Interlude: 7 Dinge, die ich in Wacken gelernt habe

Ja, ich habe es getan. Ich habe getan, wovon Abertausende Musikfans träumen: Ich bin nach Wacken gefahren.

Wackööööön!


Allerdings nicht zum Feiern, sondern zum Arbeiten. Für meinen Auftraggeber Deutsche Welle habe ich seit Dienstag eine multimediale Berichterstattung koordiniert, die sich von Fernsehberichten bis hin zu regelmäßigen Updates in den Sozialen Medien erstreckte. Das war anstrengend, sehr zehrend und lehrreich. Hier kommen sieben Erkenntnisse:

1. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung.

Wer in den letzten Tagen auch nur einen Fitzelchen der Wacken-Berichterstattung aufgegriffen hat, weiß: Das ist gelogen. Das Wetter war die ersten dreieinhalb Tage mehr als beschissen. Dauerregen hat bei 16 Grad die norddeutschen Äcker und Wiesen in eine riesige Wattlandschaft verwandelt. Wahlweise war auch von Matschepampe die Rede. Für die Feiernden war das schon nicht so prall, aber versucht mal, mit einem 10-Kilo-Stativ auf den Schultern unter Zeitdruck durch klebrigen schwarzen Schlamm zu waten, um die Kollegen in Berlin mit Bildern zu versorgen.

Christoph und Mikko im Schlamm

Trotzdem ist es uns irgendwie geglückt – ich persönlich verdanke meine anhaltende Gesundheit 15-Euro-Gummistiefeln aus dem Baumarkt, einer schwedischen Regenhose und meiner allerneuesten Erwerbung – einem Hut der französischen Fremdenlegion. Kann ich jedem Metal-Fan genau so fürs Reisegepäck nach Wacken 2016 empfehlen.

2. Jan Delay hatte irgendwie recht.

Letztes Jahr haben wir uns ausführlich in diesem Blog mit Jan Delays Rockplatte auseinander gesetzt. Irgendwie fühlte sich sein musikalischer Wandel für mich als Fan zunächst komisch an. Doch irgendwann habe ich es verstanden und gefeiert.

Andere Menschen haben ihm vorgeworfen, er würde Wacken für seine Zwecke missbrauchen und den Metal-Geist komplett dekontextualisieren. Er betonte dagegen in Interviews, wie viel Spaß er beim Videodreh in Wacken hatte und dass es sich dank der Hardrocker dabei um das netteste und umgänglichste Festival handele, dass er kenne.

Oberste Regel für das Allerheiligste.

Das sehe ich ganz genau so: Die Macher sind absolute Profis, 95 Prozent der Besucher kommen wirklich wegen der Musik und nicht wegen des Gaffens. Die Metal-Fans haben sich teilweise zwar wunderlich gestylt – aber nicht so künstlich, wie bei beispielsweise beim Coachella oder Berlin Festival. Bis auf zwei eklige angesoffene VICE-Mitarbeiter und ein paar durchnässte und angenervte Security-Leute habe ich einfach nur nette und ehrliche Hardrock-Fans getroffen.

3. Trash Metal und ich…

…wir kommen in diesem Leben nicht mehr zusammen. Musikalisch meine ich. Ich glaube, dass ich das nun abschließend beurteilen kann, denn ich habe zwei Songs von Sepultura auf der Hauptbühne live erlebt – für mehr war leider wirklich keine Zeit – und weiß, dass ich es nicht fühle. Das war merkwürdig, denn überall um mich herum war richtig gute Stimmung. Ich hätte mich wirklich gerne davon anstecken lassen, aber es sollte nicht sein. Stattdessen kaufte ich einen Hot Dog und freute mich, dass es egal war, ob Senf auf den Boden tropfte oder nicht.

Hot Dog statt Hot Band.

Als im Pressezelt eine Nachwuchsband aus England ein 20-Minuten-Set spielen durfte, während wir Texte zu schreiben versuchten und O-Töne sichten mussten, war das wirklich, als wenn jemand neben uns einen Düsenjet gestartet hätte. Gerne würde ich nicht so ignorant über diesen Sound sprechen, aber sorry: Streckenweise hat mich die Musik auch mal zermürbt.

