Interlude: Sade

Mein Vater hatte früher die Stereoplay abonniert. Wenn Sie bei uns eintrudelte, übersprang ich die ganzen Hifi-Tests und las stattdessen mit großen Interesse die Plattenrezensionen. Allerdings: Für Depeche Mode, die Pet Shop Boys oder Frankie Goes To Hollywood fand das Heft selten gute Worte. Natürlich stellte ich daraufhin deren Urteilskraft in Frage. Und wenn die Stereoplay dann stattdessen Bruce Hornsby oder Sade lobte, fand ich diese Künstler per se erstmal doof. Bis ich „Love Is Stronger Than Pride“ hörte.

Das dritte Album von Sade muss ich im Herbst 1988 in einer Grabbelkiste bei famila gefunden haben. Was mich dazu gebracht hat, die LP zu kaufen – aus heutiger Sicht kann ich das nicht mehr genau sagen. Vielleicht lag es an einer (eher heimlichen) Verliebtheit in „Hang On To Your Love“ und „Is It A Crime“. Die waren zwar auch glatt und in keinster Weise elektronisch arrangiert, aber schön traurig.

Als ich dann also meinen Schnäppchenkauf zuhause auf den Plattenspieler legte, passierte folgendes: Die Nadel setzt auf der Schallplatte auf; sie ruckelt und knackt, bis sie den Einstieg in die Rille gefunden hat; dann ein kurzer Augenblick Stille; und ohne große Voranmeldung singt Sade: „I won’t pretend that I intend to start living“.


Sade-Love Is Stronger Than Pride von aakira009

Das war so unmittelbar, so authentisch, so schön – und zog mich gleich rein. In den Song, die Platte, die Künstlerin. Wie hatte ich mich vorher nur ihren Songs verschließen können? Als ob ein Knoten geplatzt war, der verhindert hatte, dass ich Sade vollständig verstand.

Wenn ich mich heute, ein paar Jahrzehnte im Netz umschaue, stelle ich fest – es muss einigen Leuten damals so ergangen sein wie mir. Regelmäßig tauchen Sade-Tribute-Compilations auf. Von tollen Remixen ganz zu schweigen. Und wenn Sade selbst etwas veröffentlicht (was ja eher selten passiert), dann ist das gleich ein Thema. Zurecht.

Bei Bruce Hornsby ist mir das übrigens nicht passiert. Obwohl ich damals auch in seine LP reingehört habe…

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