Gastfeature: Tainted Love/Where Did Our Love Go?

Ich denke immer noch gern an meinen Besuch bei Blank & Jones zurück. In ihrem Studio in Köln durfte ich mithören, als sie neue Versionen einiger ZTT-Klassiker produzierten. Darüber hinaus haben wir uns angeregt über Remixer und Maxi-Singles ausgetauscht. Die beiden waren seitdem weiter fleißig – was sich ja auch bei uns im Blog niedergeschlagen hat. Jetzt erscheint der neunte Teil ihrer Reihe „So80s“, auf dem sie erneut Remixe der Achtzigerjahre akribisch recherchiert, klanglich aufpoliert und kurzweilig zusammengestellt haben. Ich freue mich sehr, dass Piet Blank trotzdem die Zeit gefunden hat, seine Erinnerungen an seine erste Maxi aufzuzeichnen. Es ist

„Tainted Love/Where Did Our Love Go?“ von Soft Cell (1981) von Piet Blank

pietblank_taintedlove (2)_8001981, ich war genau zehn Jahre alt, veränderte „Tainted Love“ mein Leben. Nachdem ich vorher meine erste Single von meinem Taschengeld gekauft hatte – Kim Wilde, „Kids in America“, und natürlich auch unsterblich in Kim verliebt war – musste dann ein bisschen mehr Taschengeld gespart werden für meine erste Maxi-Single: „Tainted Love“ von Soft Cell. Mir war das gar nicht so bewusst, was eine Maxi-Single genau ist. Es war irgendwie eine längere Version und das Cover war natürlich toller, weil es größer war.

Piet Blank und Jasper Jones im PlattenladenZu der Zeit bin ich samstags immer mit meinem Vater in Köln zum Saturn am Hansaring gegangen – damals noch die größte Schallplattenschau der Welt. Ich habe schon mit zehn Jahren sehr viel Zeit in diesem Laden verbracht und gewühlt. Damals waren die Platten in den Regalen noch nach Bestellnummern sortiert. Das heißt: Von Sachen, die man nicht fand, musste man sich auf einem Zettel die Bestellnummern kritzeln und dann durch endlos lange Regalgänge gehen. Bei Soft Cell war das eine ziemlich lange Bestellnummer… Ich weiß noch ganz genau, wie ich die Platte dann für 8,90 Mark gekauft habe – das war der unschlagbare Preis, den Saturn hatte. Ich glaube, es gab in Deutschland keinen Laden, der die Maxis billiger verkauft hat.

pietblank_taintedlove (3)_800Ich bin mit der Platte nach Hause gegangen, habe mir dort sofort den Kopfhörer aufgesetzt und sie im Wohnzimmer aufgelegt. Der Rest ist Geschichte – wie man so schön sagt. Für mich war das ein Initialmoment: was eine Maxi-Single ist und was man durch eine Maxi-Version aus einem Song machen kann. „Tainted Love“ ist im Original unter drei Minuten lang gewesen. Dann kam plötzlich dieses Wahnsinns-Opus auf mich zu und hat mich nicht mehr losgelassen: Die Maxi geht neun Minuten und hat dann auch noch ein Medley in sich drin. Ich habe das damals überhaupt nicht richtig verstanden, dass da mit „Where Did Our Love Go?“ noch ein zweiter Song reinkam. Genauso wenig habe ich natürlich gewusst, dass sowohl „Tainted Love“ als auch „Where Did Our Love Go?“ Cover-Versionen waren. Das war mir auch völlig schnurzpiepegal – ich war so geflasht von dem Sound und dem Song, dass ich davon nicht genug kriegen konnte.

Als ich die Platte dann umgedreht habe, war es dann wirklich um mich geschehen. Denn da ist eine Dub-Version drauf, „Tainted Dub“. Und die ist so abgedreht und so spleenig, die hat mich mindestens genau so fasziniert wie die A-Seite.

Ab da war dann für mich natürlich erst mal alles auf Soft Cell fokussiert. Die Eltern eines Kumpels hatten einen Zeitschriftenladen, da konnte man immer in der Bravo blättern. Da habe ich dann auch die Typen gesehen. Ich fand aber vor allem dieses gemalte Bild auf dem Cover der Maxi so toll – diese Popper, die dort dargestellt sind. Ich wollte dann auch unbedingt so eine Popper-Frisur haben; dass meine Haare die Hälfte meines Gesichts verdeckten. Das ganze dann natürlich mit einem Lacoste-Hemdchen oder irgendwie so etwas… Das fand ich ganz, ganz toll. Ich habe dann auch im Kunstunterricht angefangen, dieses Cover abzumalen.

pietblank_taintedlove (1)_800Ich guck‘ gerade drauf uns muss sagen, dass dieses Cover auch nicht große Kunst war. Aber egal: Mit zehn Jahren war ich halt total schwärmerisch und fand das ganz großartig. Übrigens: Während ich gerade auf die Platte gucke, hat das Cover oben zwei Löcher – von Reißzwecken. Denn ich war so vernarrt, dass ich mir diese Maxi auch an die Wand gehängt und mir das angeguckt habe, während sie auf dem Plattenspieler lief.

