87/100: You Got The Love

Candi Staton/The Source/Florence & The Machine (1986/1996/2009)

Die Wege, die ein Song nehmen kann, sind manchmal sehr verwirrend. Zunächst unbeachtet, dann wieder ausgegraben, in neue Kontexte übertragen und von anderen Leuten gesungen. Was einen guten Song, einen wirklich guten Song ausmacht: Er berührt einen ungeachtet der jeweiligen Verpackung. „You Got The Love“ ist solch ein Song. Als ich ihn 1996 das erste Mal hörte, hatte ich keine Ahnung, was er bis dahin schon alles erlebt hatte. Und wer diese Frau war, die so großartig singt. Ich versuche die Evolution des Songs mal zu rekonstruieren – auch weil es mir die Möglichkeit gibt, noch ein paar andere großartige Künstler zu würdigen.

In den Jahren 1995 bis 1997 hörte ich sehr viel Radio. Als Auslieferer eines Fotogroßhandels war ich viel mit meinem Bulli unterwegs und brachte Fotopapier, Chemikalien und Kleinbildfilme in Geschäfte von Leer bis Marl. Und wenn ich für meinen Arbeitgeber nicht im Bulli unterwegs war, packte ich das Zeug im Lager für den Postversand an Kunden, die nicht auf meiner Route lagen. Sowohl im Bulli las auch im Packkeller lief eigentlich immer 1Live. Die Jugendwelle des WDR hatte sich gerade neu erfunden und wusste mir mit seiner Mischung aus Britpop, Pop, Dance und HipHop zu gefallen. Zuvor hatte der Sender auch mehr Indie im Programm, aber der war jetzt in die Abendstunden gerutscht. Fand ich aber nicht weiter schlimm. Für die Arbeit war das alles prima.

Auf einer meiner Bulli-Touren dieser Zeit hörte ich zum ersten Mal „You Got The Love“ – und zwar in dieser Version aus dem Jahr 1996.

Es war alles dabei, was ich brauchte, um einen Song gleich ins Herz zu schließen. Der Beat, der sehr gut in die Big-Beat-Begeisterung um The Prodigy und die Chemical Brothers passte. Die Streicher. Das Piano, das ein wenig an House erinnerte. Und dann natürlich der Gesang. Tolle Melodie, toll gesungen. Ich liebte „You Got The Love“ sofort. Machte mir aber keine große Mühe, weiter zu recherchieren. Damals war bei mir der Eindruck entstanden: Irgendein weitgehend anonymer Produzent hat mit Song und Sängerin einen Glücksgriff getan. Danke für den tollen Song – aber für eine Verehrung größeren Ausmaßes reichte das damals noch nicht aus.

Erst als über die Jahre immer weitere Versionen des Songs auftauchten, ich in Second-Hand-Läden verwirrend viele Veröffentlichungen des selben Titels fand und dann auch noch „Young Hearts Run Free“ hörte, fing ich an zu begreifen, dass „You Got The Love“ mehr zu bieten hatte. Und die Geschichte beginnt mit Candi Staton.

Candi Staton
Candi Staton war schon Sängerin, als ich noch gar nicht geboren war. Als ich anfing, Radiosendungen großflächig mitzuschneiden und mein Taschengeld für Platten auszugeben, hatte Staton sich schon wieder aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Angefangen hatte sie als Gospelsängerin, in den Neunzehnsiebzigerjahren nahm sie mit Erfolg auch einige Disco-Sachen auf. Mit Beginn der Neunzehnachtzigerjahre widmete sie sich wieder vermehrt dem Gospel, nahm 1986 dann aber noch den Song „You Got The Love“ auf – für eine Dokumentation über einen übergewichtigen Mann. In dieser Ursprungsversion klang der Song so:

Ich glaube, dass das kein Riesenhit war. „You Got The Love“ blieb also erst mal ein paar Jahre liegen, bis jemand auf der B-Seite der Maxi die Acapella-Version fand und eine gute Idee hatte.

