85/100: Sky And Sand

Paul Kalkbrenner (2008)

Ich dachte eigentlich immer, dass ich eine ganz passable Allgemeinbildung habe. Und dass ich insbesondere im Bereich Popkultur verhältnismäßig gut Bescheid weiß. Aber dann fragt Günter Jauch: „Mit ‚Sky And Sand‘ 108 Wochen in den deutschen Single-Charts – und damit neue Rekordhalter – sind seit Mai die Brüder …? A: Grimm B: Kalkbrenner C: Karamasow D: Ludolf“. Ich schaue fassungslos auf die Frage. Kalkbrenner – hatte ich schon mal gehört. Aber was soll das für ein erfolgreicher Song sein, wenn ich noch nie davon gehört habe? Ich schaue Günter Jauch ratlos in die Augen und muss mir eingestehen: Ich habe nicht die blasseste Ahnung… Und dabei ist das erst die 8.000-Euro-Frage.

Zum Glück sitze ich nicht auf dem Stuhl gegenüber des „Wer wird Millionär“-Moderators, sondern Zuhause auf dem Sofa. Und sehe dabei zu, wie Sylvie van der Vaart und Daniel Hartwich bei Jauch die Antwort parat haben. Ich hingegen muss völlig aufgescheucht Google bemühen, um die gerade entdeckte Bildungslücke zu schließen.

Als erstes Suchergebnis wird mir das Youtube-Video angezeigt, das ich gleich anklicke.

Das Percussion-Intro gefällt mir sofort. Ich mag diesen Sound, der an eine alte analoge Drummachine von Roland angelehnt ist (vielleicht ist sie es sogar, da mag ich mich bei den eingesetzten Effekten nicht ganz genau festlegen). Dann die freundlichen Akkorde und auf einmal diese sehr soulige Stimme. Mit der hatte ich nun gar nicht gerechnet. Während der Song sich weiter aufbaut, bleibe ich an der Stimme hängen. Ich bin überrascht, dass jemand mit dem Namen Kalkbrenner so warm und so berührend über so einen Elektro-Song singen kann. Ganz wunderbar.

Als nächstes lese ich eine paar Sachen über den Film und stelle fest, dass Herr Kalkbrenner offenbar auch noch schauspielert. Dass er in „Berlin Calling“ einen DJ spielt, der sich zu nah an die Sonne wagt (um mal die Metaphorik des von Kalkbrenner gespielten Charakters „Ikarus“ zu strapazieren). Ach, und Platten gibt es von Paul Kalkbrenner auch noch. So viel also zum Thema gute Allgemeinbildung und Popkulturexpertise…

Aber da kann man ja zum Glück was gegen tun. Ich bestelle also gleich den Film aus der Stadtbibliothek und lade „Sky And Sand“ aus einem Onlineshop runter. Ein paar Tage später stelle ich fest: Der Film ist gut, aber aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen schaffe ich es in der zehnwerktägigen Ausleihzeit nicht mal, ihn bis zu Ende zu gucken. Und der Song bleibt anschließend weitgehend unberührt auf meiner Festplatte.

Bis Susanne sich ein Jahr später meldet. Sie wird 40 und möchte, dass ich Musik für ihre Feier mitbringe. Wir sprechen über ihre musikalischen Vorstellungen, die von „Dirty Dancing“ über Green Day bis Milky Chance reichen. „Es kommen auch ein paar Freunde meines Mannes aus Berlin, die mögen eher so elektronische Sachen. So was wie ‚Sky And Sand‘ finden die bestimmt gut.“ Also packe ich den Song mit auf die Playlist. Und als der Abend richtig rund läuft und alle schon zu „Stronger“, „(I’ve had) The Time Of Life“ und „I Gotta Feeling“ abgegangen sind, lege ich Paul Kalkbrenner auf. Die ersten Töne des Intros setzen ein – und zwei Drittel der Gäste rennen auf die Tanzfläche. Bei dieser Lautstärke gefällt mir das Percussion-Intro noch viel besser. Die freundlichen Akkorde und der Bass klingen toll. Dann diese sehr soulige Stimme. Und die vielen glücklichen Gesichter in den wechselnden Farben meiner neu angeschafften Discokugel. Gänsehaut – damit hatte ich nun gar nicht gerechnet.

