89/100: Train To Doomsville

Lee „Scratch“ Perry & Dub Syndicate (1988)

Es wird dringend Zeit, dass ich Dir vom Fiz Oblon erzähle. Das ist die Disco, die mich maßgeblich musikalisch geprägt hat. In der ich zum ersten Mal so wichtige Künstler wie Public Enemy, Lard oder Fugazi gehört habe. Die Disco, in die ich über Jahre freitags und samstags gefahren bin, um mit meinen Freunden zu feiern. Um Musik zu entdecken. Die Disco, der ich an jeden Standort gefolgt bin. In der ich selbst auch mal aufgelegt habe. Weil mir das Thema so sehr am Herzen liegt und ich möglichst viel davon aufschreiben will, hole ich mir für dieses Posting Unterstützung dazu: Martin Wüst war über viele Jahre Besitzer, Betreiber und Seele des Fiz Oblon. Es gab Zeiten, da habe ich ihn in der Woche öfter gesehen, als meine Eltern. Außerdem hat er mich als einer der Gründer des Intros mit Matthias Hörstmann und dem Intro bekannt gemacht – was ja auch nicht folgenlos blieb. Also bin ich nach Osnabrück gefahren, und habe Martin dort in seinem neuen Geschäft besucht.

„Das ist mein erster Laden, der über Tag geöffnet hat“, sagt Martin und führt mich durch sein Einrichtungshaus. Mit 18 hat er das Fiz Oblon in Bippen übernommen und in den darauf folgenden 30 Jahren viele weitere Clubs in Osnabrück und dem Umland eröffnet und geführt. Derzeit betreibt er den Nize Club in Osnabrück – und seit November 2014 das Einrichtungshaus Subtil. Während Martin mich durch edle Möbel, ausgewählte Deko und inspirierende Wohnideen führt, fällt mir auf: Dies ist tatsächlich erst das zweite Mal seit ich Martin kenne, dass ich ihn bei Tag sehe. Bis auf eine Ausnahme – auf die wir noch zu sprechen kommen – habe ich ihn nur bei Nacht getroffen.

An diesem Samstagmittag bittet er mich an einer Tafel Platz zu nehmen, die in Größe und Verarbeitung auch den Ansprüchen einer Königsfamilie gerecht werden dürfte, und holt uns Kaffee und Plätzchen. Wie sich die Zeiten ändern: Früher habe ich von ihm eher Alt Schuss (mit Cola) und braunen Tequila entgegengenommen.

Ich war 17, als ich es zum ersten Mal ins Fiz Oblon geschafft habe. Zu dem Zeitpunkt war der Laden schon eine Legende. „Hast Du was von den Pixies? Kannst Du Goodbye Mr. McKenzie spielen? Leg‘ doch mal die Maxi von ‚I’m Falling‚ auf.“ Noch bevor ich jemals einen Fuß in das Fiz Oblon gesetzt hatte, bekam ich eine Ahnung davon, was dort für Musik lief. Wenn ich mit meinem besten Freund auf Parties Platten auflegte und Cassetten abspielte, wurden immer häufiger auch Musikwünsche jenseits von NDR2 und WDR1 an uns herangetragen. Von Leuten, die schon mal im Fiz waren. Die davon erzählten, dass es im Fiz immer erst gegen 1 Uhr morgens losging. Dass da alle irgendwie dunkel gekleidet wären. Und man dort nicht U2, sondern eher Philipp Boa hören würde.

Für mich war es lange schwierig, zum erleuchteten Personenkreis der Fiz-Gänger aufzuschließen. Zum einen waren da natürlich meine Eltern, die nicht wollten, dass ich mir minderjährig die Nacht in einer Disco um die Ohren schlug. Dazu kam: Das Fiz Oblon war in Bippen und damit 19 Kilometer von meinem Heimatort entfernt. Ohne Führerschein kam man da nicht gut hin – schon gar nicht nachts. Aber eines Tages bot sich die Gelegenheit: Ein Schulfreund von mir lud zu seinem Geburtstag ein. In Bippen. Meine Eltern hatten eingewilligt, dass sie mich zu ihm bringen und um Mitternacht abholen würden. Der Gastgeber hatte schon angekündigt, dass wir alle gegen 23 Uhr zum Fiz gehen würden. Das hieß für meinen Freund Thomas und mich: Eine Stunde lang im Fiz gucken und um Mitternacht wie verabredet wieder vor dem Haus unseres Klassenkameraden stehen.

