91/100: Bring the Noise

Public Enemy w/ Anthrax (1991)

Das Fiz Oblon war die Disco, die mich am meisten geprägt hat. Und sie hat eine bewegte Geschichte. Martin Wüst, über viele Jahre Besitzer, Betreiber und Seele des Fiz Oblon, hat mir bei einem Treffen mehr über die Hintergründe der Zeit erzählt, in der ich mehrmals die Woche auf der Tanzfläche des Clubs stand. Der zweite Teil dieses Interviews beginnt im Herbst 1989.

Hier geht es zum ersten Teil meines Interviews mit Martin wüst zum Fiz Oblon

Der Zufall wollte es, dass ein anderer Gastronom aus Bippen Martin eine neue Fläche im Ursprungsort zur Verfügung stellte. Sie lag direkt am Friedhof, etwas abseits vom Ortskern. „Die Stadt fand das nicht gut, konnte aber nichts machen. Ich hatte ja aus der Vergangenheit gelernt und gegenüber des neuen Ladens eine Pferdewiese zu einem großen Parkplatz umgebaut.“ Aber irgendwann lief der Pachtvertrag aus und die Nachbarschaft fing wieder an, sich zu beschweren. „Ich hatte das Fiz in der Friedhofstraße immer als Provisorium verstanden. Der Saal zum Beispiel war kein Vergleich zum Ursprungs-Fiz. Und irgendwann hatte ich auch keine Lust mehr.“ So dass das Fiz innerhalb von zweieinhalb Jahren zum dritten Mal umzog. Diesmal nach Nortrup – in die Räume einer Discothek, die zu der Zeit von einem von Martins früheren Mitarbeitern geführt wurde.

„Damals hieß es noch ‚Cicero’s‘ und war sogar eine Konkurrenz fürs Fiz. Der Laden war ja auch eigentlich nicht schlecht gemacht, er war nur schlecht betrieben. Und der Besitzer hatte mich dann gefragt, ob ich die Location nicht übernehmen wollte.“ Martin machte dann einen Rundumschlag und richtete den Laden so ein, wie das erste Fiz: mit Tanzfläche, Teestube, Billardraum – und öffnete im August 1991 die Türen. „Ich sage das nicht gerne, weil das Fiz für mich eigentlich nach Bippen gehört, aber Nortrup lief noch besser als Bippen. Da kam jeder. Aus Bremen, Hannover, aus allen Himmelsrichtungen… Wenn man damals um 1 Uhr zum Fiz nach Nortrup fuhr war links und rechts die Straße ja schon zugeparkt. Was vielleicht auch mit unserer Vorgeschichte zu tun hatte. Denn durch die Umzüge war das Fiz extrem populär. Und in Nortrup gab es ja auch noch das Kassandra, eine gut laufende Kneipe. Das hat sich gegenseitig befruchtet. An Samstagen hatten wir bis zu 800 Leute im Laden. Es war eine sehr schöne Zeit, aber auch eine sehr anstrengende“, räumt Martin ein. „Zieh mal mit einem privaten Haushalt um – das ist ja schon Arbeit. Aber wir sind ja mit einer ganzen Disco umgezogen. Und das drei Mal in zwei Jahren. Das war ja auch eine finanzielle Sache. Ich hatte die Mittel ja gar nicht, weil die Banken uns gegenüber so kritisch waren.“

In den darauf folgenden zwei Jahren war das Fiz mein Wohnzimmer. Egal wo ich vorher war – auf einer Party, im Kassandra am Addams-Family-Flipper, beim Weihnachtsessen mit meinen Eltern: Um Mitternacht fuhren wir ins Fiz. Es waren nicht nur die Musik und die Leute. Es war auch eine Art, sich zu kleiden. In erster Linie Second-Hand-Klamotten. Schlafanzug-Oberteile aus den Siebzigerjahren und dazu (nicht im geringsten) passende braune Wildlederjacken. Nicht mehr zum Friseur gehen. Die Klassenkameraden als spießig abzustempeln, die bis zum Ende auf einer Privatparty blieben, anstatt um Mitternacht hektisch die Mitfahrgelegenheiten zu organisieren und dann hemmungslos zu Public Enemy zu tanzen.

