93/100: Little Monster

Royal Blood (2014)

reading_RB_bengaloRechts von mir brannten ein paar Jungs Benagalos ab. Links von mir tobte eine wilde Pogo-Meute. Von hinten kamen in regelmäßigen Abständen Bierbecher geflogen, deren Inhalt sich in langen Fontänen über das Publikum ergoss. Und vor der Bühne ließ sich Schlagzeuger Ben Thatcher von der Menge tragen, während Bassist Mike Kerr Kaugummi kauend zuschaute. Zehntausende Briten außer Rand und Band – an einem regnerischen Samstagnachmittag im englischen Reading. Und ich mittendrin – bis zu den Knöcheln im Matsch. Hammer.

Royal Blood, Royal Blood… Als aufmerksamer Leser kommt Dir der Name vielleicht bekannt vor. Vor anderthalb Jahren schon war ich auf das Duo aus Brighton aufmerksam geworden und hatte über meine Entdeckung geschrieben. Kurze Zeit später erschien das Debüt-Album der beiden jungen Männer. In den darauf folgenden Monaten kam es häufig zu folgender Situation: Im Radio läuft ein Rocksong, dessen Energie, Melodie und/oder Haltung mich aufhorchen lassen. Ich schalte Shazam ein – und bekomme Royal Blood als Ergebnis geliefert. Ich war jedes Mal beeindruckt.

Vor einigen Wochen wechselte ich dann den Job. Und meine bisherigen Kollegen überraschten mich mit einem unfassbaren Abschiedsgeschenk: einer Karte für den Samstag des Reading-Festivals mit Metallica als Headliner. Und dazu noch ein Flugticket. Innerhalb weniger Stunden organisierten wir An- und Abreise, Unterkünfte, Ticketübergaben und Zugverbindungen, damit ich eine eng getaktete aber nicht unmögliche Reise antreten konnte: Samstag Mittag Abflug von Köln nach London um spätestens 21.30 Uhr zu Metallica so weit wie möglich vor der Bühne in Reading zu stehen.

Es blieb nur wenig Zeit der Vorbereitung. Aber ich sah, dass Royal Blood an dem Samstag auch angesetzt waren. Zwar am Nachmittag – aber bei einem reibungslosen Reiseverlauf noch durchaus erreichbar.

Ich rannte durch Flughafengänge, hastete durch Bahnhöfe, vereinbarte mit wildfremden Menschen Treffen an mir unbekannten Orten, orientierte mich so gut es ging in großen und kleinen Städten, wanderte durch von Festivalbesuchern platt getretene Parks – und stand nur wenige Stunden nach meiner Abreise aus dem beschaulichen Bonn mit mehreren Zehntausend Menschen auf einer matschigen Wiese, die von Fressbuden umschlossen war und auf der aus mehreren Bühnen, zahlreichen Anlagen und noch viel mehr Mobiltelefonen Gitarrenlärm auf mich einwirkte.

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Ein Blick auf die Uhr offenbarte: noch viereinhalb Stunden bis Metallica. Noch 30 Minuten bis zu Royal Blood. Einen kleinen Rundgang über das Festival einschlagend bewegte ich mich ehrfürchtig auf die gewaltige Hauptbühne des Reading Festivals zu. Vorbei an Pfützen, Kirmes-Fahrgeschäften, angetrunkenen Menschen jeden Alters und weiteren Bühnen.

Ich kam etwa 20 Minuten vor Showbeginn an der Hauptbühne an. Alexisonfire waren vor etwa einer Viertelstunde von der Bühne gegangen, ihr Publikum machte sich auf den Weg zum Klo/Zelt/Essen/Fahrgeschäft, ich hatte genügend Platz, um mich nahe der Bühne zu platzieren. Während Techniker alles für den Auftritt von Royal Blood vorbereiteten, wurde es um mich herum immer voller. Teenager wie auch ältere Semester kamen in Scharen, um sich einen guten Blick auf die Main Stage zu sichern. Als die Pausenmusik dann aussetzte und klar wurde, dass es los ging, war mein Bewegungsspielraum schon recht eingeschränkt.

