79/100: The Look Of Love

ABC (1982)

abc_look_vidEs waren nur Sekunden. In einer TV-Werbung für einen Hit-Sampler lief ganz kurz ein junger Mann mit Strohhut durch eine pastellfarbene Kulisse und drückt zwei anderen jeweils eine Kugel Eis ins Gesicht. Das hatte was von Laurel & Hardy oder „Väter der Klamotte“. Der Song, der zu diesem Videoclip läuft, ist „The Look Of Love“. Der Mann mit dem Hut ist Martin Fry. Seine Band heißt ABC. Und gemeinsam mit dem Produzenten Trevor Horn haben sie eines der besten Pop-Alben aller Zeiten aufgenommen: „The Lexicon Of Love“.

abc_look_frontAber bleiben wir erst mal bei dem jungen Mann mit dem Hut. Diese paar Sekunden waren mein allererster Kontakt mit ABC. Und sie führten dazu, dass ich am Morgen des Heiligabends 1982 bei einem Schallplattenhändler an einer Vorhörtheke stand, um den Song auch mal ganz hören können. Am Ende der 3:27 Minuten war mir klar: Ich musste die Single mit nach Hause nehmen. Sie in einem dieser kleinen rechteckigen Tütchen durch die Stadt zum Bus bis nach Hause tragen um sie dort immer und immer wieder auf meinen Dual-Plattenspieler zu legen.

abc_look_backIch könnte jetzt natürlich neunmalklug über die Anleihen aus Funk, Rap, Pop und die tolle Produktion zu schwadronieren. Als ich aber „The Look Of Love“ verfiel, war ich zwölf und konnte das natürlich noch alles gar nicht kontextualisieren. Es war einfach ein toller Song. Und außerdem sprach die Band zu mir: Auf der Rückseite des Single-Covers gab es ganz ausführliche Liner-Notes, die ich las, während sich die Platte auf dem Teller drehte… und drehte… und drehte

The Look Of Love from ABC on Vimeo.

abc_look of loveDer eingangs beschriebene Video-Schnipsel im Werbeblock eines öffentlich-rechtlichen TV-Senders war aber nur einer der Zuwege, die „The Look Of Love“ für mich so wichtig machen. Etwa ein Vierteljahr später machte ich meine Hausaufgaben und hörte dazu NDR2. Aus mir bis heute unerklärlichen Gründen lief am helllichten Tag ein Beitrag über das Phänomen der Maxi-Single und des Remixes – schon damals eines meiner Lieblings-Themen im Pop. Und als Beispiel für einen wirklich abgefahrenen Remix kam – eine mir unbekannte Version von „The Look Of Love“. Eine, die den Song in seine Einzelteile zerlegte, die den Gesang zugunsten einer Vielzahl von Effekten opferte, die Background-Chöre rückwärts laufen ließ und trotzdem in einem mitreißenden Finale endete. Glücklicherweise hatte ich eine Leer-Cassette am Start und konnte den Remix aufnehmen – um ihn anschließend immer und immer wieder zu hören.

Und dann war da noch Florian. Florian war vier Jahre älter als ich und kam jede Woche zu uns, weil mein Vater ihm Orgel-Unterricht gab. Ich glaube, dass Florian nicht immer geübt hatte und deswegen eine Strategie entwickelte, um die Zeit mit meinem Vater nicht an der Orgel verbringen zu müssen: Er brachte jede Woche eine Platte mit, die er meinem Vater „unbedingt“ vorspielen müsse. Eine dieser Platten war die Debüt-Maxi von ABC, „Tears Are Not Enough“. Natürlich hatte ich bei diesen Listening-Sessions immer mein Ohr an der Tür, den Florian hatte einen guten Musikgeschmack. Und so hatte ich auch über Florian meine dritte Begegnung mit ABC.

