Interlude: Genetikk

Bei diesem Song musste ich erstmal googeln, wie lange das Original eigentlich schon zurück liegt:

Die Toten Hosen haben „Wünsch Dir was“ tatsächlich 1993 veröffentlicht – meine Güte ist das lange her… Andererseits gehört der Song sicherlich zu den Top 5-Ohrwürmern der Düsseldorfer Punkrocker. Ich muss aber gleich nachschieben, dass ich das nicht im positiven Sinne meine. Von den Toten Hosen gibt es in ihrem Gesamtwerk wirklich wenig Songs, die mich nach Erreichen des 16. Lebensjahres noch irgendwie begeistern konnten – und „Wünsch Dir was“ gehört ganz sich nicht mit dazu.

Genetikk nehmen also dieses Stück Musik und machen aus Punk Rap. Dass beides Genres durch ihre DIY-Ideale und ihre irgendwie snobistische Verweigerungshaltung artverwandt sind, hatten wir ja schon mal angerissen. Trotzdem ist es für mich ein erstaunlicher Bogen, der da von Düsseldorf nach Saarbrücken gespannt wurde. Dass Eine ist Radiomusik, das Andere ist immer noch ein Stückchen Underground-Gegenkultur.

Genetikk haben wir hier im Blog bislang nur mal so kurz gestreift – im Gegensatz zu mir hast Du sie ja schon mal live gesehen. Was mir an diesem Song so gut gefällt: Er ist durchdacht und bietet vierlei Anknüpfungspunkte und Verständnis-Ebenen. Und das Video hat noch mal eine völlig eigene Message mit unterschiedlichen Referenzpunkten und Querverweisen, die zum Denken anregen. Ob man sich nun von Vertretern einer der konsumistischsten Jugendbewegungen überhaupt Konsumverweigerung predigen lassen will, darf dann natürlich jeder Zuschauer noch selber entscheiden. Ich zumindest habe da in unserem multiparadoxen Zeitalter längst keine Probleme mehr mit.

Genetikk machen auch Spaß, weil die realen Menschen hinter den Masken so wenig von sich preis geben. Inzwischen haben die beiden Maskenrapper ein ganzes Kollektiv hinter sich versammelt und in Saarbrücken nach dem Vorbild von Andy Warhol ihre Vision der „Factory“ aus dem Boden gestampft. Der Kreativ-Clan sorgt für ein stimmiges Gesamtpaket: Neben seiner eigensinnigen Musik steht Genetikk inzwischen eben auch für coole Videos mit Art-Appeal, frische Fotos und die extrem detailreiche Streetwear-Kolletion „Hi Kids“. Alles passt gut zusammen – Straße, Hipster, Kunst, Mystik.

Mit Selfmade Records haben sie außerdem ein Indie-Label im Rücken, dass mit Künstlern wie Kollegah, Favorite und den 257ers in den letzten Jahren ein gutes Gespür für die kommerziell erfolgreiche Vermarktung auch von abseitigen Rap-Themen bewiesen hat. So gestählt veröffentlichen Genetikk am 8. Mai ihr viertes Album mit dem Namen „Achter Tag“. Ich habe gerade nicht alle geplanten VÖs jener Woche auf dem Schirm, aber wenn nicht einer der ganz großen Format-Popper zeitgleich releast, dann werden sie vermutlich recht weit oben in den Charts einschlagen.

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