Kurz nach der Neueröffnung erschien auch die erste Ausgabe des die erste Ausgabe des Intro-Magazins. Ein mir damals noch nicht näher bekannter Matthias Hörstmann aus dem benachbarten Melle-Dratum wollte damit eine Musikzeitschrift für das Gebiet Osnabrück, Münster und Bielefeld etablieren. Ich entwickelte die fixe Idee, auch für das Intro schreiben zu wollen. Martin war unter den Herausgebern – also trank ich mir am 2. Weihnachtstag 1991 ein wenig Mut an und fragte ihn, ob ich nicht für das Intro schreiben könnte. Er hörte sich in der DJ-Kanzel meinen Vortrag an. Dann sagte er: „Klar. Such’ Dir ein Thema aus und dann schick’ es an die Redaktion.“ So einfach? Als ich nach dem Gespräch aus der DJ-Kanzel rauskam und meinen Freunden an der Tanzfläche vom Ergebnis erzählte, waren wir alle baff. Wir waren uns aber auch gleich einig, welche Band ich interviewen musste. Von allen Bands, die ich zu der Zeit gut fand, habe ich mir Die Angefahrenen Schulkinder ausgesucht.

Wenn man heute mit Martin über das Intro spricht, merkt man schnell, dass für ihn in dieser Frühphase des Intro etwas schief gelaufen ist. „Ich habe die ersten zehn Ausgaben des Intro finanziert“, sagt Martin. Und bedauert, dass man das beim Verlag offenbar verdrängt hat. Zu den Jubiläen, die das Heft in den inzwischen fast 25 Jahren seines Erscheinens begehen konnte, sei er nicht eingeladen worden. „Ich finde das schade. Aber manchmal ist das so. Dann trennen sich einfach die Wege und man erinnert sich nicht mehr an die Leute aus den Anfangszeiten.“

Im Sommer 1992 war ich noch einmal in der DJ-Kanzel. Aber nicht als Gast, sondern als DJ. Martin wollte in alter Bippener Tradition während der Ferien das Fiz auch an Mittwochabenden öffnen. Mein bester Freund und ich hatten uns irgendwie ins Gespräch gebracht und waren aus dem Häuschen, als wir das erste Mal hinter den Decks standen. Wir fingen um 22 Uhr an, es war noch nicht viel los. Während der eine also Aufwärmmusik auflegte, konnte der andere das Plattenregal durchschauen und all die Platten rausziehen, die uns in den vergangenen fünf Jahren so bewegt hatten. „Schau mal hier – Lee Perry.“ – „Und hier: Goodbye Mr. Mckenzie.“ – „Wow – die Maxi von ‚Welcome To The Terrordome‘.“ Unsere Euphorie währte aber nur so lange, bis die Gäste kamen. Und die waren mit unserer Auswahl nicht ganz einverstanden. Ich war bereits mit dem Techno-Virus infiziert, spielte Moby und The Shamen. Woraufhin sich die jungen Leute auf die Tanzfläche setzten – als Form des Protests.

„Das hat den Laden ja auch ausgemacht, dass die Besucher sich dermaßen mit dem Fiz identifiziert haben“, erklärt Martin. „Wenn da irgend etwas kam, was denen anfangs nicht gefiel, haben die eben protestiert. Sitzblockaden auf der Tanzfläche kamen immer mal wieder vor, wenn wir neue musikalische Akzente setzen wollten. Vergleichen kann man das auch mit der Situation, als wir Verzehrkarten einführen wollten. Da gab es auch Proteste. Aber am Ende konnten wir das alles klären.“

Mit ein paar Hits aus der Zeit konnten wir unsere Abende dann retten. Aber ich glaube im Nachhinein, dass sich außer meinem besten Freund und ich kaum jemand an diese Abende erinnern wird. Und muss.