Ich kann den Absatz über Candi Staton allerdings nicht abschließen, ohne ausdrücklich auf das großartige „Young Hearts Run Free“ hinzuweisen, das Du vielleicht aus dem Soundtrack von „Studio 54“ kennst. Und von der Kategorie hat Staton noch so einige aufgenommen… Aber zurück zu „You Got The Love“.

Jamie Principle & Frankie Knuckles
Erst vor kurzem jährte sich der Tod von Frankie Knuckles zum ersten Mal. Und wenn man sich so umschaut, ist die Trauer über den Verlust weiterhin groß. Knuckles hatte als DJ und Produzent die Entwicklung von House maßgeblich geprägt. Und er hat viele tolle Songs hinterlassen. Einer davon ist „Your Love“. Eigentlich stammt der von Jamie Principle, Knuckles nahm ihn aber – mit Principle zusammen – 1987 neu auf.

The Source
Wieder ein paar Jahre später mischte der DJ John Truelove (mit Unterstützung seines Kumpels DJ Eren) dann diesen Klassiker mit – Du ahnst es vielleicht schon – dem Acapella von „You Got The Love“ aus dem Jahr 1986 zusammen. Und das kam dann dabei raus:

Erschienen ist dieser Mash-Up im Jahre 1991 unter The Source feat. Candi Staton. Fünf Jahre später überarbeite Truelove seine Version noch einmal – und das war dann die Version, mit der ich zum ersten Mal auf „You Got The Love“ stieß. Truelove hat seitdem weitere Mixe des Songs produziert. Er war aber nicht der einzige, der mit „You Got The Love“ Erfolg hatte.

Florence & The Machine
Wenn man als neue Band sicher gehen will, dass ich sie größtmöglich ignorieren soll, dann helfen diese beiden Punkte: Man nimmt einen Bandnamen, der wie Alvin & The Chipmunks klingt, und nennt das Debüt „Lungs“. Schon klicke ich weg. Ich habe also lange gebraucht, um mich für Florence & The Machine zu begeistern. Der Umweg kam über zwei Club-Songs, bei denen ich mich gefragt hatte, wer die wohl singt. Der eine war ein Mashup von Maarcos „Blaze“ und einer tollen Stimme, die von einem „Sweet Nothing“ singt. Das andere war etwas, das sehr nach Calvin Harris klang. In beiden Fällen war die Antwort: Florence & The Machine. Und in beiden Fällen hatte Calvin Harris seine Finger mit im Spiel: „Sweet Nothing“ hat er gemeinsam mit Florence Welch aufgenommen, „Spectrum“ ist ein Remix den er für die Band produziert hat. Und weil mir beide Songs so gut gefielen, arbeitete ich mich zunächst in „Lungs“ und später auch „Ceremonials“ ein. Und was fand ich: eine Coverversion von „You Got The Love“.

You've Got the Love von
Florence + The Machine auf tape.tv.

Klasse. Und der erste von mittlerweile vielen Florence & The Machine-Songs, die ich wirklich großartig finde. Welch nahm später auch noch eine Version von „You Got The Love“ mit Dizzee Rascal auf:

Auch hier kriege ich Gänsehaut – selbst wenn das von Candi Statons Hintergrund und Originalversion Lichtjahre entfernt ist. Näher dran ist hingegen diese Version von Solitaire aus dem Jahr 2008, die ich erst vor kurzem mit Shazam bei H&M getaggt habe:

Kann man machen, finde ich.

Jetzt hast Du so viele Versionen dieses einen Songs gehört – welche gefällt Dir davon am besten? Und würdest Du zustimmen: Wenn es ein wirklich guter Song ist, dann funktioniert der auch in vielen Facetten?

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, da kann ich Dir nur zustimmen: Der Song hat in meinen Ohren in den meisten Versionen gut funktioniert. Die einzige, die ich nicht so prickelnd finde, ist leider die von Candi Stanton: Ich finde, ihr Song klingt aus heutiger wirklich etwas sperrig. 