Wir waren total aufgeregt, als wir um kurz nach 23 Uhr in die Disco eingelassen wurden. Noch ein paar Schritte durch einen kleinen Durchgang – und dann konnte man von einer leicht erhöhten Stelle den ganzen Laden überblicken. Am anderen Ende des Raumes war die Tanzfläche, begrenzt von ein paar Holzkästen, auf denen Leute saßen. Hinter der Tanzfläche führte eine breite Treppe über mehrere Stufen zu einer Theke. Links und rechts von der Tanzfläche waren Durchgänge zu dieser Treppe, auch nochmal mit diesen Holzkästen. Und direkt am Eingang eine weitere Bar. Es war noch nicht voll – offenbar waren wir zu früh. Aber ein paar dunkel gekleidete Gestalten mit aus der Façon geratenen Haarschnitten standen cool herum oder tanzten zu einer Musik, die ich nicht kannte. Schnell noch den Durchgang checken, über den man zur Teestube und zum Billardraum kam und dann mussten wir auch schon wieder los, damit meine Eltern nicht merkten, dass wir gar nicht auf dem Geburtstag waren. Pünktlich um Mitternacht verflog der Zauber.

„Ich war 16, als ich zum ersten Mal im Fiz Oblon war“, erzählt Martin zwischen zwei Schlucken Kaffee aus einer schicken Tasse. Seine große Schwester hatte ihn mitgenommen. Das Fiz Oblon war da schon rund fünf Jahre offen. Die Eröffnung war am 22. Dezember 1978 – wie gesagt in Bippen. Einem Ort am nördlichen Ende des Landkreises Osnabrück mit gerade mal 2.500 Einwohnern. Nicht gerade ein Ort für das nächste „Studio 54“. Vermutlich auch darum wollten die Gründer um den ersten Fiz-DJ Horst Hörig und Peter Linse eher einen Treffpunkt als eine klassische Disco schaffen. Wer nicht tanzen wollte, konnte in der Teestube quatschen oder etwas weiter hinter Billard spielen. „Damals standen mehrere Namen für das Fiz zur Auswahl“, erzählt Martin. „Nordlicht“ zum Beispiel. „Den fand ich aber zu glatt.“ Dass man sich am Ende auf einen Namen einigen konnte, der an den dicken Ritter Fitz Oblong der Augsburger Puppenkiste erinnert, findet Martin auch heute noch richtig. „Der Name hat einfach mehr Sinn.“ Und entsprechend eigenwillig war auch Hörigs Musikauswahl: Statt auf Disco setzte er auf Westcoast-Musik und New Wave.

Martin fing dort zunächst als Gläsersammler an. Zwei Jahre lang drehte er Freitagnachts dort seine Runden, um samstagmorgens zu dem Betrieb zu fahren, bei dem er seine Gärtner-Ausbildung machte. Als er 18 war fragte ihn der damalige Besitzer, ob er das Fiz übernehmen wolle. „In einem jugendlichen Wahnsinn habe ich das eben gemacht.“ Martin erhielt im Wesentlichen das Konzept, das er im Fiz vorgefunden hatte. „Ich habe ein wenig modernisiert, ein bisschen gestrichen und am Peronalstamm gearbeitet.“ Dafür veränderte er aber die musikalische Ausrichtung. „Du kannst ja nicht zehn Jahre lang den selben Stuff spielen.“ Mit neuen DJs wie Coop und Andreas „Andi“ Wegner hielten Indie- und Collegerock von den Pixies und R.E.M. ebenso Einzug ins Fiz wie Clubmusik von D. Mob und Womack & Womack. „Der Freitag blieb mit Coop musikalisch alternativ, und mit Andi habe ich den Samstag modernisiert und etwas kommerzieller gestaltet.“ Das Programm lockte sowohl die Nerds und Ökos aus den umliegenden Schulen in Handrup und Fürstenau als auch meine Freunde und mich, die wir Acid House, Prince und Depeche Mode hörten. „Es war andere Musik als zum Beispiel im Luisen-Center in Quakenbrück. Oft liefen bei uns Lieder auch zwei Jahre bevor man sie irgendwo im Radio hörte. Genau darum war das Fiz auch bei vielen so beliebt.“

Etwa bei mir und meinen besten Freunden. Ab dem Sommer 1988 waren wir an jedem Wochenende im Fiz. Freitags und Samstags. Wobei wir immer erst gegen halb 1 Uhr dort hingingen.

