86/100: Supreme

Robbie Williams (2000)

Was soll man eigentlich zu einem Hit schreiben, der so oft im Radio gelaufen ist, dass ihn jeder sofort identifizieren und mitsummen kann? Über einen Künstler, der so lange so intensiv im Rampenlicht gestanden hat, dass sein Privatleben aus allen Ecken und Winkeln beleuchtet wurde. Nun, vielleicht die Geschichte, warum mir eben dieses Lied von ihm bis heute so viel bedeutet.

Es ist Dezember 2000. Zum ersten Mal seit drei Jahren ein Weihnachtsfest, das ich als Single verbringen werde. Klar gibt es die eine oder andere Affäre, aber das ist nicht das selbe. Weihnachten ohne feste Freundin fühlt sich fremd an. Wem soll man Geschenke machen? Wen zu Silvester um Mitternacht küssen? Mit wem gemeinsame Pläne für das neue Jahr schmieden? Und dann veröffentlicht Robbie Williams seine neue Single: ausgerechnet „Supreme“.


Robbie Williams – Supreme von Augenblicke

Natürlich kenne ich den Song bereits, denn sein Album „Sing When You’re Winning“ ist seit Sommer draußen. Doch der Single-Release führt dazu, dass die Nummer wirklich überall rauf und runter gespielt wird. Und je öfter ich diesen Track höre, desto intensiver bleiben die Textzeilenauch wirklich hängen:

„When there’s no love in town / This new century keeps bringing you down / All the places you have been / Trying to find a love supreme / A love supreme“

Ich spüre: Dieser Typ hat meinen Schmerz verstanden. Denn das Schlimme am Single-Dasein ist ja, dass um Dich herum plötzlich überall Paare stehen. Und das Schlimme am frisch-getrennt-Sein ist, dass das Glück anderer Menschen sich plötzlich so gemein für einen selbst anfühlt. Dadurch, dass man seine Gefühle nicht mehr mit seiner Partnerin teilen kann, rückt die Egozentrik in den Vordergrund: „Buhu, alle anderen sind glücklich und mich liebt niemand!“

Dass es aber sehr heilsam ist, erstmal eine Weile für mich zu sein, will ich einfach nicht kapieren. Auch die vielen plötzlich gewonnenen Vorteile des Single-Lebens wollen nicht so richtig vom Kopf ins Herz durchsickern: Denn ungebunden sein kann sehr viel Spaß bedeuten. Auf einmal ist da viel freie Zeit, über die ich kompromisslos bestimmen kann. Ganz ehrlich: Ich habe nie so viel auf die Reihe bekommen, wie in den Phasen, als ich Single war: Die Tage scheinen im Rückblick ewig lang gewesen zu sein.

Also stürze ich mich ins Studium, in meinen Job als Zeitungsschreiber, ins Party-Leben und schmiede Pläne für ein Auslandspraktikum. Vieles davon mache ich ja sonst nicht freiwillig: Wieso sollte ich auch freiwillig ein halbes Jahr fernab meiner Liebsten verbringen? Weshalb mit den Kumpels abstürzen und bei Sonnenaufgang auf allen Vieren nach Hause kommen, wenn man doch einen gemütlichen Abend zu zweit verbringen kann?

Weil es verdammt noch mal Spaß macht! Selbsterfüllung. Ausprobieren. Weiter kommen. Alleine klar kommen. Alles so Sachen, die ich in dieser Phase durchlebe.

Heiligabend feiere ich mit meiner Familie und verabschiede mich danach mit ein paar Kumpels auf eine verschneite Weihnachtsfete in Mitte. Das mit den Frauen läuft zwar nicht so gut an diesem Abend, aber wir tanzen noch sehr lange sehr ausgiebig. Silvester erlebe ich den schlimmsten Totalabsturz meines Lebens: Vom 1. Januar 2001 weiß ich fast nichts mehr. Ende Januar bestehe ich meine ersten Zwischenprüfungen mit den besten Ergebnissen meiner Studienzeit und steige drei Tage später in ein Flugzeug nach Jakarta. Meine Devise lautet: Einfach machen!

Natürlich habe ich Angst vor meiner eigenen Courage, aber ich zimmere mir einen modernen Schutzpanzer, indem ich zehn Lieblingsbücher, gute Anzüge und meinen Diskman voller Lieblingslieder einpacke. Diese Dinge sind mir wichtig – sie sind mein Korsett, mit denen ich den Abenteuern in Fernost begegnen will. Außerdem nehme ich mir vor, jeden Moment dieser Reise festzuhalten und schriftlich zu reflektieren. Nachdem ich die Zollkontrolle in Hongkong passiert habe, setze ich meine Kopfhörer auf, schalte Robbie Williams ein und beginne, ein Tagebuch zu schreiben.

Die Zeit in Indonesien ist wild und intensiv, trotzdem bin ich am Ende auch ein wenig froh, wieder zurück nach Deutschland zu fliegen. Es gibt so vieles, was mir gefehlt hat: meine Familie, meine Freunde, meine Sprache. Nicht aber die Musik. Robbie Williams hat mich die ganze Zeit über in der Ferne begleitet: Ich weiß nicht mehr, wie oft ich „Supreme“ in Karaoke-Bars gesungen habe.