Anders war das mit den Konzerten, die im Fiz immer eine große Rolle gespielt haben. „Wir hatten ja wirklich namhafte Bands da. M. Walking On The Water, Rammstein, Die Fantastischen Vier… Die Bands sind auch sehr gerne gekommen. Cliff Barnes And The Fear Of Winning haben im ersten Fiz das Abschiedskonzert gegeben. Dabei ist der ganze Disco-Fußboden abgesackt. An der Friedhofstraße haben die dann später ihr Live-Album aufgenommen.“

Bei aller Begeisterung – 1997 wollte Martin sich verändern. „Und mit meinem damaligen Geschäftspartner habe ich mich auch nicht mehr so gut verstanden. Ich bin dann nach Fürstenau gegangen und habe da den Toaster aufgemacht.“ Später ging Martin nach Osnabrück und eröffnete weitere Läden. Er übernahm auch das Kassandra in Nortrup. 2007 ging Martin zurück ins Fiz nach Nortrup und renovierte den Laden komplett neu. Es sollte aber kein Projekt auf Dauer werden: 2009 brannte das Gebäude komplett ab. Und nur wenige Monate später dann auch das Kassandra. Mittlerweile betreibt er in Osnabrück den Nize Club und jetzt Subtil Raumgestaltungen.

Mein letzter Besuch im Fiz Oblon muss 1996 gewesen sein. Es lief „Insomnia“ von Faithless und ich ging noch einmal auf die Tanzfläche. Aber irgendwie hatte ich in den vergangenen Jahren den Anschluss verloren: Mein Freundeskreis hatte sich auf mehrere Städte verteilt, ich war ein Jahr in London gewesen und ich ging immer öfter in Osnabrück aus. Aber einen richtigen Lieblingsclub, ein „home from home“, habe ich seitdem nicht noch einmal gefunden.

„Das Publikum hat sich von damals zu heute sehr verändert. Es ist alles viel schnelllebiger geworden. Vieles geht über Facebook. Plakate oder Printwerbemittel werden kaum noch gedruckt. Ich finde das ein bisschen bedauerlich, das macht ja auch das soziale Leben kaputt. Du gehst auf Facebook, Du suchst Dir eine Party aus… Das war’s. Beim Fiz war es so: Du hast Dich getroffen, das war wie eine Familie, man hat neue Leute kennengelernt… Das ist heute nicht mehr gegeben. Das ist halt die schnelle Entwicklung.“

Und so lässt ihn das Fiz nicht los. Regelmäßig veranstaltet er Revival-Parties. Und wenn in Nortrup mal eine Gaststätte leer steht, rufen die Leute ihn gleich an, um zu fragen, ob er da nicht das Fiz wieder aufmachen wolle. „Es ist sehr schön, wie viele Briefe und Postkarten ich noch bekomme… Viele, die sich im Fiz kennengelernt haben, geheiratet haben, Kinder bekommen haben. Einfach eine schöne Zeit. Ich habe es zwar nicht gegründet, das geht an die ursprünglichen Besitzer, aber ich habe es weitergelebt, sonst wäre es 1989 geschlossen worden. Ich habe es die längste Zeit betrieben.“

Zu einigen Wegbegleitern hat Martin noch Kontakt. „Einige sind leider auch schon verstorben“, erzählt Martin. Damit die Geschichte aber erhalten bleibt, denkt Martin schon länger darüber nach, ein Buch über die Zeit zu schreiben. „Ich glaube, ich werde in diesem Jahr anfangen, die ganze Geschichte mal niederzuschreiben. Ich habe ein Angebot bekommen von einem Journalisten. Ich glaube es ist an der Zeit. Es gibt noch so viel zu erzählen, etwa die Grabsteinsetzung in Bippen. Als das Fiz dort geschlossen werden sollte, haben ein paar Gäste mit einem Trecker einen Grabstein auf dem Marktplatz abgeworfen. Den hat die Gemeinde da aber schnell verschwinden lassen. Es sind viele Erinnerungen, die ja nicht nur mich geprägt haben. Dass wir heute, 2015, immer noch über das Fiz sprechen und es die Fiz Oblon-Parties gibt, ist ja schon sensationell. Das hängt natürlich auch mit den Betreibern zusammen. Mit Peter, Horst und auch mit mir. Wenn es mich nicht gegeben hätte, wäre die Geschichte des Fiz 1989 zu Ende gewesen.“

Damit die Legende unbeschadet bleibt, hat Martin sich den Namen schützen lassen. Seine Firma heißt Fiz Oblon GmbH und betreibt mit dem Nize ja auch weiterhin eine Disco. „Das ist mir wichtig. Und wenn der eine oder andere versucht mit dem Namen eine Veranstaltung zu machen, dann sehe ich zu, dass die auch in meinem Sinne ist. Denn am Ende wird mit dem Fiz auch immer mein Name in Verbindung gebracht.“

