80/100: Has It Come To This?

The Streets (2001)

„Die alten Sachen fand ich ja ganz gut, die neuen nicht!“ Eigentlich bin ich niemand, der diesen Satz in Zusammenhang mit Popmusik gerne verwendet. Diese Unterscheidung riecht immer verdammt nach selbsternanntem Tastemaking, so nach der Attitüde: „Als ICH ihn entdeckt habe, war er noch cool. Aber nachdem DU seine Platte auch besitzt, muss er einfach scheiße sein.“ Wenn ich einen Künstler einmal in mein Herz geschlossen habe, bleibe ich ihm normalerweise auch treu und finde es sogar spannend, seinen musikalischen Explorationen zu folgen und freue mich über seinen Erfolg. Aber bei Mike Skinner wollte mir das einfach nicht gelingen. Auch wenn ich es wirklich versucht habe. Doch leider muss ich heute sagen: Sein Debütalbum war genial, der Rest belangloser Bockmist.

Darf man eigentlich von einem One-Hit-Wonder sprechen, wenn ein ganzes Album gelungen ist? Natürlich nicht, außerdem stellt sich diese Frage bei The Streets eigentlich ja auch nicht so richtig, denn Mike Skinner war kommerziell mehrfach supererfolgreich und hat in seiner britischen Heimat zwischenzeitlich Kult-Status erreicht. Für sein Debütalbum „Original Pirate Material“ bekam er zunächst vor allem die Anerkennung der Kritiker – verkaufstechnisch schaffte er gerade mal Platz 10 in den UK Charts. Das ist einerseits für einen Newcomer in der wirklich unerbittlichen britischen Hitparade eine anständige Leistung. Andererseits muss man auch ehrlich sagen: Wenn jemand wirklich von der Inselpresse hochgelobt wird, dann müsste er eigentlich schnell in so Sam Smith-Sphären über alles hinweg düsen… Bei The Streets kam der große Erfolg aber erst zeitverzögert mit den Alben Nr. 2 und 3. Aber da hab ich seinen Sound nicht mehr fühlen können. Leider.

Ich muss vielleicht noch kurz erwähnen, dass ich kein großer Kenner der UK Clubmusik-Szene bin. Ich weiß ungefähr, wie das alles angefangen hat, kann mittlerweile Musik aus Manchester von der in London unterscheiden und weiß, wie Jungle und Grime klingen. Um 2000 herum hatte ich immerhin schon von diesem 2 Step-Ding aus London gehört. Es gab einen anständigen Artful Dodger-Remix von Craig David, allerdings war dieses UK Garage-Ding bei mir und meinen Freunden nicht ganz so angesagt. Der deutsche Rap-Markt boomte gerade und wenn wir tanzen gingen, dann sorgten eher Puff Daddy und Busta Rhymes für Bewegung. Aber immerhin war „Re-Rewind“ kein Grund zum Umschalten, wenn der Song mal wieder bei Kiss FM lief.

Dann durchlebte ich den hier im Blog ja bereits mehrfach geschilderten Bruch mit Rap, der sich später allerdings nur als Trennung auf Zeit herauskristallisieren würde. Aber diese Trennung war extrem heilsam und notwendig, da meine Ohren in der Zwischenzeit für völlig andere Musik geöffnet wurden. In Zeitungen und Magazinen las ich immer besonders aufmerksam die Artikel, in denen der neue heiße Scheiß aus UK angepriesen wurde. Irgendwann im Frühjahr 2002 stieß ich auf eine kurze Kritik über diesen britischen Wonderboy, der sein Debütalbum in kompletter Eigenregie produziert hatte: Zu 2 Step-artigen Garage-Beats rappte der Chav in typischem Cockney-Akzent über Erlebnisse eines Geezers im heutigen London. Okay, kleine Anmerkung: Wenn man nicht weiß, was eines der drei Worte Cockney-Chav-Geezer bedeutet, braucht man sich nur eine beliebige The Streets-Single anhören und kann es fühlen. In dieser Hinsicht ist er konsequent geblieben. Dazu gleich mehr.

Meine Neugier war nach diesem Artikel geweckt und als ich die CD kurze Zeit später kaufte, hatte ich das Gefühl, genau die richtige Auswahl getroffen zu haben. Zu dieser Zeit musste ich meine Kohle eigentlich zusammenhalten, weil ich gerade keinen regelmäßigen Job hatte, aber eine Fernbeziehung führte.

