82/100: Enola Gay

Orchestral Manoeuvres in the Dark (1980)

LOL. WLAN. OMG. FBI. SIM. MILF. YOLO. NWA. ACAB. BFF. NSA. NSU. EZB. OPP. CBGB.
Die moderne Welt besteht zweifellos aus Abkürzungen. In der Arbeitswelt sollen Abkürzungen das Leben in der Regel erleichtern: Da steht dann GAA beispielsweise für Geldausgabe Automat, weil den Bänkern ihre bürokratisch-technisierte Sprache selber viel zu peinlich ist, als dass sie sie ständig benutzen wollten. In der Jugendkultur funktionieren sie aber vor allem als Abgrenzungsmechanismus nach außen hin: Wer bestimmte Akronyme zu entschlüsseln versteht (und auch noch das richtige Alter hat), darf sich als Teil einer Szene wähnen. Manchmal funktionieren Abkürzungen sogar als eigene Sprache, wie die Fantastischen Vier 1999 mit „MfG – Mit freundlichen Grüßen“ wunderbar bewiesen haben. Dies ist aber die Geschichte von mir und OMD.

Der deutsche Herbst 1988 war ein sehr aufregender für uns. Politisch bahnte sich auf der anderen Seite der Mauer einiges an. Doch davon bekamen wir noch nicht so viel mit. Wir waren in der 9. Klasse und schwer mit der Pubertät beschäftigt.

Ich hatte mich gerade in meiner neuen Schule in Zehlendorf neu eingewöhnt und ein paar Kumpels gefunden – wir hingen nach der Schule miteinander ab, schauten MTV, hörten Platten von Michael Jackson und Stevie Wonder. Und ab und zu griff René zur Klampfe und wir sangen Refrains von Faith No More oder Bob Marley nach. Life was good.

Wobei: etwas fehlte. Natürlich Mädchen – klaro. Ich hatte meine ersten Kuss-Erfahrungen freundlicherweise bereits auf den berüchtigten Knutsch-Parties im Keller von Andrea hinter mich gebracht. Das war also schon mal erledigt. Ich hatte mich in diverse Klassenkameradinnen verknallt und war größtenteils abgeblitzt – da war irgendwie die Luft raus.

Deshalb traf es sich, dass René einen guten Draht zu ein paar Leuten aus der Parallelklasse hatte. Die fünf Klassen unseres Jahrgang kannten sich untereinander eigentlich erstaunlich schlecht, wenn ich es recht bedenke. Irgendwie waren wir bis dahin eher mit unseren direkten Mitschülern befreundet. Doch René kannte von der Grundschule her noch ein paar Leute aus der 9a – und plötzlich wurden wir auf deren Parties eingeladen. Das war gut, denn in der 9a gab es einige interessante Mädchen, die mir zuvor irgendwie entgangen waren.

Was mich besonders begeisterte: Die Leute dort waren irgendwie softer als ein paar der Typen aus meiner Klasse. Bei uns gab es immer irgendwie Ärger untereinander, weil die Skater-Typen so typischen Teenie-Blödsinn mit Geo-Dreiecke-Anritzen, Federtasche aus dem Fenster werfen und den kleinen O. in den Mülleimer setzen veranstalteten. Die Yuppie-Fraktion hatte sich dagegen selbst zu Tastemakern ernannt, die jeden neuen Pulli und jedes Paar Schuhe von vorne bis hinten durchkritisierten und damit das eine oder andere sanfte Gemüt verschreckten. Das selbe galt für Musik: Bruce Springsteen war für sie cool, Michael Jackson schwul – so Kram halt.

In der 9a schien es solche radikalen Ansichten nicht zu geben – oder zumindest wurden sie dort nicht so offensichtlich ausgelebt. Die halbe Klasse war in der Arkordeon AG und im Schulchor – sowas hättest Du mal bei uns laut erzählen sollen. Da wäre was los gewesen.

