84/100: Juicy

The Notorious B.I.G. (1994)

Vielleicht wird Dich das ja überraschen, aber ich habe mich nie so richtig als großer Kenner von US-Rap verstanden. Und trotzdem liebe ich vor allem den Sound des Golden Age – für mich waren das die Jahre zwischen 1994 und 1996.

But first, let’s talk about Popkultur. Ich glaube, heute hat jeder von uns eine Grundvorstellung davon, was wir unter diesem Begriff verstehen. Popkultur ist heute – im Jahr 2015 – längst salonfähig geworden. Die neue Drake- oder Bilderbuch-Platte wird nahezu ausnahmslos in den Feuilleton-Sektionen „ernsthafter“ Printmedien auf Augenhöhe mit einer aktuellen Inszenierung des „Rings“ oder den „Physikern“ verhandelt. Für Pop muss sich keiner mehr schämen. Es ist immer weniger ein Synonym für U-Musik als Gegenstück zur E-Musik. Im Gegenteil: durch den Beisatz „Kultur“ ist Pop längst in der Top-Domäne der menschlichen Leistungen fest verankert.

Und das ist auch gut so.

Denn ich ziehe sehr viel Kraft aus der Popkultur. Unter anderem auch die Energie, an dieser Stelle Woche für Woche – mit kleinen Ausnahmen – Texte zu veröffentlichen, die vor allem mir selber klar machen, wie bedeutsam bestimmte Lieder für manche Phasen meines Lebens waren. Andere Songs waren vielleicht nicht unbedingt wegweisend. Dennoch sind sie nicht minder wichtig, weil sie sich im Nachhinein als Wegmarker bestimmter Momente meiner Vita erweisen.

Doch es ist mitnichten nur die Musik, die für mich den Pop ausmacht: Irgendwann in den letzten 20 Jahren ist mir aufgegangen, wie alles mit allem zusammenhängt. Frei nach Nick Hornbys „High Fidelity“: Was zählt, um einen Menschen zu charakterisieren, sind Bücher, Filme und Platten. Bis zu einem bestimmten Grad würde ich Hornbys grummeligen Protagonisten Rob immer wieder recht geben.

So verbrachte ich die zurückliegenden Osterferien unter anderem mit der Lektüre des Debütromans „Hier bin ich“ des Jungschriftstellers Victor Witte. Ein kurzweiliger 200-Seiter, der sich wirkungsvoller Erzähl-Elemente wie dem Angry Young Man bedient. Der Roman spielt in der Gegenwart und ich gestehe, dass ich solche Bücher immer ganz gerne lese – auch um einen Eindruck davon zu bekommen, was die Jugend wohl gerade so umtreibt. In diesem Fall spielte das Buch in meiner unmittelbaren Nachbarschaft im Berliner Südwesten, auch wenn die genaue Verortung unkenntlich gemacht wurde. Aber zwei Dinge blieben bei mir hängen: Zum Einen hatte der Autor für die erzählte Zeit einen kurzen Ausschnitt der Abiturprüfung gewählt. Zum Anderen faszinierte es mich zu sehen, wie bei seinen Figuren immer noch eine klare Ausrichtung auf die USA zu spüren war – sei es nun die omnipräsente Rapmusik oder die Verwendung von englischen Sprachfloskeln. Viele Bilder erinnerten mich an meine eigene Abizeit, die ich ansonsten ein wenig verdrängt hatte.

Dann stieß ich zufällig auf die Comedy-Serie „Fresh Off the Boat“, in der ein elfjähriger Junge mit seiner Familie von Washington nach Orlando zieht. Aufgrund seiner taiwanesischen Wurzeln findet er sich in der Schule und Nachbarschaft plötzlich als Minorität wieder. Um sich in der sonst weißen Einheitsgesellschaft à la „Desperate Housewives“ zurecht zu finden, sucht er immer wieder Zuflucht in seinen Rap-CDs. Ach ja, man sollte vielleicht noch sagen, dass die Serie im Jahr 1995 spielt, womit wir auch schon beim Song dieser Woche angekommen wären.

Notorious B.I.G. – Juicy from Golden Era Videos on Vimeo.

