90/100: Umbrella

Rihanna (2007)

Mal nachsehen: Was macht RiRi eigentlich gerade so? 9,3 Millionen Google-Treffer bei den News. Da wird über ihre Liaison mit Lewis Hamilton geschrieben, über gewagte Outfits und Tattoos, sowie über Einsätze als Coach bei „The Voice“. Dabei hat diese Frau auch mal richtig gute Songs gemacht. Aber das ist schon eine Weile her.

Nein, das war jetzt unfair – Rihanna hat für ihre relativ kurze Karriere schon eine beachtliche Discographie vorzuweisen. Allerdings muss ich zugeben, dass das letzte Album, dass ich von ihr gekauft habe, nun auch schon wieder drei Jahre her ist: „Talk That Talk“ ging mit ihren Zusammenarbeiten mit Leuten wie Calvin Harris schon in eine etwas gewagte Euro-Beats-Richtung, aber ich mochte es ganz gerne. Und gegen „Diamonds“ vom letzten Album „Unapologetic“ ist auch nichts zu sagen. Doch inzwischen ist sie für mich leider in einer gewissen Bedeutungslosigkeit der charttauglichen „Black Music“-Welt verschwunden: „Bitch Better Have My Money“ und „Oxygen“ lösen wenig bis gar nichts bei mir aus.

Dabei war es ausgerechnet Rihanna, die mir gezeigt hat, dass R’n’B richtig Spaß machen kann. Ich habe das ja schon mal erzählt, dass ich mich als HipHop-Fan zwar seit 25 Jahren in einer Soul-affinen Musikwelt bewege, mich diese Art von Mucke trotzdem aber nie berührt hat.
R’n’B, das ist für mich nichts Halbes und nichts Ganzes – unabhängig vom Geschlecht der Performer. Jason Derulo und Erykah Badu, R. Kelly und Beyoncé, Usher und Aaliyah, Craig David und Mary J. Blige: Sie alle mögen mal einen oder zwei Songs releast haben, die mich kicken konnten – aber ganze Alben konnte ich mir von denen nie anhören. Zu schwülstig, zu glatt, zu… langweilig. Aber dann kam Rihanna als Game-Changer.

Natürlich hat es etwas geholfen, dass Jay-Z persönlich Rihanna protegierte. Aber noch mehr hat es geholfen, das sich ich ihr entgegen reiste: in meinen Flitterwochen im Jahr 2009 nach Barbados.

Unser Trip war sehr kurzfristig geplant. Vier Wochen vor unserer standesamtlichen Eheschließung fragten wir uns, was eigentlich mit der Hochzeitsreise passieren sollte. Urlaub war zu dieser Zeit ein merkwürdiges Thema: Wir hatten im Jahr zuvor wegen unseres Umzuges keinen richtigen Urlaub gemacht und die Jahre davor eigentlich auch immer nur so kurzentschlossene Reisen. Also kurzentschlossen im Sinne von: „Hey, ich hab jetzt zwei Wochen lang keine Aufträge und etwas Geld in den Taschen. Wollen wir am Sonntag vielleicht nach Frankreich fahren?“

Das sollte jetzt zumindest ein wenig stilvoller von statten gehen, war ja unsere Hochzeitsreise. Auf unser Ziel konnten wir uns nur so halb einigen: Teresa wollte gerne in die Karibik, ich wie immer lieber in die USA. Ein Kompromiss schien uns angesichts des bevorstehenden Ja-Worts und der damit verbundenen Konsequenzen sinnvoll. Also buchten wir einfach zwei Flüge nach Miami und lasen uns in das Thema Karibik ein.

Man kann da sehr schnell sehr schlecht drauf kommen. Zum Beispiel wenn man feststellt, dass „Fluch der Karibik“ vor allem in Kalifornien und der für Normalverdiener unerschwinglichen Insel St. Vincent gedreht wurde. Oder dass ein Urlaub auf Jamaika nicht unbedingt die beste Idee ist, wenn man Gewalt und Armut so ganz aus dem Weg gehen will. Und dass die Hauptinsel der Bahamas voller dreckiger Touri-Absteigen ohne Mindest-Standards ist und man recht viel Geld investieren muss, um irgendwohin zu kommen, wo man sich länger als für ein Foto wie James Bond fühlen will.

Als wir in Miami endlich den größten Jetlag hinter uns hatten, fiel mir auf, dass wir nur noch zwei Tage hatten, um die Sache mit der Karibik ins Laufen zu bringen: So lange waren Hotel und Mietwagen gebucht. Also setzten wir uns drei Mal am Tag in ein Internet-Café und entschieden uns schließlich für zwölf Tage Barbados. Es würde der langweiligste Urlaub meines Lebens werden. Herrlich.