Denn auch am anderen Ende der Welt ist Robbie from Stoke ein Superstar. In der Zwischenzeit hat „Let Love Be Your Energy“ bei MTV Singapur zwar „Supreme“ von der Heavy Rotation-Playliste verdrängt. Aber natürlich reicht der Song nicht ansatzweise an „Supreme“ heran. Robbie und ich fliegen wieder nach Hause. Vorher machen wir noch ein paar Tage Urlaub in Hongkong, wo ich mir in einem Geschäft zufällig den gleichen Duffer of St. George-Kapuzenpulli kaufe, den er zwei Monate später für einen kleinen Moment im Video zu „Road to Mandalay“ trägt. So gut kennen wir uns bereits.

Zurück in Deutschland mache ich da weiter, wo ich im Januar aufgehört habe: schreiben, studieren, Freunde treffen, feiern. Die große Liebe will ich natürlich immer noch finden, aber ich bin ein wenig lockerer geworden: Ich weiß inzwischen, dass ich gut mit mir alleine zurecht komme und dass das Single-Dasein keinem emotionalen Totalversagen gleich kommt.
Ich bin mir sicher: Wenn sie plötzlich da ist, werde ich sie nicht übersehen…

Und ein paar Monate später ist es dann auch so weit.

Wir mögen „Supreme“ übrigens beide – bis heute.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ach ja, Robbie Williams. Ich mag den ja irgendwie immer noch. Klar, in den vergangenen zehn Jahren war längst nicht alles super, was Williams veröffentlicht hat. Und immer noch weiß ich nicht, ob er jemals zu alter Form zurückfinden wird. Auf das süße „Candy“ folgt das armselige „Going Crazy“, darauf folgt das großartige „Go Gentle“ – im Rahmen einer weiteren Swing-Veröffentlichung, die niemand braucht. Verlässlich geht anders. 

    Dabei gab es sie doch: Die Zeit in der Robbie Williams alles richtig gemacht hat. In der er eine tolle Platte nach der anderen veröffentlicht hat. In der er mich bei einem schönen Urlaub begleitet hat. 

    Aber der Reihe nach. 

    Als Robbie bei Take That ausstieg, hatte ich gerade angefangen, die Band zu mögen. Ein Kollege an der Londoner Schule, an der ich 1994/1995 arbeitete, hatte sie mir näher gebracht. Auf den gemeinsamen Fahrten in seinem Auto hörten wir immer „Back For Good“. Zurück in Deutschland blieb mir nicht mehr viel Zeit mit Take That: Robbie stieg aus. „Diese Take That kommen zu ‚Wetten, dass‘“, hat mir meine Oma damals erzählt. „Und dann lösen sie sich auf.“  Kurze Zeit später waren Take That also Geschichte.

    Robbies erste Singles fand ich nur mittelmäßig. Es lag nahe, dass er „Freedom“ von George Michael coverte. Alles was dann folgte, haute mich aber nicht vom Hocker. Bis er „Angel“ veröffentlichte. Klar, eine Schnulze. Aber eine gute. Und die hielt sich im Radio, bis er seine zweite LP veröffentlichte. Ich hörte „I’ve Been Expecting You“ in der Damenabteilung bei H&M. Meine Frau und ich waren einkaufen und aus einem nicht nachvollziehbaren Grund lief dort die Platte von vorn bis hinten durch. Ich hörte also „Strong“, „No Regrets“, „Millennium“ und auch solche überraschenden Perlen wie „Grace“. Ich war beeindruckt vom popmusikalischen Spektrum das Williams hier bediente. Von den Texten. Dazu war er noch cool. In der Silvesternacht von 1999 auf 2000 spielte ich um 0 Uhr – natürlich – „Millennium“. Wie viel besser konnte es noch werden? 

    Ende 2000 zogen meine Frau und ich nach Köln. Neue Jobs für uns beide bedeuteten auch: Probezeit. Urlaubssperre. Als wir beide diese Phase hinter uns hatten, konnten wir Ende Juni, Anfang Juli 2001 endlich zu einem Kurzurlaub aufbrechen. Keine große Reise, möglichst mit dem Auto machbar, gerne Meer. Also: Nordsee. Es war nicht leicht, so spontan eine Unterkunft zu finden. Aber irgendwann saßen wir im Auto Richtung Norden. Wir hatten nicht viel Gepäck, aber mehrere Mix-CDs. Darauf vertreten: „Eternity“. Dieser Song, den Williams so mir nichts, Dir nichts als Non-Album-Track als Single veröffentlicht hatte. Mit einem tollen Video, das Sommer, Liebe und einen coolen Twist vereinte. Hammer. Musste also mit auf die Reise und lief die gesamten 400 Kilometer rauf zur Küste. Nichtstun, Meerblick, grüne Deiche – „Eternity“. Der Soundtrack des Sommers 2001. 

    Nur ein Jahr später ging es mit Robbie bergab. Aber dazu habe ich mich ja schon ausgelassen. Nichtsdestotrotz bin ich froh, dass Du mit Deinem Post noch einmal an die guten Zeiten von Robbie Williams erinnert hast. Und ich Gelegenheit hatte, die Geschichte zu erzählen, warum mir eines seiner Lieder von ihm bis heute so viel bedeutet.

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