81/100: Die Summe der einzelnen Teile

Kante (2001)

Seit etwa 40 Postings versuche ich an ausgesuchten Beispielen zu erklären, worin die Magie von Musik liegt. Ich habe sogar eine Rechnung aufgestellt, um der Frage nachzugehen, warum und wie ich auf bestimmte musikalische Reize reagiere. Zu diesem Thema gibt es auch einen tollen Song. Er ist von der Hamburger Band Kante. Darin heißt es unter anderem: Denn „in guten Momenten, für eine Weile“ ist Musik „mehr als die Summe der einzelnen Teile“. Für die Musik von Kante stimmt das auf jeden Fall.

„Hallo Michael“, sagte Pete und stand hinter seinem Schreibtisch auf. „Herzlich willkommen beim Intro.“ Nach unseren bisherigen Telefonaten hatte ich mir Pete über 40 und über 100 Kilo vorgestellt. Aber schon bei meinem ersten Besuch vor ein paar Wochen hatte ich feststellen müssen, dass ich mich von seiner tiefen und kraftvollen Stimme hatte in die Irre leiten lassen. Pete ist Mitte 20, einen Kopf größer als ich und gertenschlank. Damals wie heute verschweige ich, dass ich ein ganz anderes Bild von ihm hatte, grüße freundlich zurück und schaue mich um. Hier werde ich also künftig arbeiten. Ein großer Raum mit großen Fenstern. Ein welliger Laminatboden (Spuren von Redaktionsfeiern?). Ein paar Schreibtische. Ein Kühlschrank mit Desperados und anderen ungesunden Getränken: das Foyer des Intro samt angeschlossenem Großraumbüro.

Es ist nicht nur der neue Job. Es ist auch die neue Stadt. Die – für mich – große Stadt. Am Tag zuvor war ich mit ein paar Klamotten, meinem Rechner und meinem Fahrrad im Kofferraum von Osnabrück nach Köln gereist. Ich musste feststellen, dass mein WG-Zimmer offenbar nicht mehr gereinigt worden war, nachdem das Foto für wg-gesucht.de im Kasten war. Ich war anschließend mit dem Fahrrad zweimal die Strecke von der neuen Wohnung zur neuen Arbeitsstätte gefahren. Und war gespannt, was mich erwarten würde.

Pete lässt mich erst mal ein paar Nachrichten recherchieren und für die Webseite schreiben. Er zeigt mir, wie man diese Texte ins Redaktionssystem bekommt. Wie man in dem HTML-Dokument der Startseite das Foto des Tages austauscht. Er stellt mich den anderen vor, die nach und nach eintrudeln. Terminredaktion, Programmierer, Praktikant – alle zusammen bewohnen wie das Großraumbüro im Erdgeschoss. Gegen 11 Uhr wandern wir alle zusammen zum Stüssgen, dem nächstgelegenen Supermarkt. „Wenn wir zurück sind“, kündigt Pete an, „machen wir noch den wöchentlichen Newsletter fertig. Das ist immer eine ganz schöne Fummelei. Und dann hast Du eigentlich die wichtigsten Sachen gesehen und ich kann in Urlaub gehen.“

Urlaub? Davon hatte mir niemand etwas gesagt. Auf meine Nachfrage betätigt Pete noch einmal, dass er nur auf meine Ankunft gewartet habe, um endlich Urlaub nehmen zu können. Ob die Einarbeitungszeit reichen würde?

Als wir vom Stüssgen zurückkommen, legt Pete eine CD ein. „Die neue Kante“, sagt er. Ich bin mir nicht sicher, was ich erwarten soll. Kante waren mir jetzt nicht wirklich ein Begriff. Immerhin wusste ich, dass Peter Thiessen der Sänger war.

Ich hatte Thiessen zum ersten Mal 1997 gesehen. Er stand dort wo früher Eike Bohlken gestanden hatte – als Bassist von Blumfeld. Ich hatte seit 1992 viele Konzerte der Band aus Hamburg besucht und dabei immer über Bohlkens Erscheinung gestaunt. Er sah so gar nicht indie aus, schaffte es aber trotzdem mit wenigen Bewegungen sehr kraftvoll auf der Bühne zu wirken. In der langen Pause zwischen „L‘état et moi“ und „Old Nobody“ veränderte sich auch die Besetzung von Blumfeld. Bohlken ging – um wissenschaftlich zu arbeiten – Thiessen folgte an seine Stelle. Ich wertete das zunächst als Verlust: eine Veränderung eines funktionierenden Systems mit ungewissen Folgen.

