Interlude: Genetikk

Mit Spannung wird das neue Album von Genetikk erwartet. Ihr neues Video ist der große Kunst-Wurf, den sie in zahlreichen Interviews angekündigt haben. Ein paar Gedanken dazu…

Ja ja, die Masken-Rapper aus Saarbrücken. Masken sind ja eigentlich seit Sido und Cro jetzt nicht mehr so unfassbar seltene Einfälle im deutschen Rap, aber bei Genetikk gehen sie irgendwie klar. Die Jungs haben in den letzten Jahren optisch immer wieder an ihrem Style gearbeitet und mit ihren bemalten Skelett-Sturmhauben seit einem Album ihre „Weapon of Choice“ gefunden.

Im Kontext von Genetikk würde ich sogar so weit gehen und den Einsatz ihrer Masken nicht nur als Abschirmung vor der Öffentlichkeit betrachten. Auch glaube ich nicht, dass sie sich dahinter verstecken, weil sie andere Rapper so hart dissen, dass sie sich nicht trauen, Gesicht zu zeigen. Bei Genetikk haben die Masken etwas mit Theatralik zu tun: In „König der Lügner“ kam noch Minstrel-artige Schminke zum Einsatz, die an karibische Voodoo-Priester erinnerte. Jetzt sind es eben die kunstvoll handbemalten „Hasskappen“, die man aus der autonomen Szene kennt. In „Caput Mundis“ gibt es dazu eine sehr schöne Szene, in der das Orakel bzw. die Gottheit das Gesicht aufmalt – quasi ein Entstehungsmoment.

Denn wie bei ihrem vorherigen Clip „Wünsch Dir was“ gehen Genetikk ihrem Bandnamen immer weiter auf den Grund. Mit Hilfe eines Salzburger Energie-Getränkeherstellers haben sie in einem Münchener Studio den ganz großen optischen Wurf inszeniert. Wo die beiden Maskenrapper sonst immer anonym-distanziert rüberkommen, wird diesmal die Unsicherheit und Verletzlichkeit der beiden spürbar. Alles in allem ein wunderbares Video, das ich nach 1 Minute sehen sofort in den ganz großen Kanon der Kunst aufnehmen möchte. Genetikk gehen also an die Wurzeln ihres Daseins, treffen mystische Figuren, gehen übers Wasser und finden sich am Ende auch irgendwie selbst.

Das alles kommt so perfekt inszeniert und atmosphärisch dicht eingefangen daher, dass die sechs Minuten rum sind, ohne dass man es merkt. Gleichzeitig liegt in diesem Kunst-Anspruch auch der einzige große Kritikpunkt, den ich habe.

Die Musik von Genetikk ist gut und angenehm konsumierbar, keine Frage. Sie ist jetzt aber nicht etwas komplett Neues, nie Dagewesenes. Wer sich mit der Soundgeschichte des internationalen HipHops auskennt, wird recht schnell die Inspirations- und Sound-Quellen finden. Die Reimschemata sind gut, aber wir haben es jetzt nicht mit dem deutschen Eminem zu tun. Es ist gut, aber eben nicht Rap-Olymp.

Nun ist es relativ normal, dass Rapper sich als die „Besten“ bezeichnen – der Größenwahn liegt in der Natur der Sache. Und macht in der richtigen Vortragsweise auch richtig Spaß. Was aber eher immer ein Geschmäckle hinterlässt, sind Rapper, die Kunst machen wollen und dabei keine Sekunde vergessen, eben das auch zu betonen. Genau das aber klingt bei Genetikk überall – sowohl in den Interviews als auch in den Lyrics selber – immer wieder mit durch.

Und das ist auch mein Hauptkritikpunkt: Mir kommt es so vor, als ob sich Genetikk für ihr musikalisches Genre schämen würden. Diesen Ansatz kenne ich noch aus Zeiten, in denen deutscher Rap ein Synonym für gewaltätige Unterschichts-Rapper war und die Musiker mit Abitur immer nur kleinlaut flüsterten, dass sie eben auch Rapper seien.

Doch im Jahr 2015 ist die Vielfalt der Ansätze von Deutschrap längst auch im Mainstream bekannt. Deutschrap ist längst nicht nur Gangster-Mucke von Bushido oder leichter Spaßrap à la Cro. Deutschrap ist im Jahr 2015 ein Gangsta-Straßenrapper wie Haftbefehl, der völlig neue Worte erfindet und damit die moderne Jugendsprache revolutioniert. Deutschrap sind innovative Künstler wie Denyo oder die Orsons, die mit ihren Soundgebilden international voll auf der Höhe sind und dabei so leichtfüßig mit der deutschen Sprache spielen, wie die großen Dichter der 1920er Jahre. Deutschrap ist auch endlich wieder linkspolitisch aktiver Zeckenrap von der Antilopen Gang, der klar Stellung bezieht, ohne dabei anstrengende Musik zu produzieren. Das alles und noch viel mehr.

Und deshalb ist es eben ein wenig rückwärts gewandt, wenn Genetikk Kunst machen, die sie auch immer noch als Kunst erklären wollen. Als ob man dadurch einen anderen Zugang zum Produkt bekäme… Ich sage deshalb: Alles super, aber ein klein wenig mehr auf dem Boden bleiben täte ihnen gut.

Having said that, soll es damit aber auch genug sein. Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf „Achter Tag“…

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