Gastfeature: Song To The Siren

Musikjournalist, Blogger, Musiker – Daniel Decker ist ganz offensichtlich ein Mann mit vielen Talenten. Und dazu auch noch ein total angenehmer Zeitgenosse. Wir haben beim Intro zusammengearbeitet – und schon damals hatte er viele Projekte laufen. Band, Blog, war da nicht sogar ein Label…? Im Fokus derzeit: seine kürzlich erschienene LP „Weißer Wal“, die mir sehr gut gefällt. Ich freue mich, dass Daniel die Zeit gefunden hat, ein Gastfeature für uns zu schreiben. Dass er sich dafür einen meiner Lieblingssongs ausgesucht hat, war nicht abgesprochen – ist aber natürlich das Tüpfelchen auf dem I. Es ist

„Song To The Siren“ von This Mortal Coil von Daniel Decker (1983)

Ich bin nicht technologiefeindlich. Aber als fleißiger – soll heißen: fanatischer – Plattensammler vermisse ich in Zeiten von Shazam und Streaming-Diensten die verzweifelte Suche nach bestimmten Songs. Und natürlich dann das erlösende Finden.

1996 sah ich David Lynchs “Lost Highway” im Kino und war sofort angetan. Nicht nur von dem Film selbst, der mir offenbarte, dass Kino anders sein kann, sondern vor allem von einem bestimmten Song. Nun blieb ich damals leider nicht im Kinosessel sitzen, um im Abspann Titel und Interpret herauszufinden, sondern ging alsbald in den Plattenladen und kaufte mir einfach den Soundtrack auf CD, nur um dann festzustellen, dass eben dieses Lied nicht enthalten war.

Als “Lost Highway” dann auf VHS erschien, lieh ich ihn mir natürlich sofort aus. Auch, um diesmal den Abspann nicht zu verpassen. Nun wusste ich, was ich suchte. “Song To The Siren” von This Mortal Coil. Einfacher wurde die Sache dadurch nicht. Natürlich, es gab die ersten Möglichkeiten sich im Internet Musik zu besorgen, aber als Sammler gilt das eben nicht. Und obwohl ich die Sache heute durchaus anders sehe, das ganze Album von This Mortal Coil wollte ich mir wegen des einen Stücks dann auch nicht kaufen.

Stattdessen machte ich mich schlau und erfuhr, dass das Lied, welches so sehnsüchtig wie kein anderes in meinen Ohren klang, im Original von Tim Buckley war, der es zusammen mit Larry Beckett schrieb. Dass es unzählige Coverversionen gab und die erste Veröffentlichung von Pat Boone noch ein Jahr vor dem “Original” von Buckley stattfand. Robert Plant und John Frusciante coverten “Song To The Siren” ebenfalls, aber keine Version berührte mich so sehr wie die von Elizabeth Fraser gesungene von This Mortal Coil.

Irgendwann gab ich es dann auf den Song auf Vinyl zu finden.

Es muss ungefähr 2002 oder so gewesen sein, als ich in London ohne jegliche Absicht in einem Plattenladen dann eine 12-Inch von This Mortal Coil fand. “Sixteen Days / Gathering Dust” war der Titel der EP, aber auf der B-Seite fand sich das begehrte Stück. Neun Pfund kostete mich die Platte, was mir damals viel vorkam. Aber natürlich musste ich sie haben.

Wie viel mir der Song bedeutet, wird mir vor allem dadurch klar, dass ich heute, gut 13 Jahre nach dem Kauf, mich an vieles noch genau erinnere. Daran, dass die Platte direkt rechts neben dem Eingang in einer Kiste stand und daran, wie erstaunt ich war, dass mich das grünliche Cover mit dem Haus sehr an Szenen aus “Lost Highway” erinnerte. Aber auch daran, dass dieses Lied immer wieder enorm berührt.

Ich erinnere mich auch daran, dass Theoretical Girl im Rahmen ihres Song-Adventskalenders 2012 den Song auf meinen Wunsch hin coverte. Daran, dass ich nie satt werde, dieses Lied zu hören.

Und doch wird es für mich stets die Version von This Mortal Coil sein. Die Stimme Frasers, die spärliche Instrumentierung. Für mich ist es die perfekte Kombination von Musik und Text, die ineinander greifen wie sonst nirgends. Ich kann mich auch daran erinnern, wie ich den Text übersetzte und immer dachte, dass es für “enfold” kein passendes Wort im Deutschen gäbe. “Umarmen” war mir zu wenig, “umschließen” zu fordernd. “Einhüllen” wäre die wörtliche Übersetzung, was auf Deutsch im Kontext seltsam klingt, aber vielleicht doch am ehesten passt. Und natürlich war da dann das Meer, das Boot, die Gezeiten. Etwas was mich bis heute immer wieder fesselt.

In meinem Kopf hatte ich stets das Bild einer Figur, die an einer rauen Küste steht, wartend. Vielleicht gar in einem wallenden Gewand, die Arme ausgebreitet, um jemand Ersehntes zwischen ihnen zu betten. Absolut kitschig, ja. Und was auch gesagt werden muss: Texte von Liebesliedern sind oft schrecklich fordernd. “Song To The Siren” ist da keine Ausnahme, und heute würde ich genau daran wahrscheinlich Kritik üben. Vielleicht impliziert die “Sirene” im Titel, aber auch, dass das Stück selbst gar nicht so unkritisch gesehen werden will oder eher auch mythologisch.

Und doch neige ich dazu mich in einem Lied wie “Song To The Siren” zu entdecken. Und ich neige dazu zu denken, dass ich heute jemanden fand, der mich so in seine Arme nimmt wie in dem Lied beschrieben. Und ich neige dazu, zu denken, dass jemand mich gefunden hat, den ich so in meine Arme nehmen kann wie in dem Lied beschrieben.

Am Ende bleibt festzuhalten, dass meine Ansichten zu “Song To The Siren” natürlich nur Verklärung sind. Es ist letztendlich nur ein Lied. Aber für mich wird es stets DAS Lied bleiben. Das ist schon seit nunmehr 19 Jahren so. Und ich vermute, dass es so immer bleiben wird. Gerade weil es ums Suchen und Finden geht.

Homepage von Daniel Decker
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3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Der Soundtrack zu „Lost Highway“ war schon cool. Gut, ich hätte Rammstein nicht haben müssen, aber da waren ja schon ein paar Schätze drauf. „The Perfect Drug“ von Nine Inch Nails, etwa. Oder „Eye“ von den Smashing Pumpkins. Spannend fand ich auch die Instrumentals von Barry Adamson. Schade, dass „Song To The Siren“ fehlt. Aber angeblich wollten This Mortal Coil bzw. Mastermind  Ivo Watts-Russell das nicht: „He didn’t want it to be over exploited.” 

    Lynch hatte den Song aber wohl schon länger im Blick – ursprünglich für „Blue Velvet“. Damals konnte der Regisseur sich aber die Lizensierung noch nicht leisten, weswegen „Song To The Siren“ nicht zum Einsatz kam.

    Bei der Recherche habe ich gerade übrigens noch gesehen, dass der Guardian die Geschichte des Songs sehr schön aufbereitet hat. Falls Du es noch nicht gesehen hast – macht Spaß, den Artikel zu lesen. 

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