Rund ein Jahr später lächelte mir Thiessen ordentlich frisiert und akkurat gekleidet vom „Old Nobody“-Cover entgegen. Offenbar hatte er seinen festen Platz in einer meiner Lieblingsbands gefunden. Wenn Jochen Distelmeyer ihm so viel Wertschätzung entgegenbrachte, dann würde das schon seine Richtigkeit haben. Jochens Freunde waren meine Freunde. Folglich verfolgte ich mit einem Ohr, dass Thiessen auch noch eine eigene Band hatte. Kante. Die hatten schon eine LP draußen, die mir irgendwie entgangen war. Und die neue, die erst in einigen Wochen erscheinen sollte, durfte ich also an meinem ersten Arbeitstag hören.

Ich bekam allerdings nicht viel mit. Die Geschichte mit dem Newsletter zog sich wirklich über den ganzen Nachmittag. Wir mussten Links der vergangenen Woche zusammenstellen, texten und dann alles mit Outlook versenden. Da Outlook aber nur ein paar hundert Empfänger pro Aussand zuließ, mussten wir den Newsletter in mehreren Anläufen verschicken, um den gesamten Verteiler häppchenweise und zeitraubend zu bedienen. Erst gegen 20.30 Uhr ging mein erster Arbeitstag beim Intro zu Ende – bei einem Chinesen auf der Zülpicher Straße, zu dem Pete mich noch mitnahm. Später verabschiedete er sich in den wohl verdienten Urlaub – und ließ mir sogar ein Abschiedsgeschenk da. „Hier, ich habe die Promo zweimal bekommen“, sagte er und drückte mir das neue Kante-Album in die Hand.

Ab dem darauf folgenden Tag versuchte ich also die Webseite von intro.de irgendwie am Leben zu halten. Ich schrieb Nachrichten mit zum Teil abwegigen Themen, kaufte Autorenstücke ein zu Filmen, die ich nicht kannte, führte zwischendurch ein Interview mit den Phoneheads und musste anlässlich eines Radiohead-Gewinnspiels meine HTML-Kenntnisse bis ans äußerste ausreizen.

Immer mit dabei: „Zweilicht“ von Kante. Ich schloss die Platte in dieser Zeit wirklich ins Herz. Wenn ich an Wochenenden zurück nach Osnabrück fuhr, waren Kante immer mit dabei. An freien Tagen hörte ich sie mit meiner Frau. Und an Bürotagen – hörte ich sie im Büro. Es war sicherlich keine leichte Platte, aber sie war toll aufgebaut. Die einleitenden Pospsongs, darunter „Die Summe der einzelnen Teile“ und „Im ersten Licht“, sorgten dafür, dass ich mich auch auf die eher experimentellen Stücke auf der Platte einließ. Und am Ende kam wieder lupenreiner Pop. Eine intensive musikalische Reise.

Diese Begeisterung für Kante blieb über die Jahre. Jedes ihrer folgenden Alben war großartig. Ich riss mich darum, diese auch nach meinem Ausscheiden beim Intro rezensieren zu können. Ich bemühte mich darum, Berichte über Festivals zu schreiben, bei denen Kante auftraten. Und kaufte 7-inch-Singles, Maxis… Und sogar ein Album mit dem Titel „Rhythmus Berlin“, was mich damals schon einige Überwindung kostete. Was aber immer mit tollen Songs belohnt wurde.

