77/100: Group Four

mm_massive_cgnMassive Attack (1997)

Hin und wieder darf ich für meinen Arbeitgeber nach Berlin reisen. Auf dem Weg zum Check-In komme ich am Flughafen Köln/Bonn jedes Mal an diesem Schild vorbei. „Oh ja, Mezzanine – die beste LP von Massive Attack“, denke ich dann immer. „Wird Zeit, dass auch ich ihr ein Denkmal setze.“

Als ich vor vielen, vielen Jahren zum ersten Mal über die Idee von „100 Songs“ nachgedacht habe, war mir klar: Massive Attack würden bei meiner Auswahl auf jeden Fall vertreten sein. Nicht nur, weil ich viele ihrer Songs großartig finde. Sondern auch, weil ich sie für eine Band halte, die viel angeschoben hat – musikalisch wie auch visuell und politisch.

mm_massive_rezensionMein erster Berührungspunkt mit Massive Attack war eine Rezension in „Volume“, diesem CD-Magazin-Hybrid von dem ich Dir schon mal erzählt hab. Ende 1991 war „Blue Lines“ dort in einer Liste der besten Alben des Jahres aufgetaucht. Gehört habe ich die ersten Songs daraus aber erst zum Jahreswechsel 1992/1993 bei einer Kommilitonin. Ich fand nicht alle Titel der Platte super. Mit Horace Andy wurde ich nicht so recht warm, ein paar Songs pluckerten wirkungslos an mir vorbei. Aber „Unfinished Sympathy“ stach aus den neun Songs definitiv heraus. Er war ungewöhnlich in der Instrumentierung (keine Bassline!), leidenschaftlich im Vortrag (Shara Nelson) und berührend dank des Streicher-Arrangements (Will Malone). Absolut großartig und für mich Grund genug, Massive Attack ins Herz zu schließen.

mm_massive_unfinishedEtwas später sah ich dann auch das Video zu „Unfinished Sympathy“, das wirklich toll ist, und ich realisierte, dass Massive Attack als Gesamtkunstwerk angetreten waren. Nach und nach kam ich auch mit den anderen Songs auf „Blue Lines“ klar. „Safe From Harm“ etwa (auch von Shara Nelson gesungen), „Five Man Army“ oder der Titelsong – alles großartige Songs, die einen der großen Trends der 1990-Jahre angekündigten: Trip Hop.

An einem Sonntag im Herbst 1994 war ich im Londoner Stadtteil Camden auf einem Flohmarkt. Einige der dortigen Clubs hatten ihre Türen geöffnet und Standflächen vermietet. In einem lief sogar Musik – unter anderem ein etwas schleppendes Instrumentalstück, durch das sich so eine Art Schnorchel-Atmen zog. Klavier, Basslinie, Streicher, ein schwerfälliger Beat – der DJ sagte mir auf meine Nachfrage hin, dass es sich um „Heat Miser“ von der gerade neuen, zweiten Massive Attack-LP handele. Am Abend hörte ich auf BBC Radio 1 dann auch noch „Protection“, den Titelsong dieser neuen Platte und wusste: Die LP muss ich haben. Gleich am nächsten Morgen ging ich in Ealing zu HMV und kaufte „Protection“. Keine Frage: eine großartige, wegweisende Platte – mit eigenwilligen Nebenaspekten. Nur ein Beispiel: Zu der Zeit waren LPs ja noch in A- und B-Seiten aufgeteilt. Und Massive Attack hatten auf beiden Seiten jeweils einen Song mit einem Gastsänger an der gleichen Stelle positioniert: Tracy Thorn jeweils als erstes, dann Tricky, dann Nicolette, dann ein Instrumental mit Craig Armstrong, dann Horace Andy. Aber das waren nur Nebensächlichkeiten. Ich kann bis heute nicht sagen, welcher der zehn Tracks der beste ist. Sie alle sind für sich Meisterwerke (ausgenommen vielleicht das Doors-Cover „Light My Fire“), jedes hat ganz andere Qualitäten. Und das sah nicht nur ich so – Massive Attack wurden zur Konsensband. Coole Songs, coole Features, coole Videos – da war vom Indie-Fan zum Techno-Head für jeden etwas dabei. Eine Platte, die man problemlos bei jeder Gelegenheit spielen konnte.

„Mezzanine“ ist da anders. „Mezzanine“ ist keine Platte zum gern haben. „Mezzanine“ ist sperrig, tut weh, erscheint trostlos und unfreundlich. Als die Platte 1997 erschien, waren meine Frau und ich bei guten Freunden zum Essen eingeladen. Thomas hatte „Mezzanine“ am Vormittag in der Stadt gekauft und – basierend auf den langjährigen Erfahrungen, die wir im Bekanntenkreis mit Massive-Attack-Platten gemacht hatten – die CD einfach mal als Soundtrack zu den Spinat-Pfannkuchen ausgewählt. Eigentlich hätte er schon beim Auspacken skeptisch sein müssen: Die CD in ihrem Tray strahlte im aggressiven Orange. Und dann fing „Angel“ an. Dieser düstere Bass, zu dem Horace Andy einen verstörenden Kontrapunkt setzt. Als der Beat einsetzte, den auch schon mal die Beastie Boys gesamplet hatten, dachte ich: „Oh, da ist aber jemand auf Krawall gebürstet.“

Und dann setzte das richtige Schlagzeug ein – in Verbindung mit einer lauten Gitarre.