„Das hat sich über die Jahre so eingebürgert“, erklärt Martin, „weil in den ersten Jahren immer bis Mitternacht Eintritt genommen wurde. Danach war der Eintritt frei. Und irgendwann fingen die Leute an, eben spät ins Fiz zu gehen.“

Was für uns bedeutete: Bis Mitternacht waren wir auf Geburtstagen, in Kneipen oder guckten mit unseren Eltern Fernsehen – dann wurden wir unruhig, setzten uns in unsere Autos und fuhren nach Bippen.

„Du konntest Dich auch in Fürstenau um Mitternacht an die Straße stellen und warst eine halbe Stunde später in Bippen“, blickt Martin zurück.

Wir hörten Musik, feierten, tranken, lernten neue Leute kennen, tanzten, verliebten uns, brachen Herzen und ließen unsere Herzen brechen.

Für uns – und auch Martin – hätte es ewig so weitergehen können. „An guten Abenden waren bis zu 600 Leute im Fiz“, erzählt Martin. „Wir mussten aber nie unsere Security einsetzen, weil die Stimmung eigentlich immer gut war.“ Aber um das Fiz herum verschlechterte sich die Stimmung. Denn die 600 Gäste fuhren ja irgendwann auch nach Hause. Oder stritten sich draußen mit ihren (Ex-)Partnern. Oder torkelten durch Bippen, weil sie keiner mehr mitnehmen konnte. Und das ging einigen Anwohnern und der Politik in Bippen auf die Nerven. Das Fiz sollte weg.

„In den Jahren zuvor hatten wir immer mal wieder Diskussionen wegen des Lärms“, schaut Martin zurück. „Aber im Frühjahr 1989 macht die Stadt ernst.“ Als sich das per Mund-zu-Mund-Propaganda unter uns Fiz-Besuchern rumsprach, waren wir natürlich entsetzt und empört. Martin organisierte damals an einem Samstagnachmittag eine Demo durch den Ort, um gegen die Schließung zu protestieren. Es war die erste Demo, an der ich teilnahm. Und das erste Mal, dass ich Martin bei Tageslicht sah. Gemeinsam mit ein paar hundert Leuten zogen wir durch den Ort. Martin stand auf einem Bulli und machte klar, dass es auf jeden Fall eine friedliche Demo sein sollte. Dennoch wurden wir alle von den umstehenden Polizisten gefilmt. „Es stand sogar eine Hundertschaft auf dem Sportplatz bereit, weil die Bippener richtig Angst hatten. Aber es blieb dann doch ruhig.“ Anschließend lud Martin uns alle ins Fiz ein, ließ einen DJ auflegen und schmiss eine Runde Freibier.

„Im Nachhinein ärgere ich mich wirklich, dass wir nicht…“, Martin macht eine Pause, um nach den richtigen Worten zu suchen. Man merkt, die Ereignisse und insbesondere die Art und Weise, wie man mit ihm verhandelt hat, ärgern ihn auch 26 Jahre später noch. „…dass wir nicht laut geworden sind“, führt er den Satz vorsichtig formuliert zu Ende. „Ich glaube, dann wäre das Fiz heute noch in Bippen. Durch unsere harmlose Demo haben die uns nicht ernst genommen. Während wir an dem Nachmittag im Fiz waren, haben die sich im Gemeindehaus getroffen und mit dem Eigentümer Kaufverträge für das Gebäude unterschrieben. Und dabei hatten die kurz zuvor auf der Demo noch gesagt, sie täten alles, um das Fiz in Bippen zu erhalten.“ Stattdessen habe die Gemeinde das Grundstück gekauft und später den Saal abgerissen.