Und so fühlten wir uns sehr viel erwachsener, als wir eines Samstagabends zu Stefanie radelten und uns auf neue Gesichter freuten. Die Party lief gut – es gab nette Gespräche und selbst die Typen machten nicht den Eindruck, dass wir dort nichts verloren hätten. Es war ein recht milder Abend und wir feierten größtenteils mit Cola und Salzstangen im Garten – mein erstes Bier kam erst ein paar Monate später.

Ich amüsierte mich gut und freute mich über die viele elektronische Popmusik, die in Stefanies Anlage lief. Dazu wurde ernsthaft getanzt – bei unseren Klassenfeten wurde bei den Pet Shop Boys immer nur gemeckert und sich höchstens mal zu Depeche Mode etwas bewegt. Dann spielte plötzlich ein Lied, zu dem noch mehr Menschen auf die „Tanzfläche“ kamen: „Enola Gay“.

Ich hatte den Song noch nie zuvor gehört und versuchte, irgendetwas von dem Text zu verstehen. Das war nicht möglich. Später fragte ich Alex, was das denn vorhin gewesen sei und er antwortete: „Kennst Du Ouämdieh nicht?“ Nee, kannte ich nicht. Aber es gefiel mir sehr gut.

Ich verliebte mich an diesem Abend in die Musik und ich verliebte an diesem Abend auch in Steffi, die diese Musik ausgesucht hatte und eine Kassette mit dem mir total unbekannten Titel „The Best of OMD“ besaß.

In der nächsten Woche drückten René, Till und ich uns auffällig oft im Klassenzimmer der 9a herum und bei der Gelegenheit brachte ich Steffi eine Kassette zum Überspielen dieser magischen Musik mit. Weil Mädchen in diesem Alter ja sowieso gewissenhafter als Jungs sind, bekam ich die Kassette am nächsten Tag gleich zurück und machte mich daran, mich durch die Welt von OMD zu hören.

An diesem Nachmittag lernte ich „Electricity“ und „Maid of Orleans“ kennen und freute mich, zumindest den Song „If You Leave“ aus dem „Pretty in Pink“-Soundtrack wieder zu erkennen. Und natürlich „Enola Gay“ – den Song, den ich auf dieser grandiosen Party zum ersten Mal gehört hatte. Dass es sich dabei größtenteils um bis zu acht Jahre alte Lieder handelte, störte mich kein bisschen. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, einen entscheidenden Schlüssel zum Erwachsenwerden in die Hand gedrückt zu bekommen.

Erst einige Jahre später stolperte ich in einem Geschichtsbuch darüber, dass es sich bei der besungenen „Enola Gay“ um ein amerikanisches Langstrecken-Flugzeug handelte, das die Bombe auf Hiroshima abwarf. Wie schon zuvor bei „Hiroshima“, „Russians“, „Give Peace a Chance“, „War“, „19“ und „Sunday Bloody Sunday“ verstärkte das meine Affinität zu diesem Song und seinen Interpreten nur noch mehr. Und obwohl ich ihn schon eine Weile nicht mehr gehört habe, bin ich überrascht, wie zeitlos frisch er klingt.

Aus mir und Steffi wurde leider nie etwas: Auf der nächsten Party zwei oder drei Wochen später machte sie mir das klar. Und dass wir aber gerne Freunde bleiben könnten… Das war das erste Mal, dass ich diesen Satz hörte. Weil mich ihr Musikgeschmack aber beeindruckte und sie wirklich nett war, unterhielt ich mich auch weiterhin gut mit ihr. Außerdem verliebte ich mich bald in C… aber das ist eine andere Geschichte.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. LMAA.

    Noch so ’ne Abkürzung. Und eine, die ich seit über 20 Jahren mit OMD in Verbindung bringe.

    Das war nicht immer so. Es wird Dich nicht überraschen, dass ich von der Band einige Tonträger im Regal stehen habe. Es war nicht gleich der erste mir untergekommene Song, „Souvenir“, der mich begeistert hat. Stattdessen fand ich (wie viele andere auch) „Maid of Orleans (The Waltz Joan of Arc)“ super. Kein Wunder: OMD passten genau in mein Beuteschema, das durch Ultravox, Soft Cell, Kraftwerk und Depeche Mode definiert war. Die darauf folgenden Jahre kaufte ich also brav die Maxis von OMD. „Locomotion“, „Talking Loud and Clear“, „So in Love“ und auch „Secret“ musste ich haben.

