83/100: Right Here, Right Now

Fatboy Slim (1998)

einladung_righthererightnowEigentlich war diese Hochzeitsfeier eher ein Pflichttermin für mich. Die beste Freundin meiner Frau heiratete, da konnte ich nicht wegbleiben. Selbst wenn ich mit vielen aus der Clique auch nach mehreren Jahren noch nicht ganz warm geworden war. Selbst wenn die Vorbereitungen manchmal etwas krampfhaft verlaufen waren. Andererseits war ich guter Dinge. Am Tag zuvor hatte ich meine mündliche Examensprüfung in Englisch mit einer eins abgeschlossen. Das Wetter war großartig. Also tat ich etwas für mich eher Untypisches: Ich nahm mir vor, das Beste aus dem Abend zu machen. Und ging gut gelaunt mit meiner Frau auf die Feier.

Das Fest hatte noch gar nicht richtig begonnen, da war die Braut verschwitzt und einem Tobsuchtsanfall nahe. Irgendeiner lokalen Tradition gehorchend, hatten wir Freunde des Paares einen Baumstamm vor den Eingang des Hochzeitsaals aufgebockt. Das Paar musste sich den Zugang zur Feier also erstmal ersägen. Vielleicht war die Säge stumpf. Oder die beiden fanden einfach nicht den richtigen Rhythmus. Oder es einfach zu warm war. Jedenfalls war schnell an Blick und Bemerkungen der Braut zu merken: Die Stimmung kippt. Wir ließen darum Gnade vor Recht ergehen und gewährten dem Paar den Einlass in den Saal.

Dort wartete schon die „Band“ auf die Hochzeitsgesellschaft: zwei etwa 70-jährige Männer. Einer saß auf einem Schemel und spielte Akkordeon, der andere hockte hinter einem ein Schlagzeug, das kaum größer war als diese Spielzeug-Kits, die man Dreijährigen schenkt. Beide sangen abwechselnd deutsche Schlager wie „Caprifischer“. Mir war schleierhaft, wie damit eine Hochzeitsfeier über mehrere Stunden befeuert werden sollte. Aber: Ich wollte ja das beste aus dem Abend machen.

Noch euphorisiert von meinem Prüfungsergebnis des Vortags griff ich gleich nach ein paar Sektkelchen und stieß mit meiner Frau und einigen Umstehenden an. Ein paar von ihnen hatten schon von meinem bislang gut verlaufenden Examen im Allgemeinen und meiner Englischprüfung im Besonderen gehört und klopften mir auf die Schultern. Einige konnten ihre Überraschung über die guten Ergebnisse nicht ganz verbergen, aber das filterte ich an dem Abend einfach raus. Auch die Tatsache, dass ich einen Anzug trug, wurde von den neoliberalen und konservativen Freunden des Bräutigams wohlwollend zur Kenntnis genommen. Viele von ihnen hatten mich vor Jahren mit langen Haaren, zerschlissenen Jeans und Springerstiefeln kennengelernt. Vielleicht waren sie hoffnungsvoll gestimmt, dass ich eines Tages doch noch CDU oder zumindest die FDP wählen könnte, um damit ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden würde.

speisekarte_righthererightnowEs folgten die üblichen Programmpunkte: Reden, Essen, Spielchen. Bei letzterem setzte die Braut immer mal wieder den Blick auf, den zuvor sie auch schon beim Sägen gezeigt hatte. Aber es ging dann doch noch alles gut und ohne Verletzungen vonstatten. Und so konnten wir nach mehreren Stunden auf den Stühlen erst mal alle raus in den großen Garten des Hotels und den warmen Maiabend genießen.