Für Martin war aber klar, dass er weitermachen wollte. „Der Laden lief ja sehr gut, egal ob Freitag oder Samstag. Und er war für viele ein zweites Zuhause. Man konnte alleine nach Bippen fahren, weil man genau wusste – ich treff‘ da meine Kumpels. Und das war für das Personal ja genauso. Wir haben alle das Fiz gerne gemacht.“

Nach der Abrissparty am 15. April in Bippen zog das Fiz also um. „Ich habe mich da schon sehr eingesetzt und bin auch das Risiko eingegangen, die Umzüge zu gestalten. Das war sehr anstrengend, aber das hat das auch ausgemacht. Wir haben das Fiz ja gelebt. Das Personal – wir waren ja eine große Familie.“

Für ein paar Wochen im Frühsommer 1989 wurde eine Gaststätte in Haneberg zum Fiz Oblon. Aus dieser Zeit stammt auch „Train To Doomsville“. Sobald dieses komische Intro startete, rannten alle zur Tanzfläche, um zunächst dort erst mal ein wenig planlos herumzuschlurfen. Wenn dann nach knapp einer Minute Lee Perry „Right…“ sagte und der Song losging, setzten sich alle in Bewegung. Und das ist auch heute noch so, wenn man den Song vor den Leuten von damals spielt.

Wie ging es danach mit dem Fiz weiter? Fortsetzung folgt!

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Interlude: Posteingang | 100 Songs

  2. Zu Lee „Scratch“ Perry kann ich erstaunlicherweise sehr wenig
    sagen, obwohl er natürlich einer der Urväter für schwarze Dance-Musik ist.
    Dafür hat mich Deine Geschichte an etwas erinnert:

    Vor Kurzem habe ich meinen Jugendfreund Sven besucht, der die Großstadt vor
    Langem gegen das Leben auf dem Land getauscht hat. Als wir gemeinsam in den
    hessischen Abendhimmel blickten, bedankte er sich plötzlich bei mir:

    – „Weißt Du, ich bin Dir so dankbar, dass Du mich damals unter Deine
    Fittiche genommen hast. Ohne Dein Eingreifen wäre aus mir so ein komischer Nerd
    geworden.“

    Ich war irritiert: Sven war zwar damals locker der Klassenbeste gewesen,
    aber an ein Nerdtum hätte ich bei ihm niemals gedacht. Schon gar nicht, wenn
    ich an seinen späteren Werdegang als Elite-Soldat der Bundeswehr und Buschpilot
    in Ostafrika dachte. Ich fragte ihn, wie er das meinte.

    – „Nun, ich war doch damals ganz neu in Berlin, als wir aufs Gymnasium
    kamen. Du hast mir gezeigt, was man für Musik hörte und welche Klamotten man
    trägt, damit man nicht ganz so als Depp da steht.“

    Meine Frau musste grinsen: „Da hat sich ja bei Mikko wirklich nicht so
    viel verändert – das macht er heute immer noch so.“

    Obwohl wir alle lachten schämte ich mich ein bisschen, weil ich mich ertappt
    fühlte. Dann antwortete ich: „Aber so ganz stimmt das nicht – das
    Nachtleben haben wir schließlich gemeinsam entdeckt.“

    Inzwischen habe ich mal nachgerechnet: Es muss 1991 gewesen sein, als ich
    das erste Mal eine Disco betrat. Sven und ich wohnten inzwischen mehrere
    Stadtteile entfernt voreinander, aber das Band der Pubertät war stärker als die
    nervige Fahrerei und so trafen wir uns mindestens drei Mal im Monat – abgesehen
    davon, dass wir regelmäßig unsere Eltern in den Wahnsinn trieben, weil wir die
    Telefonleitungen mehrere Stunden lang blockierten. (Als meine Schwester dann
    etwas später auch noch in das entsprechende Alter kam, entschloss sich mein
    Vater für eine zweite Nummer.)