Doch der Kauf von „Original Pirate Material“ stellte sich schnell als genau die richtige Entscheidung heraus: Diese neue Musik war… totally appealing. Der The Streets-Sound war roh und die Beats simpel gestrickt. Die Musik war tanzbar, aber auch einfach sehr unterhaltsam zum „Unterwegs hören“. Mike Skinner verstand es, belanglose Everyday Life-Geschichten pointenreich zu erzählen. Da gab es den Song über den notorischen Zuspätkommer, der seine Dates vermasselt. Die Stories von sinnlosen Playstation-Zockereien unter Einfluss natürlich gewachsener Drogen. Und die Schilderungen von Pub-Besuchen mit seinen Kumpels, bei denen er Smirnoff-Ice-Runden schmeißt – neben Bacardi Rigo DAS damalige Modegetränk, bevor es als Alkopop von der Politik verdammt wurde. Doch bei The Streets ging jeder Track in irgendeine andere Richtung: Mike Skinner schien völlig planlos durchs Leben zu wandern und einfach zu machen. Heraus kam ein unperfektes Album voller Quatsch: In manchen Tracks verstellte er seine Stimme und parodierte merkwürdige Gestalten der Nacht – als wenn Eminem plötzlich in Little Britain auftreten würde. Dann wieder baute er absolut zeitgemäße Dance-Tracks wie eben „Has It Come To This“.

Ich wurde ein Mike Skinner-Fan und hörte diese CD bestimmt zwei Jahre lang immer wieder rauf und runter. Nicht ständig, aber immer wieder. Zu seiner Musik malerte ich meine erste Wohnung, büffelte für Uni-Prüfungen und machte mich auf dem Weg zum Olympiastadion, um mein erstes und bislang einziges Hertha-Spiel zu besuchen – so weit war es also schon gekommen…

Das Schöne an seiner Musik war auch, dass sie so konsensfähig war: Nicht nur meine Freundin, die sonst keinen Sprechgesang mochte, ließ sich von seinen Hits treiben. Auch die hartnäckigen Indie-Mädchen mit den schwarzen Hornbrillen aus der Uni mochten seine Lieder und tauschten allzu gerne Kopien von „Original Pirate Material“ gegen frischgebrannte Alben von den White Stripes oder Tocotronic. The Streets war also gesellschaftsfähig und landete als einer der ersten Künstler auf meinem ersten iPod.

Dann kam die Phase, in der ich regelmäßig beruflich nach London reisen durfte und sich meine UK-Affinität noch weiter steigerte. Als Fernsehreporter für ein Lifestyle-Magazin wurden mir immer häufiger Reportagereisen in die britische Hauptstadt anvertraut. Im Schnitt flog ich zwischen 2004 und 2008 bestimmt sechs, sieben Mal pro Jahr an die Themse. Diese Reisen waren zwar äußerst anstrengend, weil die Maschine immer schon um 6:15 Uhr abflog und ich – wegen der Aktualität meiner Reportagen – oft genug den letzten Flug um 21:30 Uhr zurück nehmen musste. Aber natürlich war es total cool, regelmäßig in London am Start zu sein und spannende Leute zu treffen: Ich begleitete beispielsweise einen schwangeren Location Scout auf der Suche nach Hollywood-Motiven, besuchte die älteste Frisörschule der Welt – die Vidal Sassoon Academy – oder begab mich zum 10. Todestag von Lady Diana zusammen mit einem Royal-Experten auf die Spuren der tragischen Prinzessin.