Unter den Gästen war außer mir – dem geisteswissenschaftlichen Studenten mit Bombenleger-Vergangenheit und ohne sportlichen Ehrgeiz – noch ein weiterer Exot unter den Sportfechtern, BWLern und Juristen: Günter, der Freund der Brautmutter. Günter war Mitte 60 und damit nicht nur gut 20 Jahre älter als seine Herzdame. Er war auch an diesem Abend wieder einer der Ältesten überhaupt. Außerdem war er immer tiefenentspannt, was ihn in den Augen der Bräutigamclique verdächtig machte. Postbeamter im Ruhestand – so wurde seine Gemütslage immer hämisch kommentiert, wenn er nicht dabei war. Günter und ich waren uns schon bei früheren Gelegenheiten – runde Geburtstage, Silberhochzeiten, Weihnachtskaffeekränzchen – begegnet. Für mich fühlte es sich dann oft so an, als seien wir in der gutbürgerlichen Gastfreundlichkeitshektik die ruhenden Pole an der Tafel. Während um uns herum Gastgeberinnen mit hohem Blutdruck Schnittchen verteilten und Kaffee eingegossen und die Männer auf sozialdemokratische Politiker schimpften, schwiegen Günter und ich meistens. Das machte uns – ohne, dass wir das jemals gewollt hätten – zu Verbündeten. Irgendwann war Günter dann offenbar neugierig geworden, was es denn mit mir auf sich habe, und hatte regelmäßig angefangen, mich nach meinem Studium auszufragen.

So auch heute Abend. Günter saß draußen an einem Tisch, meine Frau und ich setzten sich zu ihm. Er kam auf meine Englischprüfung zu sprechen, machte uns Komplimente, wie schick wir jungen Leute doch aussähen, und fragte dann, was ich denn jetzt noch im Prüfungsmarathon zu absolvieren hätte. „Hölderlin“, entgegnete ich. „Das ist in drei Wochen meine letzte Prüfung.“

Günter wusste sofort etwas dazu zu erzählen. Zitierte aus „Hyperion“, ordnete das Werk Hölderlins in die Französische Revolution ein und verwies auf das tragische Ende des Dichters im Tübinger Turm. Ich hingegen war noch nicht ganz so firm auf dem Gebiet. Mich zu Hölderlin prüfen zu lassen war schließlich auch nicht meine Idee gewesen, sondern ein Vorschlag meines Lieblingsdozenten („Damit können Sie punkten“), den einer meiner Kommilitonen für plausibel hielt. Da wir ohnehin immer zusammen lernten und schrieben, war ich da irgendwie mit gehangen und gefangen.

Ich gab also meinen bisherigen Wissensstand wieder, erzählte etwas von Empedokles und von Jamben und Kadenzen. Günter und ich waren uns schnell einig: Hölderlin war bedauernswert. Getrieben von – am Ende unerfüllten – Idealen. „Am Ende hat er ja auch nur nach dem Sinn des Lebens gesucht“, behauptete ich pseudophilosophisch, ermutigt von Sekt und jüngsten Examenserfolgen. „Stimmt“, sagte Günter, „dabei ist es doch gar nicht so schwer, den zu finden.“ „Wie meinst Du das?“, fragte ich nach. „Na“, sagte Günter, „der Sinn des Lebens liegt doch auf der Hand.“ Wie – auf der Hand? Ich musste an all die Philosophen denken, die sich den Kopf über die Frage zerbrochen hatten, was der Sinn des Lebens sei. An die Künstler, die versuchten diese Frage mit Gedichten, Gemälden und Liedern zu erörtern. Ich dachte an Soul II Soul. Ich dachte an Monty Python und Douglas Adams. Und dann saß ich hier auf einer Feier in einem Hotel im Garten, leicht angeschwipst, mit meiner Frau an meiner Seite, mit Akkordeonklängen im Hintergrund an einem Tisch und mein Gegenüber behauptet charmant lächelnd, er habe das Geheimnis des Sinns des Lebens entschlüsselt?