Rückblickend muss ich sagen, dass die Maxi bis heute – vielleicht auch wegen der ganzen Erinnerungen, die damit verbunden sind – für mich immer noch etwas ganz Besonderes ist. Wenn man die sich so auseinandernimmt, auch mit dem Wissen von heute, wer das produziert hat und unter welchen Umständen das entstanden ist, muss man sagen: Produzent Mike Thorne hatte ein wahnsinniges Gespür für gewisse Sounds. Der hat ja auch für The The viele Sachen gemacht und später natürlich auch für Bronski Beat und Jimmy Somerville. Im Grunde hat er hier mit Soft Cell etwas geschaffen, was definitiv zeitlos ist und bis heute natürlich an allen Ecken gespielt wird.

Für mich hat die Platte den Weg geebnet, künftig auf Singles zu verzichten und lieber eine Maxi-Single zu kaufen anstatt zwei Singles. Denn diese langen Versionen, die hatten es mir ab dem Moment angetan. 1981 war damit das Jahr, wo für mich klar war, was ich in Zukunft machen werde. Natürlich alles als Hobby damals: bei allen Freundinnen und Freunden Platten ausleihen, Tapes erstellen, vergleichen wer hat was, mit Freunden nach und nach in den Plattenladen gehen. Da haben wir immer abgesprochen, wer sich was von seinem Taschengeld kauft. So ging das eigentlich los.

Da kam dann kurze Zeit später auch noch Karneval… Karneval 1982 habe ich mit meinem damals besten Freund beschlossen, als Soft Cell zu gehen. Rückblickend war das grenzwertig. Da waren auch unsere Eltern sehr liberal, denn unser Vorbildsfoto war das von der Rückseite der LP. Da stehen Soft Cell vor einer Peep-Show oder einem Sex-Shop in Lederklamotten. Wir dachten natürlich, das ist das Allercoolste auf der Welt. Wir sind dann als Soft-Cell-Duo in den Karneval gegangen. Aber ich glaube, auch nur für einen Tag. Danach haben wir uns entschlossen, doch als Cowboy zu gehen… Aber das war schon echt eine coole Sache, die Spaß gemacht hat.

„Tainted Love“ als meine allererste Maxi hat also den Grundstein gelegt für viele tausend weitere Maxi-Singles, die heute in der Sammlung sind.

Cover_So8os9_800„So80s Vol.9“ ist jetzt im Handel
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Blank & Jones sind darüber hinaus derzeit auch Paten bei „Dein Song“, dem Songwriter-Wettbewerb auf KIKA.

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1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich war zwar nur einmal da, aber an die Gänge bei Saturn in Köln kann ich mich noch sehr gut erinnern. Auf der Klassenfahrt 1985 haben wir auf dem Weg an irgendeinen Mosel-Ort (ich kann mich tatsächlich nicht mehr an den Namen erinnern) einen Zwischenstopp in der Domstadt eingelegt. Kaum gingen am Hauptbahnhof die Bustüren auf, ist ein kleiner Trupp Jungs gleich in Richtung Hansaring abgezogen. Ich hatte Geld für eine Maxi und wusste schon seit Monaten, welche es werden sollte: „The Look Of Love“ von ABC.
    Nachdem ich die Größe des Ladens und die schier unfassbare Menge an Schallplatten verkraftet hatte, besorgte ich mir die Lagernummer, an der „The Look Of Love“ auf mich warten sollte. Hohe Regale mit vielen Fächern voller Maxi-Singles und Alben. Jedes dieser Fächer markiert mit einer Nummer, die zu der Nummer auf meinem Zettel passen musste. Und tatsächlich: Am Ende zog ich inmitten dieses Vinyl-Labyrinthy die rote Maxi von ABC heraus. Auch ich werde vermutlich 8,90 Mark bezahlt haben. So wie mein Mitschüler, der sich „Shilly Shally“ von Fritz Brause gekauft hat.

    Da wir ja auf dem Weg ins Schullandheim waren, konnte ich „The Look Of Love“ über mehrere Tage nur in der Hand halten, aber nicht anhören. Das holte ich gleich nach der Ankunft zuhause nach. Und war enttäuscht. Denn ich hatte gehofft, auf der 12-Inch-Single den Remix zu finden, der mich über zwei Jahre zuvor so vom Hocker gehauen hatte. Stattdessen fand ich eine im Vergleich zur Single nur marginal veränderte Version.
    Von daher führte der Besuch bei Saturn nicht zu dem gewünschten Ergebnis, aber es war schon ein sichtlich beeindruckendes Erlebnis. Kaum auszudenken, was das mit meinem Taschengeld gemacht hätte, hätte ich da jede Woche hinfahren können…

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