In den darauf folgenden Jahren produzierten Kante in erster Linie Musik für Theaterstücke und nicht für Platten. Eine Auswahl davon ist kürzlich auf CD erschienen – die hat mich aber nicht wirklich umgehauen. Im Rahmen einer Theaterinszenierung mögen die vielleicht eine gewisse Wirkung entfalten, für mich als einzelnen Hörer mit Ohrsteckern ist das irgendwie nicht das richtige. Ein Zauber, der mehr ist als nur die Summe der einzelnen Teile, wollte sich da nicht mehr einstellen. So richtig begründen – kann ich das natürlich nicht…

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ein richtiges Indie-Kid bin ich nun wirklich nicht. Das wird mir mit weiterem Voranschreiten unseres Blogs immer klarer. Dabei sympathisiere ich durchaus mit den Machern und ihren Fans. Das sind meist sehr viel angenehmere Menschen als viele HipHopper oder die paar Rocker, die ich kenne. Und wenn ich in die Verlegenheit komme, Songs von Blumfeld, Radiohead oder Tocotronic zu hören, dann bleibe ich meistens voll dabei. Genauso wie ich alle Rezensionen zu Indie-Bands lese, die mir irgendwo entgegen flattern. Dennoch stelle ich immer wieder fest: Ich habe Null Ahnung, was da wirklich alles geht!

    Kante. Den Namen habe ich mal irgendwo gehört. Oder gelesen. Dass die aus Hamburg kommen, habe ich noch im Hinterkopf. Sicherlich habe ich auch mal das eine oder andere hypereuphorische Interview in der Spex mit denen gelesen. Aber da ist nicht viel hängen geblieben. Sie waren mir einfach nie so wichtig, dass ich jetzt großartig Ausschau nach ihrer Musik gehalten hätte.

    Um ehrlich zu sein: Als ich das Video zu „Die Summe der einzelnen Teile“ gesehen hatte, warder Sound auch genau das, was ich von Kante erwartet hatte. Schlau, sanft und mit Seele. Da gibt’s überhaupt nichts gegen zu sagen. Im Gegenteil: ein sehr guter, sympathischer Song – auch wenn ich die Bild-Ästhetik nicht so prickelnd finde. Aber die Sache mit der Summe der einzelnen Teile kann ich perfekt nachvollziehen. Ich höre mir den Song gerne auch noch mehrmals an. 

    Doch großer Kante-Fan werde ich wohl nicht mehr. Da würde ich mich ohnehin mit fremden Federn schmücken. Auch weil ich dienstlich vor ein paar Wochen über ihre Theater-Musik gestolpert bin und die Hörprobe schnell wieder weggeklickt habe. Da gibt es für mich – wie für Dich ja auch – zumindest als reinen Tonträger überhaupt keine Berührungspunkte.

    Sehr wohl gibt aber mit Deiner Story vom Start bei der Intro viele Berührungspunkte bei mir. Ich habe versucht, mich an meine verschiedene Jobstarts zu erinnern und bin auf zwie Geschichten gestoßen, die dazu passen. Die erste ist schnell erzählt: Als ich 1994 meine erste Rezension für das HipHop-Fanzine Mik’x News zu schreiben hatte, ging es dabei um einen Rap-Sampler, der den lokalpatriotischen Namen „Düsseldorf lebt!“ trug. Bis heute summe ich gerne noch den Anfang mit: „Ja das gibt’s nur in Düsseldorf, in Düsseldorf am Rhein…“ Dann macht „schwühüp“, so wie wenn ein Plattenspieler mittendrin ausgeht und ein Beat setzt ein, woraufhin junge Menschen rappen: „D-Town. Unsere Stadt. Düsseldorf lebt!“ Das ist aus heutiger Sicht extrem antiquiert und fast schon niedlich, wenn man sich aktuelle Rap-Exporte aus Eurer Landeshauptstadt ansieht (Kollegah, Farid Bang, Favourite…). Aber damals hat mir das gut gefallen.

    Allerdings gab es bei „Mik’x News“ damals keine richtige Redaktion. Mik, der Macher des Fanzines, produzierte die Hefte aus seinem mit Vinyl-Platten vollgestopften Jugendzimmer heraus. Ich habe in den vielen Jahren unserer Zusammenarbeit vielleicht 25 Minuten in diesem Zimmer verbracht – meistens trafen wir uns irgendwo unterwegs in der Stadt und ich gab ihm eine Diskette mit meinen Texten.

