94/100: Es tut mir leid

Die Coolen Säue (1997)
Wie persönlich sollte es in so einem Blog eigentlich zugehen? Was gehört hierher, was sollte lieber privat bleiben anstatt auf ewig in den Weiten des WWW auf irgendeiner der unzähligen Schattenseiten gespeichert zu bleiben? Eine interessante Frage – vor allem zu diesem Zeitpunkt – so kurz vor Erreichen des 100. Songs.

Was ich zum heutigen Zeitpunkt mit Sicherheit beurteilen kann: In Sachen Privatsphäre hast Du ganz andere Ansätze und Vorstellungen als ich. Während ich anfangs immer schnell dabei war, private Fotos und Stories von mir preis zu geben, warst Du deutlich zurückhaltender. Das ist kein Vorwurf – im Gegenteil.

Bei Text Nr. 94 darf ich so langsam ein wenig die eigene Arbeit selbstkritisch Revue passieren lassen. Und ich bin im Rückblick nicht immer ganz glücklich mit all den Geschichten, die ich hier im Laufe der letzten drei Jahre geschrieben habe. Das hat ganz sicher auch was mit Textlängen und meinem veränderten Schreibstil zu tun. Aber eben auch mit der Frage: Was gehört hierher und was besser nicht?

Etwa ein Dreiviertel Jahr nachdem wir hier loslegten, führte ich mit meinem Kumpel HiFi ein kritisches Gespräch. Er ist bislang auch der Einzige gewesen, der sich ernsthaft getraut hat, an meinen Texten zu meckern. Alle anderen haben das eher hingenommen – mal mehr, mal weniger begeistert von der Auswahl der Songs und Geschichten. Nun bin ich natürlich nicht rumgerannt und habe dauernd nachgefragt: ‚Ey, wie findest Du denn eigentlich das, was ich hier schreibe?‘

Aber HiFi war eben der Einzige, der sein Unbehagen darüber ausdrückte, dass ich beispielsweise Details von einer zurückliegenden Krankheit geschildert habe. Dabei kannte er die Geschichte schon, weil er sie damals persönlich miterlebt hat. Aber er fand es eben zu viel Info fürs Netz.

Und obwohl mein erster Reflex ein bockiges „Jetzt erst recht“ war, bin ich über die Jahre ganz klar vorsichtiger geworden. Eine Zeit lang war ich so verunsichert, dass ich meiner Frau meine Texte alle laut vorlas, bevor ich den „Veröffentlichen“-Button drückte. Aber nachdem sie – außer an grammatikalischen Unkorrektheiten oder inhaltlichen Sinnverfälschungen – nie an irgendetwas Anstoß nahm, habe ich irgendwann wieder zu altem Selbstbewusstsein zurückgefunden.

Es mag albern klingen, aber genauso wie ich es in meinem Alltag als Journalist empfinde, so tue ich es auch hier: Ich fühle mich der Wahrheit verpflichtet. Und deshalb kann ich nicht anders, als auch schmerzhafte oder im Nachinein unangenehme Erlebnisse zu schildern – wenn sie eng mit einem Song verknüpft sind. Denn: Popmusik bestimmt mein Leben. Sie hat es in den letzten 25 Jahren getan und soll es auch in Zukunft tun. Wenn ich an bestimmte Songs denke, dann knallt eben ein Bilderteppich sondersgleichen durch meinen Kopf, der dann durch meine Finger direkt in die Tastatur fließt. Würde ich diesen Fluß bremsen, empfände ich es als unehrlich. Und über einen für mich bedeutsamen Song nicht zu schreiben, wäre ein Verrat an unserem Blog. Klingt übertrieben, ist aber so. Wenn schon, dann machen wir das hier richtig, war immer meine Devise.

Nach dieser langen Vorrede kommen wir nun also zum schlimmsten Liebeskummer meines bisherigen Lebens. Der hat bestimmt vier Jahre angehalten. Nicht ganz so lange, wie die Beziehung, um die es damals ging. Aber es reichte. Vielleicht kannst Du Dir den Song ja erstmal anhören, bevor Du weiterliest:

Es klang ja schon sicher etwas durch, aber um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich war nicht der Verlassende, sondern der Verlassene. Ganz plötzlich, ohne dass ich es hätte kommen sehen, lag ich an unserem siebten Jahrestag alleine in meinem Bett und konnte es nicht fassen: Es war vorbei.