Seitdem ist „Sky And Sand“ aus meinen Playlisten nicht mehr wegzudenken. Ich nehme es Paul Kalkbrenner nicht mal übel, als ich den Song in einem RWE-Werbespot wiederhöre. Ausgerechnet ein Energiekonzern… Aber ich spiele den Song gern weiter, für mich ist er immer ein Highlight im Verlauf einer Party.

Irgendwann höre ich bei solch einer Gelegenheit ein wenig auf den Text und schnappe eine Zeile auf – „this worrying never ends“. Das macht mich ein wenig stutzig. Und beschäftigt mich dermaßen, dass ich nach Jahren des Gutfindens und Auflegens endlich auch mal schaue, um was es bei „Sky And Sand“ eigentlich geht. Dabei stelle ich drei Dinge fest: Ich habe den Text falsch verstanden. Zweitens: Paul Kalkbrenner singt gar nicht. Es ist stattdessen sein Bruder, der mich mit seiner Stimme so berührt hat. Fritz macht sogar selber Platten. Und tolle dazu. War mir nicht bekannt. So viel also zum Thema gute Allgemeinbildung und Popkulturexpertise…

Und die dritte Sache, die ich lerne: Der Songtext ist wunderschön. Er beschreibt ganz wunderbar, wie es ist, wenn man ein Talent hat, das sich nicht innerhalb gewöhnlicher Bürozeiten einsetzen lässt. Wie es ist, wenn man nicht im selben Takt mit den Menschen schlägt, die um einen herum sind. Wie es ist, wenn man trotz dieser Eigenart geliebt wird.

Wow.

Und all das zusammengehalten von meinem Lieblingspercussion-Sound. Den freundlichen Akkorden. Und der tollen Stimme.

Hätte ich vermutlich alles gar nicht erlebt, wenn Günter Jauch mir nicht meine Grenzen aufgezeigt hat. So hatte die Lektion in Allgemeinbildung und Popkulturexpertise ja wenigstens noch ein gutes Ende.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Oh, ich verstehe Dich ja sooo gut!

    Und ich brauche diesmal nicht mal einen anderen Song für ein paralleles Erlebnis herauskramen. Genau so wie Dir ging es mir mit „Sky and Sand“. Mit dem kleinen Unterschied, dass ich Dir erst die Kenntnis dieses Songs verdanke. Das heißt, ich war noch mal viel später dran und habe das mit den 108 Wochen erst sehr viel später gelesen. Und außerdem muss ich Dir hier noch einmal danken: Du hast mich mit „Sky and Sand“ vor einer großen Verlegenheit bewahrt.

    Die Kalkbrenners also.

    Der Witz ist, dass ich diesen markanten Nachnamen erstmals in einem total anderen Kontext gehört habe. Also mehr so: immer mal wieder wahrgenommen, ohne ein Gesicht damit zu verbinden. Denn die Mutter der beiden Elektro-Frickler arbeitet seit langem bei meinem langjährigen öffentlich-rechtlichen Auftraggeber in der Kulturredaktion. In irgendwelchen Konferenzen fiel also immer mal wieder der Name Kalkbrenner, ohne dass ich aber jemals ein Gesicht dazu gesehen hätte.

    Dann kam 2008 „Berlin Calling“ ins Kino und wurde natürlich überall in den Medien breit besprochen: Der DJ, der irgendwie sein Alter Ego spielt. Einen verdrogten Techno-Typen, der nicht aufhören kann, zu feiern. Obwohl ich mir fast alle Musikdokus und Filme mit Pop-Subkulturen gerne ansehe, muss ich sagen, dass ich diesen nur allzu gerne ausgelassen habe.