reading_RB_kerrMein erster Gedanke war: Ich habe Mike Kerr und Ben Thatcher immer falsch eingeschätzt. Denn in meinem ersten Post bezeichnete ich Royal Blood als Gitarrenband. In Wirklichkeit haben sie gar keinen Gitarristen – Mike Kerr erzeugt den ganzen Krach mit einem Bass! Und auch sonst brachen die beiden mit einigen von mir erwarteten Konventionen: Kerr trug ein Outfit, das mit seinen Blumenornamenten auch einem späten Elvis Presley gut gestanden hätte. Thatcher wiederum trug eine College-Jacke auf der „Brooklyn“ stand. Beide stellten sich zu ihren Instrumenten auf große Podeste – und legten dann einfach los.

Anstatt sich ihren größten Hit bis zum Schluss aufzuheben, spielten Kerr und Thatcher „Little Monster“ schon als vierten Song.

Ab da gab es in der Menge kein Halten mehr. Egal, was die Band veranstaltete – von der Feedback-Orgie bis zum Crowdsurfing: die Begeisterung kannte keine Grenzen. Pogo, Bengalos, Jubel, Bierbecher-Weitwurf… Ausnahmezustand. Und das nur 18 Monate nach dem Debüt. Für mich war das aber – nicht zuletzt angesichts des Auftritts – nachvollziehbar. Little Monster haben tolle Songs – sogar das neue „Hook, Line & Sinker“ hält den Standard. Sie machen Druck. Sie umfahren weitgehend gängige Rockklischees. Ich hätte mir die Band noch Stunden anschauen können.

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Aber das geht auf so einem Festival natürlich nicht. Nach rund einer Stunde verließen Royal Blood unter großem Beifall die Bühne. Zehntausende verausgabte Menschen machten sich auf den Weg zum Klo/Zelt/Essen/Fahrgeschäft. Um sich dann später zu einem fulminanten Metallica-Set erneut vor der Bühne zu versammeln. Es war ein toller Auftritt – mit Hits, Feuerwerk, Visuals und gut gelaunten Akteuren. Bei aller Begeisterung, die ich für James Hetfield & Co pflege: Das Niveau an Aufruhr, das Royal Blood gesetzt hatten, haben Metallica an diesem Abend in Reading nicht erreicht. Keine Bengalos, kein Pogo, keine Bierbecher. Aber das hätte ich angesichts der Reise und Aufregung an diesem Tag vielleicht nicht auch noch verkraftet.

reading_RB_benSo fuhr ich am Ende eines aufregenden Tages morgens um 4 Uhr mit dem Bus zurück nach London. An meinen Schuhen klebten mehrere Kilo Schmodder. In meinen Ohren hallte „Enter Sandman“ nach. An meinem Handgelenk leuchtete das fluoreszierende Festival-Armband. Und vor meinem geistigen Auge sah ich Ben Thatcher, wie er auf seinem Hocker stehend seinem Bandkollegen beim Crowdsurfing zuschaute. Hammer.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe festgestellt, dass es sehr hilfreich ist, wenn man plakative Hobbys hat. Vor allem Freunden und Verwandten tut man damit einen großen Gefallen, wen sie Einen beschenken wollen. Natürlich ist es schwierig, einem Musikfan eine CD zu schenken, die er noch nicht hat, aber wahnsinnig begehrt. Vor allem im Spotify-Zeitalter ist das oft nur noch Makulatur, seien wir ehrlich. Bei Konzerttickets sieht es da natürlich ganz anders aus.