    Es gab ja so viel zu besprechen damals: Das Fernsehprogramm, nervige Lehrer,
    merkwürdige Mitschüler, die hübschen Mädchen, die Freizeitgestaltung und
    natürlich Musik. Wobei man sagen muss, dass wir aufgrund des eingeschränkten
    Budgets natürlich nicht annähernd so viel musikalischen Input bekamen, wie
    heute: Wenn ich derzeit mal drei Wochen im Urlaub bin, habe ich gefühlt zehn
    Alben verpasst, über die alle sprechen. Damals kaufte ich mir vielleicht alle
    ein, zwei Monate eine neue CD oder LP und lebte ihren
    Sound entsprechend lang.

    Erste regelmäßige Party-Erfahrungen hatte ich auch schon hinter mir –
    allerdings war das Musik-Thema immer schwierig: Die Mädchen wollten tanzen, die
    Jungs sich alle selbst verwirklichen. Die Skater, die Metal-Dudes, die
    HipHopper und die Yuppies versuchten immer wieder, die Anlagen zu erobern, um
    ihren Soundtrack für den Abend durch zu preschen – was zu einem kuriosen
    Mischmasch führte. Meist sah das dann so aus, dass eine Fraktion eine halbe bis
    ganze Stunde tanzte, dann der oder die GastgeberIn so lange von einer anderen
    Fraktion belagert wurde, bis es hieß: „Okay, noch ein Lied von Kreator und
    dann wechseln wir mal.“

    Wie es überhaupt zu so netten erinnerungswürdigen Abenden kommen konnte, die
    in Blues-Tanzen, Knutschen oder Ähnlichem endeten, ist mir ehrlich gesagt
    schleierhaft.

    Ich hatte aber jedenfalls schon eine ganze Menge Erfahrungen mit
    Samstagabend-Veranstaltungen gesammelt, bis ich irgendwann Sven davon
    überzeugte: „Lass uns dieses Wochenende mal eine Disco ausprobieren.“

    D.I.S.C.O.

    Das klang wie Magie. Ich kannte den Film „Saturday Night Fever“
    und träumte von coolen Dance-Moves, die ich nie beherrschen würde. Ich kannte
    Fotos aus der BRAVO, in der sich die Leute bei Strobo-Licht scheinbar gut
    amüsierten. Es gab interessante Cocktails, gestylte Popper-Typen und offenbar gute
    Musik, die das ganze Amusement befeuerte.

    Nun kam die nächste Frage: Welche Disco sollte es denn werden? Die
    naheliegendste Option war das „POPinn“ in einer Steglitzer
    Seitenstraße. Allerdings wusste ich von einem anderen Freund, dass dort immer
    die Türken- und Arabergangs herum hingen und sich dem Modesport „Jacken
    abziehen“ widmeten: Baseball-Jacken und -Mützen mit den Logos der Los
    Angeles Raiders, Minnesota Vikings und New York Yankees erfreuten sich gerade
    höchster Beliebtheit. Kaum eine Woche verging, dass mir nicht wieder jemand die
    Geschichte davon erzählte, wie jemand um seine Garderobe, seinen Walkman oder
    einfach nur seine mageren Barschaften erleichtert worden war. Das
    „POPinn“ kam also nicht in Frage.

    Stattdessen richteten wir den Blick auf den Ku’Damm, wo sich im Sommer zwar
    auch immer die Stresser trafen, wo aber zumindest so viel los war, dass wir uns
    irgendwie doch sicher fühlten.

    Gesagt getan, also planten wir unsere Expedition gewissenhaft und sprachen
    unsere Outfits ab: einfarbiges T-Shirt, Levi’s-Jeansjacke, dazu 501 und
    Chuck’s. Damit war man in unseren Augen gut genug angezogen, um am Türsteher
    vorbei zu kommen und erregte nicht unnötig Aufsehen bei irgendwelchen Gangs,
    die sich ihr Wochenend-Budget aufbessern wollten.

    Am Ku’Damm angekommen, wollten wir noch etwas Zeit totschlagen, also liefen
    wir die erstaunlich volle Einkaufsstraße entlang – was machten all diese Leute
    bloß hier, obwohl die Geschäfte schon seit drei Stunden geschlossen waren? Nun
    hieß es aber: erwachsen werden. Als ersten wichtigen Schritt kauften wir uns
    bei einem Straßenhändler vor Wertheim zwei Dosen Bier. Das müsste auch mein
    allererstes Bier überhaupt gewesen sein – Sven hatte das schon hinter sich. Von
    wegen „Nerd“, ha.

