Gastfeature: Dot

Als ich kürzlich mit einem Bekannten die Idee für eine neue Partyreihe in Bonn beratschlagte, kam uns fast zeitgleich dieser Satz über die Lippen: „In Bonn tut sich gerade echt viel.“ Wo man hinguckt gibt es neue Veranstaltungsformate, neue Locations und engagierte Impulsgeber. Das Township Bonn von Darius Darek war hier ja schon Thema. Und auch die Soundcouch Bonn, bei der ich kürzlich war. Einer der Organisatoren dieses tollen Formats ist Elvin Ruić. Gemeinsam mit Lukas Heß will er als ZFS_Zentrale für Freiraum und Subkultur das Bonner Kulturleben bereichern. Und heute bereichert Elvin unseren Blog. Dafür vielen Dank. Ausgesucht hat er sich

„Dot“ von Chilly Gonzales von Elvin Ruić (2004)


Genres übergreifen, Konventionen brechen, Brücken schlagen.

Meine Begegnungen mit Chilly Gonzales
Als ich das erste Mal „Dot“ von Chilly Gonzales auf dem Album „Solo Piano“ im Winter 2011 hörte, war ich überwältigt von der kompositorischen und technisch-spielerischen Qualität. Er schafft es, Klassik und Jazz miteinander in zeitgemäße Easylistening-Popstrukturen zu verknüpfen und zu transportieren, indem er einfache musikalische Stilelemente fugenartig zu einem mitreißenden Zauberstrauß vereint und zu musikalischer Blüte bringt.

Das musikalische Thema wird sofort mit einer eingängigen Harmonie prägnant offengelegt und nach den üblichen Figuren der klassischen Musik weiterentwickelt, bleibt dabei aber stets in den einfach zu verdauenden 4/4-Strukturen heutiger Popmusik. Damit macht Chilly Gonzales es für mich möglich, eine breite Hörerschaft für Klassik und Jazz nicht nur anzusprechen und zu bedienen, sondern auch zu begeistern. Dabei spielt er für mich nicht nur mit einer unermesslichen Leichtigkeit, sondern es scheint so, als ob er sich innerlich beim Spielen des Pianos über den Wohlklang amüsiert – so ist er für mich in seinen Interpretationen ein humorvoller Entertainer.

Meine musikalische Einordnung
Von „Solo Piano“ gibt es seit 2012 auch schon die Fortsetzung „Solo Piano 2“, mit „The Unspeakable Chilly Gonzales“ hat er Rap mit Orchester kombiniert und in seinem neusten Album „Chambers“ arbeitete er mit dem Hamburger Streichquartett „The Kaiser Quartett“ zusammen. Die Textur in Chambers gleicht der Kammermusik des 19. Jahrhunderts mit Flügel und Streichquartett, doch die Kompostionen sind kurz, schnell auf den Punkt gebracht und reißen auch einen heutigen Popmusikhörer sofort mit. Einen klassikaffinen Hörer mag es vielleicht nicht zwingend begeistern, seine Kompositionen sind ihm vermutlich zu flach, zu einfach gestrickt, ohne Tiefgang, doch sehe ich in seiner Musik die Möglichkeit, klassische Musik einem Publikum schmackhaft zu machen, das keine Geduld hat, sich durch die verschiedenen Komponisten und Epochen durchzuarbeiten.
Von den einen als Enfant terrible der klassischen Musik betitelt, von den anderen als zeitgemäßer Klassikmusiker gefeiert, beeindruckt er mich mit jedem seiner Werke aufs Neue. Ich bin sehr dankbar für mein Studium der Philosophie und Musikwissenschaften in Bonn, welches mir den Zugang zu solchen spannenden Themen enorm erleichtert.

Bedeutung für mich
Einen Musiker wie Chilly Gonzales verstehe ich auch als eines der Leitbilder meiner Arbeit in der Initiative „ZFS_Zentrale für Freiraum und Subkultur“, bei der ich mich gemeinsam mit Lukas Heß für die kulturelle Infrastruktur Bonns engagiere: Wir sind „Netzwerker“, Veranstalter und Unterstützer jener, die ohne Konventionen agieren wollen! Wir wollen Bonn als offene Stadt etablieren, in der kultureller Pluralismus großgeschrieben wird! Zwar sind unsere Veranstaltungen subkulturell, da es sich um keine etablierte Kultur handelt, dennoch kooperieren wir mit offiziellen Stellen, um diesen Brückenschlag möglich zu machen. Unsere Events haben dieselbe Funktion wie die Musik von Chilly Gonzales: So präsentieren wir beispielsweise regelmäßig mit der „Soundcouch Bonn“ zeitgemäße elektronische Live-Acts sonntagnachmittags bei Kaffee und Kuchen – dabei stellen wir Sofas und Sessel auf und legen Teppiche aus, die ein Ambiente des Zuhörens und Genießens schaffen. Unser Publikum bewegt sich dabei stets zwischen zwei und 70 Jahren und Kinder unter 18 Jahren haben freien Eintritt.

Wir zeigen damit, dass elektronische Musik nicht nur Feiern in Clubs bedeutet, sondern auch ein beeindruckendes Handwerk dahinter steckt, was Acts wie dyrtbyte, Waking Up In Stereo, Niklas Paschburg und ScaryHairy immer wieder unter Beweis stellen. Die jungen BesucherInnen kriegen die Gelegenheit, zeitgemäße Musik live zu erleben und die Alten begreifen das musikalische Talent hinter elektronischen Live-Acts oder können gar in Erinnerung schwelgen, wenn sie Ansätze von Depeche Mode, Alan Parsons Project oder Klaus Schulze in der Musik wieder erkennen.

Lassen sich die Hörer auf die Musik in all ihren Facetten ein, nehmen sie die Einladung der dargebotenen Musik auch als Einladung zur (z.B. Generationen übergreifenden) Kommunikation an, so können sie sich auch als Teil einer dynamischen und toleranten Gesellschaft begreifen! Musik und damit Kunst als Hochkultur oder Subkultur spiegelt somit (be-)greifbarer den Zeitgeist stärker wieder als mancherorts jedes Geschichtsbuch! Ein Konventionen brechender Chilly Gonzales erleichtert diesen Prozess wesentlich. Genau so wie seine Musik den Geist der Toleranz widerspiegelt, muss eine Stadt Kultur in all ihren Facetten als Leitbild einer dynamischen und toleranten urbanen Gesellschaft begreifen – dafür engagiert sich ZFS.

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