    Vor ein paar Jahren war es bei uns in der Redaktion üblich, dass ein harter Kern von Kollegen sich gegenseitig beschenkte: Zu Hochzeiten oder Geburten wird natürlich bis heute immer noch gesammelt. Aber damals wurden auch Geburtstage in einem lockeren Kreis von 10, 15 Leuten gefeiert – und die anderen überlegten sich meist richtig coole Geschenke. Eines davon erinnerte mich sehr an Dein Metallica-Ticket: Vor ein paar Jahren bekam ich zwei Tickets für 50 Cent, über dessen Schaffen ich ja meine Magisterarbeit geschrieben hatte. Ganz ehrlich: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mir die Tickets selber zu kaufen. Dafür war mir 50 Cent einfach doch nicht wichtig genug – da gab es andere Bands, für die ich meine Kohle lieber ausgegeben habe. Aber die Geste war so rührend und das Konzert so nett, dass ich sehr gerne daran zurück denke.

    Doch Deine Erlebnisse mit Royal Blood haben meine Erinnerungen noch in eine ganz andere Richtung gelenkt. Ich habe eine Weile
    nachgedacht, womit ich ihren Sound in Verbindung bringen kann. Da ist zum Einen
    der Einstieg von „Little Monster“, der mich wahnsinnig an „Bombtrack“ von Rage Against the Machine erinnert. Zum Anderen assoziiere ich von der Energie her eine etwas jüngere Band, die ich vor vielleicht sechs, sieben Jahren als Musik-Tipp bekommen habe: The Gaslight Anthem. Keine Ahnung, was genau bei Royal Blood das in mir auslöst – es ist eben so ein Vibe, den ich da spüre. Aber die Mucke von Royal Blood klingt frisch und roh – da ist genug Punk-Attitüde dabei, dann auch wieder dieses Americana-Storytelling-Ding, das haarscharf an der Stadionrock-Falle vorbei schrabbt. Wobei: Wahrscheinlich haben Gaslight Anthem in ihrer Karriere mehr als genug Stadien gerockt – keine Ahnung. Die sind einfach eine Band, der ich gerne zuhöre, über die ich aber nicht mehr wissen muss, als dass mir ihre Musik gefällt.

    Aber Gaslight Anthem ist noch gar nicht der Act, auf den ich hier zu sprechen kommen möchte. Da gilt es noch einen kleinen Umweg zu machen. Als ich den Tipp damals bekommen habe, war ich eigentlich in einer Phase meines Lebens, in der ich meine Musik sorgfältig genug aussuchte und keine Tipps mehr brauchte. Zum Einen, weil ich musikmäßig arrogant und satt genug geworden war und zum Anderen, weil mein iTunes-Konto ohnehin jährlich irgendwo zwischen 700,- und 800,- Euro von meiner Kreditkarte abbuchte. God bless Spotify, aber das nur am Rande.

    Der einzige, der mich zu diesem Zeitpunkt einigermaßen zu
    beeinflussen vermochte, war mein Kumpel Prinz Pi. Der hatte mir Gaslight Anthem an einem netten Dezemberabend empfohlen, als wir über neue Musik zu sprechen kamen. Und ich folgte seiner Empfehlung sehr gerne, da er mich seit Casper selten enttäuscht hatte. Und damit sind wir auch schon bei dem Artist, auf den ich jetzt zu sprechen kommen möchte.

    Es war Frühling 2008 und ich war gerade mit meinem Studium
    durch. Ich hatte Prinz Pi gerade kennengelernt und er lud mich zu einem
    Release-Konzert ein: Er hatte an die Grafik für eine DVD namens „Rap City Berlin II“ gemacht, auf der er selber auch als Künstler vertreten war. Die DVD war eine Bestandsaufnahme der Hauptstadt-Szene, die zu der Zeit boomte. Das lag natürlich vor allem an dem Erfolg einzelner Künstler wie Bushido (der übrigens als einziger namhafter Berliner Künstler nicht auf der DVD vertreten war) und Sido. Die Major-Label hatten ordentlich mit Umsatzverlusten zu kämpfen und die Indie-Labels platzierten auf einmal Künstler in den Top Ten und im Musikfernsehen. Und zwar mit harter Musik, deren Interpreten gerne von der Straße sprachen. Die kleinen Label ploppten in allen Stadtteilen aus dem Boden auf und das galt es mit dieser DVD abzubilden. Nachdem ein erster Teil drei Jahre zuvor schon sehr erfolgreich verkauft worden war, gab es zum Release von „Rap City Berlin II“ eine fette Konzertparty in der Columbiahalle gegenüber vom Flughafen Tempelhof.