Egal wie anstrengend die Tage waren – ich schaffte es eigentlich immer noch, einen kleinen Shopping-Trip einzulegen, um mir das UK-Gefühl mit nach Hause zu nehmen. Ein Besuch beim Paul Smith-Outlet war eigentlich immer drin, genauso ein Abstecher zu den coolen Geschäften in SoHo und Covent Garden, wo sie Northern Soul-Shirts und Duffer of St. George-Pullis verkauften. Ich stöberte durch die Zeitungskioske und kaufte britische Musikmagazine oder den jeweils neuesten Nick Hornby-Roman. Mein Coolness-Ideal wurde von den Ausstattern von „About A Boy“, einem verspäteten Hang zu Britpop und zahlreichen britischen Serien, sowie Filmen über die Hooligan-Kultur geprägt. Ich las mich in die Marterie ein und lernte, dass es in UK eine schlecht ausgebildete Arbeiterklasse gibt, die erstaunlich viel frei verfügbares Einkommen hat. Im Gegensatz zu Hochschul-Absolventen stehen diese Typen bereits mit 20 im Beruf, werden auf Wochen-Basis bezahlt und haben keine Uni-Schulden abzuzahlen. Sie sprechen bevorzugt mit einem harten Arbeiter-Akzent – dem Cockney-Charme – und nennen sich selbst Geezer – also Typen.

Die Upper Class und die Medien bezeichnen diese Typen dagegen gerne als Chavs und amüsieren sich über deren Hang zu Fast Food und Status-Symbolen im unteren Preis-Segment – Burberry-Caps, Stone Island-Jacken und Trainingshosen von Lacoste. Einige dieser Marken hatten durch diese Fan-Base zeitweise ein echtes Image-Problem. Doch ich fand das alles wunderbar interessant, shoppte bei HMV durch die CD-Regale und fand allerhand Raritäten und neue Kracher. So freute ich mich natürlich auch auf das zweite The Streets Album „A Grand Don’t Come For Free“.

Doch leider klang das Album wie eine hochproduzierte Kopie von Mike Skinners Debüt. Es störte mich gar nicht so sehr, dass es als Konzeptalbum angelegt war: Ein Tag im Leben des Erzählers. Doch all die Überraschungen waren wie weggepustet, seine Geschichten nicht mehr originell. Mike Skinner war längst nicht mehr der einfache Geezer mit dem Hang zu schnellem Entertainment und billigem Gras. Er war Musiker, dessen Sound in den USA genauso wie in Deutschland gefeiert wurde und irgendwie nichts mehr zu erzählen hatte, was für mich von Bedeutung gewesen wäre. Auch musikalisch enttäuschte mich sein Versuch, mit teureren Instrumenten eine saubere Version von „Original Pirate Material“ zu produzieren. Seine Songs waren außerdem alle deutlich langsamer und damit nicht mehr tanzbar. Nichtsdestotrotz toppte er damit die UK Charts und „Dry Your Eyes“ wurde zu einer Stadionhymne – was ich bis heute nicht so richtig verstehe.

Auch wenn ich The Streets weiterhin gut finden wollte, gelang es mir nie mehr so richtig. Ich hörte die zweite Scheibe drei, vier Mal durch und vergass sie dann. Als zwei Jahre später wieder ein Album erschien, hörte ich mir nur noch die iTunes-Vorschau an und klickte es dann weg. Auch konnte mich keines seiner Videos mehr kicken – ich spürte: Meine Liaison mit The Streets ging zu Ende.

Wenn ich heute zurück blicke, freue ich mich aber immer wieder über unser „erstes Mal“: sein unschuldiges Debüt, dass mich mehrere Jahre beschäftigte und mich bei meiner Reise durch so viele schöne Erlebnisse begleitete. Doch für meinen Geschmack ist The Streets trotzdem ein One-Hit-Wonder geblieben.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Mein Lieber, wir müssen reden. The Streets jenseits ihres Debüts als Bockmist zu bezeichnen, kann ich nicht unkommentiert lassen. Zumal Du ja offensichtlich nicht ganz durch das – in der Summe – überschaubare Streets-Oeuvre des jungen Mannes gekommen bist. Aber fangen wir vorne an. An irgendeinem normalen Bürotag im Frühjahr 2002 in einer Kölner Musikredaktion.