    Das dort geschilderte Milieu interessierte mich nicht die Bohne. Ich habe seit Mitte der 90er Jahre immer mal wieder die angesagten Clubs für elektronische Musik besucht. Aber selten war der Impuls für mich groß genug, irgendwo regelmäßig hinzugehen. Das hatte zum Einen immer etwas damit zu tun, dass mich Techno und House nie so richtig kicken konnten. Und zum Anderen, dass mir diese aufgeputschte Feier-Bohème immer viel zu suspekt war. 12-Stunden-Nonstop-Dancing oder gar „3 Tage wach“ – nichts für mich.

    Also ließ ich „Berlin Calling“ an mir vorbei ziehen und dachte auch nicht weiter darüber nach, dass eine mir persönlich unbekannte Kollegin einen prominenten Sohn namens Paul hatte.

    Dann kam 2013 diese Woche, in der ich zwei Mal innerhalb von fünf Tagen auflegen sollte. Den ersten Gig bespielten wir ja zu zweit in Bremen, wo ich wieder viel darüber lernen konnte, wie sehr sich der Hauptstadt-Geschmack von dem in „normalen“ Großstädten unterscheidet. Ich habe Dir das vielleicht so nie gesagt, aber ich habe Dich dafür bewundert, wie souverän Du ALLE Musikwünsche erfüllen konntest. Als die Party nach einer Stunde plötzlich zur 80ies-Motto-Party erklärt wurde, war mein entsprechendes Repertoire einigermaßen übersichtlich. Im Gegensatz zu Deinem. Und als dann irgendwann House gewünscht wurde, konntest Du natürlich auch souverän punkten.

    Das gab mir ein wenig zu denken und ich bekam im Laufe des Abends immer mehr Respekt vor dem zweiten Gig, den ich in Berlin unter anderem vor einem Haufen von Kollegen spielen sollte. Der genaue Anlass gehört jetzt nicht hierher. Aber ich kann sagen, dass es um einen sehr umstrittenen und sehr kurzfristig anberaumten Abschied ging. Weshalb jede Menge ranghohe Tiere an jenem Abend vertreten waren. Und ich fürchtete mich plötzlich, den sehr unterschiedlichen Erwartungen nicht gerecht zu werden… 

    Und als ich Dir von meinem Dilemma erzählte, hast Du mir einfach eine CD mit mehr als 200 Tracks und guten Wünschen in die Hand gedrückt. Das hat mich gerettet.

    Denn der zweite Abend wurde echt unangenehm: Die Stimmung war schwierig und das Publikum so heterogen, wie sich das niemand wünschen kann. Es gab kaum einen gemeinsamen Nenner. Selten tanzten mehr als zehn bis 15 Menschen gleichzeitig. An diesem Abend wurden sehr viele Genres gewünscht, die ich ohne Deine Rettungs-CD niemals hätte erfüllen können. Weil sie meinen persönlichen Geschmack nicht ansatzweise treffen und ich sowas eigentlich nie auf der Festplatte haben wollte. Nun aber doch.

    Und als die Stimmung nach vier Stunden – dank vieler Freidrinks – doch plötzlich in Richtung Feierlaune ging, kam eine sehr einflussreiche Kollegin auf mich zu, der ich allerdings keinerlei Pop-Kompetenz zuschreiben würde, und wünschte sich: „Sky and Sand“. Und ich war sehr froh, dass ich die Nummer nun souverän raussuchen und spielen konnte. Und erlebte dann genau Deinen Moment: Alle, wirklich alle, strömten auf die Tanzfläche und waren wie hypnotisiert. Vielleicht, weil der Song von den Söhnen einer Kollegin stammte oder weil sie einfach gerne Techno hörten. Keine Ahnung – der DJ jenes Moments hörte den Song gerade selber zum vielleicht dritten oder vierten Mal.

    Das hat mir zu denken gegeben.

    Aber ein Gutes hatte es: Als ich ein Jahr später den anderen Kalkbrenner-Sohn zum Interview treffen sollte, kannte ich mal zumindest 1 Song, in dem er mitgewirkt hatte. Inzwischen sind es ein paar mehr geworden 🙂

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