Ich hatte es wirklich überhaupt nicht kommen sehen – wir waren so lange Zeit ein Paar gewesen, hatten unsere halbe Gymnasialzeit, den schrecklichen Zivildienst und fast meine gesamte Ausbildung miteinander verbracht – und plötzlich war Schluss. Wir hatten die Welt miteinander bereist und alles erlebt, was man halt bis Anfang 20 so erleben kann – und es war vorbei. Und natürlich gab es einen Anderen. Der war ganz plötzlich in ihr Leben getreten und ich hatte es nicht gemerkt. Genauso wenig, wie ich es gemerkt hatte, dass aus unserer Beziehung schon längst endgültig die Luft entwichen war. Das wurde mir aber erst später klar.

Und noch ein paar Jahre mehr dauerte es, bis ich es so weit verarbeitet hatte, dass ich mich wieder voll und ganz in eine neue Beziehung stürzen konnte. Was nicht heißt, dass ich dazwischen keine Beziehungen gehabt hätte. Aber das hat es nur umso schwieriger für mich gemacht.

Doch erstmal hieß es, den Schock zu verkraften. Mein Leben – so wie ich es sieben Jahre lang gekannt hatte – war komplett zerstört. Alles, was mich interessierte, war bedeutungslos geworden. Wozu feiern gehen? Wozu Freunde treffen? Wozu ins Kino gehen oder schön kochen? Es hatte alles keinen Sinn mehr. Und das Schlimmste war: Ich mochte keine Musik mehr hören. Im Gegenteil – es fuckte mich alles total ab.

Weil ich an einem Freitagabend Single geworden war, verkroch ich mich das ganze Wochenende über in meinem Bett und vergaß zu essen und zu trinken. Stattdessen heulte ich mich durch den Samstag und den Sonntag und wusste nicht, was ich machen sollte. Es war eine wirklich sehr unschöne Extremsituation, die natürlich jeder klar fühlende Mensch schon einmal so oder so ähnlich in seinem Leben erlebt hat. Aber in diesem Moment interessierte mich die Ratio nicht. Der Totalverlust von Liebe und Partnerschaft war ein Schock für mich.

Und dann bohrte sich auch noch dieser Song in meine Ohren: „Es tut mir leid / Vorbei ist vorbei / Ich hätt mein Leben gegeben für Dich und für uns zwei / Ich fühl nichts mehr, spür nichts mehr / Ich bin leer… und so weiter.

Diese eingängige Melodie bekam ich bestimmt zwei Wochen lang nicht aus meinem Kopf. Der Song war wie eine Strafe – und gleichzeitig Therapie für mich. Denn natürlich musste ich am Montag wieder aufstehen, mir eine Krawatte umbinden und acht Stunden lang am Bankschalter stehen und dazwischen Mittag essen. Außerdem stand drei Wochen später meine Abschlussprüfung an – es musste weitergehen.

Tja, das tat es dann auch ganz langsam. Aus Schock wurde Trauer, aus Trauer wäre gerne Wut geworden, aber das passierte nicht. Jedenfalls war ich nicht wütend auf SIE. Vielleicht war ich nach zwei Wochen langsam etwas wütend auf das Lied (wohlgemerkt nicht auf seine Interpreten!). Es wollte mir einfach nicht aus dem Kopf gehen und das lag wohl vor allem daran, dass es so gut komponiert und getextet war, dass es sich immer wieder aufs Neue in mich rein frass.

Nach den nächsten zwei Wochen lag meine schriftliche IHK-Prüfung hinter mir und ich nahm mir das Lied aufs Neue vor. Da war also jemand, der verlassen musste, weil er nichts mehr spürte. Das klang irgendwie schlüssig. Nicht schön, aber trotzdem auch mutig. Denn wenn ich ehrlich war, hatte ICH ja eben den „Schuss“ nicht hören wollen: Das Beziehungsende war schon lange überfällig, denn unsere Lebensziele waren eindeutig immer weiter auseinander gegangen. Und auch wenn mir das nicht gefiel, so musste ich schließlich akzeptieren, dass ich ihr sogar dankbar sein durfte. Weil sie so mutig gewesen war, den Schlussstrich zu ziehen (wenn auch mit etwas fremder Hilfe/ Anreiz einer neuen Beziehung). Doch diese Erkenntnis wirklich und wahrhaftig in meinem Herzen zu verankern, dauerte leider noch einige weitere Jahre.