Als sich Notorious B.I.G. in den HipHop-Olymp rappte, hatte ich gerade mein Abi hinter mir und war musikalisch total auf dem Deutschrap-Film hängen geblieben. Deutschrap galt unter HipHoppern damals aus mehreren Gründen als Unwort: So eine Genre-Schublade bedeutete ja zugleich künstlerische Grenzen, die es mit der Gegenkultur HipHop ja eigentlich zu sprengen galt. Das munter-fröhliche Samplen von Sound-Elementen aller Art war schließlich gelebter Eklektizismus – wenn auch zumeist unbewusst. Dazu kam dann noch die politische Stimmung im Lande: Während immer wieder Asylbewerber-Heime angezündet wurden galt Deutsch sein für die meisten Vertreter der Rap-Szene schlicht als „bäh“. Stolz auf ihre nationale Herkunft waren damals höchstens ein paar CSU-Politiker und natürlich die unverbesserlichen Nazi-Brandstifter. Aber trotzdem setzte sich der Begriff Deutschrap bald – ohne die negativen Konnotationen – bundesweit durch. Denn schließlich war es eben genau das, was die Künstler zwischen Bremen, Braunschweig, Köln und Heidelberg einte: Sie machten Rapmusik auf deutsch.

Damals wie heute blicke ich in zweifelnde Gesichter, wenn ich diese Zeit als Inititalzündung für meine Affinität zu deutschem Rap erwähne. Musikkritiker strafen die Jahre zwischen 1993 und 1996 gerne mit Miss- oder gar Verachtung. Ich kenne alle Vorurteile: die Reime zu wackelig, die Beats zu dünn, der Flow zu unerfahren und die Protagonisten zu wenig „Straße“. Mir egal. Ich habe das damals gefeiert und höre mir viele Platten dieser Zeit immer noch gerne an.

Denn damals wurde ich zum „Digger“ von Neuerscheinungen dieses noch jungen Genres: Ich hatte gut damit zu tun, mir bei City Music und WOM die meist sehr rar gestreuten Veröffentlichungen deutscher Rap-Artists zu besorgen. Zuhause arbeitete ich mich akribisch durch obskure, meist in schwarz-weiß gedruckte Newsletter von Kleinst-Plattenfirmen wie MZEE, Blitz Vinyl und Rap Nation Records. Viel Zeit ging drauf, wenn ich Booklets studierte, um Querverbindungen des jungen HipHop-Netzwerks aufzudecken und damit neue Künstler zu finden. Denn mein Hunger nach zeitgemäßer deutscher Reimkunst war nicht zu stillen.

Mit meiner Passion war ich ziemlich allein. Traf ich auf Konzerten oder in Plattenläden andere Rap-Fans, so unterhielten die sich vor allem über die neuesten Scheiben aus New York und L.A. Eine ähnliche Arroganz begegnete mir erstaunlicherweise bei den deutschen Künstlern selbst: Ausnahmslos alle, die ich als Reporter des Rap-Fanzines MK Zwo interviewte, erklärten mir, dass sie kaum andere deutsche Rapper außer ihren Freunden hörten. Als musikalische Vorbilder taugten nur Künstler von der anderen Seite des großen Teichs. Vielleicht noch ein paar Franzosen, aber das war eher selten.

Diese grassierende Deutschrap-Antipathie konnte mich aber nicht entmutigen. Im Gegenteil: Ich wurde nicht müde, meine Freunde von den intellektuellen Qualitäten von Advanced Chemistry oder DCS zu überzeugen, genauso wie vom Hamburger Humor von Fischmob, Fettes Brot oder Der Tobi und das Bo. Dabei fühlte ich mich immer mehr als Teil einer Kultur, die durch Graffiti und Breakdance ebenso vertreten wurde wie durch die neueste Streetwear-Marke aus New York oder den coolsten Gangsta-Film aus Hollywood. HipHop und ich wuchsen immer mehr zusammen. Wenn ich feiern ging, dann nur noch auf Partys, auf denen die Jungs weite Hosen und bunte Sweatshirts mit großen Buchstaben trugen und die Mädels wussten, wie man sich richtig zu einem 90 BPM-Song bewegte. Und so schloß ich so ganz nebenbei Mobb Deep, NAS, Masta Ace, Dr. Dre, Ol‘ Dirty Bastard, Gang Starr und natürlich Biggie Smalls tief in mein Herz.

Auch wenn die Verbindung zwischenzeitlich mal abgerissen hat, so sind wir heute wieder down miteinander. Oder wie es Christopher Wallace aka The Notorious B.I.G. in „Juicy“ gesagt hat: „Spread love, its the Brooklyn way!“

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  1. Ich habe Notorious B.I.G. über Jahre Unrecht getan. Und das hat viele Gründe.