In Barbados angekommen stellten wir ernüchtert fest, dass sich das Nationalgericht auf Flying Fish Fingers und Maccaroni-Auflauf beschränkte. Die Briten hatten als ehemalige Kolonialmacht wirklich ganze Arbeit geleistet. Nix mit karibischen Huhn, sensationellen Gewürzen und faszinierenden Früchten. Es war wirklich etwas schlimm. Als nächstes stellten wir fest, dass die Wellen für Einsteiger auf dem Surfboard leider viel hoch waren und am Strand zu viele Dealer rumhingen. Da gerade in unserer Ecke von Barbados wenig los war, hatten die Dealer auch wenige Alternativen für ihre Verkaufsgespräche und kamen immer wieder zu uns mit neuen freundlichen Offerten.

Also nahmen wir den Bus und fuhren nach Bridgetown, wo wir uns vor dem Dauerregen in einer der beiden KFC-Filialen der Insel versteckten, um dann nach zwei Stunden klitschnass in Flip-Flops zurück zur Bushaltestelle zu waten. Man kann sagen, Barbados machte es uns nicht ganz leicht, die Insel zu mögen. Und ich verfluchte innerlich, den Rückflug und das Apartment fest für die nächsten zehn Tage gebucht zu haben.

An Tag 3 regnete es wieder und ich hatte leider recht bald auch den dritten Teil von Stieg Larssons Trilogie durch und nichts weiteres zu lesen eingepackt. Leider gab es in dem einzigen Buchladen, den wir in einer Shoppingmall finden konnten, keinerlei Belletristik, sondern nur Schul- und Self Help-Bücher. Zum Glück konnte unser Fernseher HBO empfangen.

An Tag 4 kehrte die Sonne zurück auf die Insel und wir kletterten über ein paar Felsenklippen zu einer Strandbar, die wir auch bequem über eine Asphaltstraße hätten erreichen können. Aber so sollte dieser Urlaub scheinbar nicht sein, stattdessen stolperte ich über einen Felsen und schlug mir ein Knie blutig. Also setzten wir uns am frühen Nachmittag als einzige Gäste an einen Plastiktisch und bestellten „Banks“-Bier. So gehen eigentlich ganz schlimme Geschichten los, aber ich kann sagen, dass wir heute immer noch glücklich verheiratet sind und kein Alkoholproblem haben. Außerdem ertönte in diesem Moment Rihanna aus dem Lautsprecher der Bar.

Wir setzten uns direkt zum Barmann, bestellten noch ein paar Fliegende Fischstäbchen und Nudeln und Bier und der Barkeeper erzählte uns selig, wie stolz alle auf der Insel auf „ihre“ RiRi waren. Denn außer Grandmaster Flash hat Barbados keine allzu lange Liste von international bekannten Persönlichkeiten vorzuweisen. Also ließen wir uns ebenfalls von RiRi mitnehmen und verstanden langsam, warum die Frau aus der Karibik so euphorisch von ihrem Regenschirm sang.


Rihanna – Umbrella von music2myears

Doch das gute Wetter sollte sich halten und irgendwie stellten wir fest, dass der Barkeeper recht hatte: Jeder auf dieser 278.000-Einwohner-Insel war stolz auf Rihanna, einfach weil sie Rihanna war. Diese Frau hatte ihre Heimat auf die internationale Karte gebracht, es in die weltweiten Charts geschafft und Chris Brown die Stirn geboten – was jetzt ein wenig missverständlich formuliert klingen mag. Jedenfalls freuten sich alle, dass sie den prügelnden Mistkerl endlich los war – was nach den Erfahrungen mit ihrem eigenen Vater, einem ebenfalls handgreiflichen Lagerarbeiter noch umso bedeutsamer war. Ein finnisches Urlauber-Paar versicherte uns übrigens glaubhaft, dass es seine Flip-Flops beim Wochenmarkt in Bridgetown bei eben diesem Vater gekauft hätte. Wirklich jeder konnte einen Schwank zu ihr erzählen.

Ich merkte bald, dass auch die grummeligsten Dienstleister der Insel zu lächeln begannen, wenn ich das Gespräch auf das junge Gesangstalent brachte und anfügte, wie gut mir auch ihre ersten beiden Alben gefallen würden. Die kannte ich inzwischen wirklich ganz gut, denn überall lief Rihannas Musik rauf und runter, überall fing mich ihre Stimme ein und versüsste mir den anfangs etwas schiefgegangenen Urlaub und den etwas zähen Maccaroni-Auflauf.

Als ich wieder Zuhause war, kaufte ich mir alle Rihanna-Singles auf iTunes und freute mich auf ihr viertes Studioalbum. Ich war ein Fan geworden.

Und Du so?

