88/100: Steh wieder auf

Deine Lieblingsrapper (2005)

„Hast Du gehört, was er da bei Raab’s Bundesvision Song Contest mit seiner Mutter gebracht hat? Der Typ geht echt überhaupt nicht klar…“, beklage ich mich bei meinem Kumpel HiFi Brown. Doch der sieht mal wieder vieles viel klarer als ich: „Wart’s mal ab, der hat das Zeug zum deutschen Eminem!“ – „Eminem? Vergiss es. Dieser Sido hat doch echt nichts Interessantes zu erzählen…“

Ein halbes Jahr davor: Es ist Ostern 2004. Ich lümmel mich bei meinen zukünftigen Schwiegereltern in der norddeutschen Kleinstadt auf der Wohnzimmer-Couch und freue mich auf den Festbraten. Zum Glück können alle anderen besser kochen, weshalb mein Kücheneinsatz gar nicht zur Debatte steht. Ich zappe durch das Programm und bin wieder mal total fasziniert davon, dass die MTViva-Welt bis in die entlegendsten Winkel der Republik reicht. Das ist damals so ein typisch-arroganter Großstadt-Kinder-Gedanke von mir: „Wie wir unsere Freizeit verbringen, davon wagen die hier in der Provinz doch gar nicht zu träumen. Wir sind einfach total cool und die hier leben zwischen Kühen und dem Deich ihr gemächliches Leben und wissen gar nicht, was sie da alles verpassen in der Welt…

Angesichts der Tatsache, dass ich in Berlin gerade seit einer Weile ohne Fernseh-Anschluss lebe, ist der nun folgende Kultur-Clash plötzlich umso… eindrucksvoller: Ein Typ steht mit seiner silbernen Totenkopf-Maske vor einem Asi-Häuserblock im Norden meiner Heimatstadt und rappt mit seiner merkwürdig-hellen Stimme über seinen Wohnblock. Wie es dort zugeht, möchte ich gar nicht so richtig wissen – dieses Video spricht wieder mal so gegen alles, was ich bis eben noch an deutschem HipHop mochte. Bah, diesen Asi-Typen brauche ich nicht.

Zurück in Berlin läuft mir dieser Sido plötzlich überall über den Weg – also nicht er persönlich sondern seine Musik. Kein Wunder: Als eines der Zugpferde von Aggro Berlin sorgt er für DEN Hype der Stunde: Er macht deutschen Rap von Typen, die bislang eher im Verborgenen gewirkt haben. Das hat nichts mehr mit den lässigen Texten der Massiven Töne oder der Beginner zu tun, die sich nach ihrem Abitur ihrer Passion Musik in Form von cool-witzigen Texten über lässigen Beats gewidmet haben. Die Aggro-Typen kommen alle mehr oder weniger aus der Gosse (jedenfalls wollen uns das ihre Videos glauben machen) und sind verdammt hungrig. Und weil die Köpfe hinter dem Label seit einigen Jahren in der Rap-Szene aktiv sind, wissen sie genau, woran es gerade fehlt: Das Publikum will keinen Friede-Freude-Eierkuchen-Rap, sondern es will Skandale!

Die Rechnung geht auf. Alle, wirklich alle Medien berichten über Sido, Bushido, Fler, B-Tight und wie sie alle heißen. Natürlich immer mit der Kneifzange – keiner will sich die drogenverherrlichenden Kleinkriminellen-Geschichten zu eigen machen. Ich fühle mich der Fraktion der Schreiberlinge zwar irgendwie verbunden, aber trotzdem passt es mir nicht, dass sie alle diesen Sido plötzlich hofieren. Egal, was er macht – er sorgt für Schlagzeilen. Sein „Arschficksong“ steigt in die deutschen Charts ein – und irgendwie steht die CD einfach so bei Saturn und dem Media Markt rum. Sido pöbelt bei der Wok WM – und alle sind von seiner direkten Art und seiner Berliner Schnauze hingerissen. Es ist ätzend – jeder redet über diesen Typen, der auch noch das letzte bisschen von dem zerstört, was ich mal an Rap gut fand…

Doch als ich meinen Ärger mit Kumpel HiFi Brown diskutieren will, winkt der wie eingangs erwähnt nur ab: „Wart’s mal ab, der hat das Zeug zum deutschen Eminem!“
– „Eminem? Vergiss es. Dieser Sido hat doch echt nichts Interessantes zu erzählen…“
– „Der hat total viel zu erzählen, auch wenn Dir seine Geschichten nicht gefallen. Das muss man alles nicht so ernst nehmen – ich find den einfach witzig. Außerdem ist die Musik ja wohl richtig gut produziert…“