    Wenn ich Candis Lied höre, sehe ich vor meinem geistigen Auge ihre musikalischen Zeitgenossen der 80er und denke an die großen Hits von stimmgewaltigen Ladies wie den Pointer Sisters. Ich kann gar nichts dagegen machen: Die Art zu singen, der Einsatz der Keyboards und die ganze Produktion ist für meinen Geschmack zu sehr dem damaligen Zeitgeist verschrieben – und in diesem Kontext nicht stark genug. Selbst wenn „You Got the Love“ auf dieser höchst berührenden Geschichte mit dem übergewichtigen Mann auf den Bahamas beruht. Sorry, I can’t help it – aber vielleicht ist der ausbleibende Erfolg ein Indikator dafür, dass es anderen Menschen auch so ging… 

    Jedenfalls gefallen mir anderen Versionen ausnahmslos gut – allen voran die von Frankie Nuckles. Danke fürs Bekanntmachen! Vor Deinem Text kannte ich selbstverständlich nur die Version von Florence + the Machine. Es kommt mir fast wie gestern vor, als ich den Song zum ersten Mal im Musikfernsehen hörte – dabei liegt das nun auch schon wieder fünfeinhalb Jahre zurück, wie ich gerade noch mal nachgelesen habe.

    Weil wir gerade was mit dem Kabelanschluss verändert hatten, lief in dieser Zeit gerade viel VIVA bei uns Zuhause und irgendwann donnerte diese stimmgewaltige Frau in mein Wohnzimmer. Sie faszinierte mich vom ersten Refrain an sofort, wobei ich das Gefühl hatte, hier einem Geheimtipp zu lauschen. Das änderte sich erst, als ich aus beruflichen Gründen ihren etwas sperrigen Bandnamen immer häufiger in Berichten über Award-Verleihungen las. Dabei merkte ich dann, wie „large“ sie eigentlich schon war.

    Dass es sich um eine Coverversion handelte, hätte ich allerdings nicht vermutet. Dafür klang mir ihr Soundgerüst viel zu unique – so kann man sich täuschen…

    Was Deine These betrifft – so kann man sie meines Erachtens auch gut umdrehen: Es ist ein Indikator für einen wirklich guten Song, wenn es so viele unterschiedliche Coverversionen von ihm gibt. Davon bin ich eigentlich überzeugt, selbst wenn ich mir mit meinem Urteil über Candi Stantons Version da vielleicht selbst widerspreche. 

    Aber von „You Got the Love“ mal abgesehen fallen mir zig Beispiele ein, wo ich das Cover ebenso genial, wie das Original fand. Als Kind der 80er und als HipHop-Fan habe ich in vielen Fällen zuerst einen Coversong kennengelernt und meist erst viel später herausgefunden, dass es dazu ein Original gab. Ich weiß noch genau, wie erstaunt ich war, als ich in der Schallplattensammlung meines Vaters eine Elvis-Scheibe herauskramte und stutzig wurde, dass der alte Mann einen Songtitel verwendet hatte, den ich bei den Pet Shop Boys rauf und runter gehört hatte: Ich spreche natürlich von „Always On My Mind“. Beide gut, auch wenn ich bis heute das Gesamtwerk von Neil Tennant mehr schätze, als das von Elvis…

    Ebenfalls erstaunlich fand ich es, als ich Jahre später Marilyn Mansons Version von „Tainted Love“ irgendwo auf MTV sah und mir eben noch stolz dachte, dass ich mit Soft Cells Hit wirklich aufgewachsen war und die Kids von heute den bestimmt nicht mehr kennen. Um dann von irgendeinem plappernden Moderatoren-Kleiderständer erzählt zu bekommen, dass das Original von einer gewissen Gloria Jones aus dem Jahr 1965 stammte. Da wurde ich dann doch ein wenig stiller und dachte, dass ich noch einiges in diesem Bereich zu lernen hatte…

    Dann gibt es natürlich noch die Songs aus der Liga von „All Along the Watchtower“: Auf Bob Dylan bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ich mal irgendwann stutzig wurde, nachdem ich kurz nacheinander über die Versionen von Bryan Ferry, Jimi Hendrix und Supertramp gestolpert war. Um dann Jahre später sehr stolz die zeitgemäß-frische Fassung von Devlin und Ed Sheeran zu feiern…