Wenn ich den Song heute höre, dann kommt in mir eine Art Wehmut auf, die mehr an Nostalgie als an Schmerz grenzt. Ich bin froh, das damals alles so empfunden zu haben. Ich weiß, dass es wichtig war, durch dieses lange tiefe Tal zu wandern. Es hat ganz oft keinen Spaß gemacht und sicherlich habe ich anderen Menschen, die mich liebten, später damit auch weh getan. Weil ich immer noch so an meiner ersten Beziehung hing. Aber heute kann ich mit ehrlichem Herzen sagen: Es hat wehtan, aber „Es ist vorbei“.

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  1. Music was my first love. Weißt Du ja. Noch bevor ich mich auch nur im Ansatz für Mädchen interessiert habe, habe ich Radiosendungen auf Kassette aufgenommen. Und seitdem hat Musik viel mit mir gemacht: Ich habe dazu getanzt, geweint, gefeiert, aufgelegt, geschrieben und schwadroniert. Aber eines hat Musik nie geschafft: Mich bei akutem Liebeskummer zu trösten. Und ich habe so einige Anläufe gestartet.

    Als ich 17 war, habe ich versucht meine Trauer über eine brüchige Beziehung mit Gute-Laune-Songs zu heben. Statt mich „Alone“ von Heart oder „With or Without you“ von U2  hinzugeben, hörte ich stattdessen Swing Out Sister. „Breakout“ ist ein unfassbar positiver Song, den ich auch heute nicht mal im Ansatz peinlich finde. Ich habe ihn rauf und runter gehört, aber besser gefühlt habe ich mich damit nicht.

    Ein Jahr später habe ich eine andere Strategie versucht: Meiner durch eine Trennung verursachte schlechte Laune ließ ich zu einem Sisters-of-Mercy-Soundtrack freien Lauf.

    Das führte dazu, dass ich im Oktober 1988 auf der London-Fahrt meines Jahrgangs vor allem eine Kassette ständig im Walkman hörte: auf der einen Seite war „Floodland“, auf der anderen das Vorgänger-Album „First And Last And Always“. In meiner – natürlich inzwischen total verklärten Erinnerung – habe ich auf der Jahrgangsfahrt viel Zeit in U-Bahnen verbracht und dabei mein Sisters-Tape gehört. Das Schöne war: Wenn ich nach „Marian“ und somit den ersten fünf Songs von „First And Last And Always“ umdrehte, ging es auf der anderen Seite mit „This Corrosion“ weiter.  Ich benahm mich Freunden und Ex-Freundin gegenüber wie ein Arsch – aber besser ging es mir dadurch auch nicht.

    1991 dann war ich geknickt wie nie. Nach den vorherigen Erfahrungen versuchte ich in diesem Fall gar nicht erst, meine Trauer irgendwie umzuwidmen, sondern war einfach nur – traurig. Passend dazu ergab ich mich der Schwermut von George Michaels „Listen Without Prejudice Vol. 1“. Da waren so viele Songs, die mir aus der Seele sprachen – „Cowboys & Angels“ zum Beispiel:
    „I know you think that you’re safe, Sister
    Harmless affection
    That keeps things this way
    It’s the ones who persist for the sake of a kiss
    Who will pay
    Cowboys and angels
    They all take a shine to you
    Why should i imagine that i was designed for you
    Why should i believe
    That you would stay“

    Oder “Waiting For The Day (Reprise)”:

    „And I guess there’s a road without you
    But you once said
    There’s a way back for every man
    So here I am
    Don’t people change, here I am
    Is it too late to try again?“

    Aber es war zu spät, um es noch einmal zu versuchen. Auf die Trauer folgte allmählich Wut.  Dann die Verarbeitung, mit der ich die Geduld meiner besten Freunde über mehrere Monate bis ans Unerträgliche strapaziert habe. Dann die Einsicht, dass die Trennung langfristig für mich besser ist, als eine lange unausgewogene Beziehung. Bei einem Besuch im Fiz Oblon in Nortrup, gut neun Monate nach der Trennung, konnte ich mit der Person überhaupt erst wieder reden und letztendlich auch Frieden schließen.

    Musik hat mir bei diesem Prozess – und den vorherigen Trennungen – nie wirklich helfen können. Das konnte irgendwie nur die Zeit richten. Am Ende hat Popmusik dann aber immerhin doch Recht behalten:

    „You can live your life lonely
    heavy as stone
    Live your life learning
    and working alone
    Say this is all you want
    but I don’t believe that it’s true
    ‚cause when you least expect it
    waiting round the corner for you

    Love comes quickly
    whatever you do
    you can’t stop falling“

    Dieser Moment ist jetzt schon 22 Jahre her. Und ich bin dankbar dafür, diese Liebe gefunden zu haben.

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