Da ich von vielen anderen Freunden als eine Art „Sachverständiger“ in Sachen Deutschrap angesehen werde, drehen sich viele Gespräche immer wieder um Aggro Berlin und Sido. Ich wehre mich allerdings jedes Mal gegen diese Art von Rap – zumal plötzlich zahlreiche Epigonen die Musikszene überschwemmen. Da wird provoziert, wo es nur geht: Gewalt- und Drogenverherrlichung, Sexismus, Rassismus, Deutschtümelei, absurd-teure Autos als Statussymbole – und so richtig gut rappen können die meisten dieser Typen in meinen Ohren nicht. Ich dagegen höre lieber meine alten Deutschrap-Platten oder Eminem.

Doch wie heißt es so schön: Steter Tropfen höhlt den Stein. Eines Abends im Herbst 2005 – wir haben gerade wieder einen TV-Anschluss in unserer Wohnung – entdecke ich eine tägliche MTV-Sendung, bei der an jedem Vorabend Rap-Videos laufen – 50 Cent, Jay-Z, Eminem – und natürlich dieser ganze aggressive Berlin-Kram. Und als ich gerade abschalten will, flimmert dieser Song über die Mattscheibe:

Und was soll ich groß sagen? Damit hat er mich bekommen. Vielleicht hat Sido eine speziell auf mich ausgerichtete Zermürbe-Taktik gefahren. Oder vielleicht ist es sein Rap-Partner Harris, den ich noch von seinen Zeiten als eine Hälfte der Spezializtz locker kenne. Vielleicht ist der Sound auch einfach nur verdammt gut. Text und Video sind mal wieder so „naja“, doch jedenfalls bleibt der Track bei mir hängen.

Und als ich ihn am nächsten Abend wieder sehe, freue ich mich sogar schon ein wenig darüber. Soooo schlimm ist das Gezeigte ja auch alles nicht – die Kreuzigungs-Szene am Ende finde ich sogar richtig gut gefilmt. Nach ein paar Tagen bin ich neugierig geworden: Ich klicke mich durch mein neues iTunes-Konto und überlege lange, ob ich diesen Typen mit meinem Geld unterstützen soll. Okay, ich mache es – aber nur die 99 Cents für diesen einen Song. Weil er echt gut ist. Eine Woche später kaufe ich den Rest des Albums dazu und ein Jahr später freue ich mich bereits Wochen vorher auf Sidos zweites Soloalbum „Ich“.

Wer Sido heute – im Jahr 2015 – zum ersten Mal hört, kann sich sicherlich überhaupt nicht mehr vorstellen, inwieweit er mal zu einer Speerspitze gehörte. Seine Musik ist längst im Mainstream angekommen. Das heißt aber nicht, dass Sido ein glattgebügelter Musiker ist: Natürlich eckt er noch regelmäßig an, aber irgendwie habe ich mich längst an ihn gewöhnt. Natürlich mag ich nicht jeden seiner Songs, aber ob er nun mit Mark Forster und Adel Tawil oder eher Eko Fresh oder Dillon Cooper zusammen musiziert – er schafft mühelos den Spagat zwischen den Welten. Seinen semi-biografischen Kinofilm „Blutzbrüdaz“ fand ich absolut unterhaltsam und als er im Herbst 2013 auf seinem Allstar-Track „30-11-80“ nicht nur die übliche Gangsta-Rap-Elite von Bushido & Co., sondern auch Dr. Renz, Smudo und Moses Pelham versammelte, gab es in meiner Euphorie kaum ein Halten mehr.

Sido bleibt uns ganz sicher noch eine ganze Weile erhalten – so wie ein gewisser Marshall Mathers aus Detroit ja auch…

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe mir zu Sido noch keine abschließende Meinung gebildet. Dabei hatte ich eigentlich schon eine, seit ich ihn zum ersten Mal wahrgenommen habe. 

    Ich fand ihn schlichtweg scheiße. 

