihrer Shows. Denn die, so lernte ich, waren mitnichten nur düster und hart. Im Gegenteil: Rammstein machen sich – so oft sie können – über sich selber lustig. Treten sich auf der Bühne in den Hintern oder richten sich spielerisch hin. Dass das oft auch Blessuren nach sich zieht, wirkt nur wie eine Bestätigung ihrer Authentizität. Denn sobald die Rammsteine selber über besonders gelungene Effekte sprachen, leuchteten ihre Augen sicht mit einer Mischung aus Stolz, Spaß und Ungläubigkeit über die eigene Hirnrissigkeit. 

    Kurz: Ich mag die Jungs inzwischen. Und ich habe sogar einen neuen Song für meine endlose Lieblingsliederliste: das „Rammlied“. Kommt live übrigens auch total gut, Du… 

    😉

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