    Das Line-Up war vielversprechend: Neben Prinz Pi und K.I.Z. würden auch die Spezializtz, der Ost-Berliner Rapper Joe Rilla (der inzwischen als Haudegen unterwegs ist) und der Porno-Rapper Frauenarzt auftreten. Da nach langer Zeit mein Interesse an deutschem Rap wieder zaghaft erwacht war, freute ich mich auf den Rundumschlag. Natürlich interessierte mich vor allem der Auftritt von Prinz Pi. Künstlern wie K.I.Z. konnte ich nichts abgewinnen. Auch die Zeit der Spezializtz schien für mich lange vorbei zu sein. Und von Frauenarzt wusste ich wenig Angenehmes zu berichten: frauenverachtender Porno-Rap schien mir so kurz nach meinem Studienabschluss und all den erfolgreich bestandenen Gender-Seminaren nicht der richtige Sound für mich zu sein. Und dann kam vieles ganz anders.

    Als wir die Halle betraten, reimten gerade die Spezializtz
    ihre Kiffer-Reime und forderten zum gemeinsamen Kiffen, Saufen und Feiern auf. Alles so wie immer. Dann passierte eine Weile nichts Interessantes…

    …bis plötzlich eine Konfetti-Kanone knallte und wir der
    Geburt eines neuen Phänomens beiwohnten: Frauenarzt betrat zum ersten Mal mit
    den Atzen die Bühne. Und brannte alles ab. Seine Porno-Reime gerieten in den
    Hintergrund. Stattdessen lieferte er die deutschsprachige Version von Justice
    Vs Simians brillianten Elektro-Song „We Are Your Friends“ ab: „Wir sind Eure Freunde“. Ich war hingerissen: Auf der Bühne flackerte es bunt, noch mehr Konfetti knallte – und dann hörte ich zum ersten Mal „Das geht ab. Für eine halbe Stunde lang verwandelte sich das Treffen des Berliner Untergrunds in eine ausgeflippte Karnevalsparty.

    Nach den Atzen kam dieser junge Bielefelder mit den
    halblangen Haaren auf die Bühne, von dem Prinz Pi mir zuvor vorgeschwärmt hatte. Als erstes fielen mir die vielen langen Soul-Samples auf: Capsers Musik erinnerte mich tatsächlich etwas an Kanye. Doch als er anfing zu rappen, war ich einfach nur baff. Diese kratzige Stimme passte kaum zu diesem hageren Typen. Hätte da Dendemann gestanden – okay. Aber dieser Casper beeindruckte mich rundum.

    Sein Set war relativ kurz – die Bühne sollte an diesem Abend schließlich noch vielen anderen Künstlern gehören. Als Casper seinen letzten Song „Hin zur Sonne“ spielte, wusste ich, dass ich einen neuen Lieblingsartist gewonnen hatte. Der Song erzählte eine abgefahrene Geschichte, die ich noch nicht x-mal gehört hatte mit einem Sound, der sich deutlich von den Berliner Straßenrap-Produktionen unterschied. Außerdem konnte der Typ richtig gut flowen. Sein gesamtes Wesen vermittelte mehr Ernsthaftigkeit
    als Härte, aber trotzdem wurde Casper nicht von der Bühne gebuht, sondern schwer bejubelt.

    Danach mochte ich mir eigentlich nur noch die Show von Prinz Pi ansehen, dann fuhr ich nach Hause. Ich hatte genug gute Eindrücke gesammelt – und neue tolle Künstler entdeckt.

    Seit diesem Abend weiß ich, dass es sich lohnt, meinen
    Freunden genauer zuzuhören, wenn sie von neuen Lieblingsmusikern schwärmen. Irgendwie so wie bei uns, oder..?

  2. Pingback: Interlude: Metallica | 100 Songs

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