„Du hast also den Sinn des Lebens gefunden?“, fragte ich ungläubig nach. „Aber natürlich“, sagte Günter und strahlte. „Würdest Du ihn mir auch verraten?“ – „Klar, warum nicht?“ – „Dann wüsste ich gern von Dir, was der Sinn des Lebens ist.“

Günter lächelte freundlich, nahm einen Schluck aus seinem Sektglas und holte tief Luft. Er genoss sichtlich diesen Moment der Spannung. „Also“, setzt er an, „der Sinn des Lebens…“ In dem Moment kam Karin, die Brautmutter und seine Freundin, aus dem Saal auf unseren Tisch im Garten zugestürmt. „Günter“, rief sie, kaum das sie die Schwelle vom Saal zum Rasen übertrat. „Günter, es ist schon so spät und wir haben noch gar nicht zusammen getanzt.“ Sie erreichte unseren Tisch, wartete erst gar keine Antwort ab und griff Günter am Unterarm, um ihn hinter sich herzuziehen. Günter folgte ihr ohne Widerstand. Immer noch lächelnd drehte er sich noch einmal zu meiner Frau und mir um. Und ging dann mit Karin tanzen.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Fatboy Slim? Aber gerne. Sinn des Lebens? Hm… Vielleicht passt diese Geschichte ja dazu:

    Wenn man jung ist, macht man oft Sachen, für die man sich nur ein paar Jahre später an den Kopf fässt. Weil sie vielleicht überhaupt nicht zu einem passen oder sogar total unverantwortlich sind. Und auch wenn man hinterher denkt: Mann, war ich damals dumm – so ist es doch gut, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Denn so fühlt sich Leben an.

    Die Geschichte beginnt auf der Hochzeitsfeier meiner Cousine in Bayern. An einem wunderschönen Sommer-Wochenende feierte sie eine Traumhochzeit auf einem großen Landgut, bei der Dutzende Verwandte aus der Republik eingeladen waren. Manche von denen hatte ich noch nie gesehen, andere hatten mich zuletzt im Alter von drei Jahren auf dem Arm gehalten. Ich lernte ein paar angeheiratete Verwandte in meinem Alter kennen und erzählte ihnen von meinen Reiseplänen eine Woche danach: Mein erstes Semester ging gerade zu Ende und ich plante mit meiner Freundin N. und zwei Kumpels eine Fahrt nach Italien. „Dann kommt Ihr doch auf dem Weg bei uns in Regensburg vorbei – da müsst Ihr unbedingt zum Wasserski-Laufen vorbei kommen“, sagte der nette bayrische Cousin über acht Ecken.

    So eine Einladung schlägt man nicht aus. Also fuhren wir eine Woche später mit meinem 1er Golf durch die bayrischen Hopfen-Felder und suchten den Abzweig zu dem kleinen Ferienhaus an der Donau. Leider waren wir nur zu dritt, weil der vierte Kumpel irgendwie doch früher zu Bundeswehr musste als gedacht und keine drei Wochen Zeit hatte, weshalb er lieber mit anderen Kumpels für zehn Tage nach Malle geflogen war. 

    Die Stimmung war deswegen ein wenig gedrückt – andererseits war es Hochsommer, ich war gerade 23 Jahre alt und frei. Meine Freundin N. und Kumpel Alex waren total unkompliziert und es waren immerhin Semesterferien! 

    Nach einem langen Tag auf der A9 inklusive Staus und mehrfachem Verfahren kamen wir im Dunklen an dem Ferienhaus meines entfernten Verwandten an, der mit einem Haufen Freunde bereits den Grill angeworfen hatte und ausgiebig feierte. Wir setzten uns dazu, verdrückten ein paar Würste und ein paar Liter Bier und suchten geschafft nach den Schlafmöglichkeiten: Das waren wahlweise eine Holzbank hinterm Stammtisch oder die Isomatte auf dem Boden. Ich probierte nacheinander beides aus.

    Gegen 5 Uhr morgens tat mir das Kreuz weh und ich schlurfte nach draußen, um die aufgehende Sonne über der Donau zu bewundern: Mein Verwandter stand schon unten am Wasser und fummelte an seinem Boot herum. Um 6:30 Uhr probierten wir das Wasserski-Laufen aus, dann gab es Frühstück und dann den obligatorischen Regensburg-Besuch, am Nachmittag noch mal klägliche Wasserski-Versuche. Trotz der Gastfreundschaft wollten wir bald weiter: Wir waren von der letzten Nacht scheißmüde und ich hatte keine Lust, meinem Rücken noch so eine Nacht zuzumuten.