    Sehr gut erinnere ich mich auch noch an den Sommer 2004, als ich bei der Kulturredaktion des Tagesspiegel anfing und schnell den Ruf eines Pop-Schreibers weg hatte. Nachdem ich eine ganz anständige Reportage über einen Knastbesuch beim kleinkriminellen Rapper Kalusha hingelegt hatte, bekam ich eigentlich alle Pop-Themen auf den Tisch, auf die mein Chef Kai selber keine Lust hatte. Ich akkreditierte mich munter für zahlreiche Konzerte und Partys und genoss einen Sommer lang den unbeschwerten Lebensstil des schlecht bezahlten Schmarotzers, der immer über die neueste Musik im Bilde war.

    Nach drei, vier Wochen stellte mir Kai die Frage, wie ich zu Punkrock stünde. Schwierige Sache, denn eigentlich kannte ich außer Clash und den Pistols wirklich keine ernsthaften Punk-Bands – wenn man jetzt mal ganz gemein die Ärzte und die Toten Hosen ausklammert. Das war natürlich nicht viel. Aber immerhin hatte ich gerade die Magisterarbeit einer Kommilitonin durchgelesen, in der die Parallelen der Gender-Konstruktionen im Punk und Rap analysiert wurden – da fühlte ich mich zumindest mal im Stoff, was die Attitüde betraf. Ich meinte also zu wissen, worauf es beim Punk besonders ankäme und bot mich sofort an, die neue CD dieser schwedischen Band zu analysieren.

    Ich hatte vorher noch nie etwas von den Hives gehört – also las ich zuerst sehr aufmerksam den Waschzettel namens Presseinfo und googelte mir ein paar Details zusammen: „Tyrannosaurus Hives“ war offenbar das dritte Studioalbum der Band – gut zu wissen. Bis zum nächsten Tag sollten die 30 Zeilen Rezension stehen – da musste ich die Scheibe mindestens drei Mal gehört haben. Also schob ich sie umgehend in den äußerst langsamen Redaktionsrechner und startete den Windows Media Player. 

    Und schon ballerten sie los! Nach etwas mehr als 30 Minuten war die CD durch und ich startete sie erneut – nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil dieser Sound etwas völlig Neues für mich war. Ich fühlte mich, als wäre ich der Romanheld in „Populärmusik aus Vittula“ – einem Bestseller, der in den 60er Jahren spielt und erzählt, wie ein kleines Stückchen Rock’n’Roll das Leben eines Jungen in der schwedischen Provinz an der finnischen Grenze total verändert. Oder sogar in die richtigen Bahnen lenkt.

    The Hives machten einfach, worauf sie Lust hatten. Sie trugen einheitliche Mucker-Outfits, die eigentlich viel zu schick für Auftritte in schmutzigen Clubs waren. Dazu erfanden sie eine wirre Geschichte ihrer Zusammenkunft – angeblich wurden die fünf Musiker alle zur selben Zeit von einem anonymen Produzenten auf einen Schrottplatz bestellt und konnten dann nicht anders, als gemeinsam zu musizieren. Musikalisch vermengten sie ihren Punkrock-Sound mit elektronischen Elementen, Surfrock und einer stimmlichen Glamrock-Attitüde.

    Die Single „Walk Idiot Walk“ zählte umgehend zu meinen Favoriten. Als ich meinem Kumpel HiFi Brown von meiner Neuentdeckung erzählte, winkte er nur lässig ab und zeigte mir, dass „B is for Brutus“ längst einen festen Platz in seinem Indie-Set habe, weil es noch mehr knalle als „Walk Idiot Walk“. Ich mochte beide Songs gleich gerne.

    The Hives haben mein Leben zwar nicht grundlegend verändert, aber sie haben meine Gehörgänge so weit durchgeputzt, dass ich mich damals traute, eine ernsthafte Rezension über eine angesagte Punkrock-Platte zu schreiben und mich dabei nicht total lächerlich zu fühlen. Der veröffentlichte Text war dann letztendlich extrem kurz und komprimiert – aus 30 Zeilen wurden aufgrund von Platzmangel plötzlich nur noch 20, aber mein betreuender Redakteur war zufrieden. So wie ich auch – schließlich hatte ich ein kleines Stück Musikkritiker-Selbstverstrauen dazu gewonnen und konnte nun eine erste Punkrock-CD mein Eigen nennen…

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