Gut eine Stunde nach unserem ersten Kaffee bringt Martin mich zur Tür. Es warten Kunden, die von ihm bei Einrichtungsfragen beraten werden wollen. Ich gehe raus auf die Straße und muss blinzeln. Irgendwie ist es immer noch komisch, sich von Martin zu verabschieden und dabei das Tageslicht zu sehen.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wow, so viele Anknüpfungspunkte auf Deiner Memory Lane, dass ich gar nicht so recht weiß, wo ich anfangen soll…

    Public Enemy waren bei uns natürlich auch ein großes Thema damals. „Fear Of A Black Planet“ war 1990 eine meiner ersten CDs überhaupt – vor allem weil ich das Video von „911 Is A Joke“ mit Flava Flav im Sarg so unfassbar anziehend fand: Der zappelige Typ war crazy, lustig und hart zugleich – die Musik von PE war einfach genau das Richtige für einen gelangweilten Mittelstands-Buben wie mich.

    Public Enemy – das war so anders als die üblichen MTV-Pop- und Rock-Clips. Die waren aber auch anders als die Typen von N.W.A., mit denen sich gerade alle so schmücken. Wenn ich ehrlich bin, habe ich noch zwei, drei Jahre gebraucht, bis ich den Reiz von Gangsta-Rap kapierte. Vorher machte mir das alles ein wenig Angst, weil ich davon ausging, dass die Typen wirklich kriminell waren.

    Nicht so bei Public Enemy. Die hatten eine Message, die ich 1989 bis in das Wohnzimmer meines Großvaters in der finnischen Provinzstadt Hyvinkää verstehen konnte. Dort lümmelte ich mich – wie üblich in den Sommerferien – gelangweilt auf der Couch und sah plötzlich den Clip zu „Fight The Power“. (Ich weiß im Übrigen nicht, wie das finnische Fernsehen – das nicht unbedingt Weltruf genießt – dazu kam, ausgerechnet dieses Video an einem Sommer-Nachmittag zu spielen… aber vielen Dank dafür.) Der Clip besteht ja zu großen Teilen aus Szenen des Black-Kult-Movies „Do The Right Thing“ und ich war sofort angefixt von den schwarzen Typen in ihren bunten Sportklamotten mit dieser andersartigen Musik.

    Als ich dann einige Monate später „911 Is A Joke“ sah, kapierte ich natürlich nur die Hälfte der geschilderten Inhalte. Zumindest raffte ich, dass da auf coole Art gegen Missstände protestiert wurde – und Flavor Flavs Trademark-Spruch „Going – going – gone“ begeisterte mich so sehr, dass ich meinen vierten oder fünften CD-Kauf tätigte und stolzer Besitzer von „Fear Of A Black Planet“ wurde. Damit konnte ich in meinem Freundeskreis mehr punkten, als mit der New Kids On The Block-CD „Hangin Tough“, die ich im Jahr davor erstanden hatte…

    Irgendwann im Frühjahr 1990 sah ich dann auch die ersten Public Enemy-Fanartikel in der Stadt – ich erinnere mich noch an einen Typen am Ku’Damm in einer schwarzen Pilotenjacke mit schlecht-gemachtem Public Enemy-Rückendruck. Der inspirierte mich dazu, ein kleines Frontpatch oberhalb der linken Brusttasche meiner geliebten Tchibo-Jeansjacke aufzunähen. Die Rückseite würde später Bob Marley zieren – das passte irgendwie aus meiner Sicht. Später kaufte ich mir noch ein Comic-Shirt mit dem Roadrunner und dem PE-Logo, das ich aber nach dem Sportunterricht in der Kabine vergaß, woraufhin es den Besitzer wechselte. Außerdem zierte ein schwarz-weißes PE-Poster mein Jugendzimmer und zog im Übrigens bis in meine erste eigene Wohnung um, obwohl ich lange keine relevanten Songs von denen mehr gehört hatte.