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Wenn man aus Berlin kommt, ist dieses Barbados-Syndrom vielleicht gar nicht gleich nachvollziehbar. Wenn man aus Osnabrück kommt, hingegen schon. Egal ob David Bowie, Einstürzende Neubauten oder Love Parade – Du kommst aus einer Stadt, die popkulturell so einiges vorweisen kann. Das war auf Barbados offenbar ganz anders, bis Rihanna erfolgreich wurde. Als jemand, der in und um Osnabrück groß geworden ist, kann ich sehr gut verstehen, dass man auf etwas stolz sein möchte, das sowohl popkulturell als auch wirtschaftlich relevant ist. Man muss mit ansehen, wie Kleinstädte wie Basildon, Athens oder Portishead solche Künstler hervorbringen können (Depeche Mode, R.E.M., Portishead) – nur in der eigenen Umgebung passiert nichts in dieser Art. Immerhin haben die Menschen in Barbados inzwischen Rihanna, auf denen sie ihren Lokalpatriotismus aufbauen können. In Osnabrück hingegen musste man diesen Stolz und die zugrunde liegende Frage nach einer Daseinsberechtigung bis vor Kurzem mit Künstlern ganz anderen Kalibers beantworten.

    Da war zum Beispiel das Medium Terzett. Drei Herren in komischen Jackets, die lustig-gemeinte Songs wie „Ein Loch ist im Eimer“ zum Besten boten. Auch wenn das Medium Terzett im Fernsehen war und wahrscheinlich unzählige Tonträger verkauft haben – ich fand sie nie richtig cool. Geschweige denn, dass ich bei Urlauben etwa gesagt hätte: „Ich komme aus Osnabrück. Das ist die Heimat des Medium-Terzetts.“

    Das war bei einer anderen Band aus Osnabrück etwas anders – der Blues Company. Ich mochte ihre Musik nicht, dafür aber deren Bandleader Toscho. Der hatte früher zusammen mit meinem Vater in einer Coverband gespielt, mir zum achten oder neunten Geburtstag eine Gitarre geschenkt und war auch sonst total nett. Mit der Musik der Blues Company hingegen konnte ich nie viel anfangen. Freute mich aber natürlich für Toscho, dass er mit der Band – bis heute – erfolgreich ist. Wenn auch in einem Segment, das mir nicht viel bedeutet. Wenn aber jemand sagt, er kenne aus Osnabrück die Blues Company, prahle ich schon gern damit, dass deren Frontmann regelmäßig zu Bandproben bei uns im Keller gewesen ist.

    Die erste für mich wirklich vorzeigbare Band aus Osnabrück waren aber die Angefahrenen Schulkinder. Wobei Band jetzt auch nicht die richtige Bezeichnung für die Truppe ist. Klar – sie singen Lieder. Sind aber im Grunde eine anarchische Kleinkunsttruppe, die ständig Grenzen überschreitet. Sowohl im Umgang mit sich selbst als auch mit ihrem Publikum. Davon können auch Prominente wie Saftproduzent Dittmeyer oder Tennis-Manager Peter Graf – nun ja – ein Lied singen. Waren sie doch gelegentlich Zielscheibe des interessanten Humors, den das Quartett aus Osnabrück pflegte. Als ich im Alter von 20 Jahren „die Schulkinder“, wie wir sie liebevoll nannten, für mich entdeckte, sprachen sie mir mit ihren Seitenhieben auf alles und jeden aus der Seele. Dafür ließ ich mich bei deren Shows auch gern mal mit Wurstwasser bespucken. Um meine Clique und mich herum hielten viele die Angefahrenen Schulkinder für geschmacklos – und genau das machte sie für uns so liebenswert. Mein erstes Interview für das Intro führte ich mit Heaven, einem Mitglied der Schulkinder. Ich vermute, dass er und seine Mitstreiter, Osnabrück in popkultureller Hinsicht ähnlich desparat wahrgenommen haben wie ich, denn ihr 1992 erschienenes Album nannten sie – „Osnabrück“. Das war ein Werk, mit dem ich mich gern identifizierte.

    Inzwischen hat ja auch Osnabrück einen Star. Robin Schulz, dessen poppige House-Tracks ich auch gern mag, stammt aus der Stadt an der Hase. Und er kann Verkaufserfolge in Rihanna-ähnlichen Dimensionen vorweisen. Offenbar ist er seiner Heimat auch weiterhin eng verbunden und spielt dort schon mal unangekündigt DJ-Sets. Da ich jetzt schon länger nicht mehr in Osnabrück war, kann ich gar nicht beurteilen, wie stark die Verbundenheit der Osnabrücker mit dem Produzenten und DJ ist. Aber auch wenn ich schon vor 15 Jahren von dort weggezogen bin, empfinde ich doch eine nahezu unerklärliche Genugtuung, dass jetzt ein Künstler aus Osnabrück in einem vorzeigbarem Musiksegment erfolgreich ist und die Stadt auf die internationale Karte eingezeichnet hat. Lustige Vorstellung, dass es vielleicht sogar Teenie-Zimmer gibt, in denen Rihanna und Robin Schulz nebeneinander hängen. Und Künstler aus Berlin, New York und London außen vor bleiben müssen…

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.