abc_lexicon_frontIch wollte mehr ABC-Songs hören – und konnte dabei auf meinen Schulfreund Georg zählen. Besser gesagt: auf seine große Schwester. Die hatte das Debüt-Album von ABC (wie so viele andere LPs) schön längst gekauft. Und so konnte ich „The Lexicon Of Love“ eines Nachmittags bei Georg im Dachzimmer zum ersten Mal anhören. Die Platte beginnt mit einem einnehmenden Streicher-Arrangement, bevor dann Schlagzeug, Bass und Keyboards einsetzen. Und im Grunde genommen läuft die erst Seite ohne Unterbrechungen von Hit zu Hit. Nach knapp 25 Minuten und fünf nahtlos aneinander gereihten Hymnen rutschte die Nadel in die Auslaufrille und ich wusste gar nicht, wie mir geschah. ABC drückten nicht nur musikalisch aufs Gas. Auch emotional waren die Songs atemberaubend, wie sie durch so gut wie alle Stadien des Herzschmerzes rasten: die Trauer; der Versuch, die Trennung rational zu verarbeiten; das Gefühl, betrogen worden zu sein; die Hingabe; der Wahnsinn… Alles drin – auf einer LP-Seite.

Seite zwei begann dann mit „The Look Of Love“, baute nach dem großartigen „Date Stamped“ aber etwas ab. Dennoch gab es genug zu entdecken, mitzuwippen und mitzusingen. Was für eine Platte… Georg nahm mir freundlicherweise noch eine Kassette auf, die ich anschließend unzählige Male durchgenudelt habe. (Im Herbst 1987 dann kaufte ich mir auf einem Flohmarkt in Berlin mein eigenes Exemplar von „The Lexicon „Of Love“, das fortan zum Einsatz kam.)

abc_collageMeine Begeisterung für die Platte äußerte sich Anfang 1983 aber nicht nur in weiteren Plattenkäufen von ABC. Wann immer ich in Poesie-Alben schreiben durfte, trug ich ABC als meine Lieblingsband ein. Ich begann auch, meinen Tisch in der Schule mit Textzitaten von „Lexicon Of Love“ vollzumalen. „Love Has No Guarantee“ aus „Date Stamped war dabei. Oder diese großartigen Zeilen aus „Valentine’s Day“:

“When I’m shaking a hand, I’m clenching a fist
If you gave me a pound for the moments I missed
And I got dancing lessons for all the lips I shoulda kissed
I’d be a millionaire, I’d be a Fred Astaire”

Und als der Tisch vollgeschrieben war, “zeichnete” ich die Zeilen mit der Spitze meines Zirkels nach. Zum Glück, blieb das unentdeckt und ungeahndet.

Mehr als 30 Jahre später ist mir natürlich auch klar: „The Look Of Love“ ist einer dieser Achtzigerjahre-Songs, die man vielleicht schon zu oft gehört hat. Selbst ich schaudere manchmal, wenn ich auf einer Party oder in einem Formatradio-Sender mit diesem markanten Intro aus Drums, Bläsern und Martin Frys Falsett-Stimme konfrontiert werde. Aber spätestens ab der Mittelteils hin bin ich dann doch mit dabei und singe mit:

Sisters and brothers
Should help each other
Heavens above
Hip hip hooray
Yippee ai yippee aiay
Be lucky in love
Look of love

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Hach ja, dieses Video habe ich wirklich ewig nicht mehr gesehen: Diese cheesy Mary-Poppins-Kulisse und die schlechten Gags wie der Stecker in den Spaghetti sind wirklich sehr unterhaltsam. Bei dem Song selber geht es mir wie Dir: Ich mag ihn wirklich sehr gerne, aber im Radio kann ich den nicht ertragen. Vielleicht auch, weil dort viele Songs ja zu Belanglosigkeiten runtergenudelt werden, in dem sie zwischen zwei unlustige Moderationen oder schreckliche Mucke gequetscht werden. 