    Doch Public Enemy sind natürlich bis heute Helden geblieben – damit bin ich wohl nicht alleine. Als ich im Januar 2005 für eine Reportage über einen Nachwuchswettbewerb der Musikmesse MIDEM in Cannes weilte, lief ich mit einem kanadischen Rapper – den ich zuvor im Hotel kennengelernt hatte – über die sommerlich anmutende Croisette und traf zunächst Chuck D. und danach 50 Cent. Das war schon ziemlich surreal, wie dieser ganze Dreh überhaupt. Aber einen der berühmtesten Fürsprecher der Black Power-Bewegung im sommerlichen Freizeit-Outfit einfach auf einem Bürgersteig in Südfrankreich entgegen zu kommen, war echt etwas viel des Guten. Immerhin freute der sich über unsere Props: „Hey Chuck, you’re still dope!“

    Und erst letzten Monat sah ich auf dem Wacken-Festival im Merchandise-Store zwischen all den merkwürdig anmutenden Death Metal-Bandnamen das PE-Logo mit dem Fadenkreuz. Es fühlte sich aber nicht richtig an, es dort zu kaufen, also ließ ich es liegen.

    Nun aber zum Fiz Oblon, Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es kann gut sein, dass ich da sogar mal drin war. Und das kam so:

    1994 begann für mich der Ernst des Lebens. Das Abi war durch und ich war mit meiner damaligen Freundin K. noch schnell in der Türkei gewesen, bevor ich zum Zivildienst im Krankenhaus Heckeshorn antreten musste.

    Das war erstmal total Scheiße, weil ich die Mukoviszidose-Station, auf der ich dienen musste, wirklich schlimm fand. Weniger wegen den armen Kindern, die in jungen Jahren schon todkrank auf Spenderorgane warteten. Sondern vielmehr wegen der Oberschwester und ihrem unangenehmen Ton, den sie dort etabliert hatte. Der kollidierte enorm mit meiner vermeintlichen frisch gewonnenen Freiheit nach 13 Jahren Schule.

    Doch was mich in den ersten Wochen aufrecht hielt, war auch die Aussicht auf das Zivildienst-Seminar in Braunschweig. Braunschweig, das war für mich 1994 eine der erstrebenswerten Ortschaften, da dort neben Such A Surge auch eine Reihe von talentierten Rappern her kamen: MC René, Alex C. von Phase V, ein paar Mitglieder der Jazzkantine und das Label Rap Nation Records. Außerdem hatte die 240.000-Einwohner-Stadt zu dieser Zeit bereits einen eigenen Footlocker – das fand ich alles sehr beeindruckend.

    Ich freute mich also auf die zwei Wochen in der „Kreativ-Hochburg“ und meine ersten ernsthaften Sauf-Erfahrungen: Ich war 19 und mit mehreren Hundert Typen aus Berlin, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und der Region um Dortmund in einem alten Bahner-Gebäude in Braunschweig untergebracht. Es wurde heftig.

    Die Seminare vergingen im Flug und jeden Abend war irgendetwas los: Wir fuhren auf Konzerte, ich traf lokale Graffiti-Typen und Musiker und drei oder vier Mal landeten wir im „Jolly Joker“: Diesen Laden kennt glaube ich jeder, der einmal auf einem Zivi-Seminar in Braunschweig untergebracht war.

    Was ich im „Jolly Joker“ erlebte, übertraf meine Erwartungen: Ich war natürlich jedes Mal schon ein wenig angetrunken, als wir mit dem Sammel-Taxi vorfuhren, aber in meiner Erinnerung war es eine riesige Scheune, in der sich die niedersächsische Landjugend traf, um zu schlimmen Eurodance abzutanzen und meterweise hochprozentige Getränke zu konsumieren. Die Frauen sahen aus, als wären sie noch kurz vor dem Disco-Besuch aus einer Douglas-Filiale gekommen, um sich für den Abend aufzuhübschen. Es war wirklich ziemlich schlimm – aber auch lustig.

    Zuhause wartete meine Freundin, daher übten die Landschönheiten keinerlei Reiz auf mich aus. Und umgekehrt ich wohl auch nicht auf sie: In meiner Urban-XXL-Streetwear mit umgedrehter Stüssy-Mütze hätte ich hier wohl niemanden aufreißen können. Irgendwann suchte ich ein paar der Jungs, mit denen ich angekommen war – und entdeckte den Club im Club. Er wirkte wie ein düsterer Betonbunker an einer der hinteren Ecken der Disco-Scheune. Dort ging es völlig anders zu – dieser Club im Club war ein völliger Fremdkörper, den man im Inneren der Mallorca-Hölle installiert hatte, um auch die langhaarigen Außenseiter mit dem härteren Musikgeschmack zufrieden zu stellen.