    Ich fange mal bei mir an. Als ich Biggie das erste Mal hörte, war ich mit Hiphop eigentlich schon seit Jahren durch. 1990 kam ich im Fiz Oblon mit Public Enemy in Berührung. Deren Alben „Welcome To The Terrordome“ und  „Apocalypse 91… The Enemy Strikes Black“ fand ich großartig. Mit ihren überdrehten Sample-Collagen, dem wütenden Chuck D und dem durchgeknallten Flavor Flav pusteten sie mich einfach weg. Ich trug Baseball-Caps und Anstecknadeln mit deren Logo. Ich machte groteske Bewegungen auf Tanzflächen und suchte nach weiterer Musik dieser Art. Ich fand N.W.A., Hijack, Overlord X, House Of Pain, Consolidated und MC 900ft. Jesus. Ich hörte mich kreuz und quer über Bundesstaat-, Länder- und Küstengrenzen hinweg. Ich fuhr zu U2-Konzerten, weil die Stereo MCs dort spielten. Ich blieb nachts auf, um auf MTV Da Lench Mob, Ice-T und Ice Cube zu sehen.

    Mit der Zeit aber ließ meine Begeisterung nach. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass die Rapper, die ich hörte, sich immer mehr mit sich selbst beschäftigten. Und mit ihren „Feinden“, denen sie versuchten eins reinzuwürgen. Ich weiß: Das hat Gründe. Aber aus der Ferne fühlten sich Beefs, Disstracks und Großmäuler für einen Studenten in der norddeutschen Provinz immer belangloser an. Ich suchte mein Glück in anderen Spielarten – wie Arrested Development und den Digable Planets. 1994 ging ich nach London, wo mein Musikgeschmack noch einmal neu sortiert wurde. Hiphop spielte da nur noch eine Rolle, wenn er Samples lieferte für The Prodigy oder The Chemical Brothers.

    Und dann sah ich Notorious B.I.G.. Auf dem selben Sofa sitzend, auf dem ich mir fünf Jahre zuvor noch die Nächte für „We Had to Tear this Muthafucka Up“ um die Ohren geschlagen habe. Aber statt wütender Männer, die mir von Rodney King erzählten, waren da diese beiden Typen auf der Jacht. Statt politischer Symbole wurde Dekadenz zur Schau gestellt. Und dann fahren die auch noch ewig lang rückwärts mit einem Auto vor irgendwelchen Typen weg. Sorry, aber das hatte mit dem Hiphop, den ich über Jahre liebte, so gar nichts mehr zu tun. Die Heavy Rotation auf MTV und Viva half auch nicht, mich umzustimmen. Im Gegenteil. Notorious B.I.G. und Puff Daddy gingen mir mit ihrem Protz total auf den Geist. Und nervten dann noch mit doofen Tanzszenen. (Allein Mase wusste mir zu gefallen mit seiner Unaufgeregtheit.)

    Dann wurde Notorious B.I.G. erschossen. So wie Tupac vor ihm. Ich hatte keine wirkliche Meinung dazu. Ich konnte aus den oben beschriebenen Gründen mit keinem von beiden etwas anfangen. Dann sollte es eben so sein. Und als das unerträgliche „I’ll be missing you“ dann endlich aus dem Radio und dem TV verschwunden war, gab es ja auch keinen Grund mehr sich aufzuregen.

    Mit ein paar Jahren Abstand – und Deinen Erläuterungen – sehe ich das alles natürlich etwas anders. Und beginne ein bisschen, das Erbe von Notorious B.I.G.und auch Tupac Shakur zu begreifen. „Juicy“ zum Beispiel ist ein toller Song. Ich, der ich ja erst mit „Hypnotize“ bei Notorious B.I.G. eingesteigen bin, kannte ihn nicht. Und war gleich begeistert. Von der Entspanntheit. Von der Stimmung. Der Geschichte. Gut: Poolszenen gehen mir weiterhin auf den Geist. Aber über Hiphop-Klischees habe ich mich ja schon an anderer Stelle ausgelassen. Was bleibt: Ein willkommener Reminder, dass es sich immer noch lohnt,  bei älterem – wie auch jüngerem Hiphop – etwas unvoreingenommener ranzugehen. Denn da sind ganz offensichtlich noch so ein paar Perlen, die ich bislang verschmäht habe.

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