    Ich glaube übrigens auch, dass man ABC nicht wirklich schlecht finden kann – sofern man irgendwie noch mit den 80ern in Berührung gekommen ist. Der Song ist aus meiner Sicht in erster Linie ein Dance-Track und dann ein Pop-Song. Diese Unterscheidung macht für mich insofern Sinn, als dass er noch stärker auf Zeitgeist und weniger auf Dauerhaftigkeit angelegt war. Damit unterstelle ich natürlich, dass man so etwas als Produzent steuern kann – aber klar gibt es bestimmte Sounds, Techniken, Songstrukturen und Instrumente, die jeweils en vogue sind. Frag mal bei Robin Schulz nach…

    Was mich zu dem Argument bringt, dass man mit „The Look of Love“ leider kaum noch eine Party in Schwung bringt: Im Vergleich zu heutigen Produktionen ist der Sound zu hell und die Bässe sind zu dünn. Ähnliche Probleme habe ich mit Songs von Human League – die waren damals auf der Tanzfläche Sure Shots, locken heute aber kaum jemanden aufs Parkett. Wenn Du dagegen aber – sagen wir – „Love Cats“ spielst, legen all die damaligen New Waver und Goths schon aus Nostalgie los – das meine ich mit dem Unterschied zwischen zeitgenössischer Tanzmusik und Pop-Klassikern.

    Bei Deinem Faible für Früh-Entdeckungen und Remixe fühlte ich mich selbst interessanterweise an eine deutsche Band erinnert, die man so vielleicht nicht damit assoziieren würde: Die Ärzte. 

    Es muss irgendwann zwischen 1986 und 1987 gewesen sein, als ich das erste Mal checkte, dass die etwas ganz Besonderes darstellen. Die Ärzte waren zugleich Anti als auch Konsens. In der BRAVO erzählte Bela B. davon, dass er mal für drei Monate auf der Polizeischule in Ruhleben war, gleichzeitig galten sie als nonkonforme Spaß-Punker, die in Kreuzberg und Neukölln rockten. Die hitlastige Bangles-Adaption „Gehn wie ein Ägypter“ wurde bei Formel Eins gespielt, aber gleichzeitig veröffentlichten sie ein Album namens „Ab 18“, das nur mit entsprechendem Altersnachweis zu haben war. Das machte die ganze Sache höchst interessant für mich und meine Altersgenossen.

    Denn solche Warnhinweise kannte ich bis dato nicht. Klar, meine Mutter war nicht happy darüber, dass ich in der vierten Klasse kaum noch TKKG sondern lieber John Sinclair-Kassetten hörte und mich damit in den Schlaf gruselte. Es gab sogar eine Weile lang ein regelrechtes John Sinclair-Verbot, das erst nach einer Klassenfahrt ausgehebelt wurde, auf der wir uns abwechselnd durch das Ouevre von Otto Waalkes, Fips Asmussen und eben die Geisterjäger-Reihe hörten. So gesehen schien das mit den Ärzten der nächste logische Schritt zu sein.

    Zum Glück hatte ich einen Haufen ältere Cousins, die keine Skrupel hatten, mir ein Best Of der Spaßpunker zusammen zu stellen: Statt der 7-Track-EP bekam ich ein Mixtape mit ihren 12 Ärzte-Lieblingssongs. Darauf waren neben den „bösen“ Songs auch so harmlose Titel wie der über den Bademeister „Paul“ drauf. So kam ich mit „Sweet Gwendoline“, „Claudia hat ’nen Schäferhund“ und „Geschwiesterliebe“ in Berührung – ohne dass ich irgendwie kapiert hätte, um welche Tabubrüche es sich da jeweils handelte. Viel mehr gruselte mich das „Schlaflied“, das ich skurrilerweise aber schon aus dem Sonntagnachmittags-Programm des Radios kannte. Die Ärzte schafften den Spagat irgendwie ohne Probleme…

    Doch mit dieser Mix-Kassette fühlte ich mich ein paar Wochen lang wie der King der 6. Klasse in der Sternberg Grundschule. Immer wieder wurde ich gebeten, die „heiße Ware“ auf Parties oder zu Verabredungen mitzubringen – und das fühlte sich gut an. Schließlich war ich neu im Pop-Fan-Geschäft und hatte so viel nachzuholen. Da wurden die Ärzte zu meinem ersten richtigen Coup! Der zweite war übrigens ein halbes Jahr später der Erwerb des „La Boum“-Soundtracks – ja ja, so wild waren wir damals drauf…