    Als ich reintorkelte, dröhnte mir „Killing in the Name of…“ entgegen – und ich wusste, ich war angekommen. Rage Against the Machine, Beastie Boys, Metallica, Nirvana, Public Enemy – you name it!

    So etwas kannte ich aus Berlin überhaupt nicht: In meiner Stadt gab es für jeden Musikgeschmack eigene Aufenthaltsorte: Die Popper hatten ihre Schuppen, die Rapper wiederum ihre Orte, die Studenten auch und die Techno-Typen hingen sowieso nur noch in improvisierten „Clubs“ im Osten der Stadt ab. Mir gefiel die Braunschweig-Variante aber viel besser – da war mehr Crossover der Kulturen drin.

    Am ersten Abend im „Jolly Joker“ lernte ich Peter kennen. Er hatte lange Surfer-Haare und trug ein Kurt-Cobain-Ringelshirt. In den nächsten Tagen trafen wir uns in Seminarpausen immer wieder und tauschten Musikvorlieben aus – er kam aus der Crossover-Ecke – ich war ein straighter HipHopper geworden. Trotzdem gab es haufenweise Schnittmengen und nach den zwei Wochen wurden wir Brieffreunde.

    Er schickte mir immer Artikel aus einem Musikmagazin namens Intro mit Bands, die mich interessierten: Anarchist Academy, Absolute Beginner, No Remorze – und außerdem kopierten wir uns gegenseitig Musik auf Kassetten: Er bekam von mir Fettes Brot, ich von ihm Saprize.

    Ein Jahr später war mein Zivildienst fast rum und ich hatte noch drei Monate lang tot zu schlagen, bevor ich meine Banklehre beginnen würde. Peter lud mich zu sich ein – also nutzte ich meinen Zivi-Rabatt, kaufte ein Bahnticket und fuhr nach Ankum.

    Dieser Besuch war so ganz anders, als ich es bisher gewohnt war: Peter wohnte auch noch bei seinen Eltern in Ankum, liebäugelte aber schon mit einem WG-Zimmer bei seinem Bruder, der in Münster studierte. Also brachte ich ihm Berliner Bier und eine Baseball-Mütze und seiner Mutter eine Schachtel Pralinen als Gastgeschenke mit. So hatte ich das gelernt, aber irgendwie schienen sie darüber irritiert zu sein. Gastgeschenke, sowas gab es hier nicht.

    Dann fuhr mich Peter, der sich extra den Kleinwagen seines Bruders geborgt hatte, noch am gleichen Abend durch die Gegend: Wir besuchten das „Venezia Eiscafé“, das vom STERN zu einem der zehn besten der Republik gekürt worden war (!), gingen irgendwo Currywurst essen und hingen dann bei ein paar seiner Freunde ab. Die wohnten natürlich auch im Einfamilienhaus ihrer Eltern und schauten irgendeine Stefan Raab-Show, bei der Fettes Brot auftraten.

    Ich fragte mich, was wir wohl noch so machen würden, aber Peter bedeutete mir, dass das zur Aufwärm-Phase gehören würde. Also trank ich drei, vier Bier und irgendwann stiegen wir alle zusammen in Peters Kleinwagen und fuhren zu einer Disco, die er mir unbedingt vorstellen musste, weil dort „alle“ seien. Ich weiß leider nicht mehr, wie der Laden hieß und auch nur noch grob wie er aussah – aber laut Google Maps ist Nortrup nur zwölf Minuten von Ankum entfernt und ich würde mal schätzen, dass ich diesen Abend damals im FIZ verbracht habe.

    Und was soll ich sagen: Es gefiel mir sogar noch besser, als im „Jolly Joker“. Denn der ganze Laden war voll mit Menschen, die eben nicht noch ein frisch gebügeltes Hemd in die Hose steckten, bevor sie sich auf in eine Disco machten. Hier war richtig was los: Es war bunt, es lief gefühlt nur „gute“ Musik und irgendwann fand ich mich auf der Tanzfläche wieder und gröhlte zusammen mit ganz viel anderen Menschen „Nordisch by Nature“ mit. Sollte ich also im FIZ gewesen sein, verstehe ich sehr gut, warum Du da so viel Zeit verbracht hast!

  2. Pingback: 95/100: Vapour Trail | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.