    Ein weiteres prominentes Beispiel ist natürlich unsere 6/100: „Hallelujah“ berührt mich komischerweise bis heute in fast allen Versionen stärker als in der von Leonard Cohen. Selbst in der Fassung eines norwegischen Allstar-Quartetts, das 2006 von dem skandinavischen „World Idol“-Gewinner Kurt Nilson angeführt wurde. Solche Castingshows haben natürlich viel kaputt gemacht, denn in aller Regelmäßigkeit verhunzen schlimme, uncharismatische Teilnehmer ganz große Pop- und Rock-Perlen. Aber bei Kurt Nilson hatte ich das Glück, ihn zwei Mal zu treffen – einmal kurz nach seinem Sieg im Jahr 2004 und dann noch einmal drei Jahre später in Oslo. Bei dem zweiten Treffen in einem geräumigen Studio wurde mir klar, mit wie viel Liebe und Respekt dieser Künstler den Originalen begegnete: Sei es Bruce Springsteen, sei es U2, sei es Don Henley oder eben Leonard Cohen. Bei jedem seiner Songs hatte ich das Gefühl, dass sich der Cover-Artist Kurt Nilson in die DNA des jeweiligen Liedes reingearbeitet hatte. Fortan legte ich meine – nicht besonders originelle – Ablehnung gegenüber den Castingshow Teilnehmern ein wenig ab.

    Als letztes Beispiel möchte ich gerne aber noch einen Song anführen, dessen Originalaufführung ich zwar nicht ganz aber fast noch miterlebt habe und dessen Coverversion ich ebenso hart gefeiert habe. Gleich zu Beginn meiner Pop-Sozialisation las ich irgendwann zwischen 1986 und 1987 etwas über Alphaville in der BRAVO. Von meinem älteren Stief-Cousin Kai ließ ich mir erklären, dass „Afternoons in Utopia“ keinen Vergleich mit der wichtigen Scheibe namens „Forever Young“ standhalten könne. Im Jahr 1988 stolperte ich dann auf einem Flohmarkt über genau dieses Album und war entzückt, dass sich der Verkäufer für nur drei Mark von dieser offenbar „wertvollen“ Schallplatte trennen wollte! Zuhause hörte ich das Album durch und verliebte mich gleich in „Big in Japan“. Keine Ahnung, was mich da genau mitriss – aber dieser Synthie-Pop durchmischt mit fernöstlichen Klang-Anleihen war einfach super – und ich konnte sehr gut auf die Nummer tanzen. „Big in Japan“ ist bis heute einer meiner Lieblings-Klassiker.

    Die Lyrics habe ich erst viel später kapiert: Angeblich prahlt ein Junkie vor einem anderen damit, dass er in Japan eine ganz große Nummer sei – was der andere natürlich nicht überprüfen kann. Ich habe „Big in Japan“ bis zu dieser Erkenntnis zwar auch gerne als geflügeltes Wort verwendet – aber irgendwie immer mit echtem Erfolg und positiv konnotiert. Jedenfalls bin ich immer noch ein wenig stolz darauf, dass dieses Lied in Deutschland komponiert wurde. Dass Michael Cretu für Sandra gleich 1984 eine deutsche Adaption arrangiert hatte, davon habe ich bis eben auch nichts geahnt… 

    Als dann aber die Guano Apes im April 2000 IHRE Version von „Big in Japan“ veröffentlichten, war ich total geflasht: Der Song knallt mal so richtig gut. Ja, ich weiß, dass Sandra Nasic und ihre Jungs auch damals schon in Hardcore-Crossover-Kreisen als nicht unumstritten waren. aber ich fand diese kleine Frau mit ihrer gewaltigen Stimme einfach nur hübsch und eindrucksvoll und talentiert. Und war zudem begeistert, wie sie einem meiner absoluten Lieblingslieder ein völlig neues Gewand verpasst hatte.

    Insofern kann ich mich nur wiederholen: Ja, Du hast vollkommen recht. Wenn es ein wirklich guter Song ist, funktioniert er in vielen Facetten!

  2. Pingback: Interlude: Songs can only get better | 100 Songs

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