    Jedenfalls fühlten sich die Ärzte einfach gut an. Nach und nach begann ich, mir aus verschiedenen Quellen einen Einblick in ihr Gesamtwerk zu verschaffen. Und das zwischen 1987 und 1989 bereits sehr umfangreich: Es gab seltene Sampler-Beiträge zu irgendwelchen Berliner DIY-Projekten. Es gab zwei unterschiedliche Pressungen der ersten EP „Uns geht’s prima“, von der ich allerdings nur die schlechtere mir dem blauen Kreuz ergattern konnte. Ich kreuzte zufällig diesen „Richy Guitar“-Film beim zappen und schaffte es, ihn bis auf die ersten zehn Minuten auf BetaMax zu ziehen. Immerhin konnte man dort drei Songs hören, die teilweise auch auf „Debil“ zu hören waren. Die Ärzte – ein echtes Sammlerparadies. 

    Was aber nicht jeder weiß: Die Ärzte haben damals eine Reihe von Maxis veröffentlicht. Die waren vor allem aus zwei Gründen für Sammler interessant: Einerseits enthielten sie exklusive Songs, die die Ärzte für die TV-Jugendsendung „Mosquito“ aufgenommen hatten und die sich mit typischen Teenie-Problemen wie Pickeln und Übergewicht beschäftigen. Andererseits gaben sich Bela und Farin sehr viel Mühe, mit Remixen zu experimentieren: Auf dem „Dingleberry Mix“ von „Radio brennt“ wird beispielsweise bewusst schlecht gerappt, beim „Wumme Mix“ von „2000 Mädchen“ wird gejodelt und beim „Domina Mix“ von „Bitte Bitte“ listet eine Hobby-Herrin minutenlang eine Reihe von Hardcore-Praktiken auf, die mit Soundschnippseln aus der britischen Komödie „Personal Services“ untermalt werden. Auch hier: Vieles kaum nachvollziehbar für einen 13-Jährigen, aber in der Zusammenstellung unfassbar spannend: Zahnspangen und Inzest – alles mit ausreichend Selbstironie der Macher zu einer wunderbaren Melange für Sammler zusammengerührt.

    Als sich die Ärzte nach ihrem Dreifach-Live-Album „Nach uns die Sinnflut“ 1988 trennten, war ich wirklich sehr traurig. Gleichzeitig freute ich mich, als Bela B. und Farin Urlaub Soloprojekte ankündigten: Farin experimentierte mit seiner Hardrock-Band King Kong, Bela stürzte sich dagegen in gleich mehrere Projekte, die ich von meinem mageren Taschengeld alle erwarb (vor allem, weil nicht mal meine älteren Cousins bereit waren, dafür Geld auszugeben):  Mit der Punk-Band PVC spielte Bela die englischsprachige Single „Pogo Dancing“ ein, mit dem Schriftsteller Wiglaf Droste nahm er die – für damalige Verhältnisse – extrem intellektuelle Platte „Grönemeyer kann nicht tanzen“ auf und dann gab’s da noch diese „Genschman“-Scheibe zu „Ehren“ unseres damaligen Außenministers…

    Die ersten drei Jahre als Pop-Fan sammelte ich also quasi alles von den Ärzten, was ich in die Finger bekam. Dabei war es mir übrigens total egal, in welcher Qualität mich die Musik erreichte: Klar sollte es hörbar sein, aber besser eine schlechte Kassette-zu-Kassette-Kopie eines verschrubelten Tape-Decks als einen Song gar nicht zu besitzen.

    Später wurden mir die Ärzte übrigens einigermaßen egal: „Schrei nach Liebe“ fand ich zwar noch so gut, dass ich noch mal 30,- Mark in „Die Bestie in Menschengestalt“ investierte. Allerdings war ich 1993 gerade dabei, eine Weile lang auf dem Rap-Film hängen zu bleiben. Die HipHopper schafften es einfach, mir ähnliche antifaschistische Messages oder auch mal alberne Rumprollereien einen Ticken cooler rüberzubringen als es die Ärzte mit ihrer Schrubbel-Ästhetik vermochten. 

    Wenn ich heute einen Song von ihnen höre, tanze ich gerne mit. Aber im Radio schalte ich meistens um – so wie bei ABC.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.