    Nicht nur wegen seiner Songs, seiner Sprache und seines Auftretens. Sondern auch weil ich ihn für die ganze Aggro-Berlin-Bewegung verantwortlich machte. Genau so, wie Puff Daddy dafür sorgte, dass ich mich 1996 vom US-Hiphop abwandte, war Sido dafür verantwortlich, dass ich mit Deutschrap abschloss. „Bushido, Fler, B-Tight  und wie sie alle heißen“ – die standen mir echt bis hier (etwas über der Halskrause, also). Es fiel mir schwer zu glauben, dass das, was die da machten, authentisch war. Für mich kamen die rüber wie Leute, die die US-amerikanischen Verhältnisse der beginnenden Neunzehnneunzigerjahre schlecht kopierten. Mit einer Großkotzigkeit, die angesichts des wachsenden Erfolgs noch unerträglich zunahm. Ich war bedient und wandte mich grundsätzlich vom deutschen Hiphop ab.

    Bei mir war es kein Video, das mich meine Haltung zu Sido hat noch einmal überdenken lassen, sondern ein Gespräch, das eine unerwartete Wendung nahm. Ich war beruflich bei der damaligen Pressesprecherin eines hiesigen Museums zu Gast. Es ging um irgendeine Kooperation zwischen ihrem und meinem Arbeitgeber und wir sondierten mal, wie weit wir jeweils mit dem Engagement unserer Institutionen gehen würden. Wir hatten diese Art Verhandlungen schon öfter geführt und ich hatte meine Gesprächspartnerin als eine kluge, gewiefte, sympathische und vor allem auch lebenserfahrene Person kennen- und schätzen gelernt. Als wir unseren Business-Talk beendet hatten, schwenkten wir in allgemeine Themen. Und irgendwie kamen wir auf Sido zu sprechen. Sie – gut dreißig Jahre älter als ich – fand den gut. Er hätte schließlich eine neue Ausdrucksform etabliert, die sich langsam durchsetzen würde. Und seine Texte seien – wenn man sie einfach nur lese – ja Gedichte, die den Alltag in seiner Lebensumgebung kraftvoll reflektierten. Ich war ein bisschen platt. Denn außer der im oberen Absatz mehr oder weniger pauschal formulierten Abneigung hatte ich ihren offenbar fundierten Ausführungen nicht viel entgegenzusetzen. 

    Ich ging zurück in mein Büro und dachte die ganze Zeit darüber nach, wer nun mit Sido falsch lag. Sie? Oder ich? Ich nahm mir vor, Sido ab jetzt noch einmal genauer zu beobachten. Und meine Meinung zu ihm zu überdenken. 

    Und genau in diesem Prozess bin ich Jahre später immer noch. 

    Ich fand es zum Beispiel gut, dass er diese Maske abgenommen hat. Und war andererseits ein wenig enttäuscht darüber, dass der Typ darunter so normal aussieht. Eigentlich sogar – sympathisch. Als er dann seinen Style mit großer Sonnenbrille und Bart entwickelte, fand ich den sogar ein wenig nachahmenswert. Und dann tauchte er auch noch in meinem Popuniversum auf: Mit „Bilder im Kopf“, „Liebe“ und „Au Revoir“ schaffte er es sogar auf CDs, die ich ohne Bedenken weit jüngeren Generationen vorspielen würde. 

    Andererseits fand ich diese Domestizierung ein bisschen schade. Meine Annahme: Offenbar reichen Erfolg, Geld und Auftritte im Fernsehen, um einen anfangs kantigen, widersprüchlichen und irgendwie ja auch rebellischen Typen handzahm zu machen. Erst große Klappe, und dann – zack: Teil des Establishments. Als Tiger gestartet, als Bettvorleger gelandet. Auch doof…

    Aber wir wissen ja, dass beide Rollen das Leben von Sido nicht voll umfänglich erfassen. Er macht coole Songs, und arbeitet dann mit Adel Tawil zusammen (für mich ein No-Go). Er macht in einer Castingshow mit und prügelt sich dann mit einem Moderator. Wie soll ich mir da eine abschließende Meinung bilden? 

    Aber vielleicht muss ich Sido einfach als das nehmen, was er offenbar ist: ein nicht kategorisierbarer Künstler, der sich in allen Welten offenbar wohlfühlt. Und sich für die Systematik, mit der ich meine täglichen Wahrnehmungen sortiere, gar nicht interessiert. Ich glaube, damit könnte ich leben.

  2. Pingback: 98/100: Wir träumen gemeinsam von besseren Tagen | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar zu Michael Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.