    OTOH: Meine Begeisterung ließ 1986 merklich nach. Schon „If You Leave“ gefiel mir (im Gegensatz zu Dir) gar nicht. „(Forever) Live and Die“ war laaaaangweilig. „We Love You“ konnte das nicht mehr ausbügeln. Dass OMD kurz danach aufhörten, war mir nur recht.

    OK.

    So weit.

    Und eigentlich könnte die Geschichte damit zu Ende sein. Aber OMD bzw. deren Frontmann Andy McCluskey kamen zurück. Und das nehme ich ihm bis heute übel. Denn die Songs, für die er seit 1991 verantwortlich zeichnet, sind bis heute mit das unangenehmste, was im Formatradio läuft.

    Da war zunächst „Sugar Tax“, das OMD-Comeback-Album. Gut, ich war musikalisch ohnehin gerade auf einem anderen Trip, aber Songs wie „Sailing On The Seven Seas Of Love“ hätte ich auch ohne Ministry-Affinität verabscheut. Dass eine Band, die mich nur wenige Jahre zuvor mit tollen Songs begeistert hat, jetzt auf Londonbeat-Niveau herabgesunken war, stieß mir übel auf. Dieses bekloppte Solo von „Sailing…“ regt mich heute noch auf, wenn der Song im Radio läuft. Aber es kam noch dicker…

    Atomic Kitten. Diese Retorten-Girl-Band tauchte Ende der Neunzigerjahre auf meinem musikalischen Radar auf. Während  ich die Spice Girls irgendwie noch als Pionierinnen zu schätzen wusste und die All Saints irgendwie cool waren, waren Atomic Kitten einfach nur über. Und dann diese lahmarschigen, langweiligen Songs wie „Whole Again“ oder das play-it-safe-Cover von „Eternal Flame“. Grauenhaft. Was das mit OMD zu tun hat? Nun, einer der Köpfe hinter Atomic Kitten ist  Andy McCluskey of OMD-Fame.

    WTF?

    Ich war entsetzt, als ich zum ersten Mal von diesem Zusammenhang erfuhr. Wie tief muss man sinken, um von „Enola Gay“ zu „Whole Again“ zu kommen? Und der Schrott läuft ja immer noch im Radio und treibt mich regelmäßig zur Weißglut. Gerne morgens beim Frühstück…

    Alle weiteren Comeback-Versuche von OMD konnte ich seitdem nicht mehr ernst nehmen. Zumal Paul Humphreys, der ursprünglich ansehnlichere der beiden OMD-Masterminds, inzwischen aussieht, als würde er mehrmals am Tag einen GAA auffüllen – Zweireiher-Jacket inklusive.

    Dein Posting habe ich nochmal zum Anlass genommen, um zu überprüfen, ob womöglich noch andere (mehr oder weniger) Helden der Achtzigerjahre sich mit der Produktion von Trash strafbar gemacht haben. Martin Fry von ABC – kein nennenswertes Ergebnis. Tony Hadley von Spandau Ballet – Fehlanzeige. Roland Orzabal von Tears For Fears – hat für Emiliana Torrini gearbeitet. Lass‘ ich durchgehen. Nik Kershaw – na, also. Kershaw war an diesem grausamen Song der Boyband Let Loose beteiligt… Wobei ich bei Kershaw nachsichtig bin, schließlich hat der in den Neunzigerjahren auch coole Sachen wie diesen Song mit Les Rythmes Digitales alias Stuart Price aufgenommen.

    Und die Moral von meiner Geschichte?

    TL;DR

    OMD sind ein bisschen wie ein PITA. Und eigentlich würde ich ihnen gern sagen: STFU.

    JMHO.

  2. Pingback: Interlude: die Woche in Musik | 100 Songs

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