    Also stiegen wir gegen 17 Uhr wieder in den Golf und wollten zumindest bis Österreich kommen. Als wir um die Ecke des Ferienhauses verschwunden waren, suchte ich erstmal eine Kassette mit „normaler“ Musik heraus: Das süddeutsche Format-Radio-Gedudel der letzten 20 Stunden war mir gründlich auf den Keks gegangen. „Normale“ Musik – das war für mich im Sommer 1998 vor allem ein Mix-Tape mit meinen Lieblings-Songs: Auf der A)-Seite ausschließlich deutscher Rap von Fischmob, Eins Zwo und anderen Nordlichtern. Auf der B)-Seite chillige Ami-Rapsongs von Busta Rhymes, Capone-N-Noreaga und den Beastie Boys. Es war schließlich Sommer, also hatte ich „Body Movin'“ im Fatboy-Slim-Remix draufgepackt. Yeah, so musste sich ein cooler Sommer anfühlen!

    Bereits bei Rosenheim überraschte uns ein Unwetter und wir mussten auf einem Rastplatz anhalten. Dort verbrachten wir eine Stunde mit zähem Schnitzel und lauwarmen Bratkartoffeln. Das war alles wertvolle Zeit, die wir nun einholen wollten: Schnell noch ein paar Dosen Red Bull an der Tanke gekauft – und es konnte weiter gehen!

    Also gaben wir Gas und ich merkte erst so richtig, das wir bereits in Österreich waren, als Alex bei McDonald’s am Brenner hielt. Wir deckten uns mit Junkfood ein und beschlossen, noch ein wenig weiter bis Verona zu fahren, obwohl es bald auf 22 Uhr zu ging. Doch wir wechselten uns schließlich ab und die Beasties baten uns darum, unsere Körper weiter zu bewegen – also taten wir das und donnerten über den nächtlichen Brenner-Pass durch die stockdunkle Gebirgslandschaft immer weiter nach Süden. Wir passierten Verona, wir passierten Modena und wir passierten Bologna. Und kurz vor Florenz mussten wir mal anhalten, um auf einer unheimlichen italienischen Raststätte die Toiletten aufzusuchen. Ich weiß noch, wie Alexander anhielt und mich die Stimme von Dendemann weckte, wir durch das sonderbar gelbe Raststätten-Licht auf die Toilette taumelten und uns sicher waren, hier nirgendwo verweilen zu wollen. Alex und ich sahen uns an: „Rom?“ – „Yep. Wir ziehen durch.“

    Also nahm ich noch ein lauwarmes Red Bull aus der Kühltasche, drehte die Kassette um und nachdem ich mich nach zehn Minuten einigermaßen fahrbereit fühlte, ging es weiter. Und da war es wieder, dieses Lied: „Body movin‘ / Body movin‘ / A1 sound and the sound so soothing“. Irgendwie hellwach und doch zugleich wie in einem Traum jagte ich den Golf weiter in den Süden – auf dem Weg in die italienische Hauptstadt.

    Es war ein sehr ruhiger Sonntagmorgen, als ich den Wagen auf Höhe der Villa Borghese auf einem Hügel zum Stehen brachte. Das Autoradio zeigte kurz nach sieben Uhr an. Die Sonne war bereits aufgegangen, doch die Straßen waren noch verschlafen: Keine Zeitungsausträger, keine Bäcker-Lieferanten, nur eine einsame Vespa brummte an uns vorbei. Ohne zu sprechen stiegen wir aus und betrachteten schweigend die schlummernde Stadt unter uns: Rom breitete sich in seinen verschiedenen sand- und pastellfarbenen Tönen in alle Himmelsrichtungen aus: Die Sonne leuchtete so ganz anders, als ich das von Deutschland her kannte. Die Bäume, die Häuser, die parkenden Autos, die sirrende Stille – alles rief: Willkommen im Urlaub! 

    Wir stiegen ein und schalteten den Kassettenrekorder aus. Die Beastie Boys, Fatboy Slim und mindestens zwei Dutzend Schutzengel hatten uns sicher durch die Nacht geleitet. Jetzt wurde es Zeit, sich mal auf was Anderes einzulassen…

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