    „Michael, kannst Du mal mit dem Praktikanten in dieses eine Hotel fahren? Da sitzen The Streets und haben noch ein bisschen Zeit. Macht doch so ein Videointerview für die Webseite.“ Ich hatte keine Ahnung, wer The Streets waren und hatte auch nicht wirklich Zeit –  schließlich musste der wöchentliche Newsletter für den Versand vorbereitet werden. Aber gut: Video-Tasche greifen, Fragebogen ausdrucken und ab mit meinem Praktikanten in dieses Hotel. Wir kamen in einen hellen Raum in dem die Band saß. Besser gesagt: Wir kamen in einen hellen Raum, in dem ein junger Mann saß. Ein ganz junger Mann. Nie vorher gesehen. Nie etwas von gehört. Aber sein Akzent war schon beim ersten Satz auffällig. „Hi, I’m Mike“, sagte er. Und ließ dann den Fragebogen über sich ergehen. Es waren lustige Antworten über seine Playstation, Getränke und Sneaker. Wobei Mike nie den Eindruck machte, als sei er ein Kulturbanause. Er war irgendwie authentisch, sympathisch und auf eine angenehme Art schlau. Kurze Zeit später kam dann die Ablösung, der freie Autor, der für unser Magazin den Artikel über The Streets schreiben sollte. Mein Praktikant und ich fuhren zurück in die Redaktion – beide angetan von der überraschenden und überraschend angenehmen Begegnung.

    Zurück im Büro besorgten wir uns erst mal die Promo von The Streets. Während wir das Video schnitten und ich den Newsletter vorbereitete, liefen die Songs von „Original Pirate Material“. Wir waren begeistert. Und nicht nur wir. The Streets wurden zur Konsensband in der Redaktion, der Kooperation zwischen Label und Magazin wurde von allen Teilen des Hauses für gut befunden. Was wirklich eine Ausnahme war. Normalerweise wollten die Marketing-Kollegen Kooperationen eingehen zu Platten, die wir nicht mochten. Und die Platten, die wir mochten, erschienen auf Labels, die für eine Kooperation nicht immer aufgestellt waren.

    Im Frühjahr 2002 hörten wir aber alle The Streets. Zwei Jahre später, ich arbeitete inzwischen woanders, bestellte ich den Nachfolger ungehört und ließ ihn mir in den Urlaub auf Spiekeroog schicken. Keine Frage: Der Sound war ein anderer. Aber es war noch genügend da von dem, was ich an Mike Sinner so machte: sein Dialekt, die sparsamen Beats, das Unberechenbare („Fit And You Know It“), die Geschichten… Und dieses Rezept hat Skinner meines Erachtens konsequent durchgehalten. „When You Wasn’t Famous“ etwa von Album Nummer drei – ein Knüller.

    Weil Du da schon ausgestiegen warst, ist Dir Album Nummer vier wohl entgangen: „Everything Is Borrowed“ ist großartig. Das beste Streets-Album. Ever. Echt jetzt. Auch, weil Skinner dort mit Gospel, Soul und Weisheit kokettiert. „I came to this world with nothing, and I leave with nothing but love, everything else is just borrowed“ – was für grandiose Zeilen. Wie wunderbar verpackt. Von einem Typen, der wirklich cool ist. Ergänzt mit so herrlichen Songs wie „The Escapist“ oder „The Sherry End“. Sorry, mein Lieber, aber Bockmist klingt anders.

    Zudem ist es ja auch noch so, dass Mike Skinner sogar abseits seiner Alben tolle Sachen gemacht hat. Sein Kommentar zur Schweinegrippe – ein aberwitziges Youtube-Video. Und zwischendurch hat er via Twitter immer mal neue Songs veröffentlicht. Unter anderem das wirklich umwerfende „Trust Me“. Genügend Gründe also, hier eine Lanze für ihn zu brechen.

    Leider kann ich meine Begeisterung für nach The Streets nicht mehr für Mike Skinner aufbringen. Sein Nachfolgeprojekt The D.O.T. hat mich nie wirklich erreicht. Auch wenn es da dieses lustige Video gibt, das noch einmal ein wunderbares Beispiel für den Humor Skinners ist und auch noch Ghostpoet featuret…

    Aber zurück zum Anlass meines kleinen Rants: The Streets hätten nach ihrem Debüt nur noch Bockmist veröffentlicht. Ich hoffe, ich konnte das anschaulich widerlegen. Interessanterweise hatte ich The Streets auch auf meiner Liste für unseren Blog. Und mein Einstieg zu dem Posting wäre vermutlich gewesen: „Mikko, es gibt da in England diesen einen jungen Mann. Ich glaube, Du würdest gut mit ihm auskommen.“ Also: Gib‘ ihm noch mal eine Chance 😉

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