    Wir schlenderten in Richtung Gedächtniskirche, tranken langsam unsere Biere
    und standen bald vor dem „Society“. Und weil die Schlange um
    kurz nach 21 Uhr noch nicht besonders lang war, standen wir bald darauf in
    einem bunt leuchtenden Raum im Obergeschoss und blickten auf eine leere Tanzfläche.
    Was genau lief, weiß ich nicht mehr – aber die Dance-Songs der Stunde waren von
    Künstlern wie Snap!, Dr. Alban, KLF und C&C Music Factory geschrieben
    worden. Die nächste Stunde bretterte ein Mix aus Songs dieser Künstler durch
    den Raum und langsam begaben sich die ersten Grüppchen auf die Tanzfläche. Sie
    füllte sich sukzessive und dann ging der DJ dazu über, „Losing My
    Religion“ und „Should I Stay Or Should I Go“ aufzulegen.

    Ich war fasziniert: Die Tanzfläche wurde voller und voller – nur wenige verließen
    ihre bald hart erkämpften Plätze wieder, wenn ein völlig neuer Sound erklang.
    Offenbar hatten die Menschen alle Lust, sich unbedingt hier und jetzt zu
    amüsieren und nicht diese ewigen Diskussionen über Soundwechsel zu führen.
    Vielleicht lag das aber auch an den 10,- Mark Eintritt, die sie
    alle bezahlt hatten und für die man jetzt halt auch etwas geboten bekommen
    wollte. Als „Now That We Found Love“ ertönte, entschloss ich mich,
    meine Cola auszutrinken (1 Bier war für den ersten Abend wohl genug!) und
    ebenfalls zu tanzen. Zwei, drei Lieder später folgte Sven dann auch.

    Es war ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich inmitten von Fremden zu tanzen,
    bekannte Textzeilen mitzusingen und sich komplett unschuldig der Feierlust
    hinzugeben. Viele Kontakte zu anderen gab es allerdings nicht: Die Mädchen
    waren meist in Grüppchen hier oder klammerten sich an ihre männlichen
    Begleitungen. Für irgendwelche Disko-Flirts war ich nicht der richtige Typ –
    auch wenn das Ambiente des „Society“ dem einer typischen „Foto
    Love Story“ sehr nah kam: beleuchteter Plexiglas-Fußboden, eine Art Ring
    um die Tanzfläche – ähnlich einem kleinen Eisstadion – und dazu immer wieder
    Kunstnebel-Bombardements in Momenten, in denen der DJ uns wohl besonders gerne
    tanzen sehen wollte.

    Trotzdem: Ich zumindest war im siebten Himmel. Ich tanzte bestimmt zwei
    Stunden lang, bis ich am Rand plötzlich eine Gruppe von anderen Typen
    entdeckte: Sie trugen Latzhosen aus Jeans und Bauarbeiter-Westen. Ich sah
    weiße Handschuhe und Trillerpfeifen, und auch eine Schweißer-Brille. Typische
    Techno-Klischee-Klamotten im Jahr 1991. Und dann ertönte um 0:30 Uhr plötzlich
    ein schrilles Geräusch und die Tanzfläche wurde dunkler und mit Strobo-Licht
    eingeheizt: Es war Techno Hour.

    Die Yuppie-Durchschnitts-Typen zogen sich zurück und überließen den
    Dancefloor der Gruppe von House-Freunden. Es traf sich, dass ich mich ohnehin
    auf den Weg machen musste, wenn ich es mir mit meinen Eltern nicht verscherzen
    wollte. Wir schauten uns das Treiben zehn Minuten lang an, danach lösten wir unsere
    Jeansjacken an der Garderobe aus.

    Langsam schlenderten wir den Weg zurück zum U-Bahnhof Kurfürstendamm und
    genehmigten uns bei dem Straßenhändler noch eine Dose Sprite für den Heimweg.
    Ich war zufrieden: ein weiterer wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben war
    gemacht.

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