4. Metal und Klassik passen gut zusammen.

Eigentlich weiß ich das ja, seitdem ich mal eine Reportage über die finnische Band Apocalyptica gedreht habe, deren Mitglieder sich an der altehrwürdigen Sibelius-Akademie in Helsinki kennenlernten. Trotzdem ist es immer wieder faszinierend zu sehen, wie meine in Punkt 3 erwähnte musikalische Wahrnehmung von der Metal-Norm abweicht: Damit will ich sagen, dass ich das Melodiöse und Virtuose scheinbar einfach nicht mitbekomme.

VoxPops können anstrengend sein: Wie finden Sie Beethoven?

Am letzten Tag wurde ich von meiner Redaktion gebeten, eine Umfrage von Metal-Fans zu machen, was sie von Beethoven halten und wie seine Musik nun mit Metal zusammenpasst. Die Erkenntnisse darf ich noch nicht verraten – aber zumindest so viel: Sechs von zehn Befragten wussten dazu sehr schlaue Sachen zu sagen und nur zwei lehnten klassische Musik als langweilig ab. Auf dem Splash! wären das vermutlich eher fünf von zehn gewesen…

5. Hardrock ist Volksmusik und Weltmusik.

Klingt total gemein, ist aber nicht so gemeint. Vor einem halben Jahr habe ich – ohne je in Wacken gewesen zu sein – nach ein paar Telefoninterviews und Recherche einen Artikel über die Nachwuchs-Veranstaltung Wacken Metal Battle geschrieben. Die Überschrift lautete: Weltmusik der anderen Art.

Autsch. Nicht lustig.

Am vergangenen Mittwoch und Donnerstag konnte ich mich davon überzeugen, dass ich damit voll ins Schwarze getroffen hatte, als wir die 28 Nachwuchs-Bands des diesjährigen Metal Battles porträtierten und interviewten. Die Musiker kamen genauso aus klassischen Hardrock-Nationen wie Finnland, England und Kanada, aber eben auch aus China, dem Libanon und Israel. So weit ich das verstehen konnte, kopierte keine dieser Bands einfach nur bestehende Genre-Standard-Sounds von Metal-Legenden wie Annihilator und Judas Priest, sondern fügte häufig auch noch etwas Lokalkolorit in ihre Musik mit ein. Metal ist dieser These zufolge also eine Musik, die über Landes- und Kulturgrenzen hinaus funktioniert und weiterentwickelt wird. Das finde ich besonders sympathisch, auch wenn ich es oft nicht verstehe.

6. Highway to Hell funktioniert auch mit Blasorchester.

Am letzten gestrigen Drehtag schlenderte ich mit Musikern der dienstältesten aktiven libanesischen Metalband Blaakyum über das Infield, wie der abgesperrte innere Bühnenbereich genannt wird. Plötzlich erklang neben uns eine bekannte Melodie: Ein niederländischer Spielmannszug in historischer Spaßtracht intonierte den AC/DC-Klassiker und begeisterte die 200 Umherstehenden genauso wie unsere Interviewgruppe.

Ich habe leider vegessen, wie die Holländer hießen, sorry.

Der Song ist 36 Jahre alt und ein absoluter Rock-Classic. Das Album habe ich auf Vinyl im Regal stehen, allerdings höre ich den Song häufiger auf Firmenfeiern als auf besagter Scheibe. Ich hätte aber nie gedacht, dass dieses Lied auch bei Hardrock-Kennern noch immer so viel Respekt genießt. Schön.

7. Ich würde es immer wieder tun.

Trotz Mistwetter, trotz 15-Stunden-Tagen und trotz Unkenntnis der musikalischen Live-Sensationen war Wacken eine großartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte und gerne wiederholen würde. Alle Kollegen, die mit mir vor Ort waren, sehen das genauso. Mal sehen, was 2016 so bringt…

Danke an das ganze Team!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.