Interlude: Tracey Thorn

Es gibt Stimmen, die erreichen mich sofort. Tracey Thorn hat so eine Stimme. Sie könnte mir aus meinem Schulbuch für Organische Chemie vorlesen (wenn ich es nach der Abiturprüfung nicht feierlich verbrannt hätte), und ich wäre sogar von den mir völlig unverständlichen Begriffen und Formeln emotional berührt. Wenn ich manchmal vor meiner Musikbibliothek stehe und nicht weiß, was ich hören soll, wähle ich oft einen ihrer Songs – etwa diese hier:

Massive Attack – Protection

Massive Attack – Protection von 103clips
Ich weiß, das ist gar kein „richtiger“ Tracey Thorn-Song. Sie ist nur zu Gast bei Massive Attack. Aber es war der erste, in dem ich ihre Stimmer wahrgenommen habe. „This girl I know needs some shelter…“ – herrlich. Bis dato waren mir Thorn und ihre Band Everything But The Girl total egal gewesen. Sie mäanderten für mich in einem Paralleluniversum – zusammen mit so Bands wie Latin Quarter, die mich auch nicht interessierten. Mit „Protection“ sollte sich das ändern. Und mit den darauf folgenden Songs von Everything But The Girl erst recht. Oder ist „Better Things“ doch der bessere Thorn-Song auf „Protection“?

Missing (Todd Terry Remix) – Everything But The Girl

Na also, geht doch. Im Original recht unauffällig, verpasste Todd Terry “Missing” genau den Anstrich, den ich 1995 brauchte. Vielleicht habe ich den Remix inzwischen zu oft gehört, aber bei der nächsten Party lege ich den auf jeden Fall mal wieder auf.

Walking Wounded – Everything But The Girl

Everything but the Girl-Walking Wounded von pezhammer
Kein Jahr später waren Tracey Thorn und ihr (Ehe-)Partner Ben Watt schon bei Drum’n’Bass angekommen. „Walking Wounded“ ist zwar mehr so eine Songskizze, aber sehr schön ausgearbeitet – und dann diese Stimme… Damit wurden Everything But The Girl für mich wirklich cool. Ich konnte sie problemlos in einem Atemzug mit Massive Attack, Portishead oder auch Beanfield nennen. Das dazugehörige Album lief bei mir rauf und runter. Bis heute.

Deep Dish feat. Everything But The Girl – The Future Of The Future (Stay Gold)

Welchen Unterschied Thorns Stimme ausmacht, erkennt man gut an diesem Beispiel. Urspünglich war „Stay Gold“ ein guter House-Track des us-amerikanischen House-Duos. In einer späteren Fassung haben Tracey Thorn und Ben Watt Gesang beigesteuert. Und das ist nicht einfach eine weitere Spur, sondern schafft einen emotionalen Bezugspunkt, der den Song in eine ganz neue Liga hebt.

Lullaby Of Clubland – Everything But The Girl

1999 machten Everything But The Girl dann House. Und immer noch tolle Songs. „Lullaby Of Clubland“ etwa, das ich einfach großartig finde. Oder „No Difference“, das etwas gemächlicher daher kommt, aber trotzdem sehr schön ist. Das zweite tolle Album in Folge.

Damaged – Tiefschwarz feat. Tracey Thorn

Zwischendurch arbeitete Tracey Thorn auch mit dem deutschen House-Duo Tiefschwarz. Die daraus entstandene Single reiht sich nahtlos ein in diese Liste schöner Tracey Thorn-Songs. (Leider habe ich vom Original keine Embed-Version gefunden, aber dieser Mix ist auch gut.)

By Piccadilly Station I Sat Down And Wept – Tracey Thorn

Als Tracey Thorn mit “It’s All True” ein Soloalbum ankündigte, war ich natürlich gleich Feuer und Flamme. Aber nicht nur die tanzbaren Songs darauf sind klasse. “By Piccadilly Station I Sat Down And Wept” ist ein schön reduzierter Song. Außerdem covert sie noch “King’s Cross” von den Pet Shop Boys. Mehr kann man nicht richtig machen.

Small Town Girl – Tracey Thorn

Meine (offensichtlichte) Begeisterung führte dazu, dass ich irgendwann auch mal „A Distont Shore“ kaufte, ein Mini-Album aus den frühen Neunzehnachtzigerjahren. Es ist musikalisch eine ganz andere Hausnummer als „Lullaby Of Clubland“, aber dennoch schön. Klicke ich auch gerne an, wenn ich auf der Suche nach Musik bin.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass Tracey Thorn auch sehr lustige Sachen auf Twitter postet. Es könnte also auch lohnenswert sein, ihr in diesem Jahr erschienenes Buch zu kaufen. Dann aber als Audio…

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