Definitiv keine Musik für einen Pärchenabend. Der Status einer Konsensband innerhalb weniger Sekunden verspielt. Mit Vorsatz. Denn auch die weiteren Songs von „Mezzanine“ waren nicht zum Kuscheln. Mit Ausnahme von „Teardrop“ – aus meiner Sicht auch der schwächste Song auf der Platte – machten es Massive Attack unserer Runde schwer, einen entspannten Abend zu verbringen. Erst als Thomas die Musik wechselte, wurden alle wieder etwas lockerer. Als wir uns verabschiedeten, quatsche ich ihm die CD ab – ich musste sie einfach noch einmal hören. Angesichts der Reaktionen aus der Runde fiel es Thomas leicht, das Album rauszurücken.

Zuhause kämpfte ich mich durch die Dunkelheit der elf Songs. Und war begeistert. Da ist das Cure-Sample in „Man Next Door“. Das heftige „Dissolved Girl“. Der Wahnsinn von „Inertia Creeps“. Die Tiefe von „Rising Son“. Und mittendrin immer mal etwas Beruhigung von Horace Andy. Der Höhepunkt: zweifellos das harmlos beginnende und sich stetig steigernde „Group Four“.

Eine großartige Platte. Meines Erachtens die beste von Massive Attack. Was leider auch heißt: So gut, so intensiv, so aufwühlend waren sie nie wieder. Alles was danach kam war bei weitem nicht mehr so gut, wie „Mezzanine“.

Zum Glück gab es weiterhin genügend Gründe, Massive Attack zu mögen. Da ist diese interessante Anekdote, wo sie bei den MTV-Awards 1998 der Duchess Of York, Sarah Ferguson, eine lange Nase zeigen. Da ist eine Anzeigenkampagne, mit der Massive Attack und Blur 2003 gegen den Irak-Krieg protestierten. Da ist der Song „Invasion“, den Massive Attack zum zweiten Unkle-Album beigesteuert haben. Da sind beeindruckende Konzerte. Und immer wieder Erinnerungen daran, wie gut Massive Attack in ihren besten Momenten sein können. Und mit Burial arbeiteten sie auch noch zusammen

In der Summe haben Massive Attack also viel richtig gemacht in den vergangenen mehr als 20 Jahren. Sie haben Maßstäbe und Trends gesetzt. Ob die Person, die das „Mezzanine“-Schild am Flughafen Köln/Bonn hat anbringen lassen, wohl auch gedacht hat?

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe jetzt tatsächlich eine ganze Weile darüber nachgedacht, wie ich mich zu diesem Song verhalte: Es fällt mir überhaupt schwer, mich zu Massive Attack zu äußern, denn die Band hat mir nie viel bedeutet. Dabei bin ich mir durchaus im Klaren darüber, dass es Menschen gibt, die Massive Attack in die Reihe der innovativsten Künstler der 90er Jahre einsortieren. So irgendwo in der Nähe von – sagen wir – Beck, The Prodigy und Sonic Youth. Avantgarde, aber zugleich in gewissen Bildungsschichten totaler Mainstream. Ich habe überhaupt nichts gegen die eben genannten Bands, aber bis auf einige Einzel-Tracks habe ich ihre Musik nie richtig fühlen können.

    Ich weiß auch nicht, warum Massive Attack bei mir nicht gezündet hat. „Unfinished Sympathy“ war ein okayer Song, aber irgendwie durch seine schleppend-träge Art etwas zu anstrengend für meinen Geschmack. Dabei wären die Voraussetzungen denkbar gut gewesen, dass ich sie hätte mögen können: die Beatlastigkeit der Musik, der ungehemmte Sound-Eklektizismus, das politische Selbstverständnis der Künstler – all das passte wunderbar in meine kleine Musikwelt irgendwo in den 90er Jahren. Aber wenn ich versuchte, mir Massive Attack anzuhören, musste ich immer wieder nach ein paar Songs aufgeben – irgendwie war ich auf der Suche nach krasserer Musik. Massive Attack waren und sind für mich weder Fisch noch Fleisch: zu loungig, zu unentschlossen, viel zu harmonisch. Jedenfalls gilt das für die Musik, die ICH für den typischen Massive Attack-Sound hielt.

    „Group Four“ ist da natürlich total anders: eckig und kantig. Allerdings weiß ich noch immer nicht, ob dieses Lied und ich auf lange Sicht Freunde werden. Dazu gibt es einfach – auch bedingt durch unseren Blog – zu viele Neuentdeckungen, die ich diesem Track vorziehen würde.

    Nun habe ich versucht, eine vergleichbare Geschichte zu dem Erlebnis bei Eurem Pärchenabend zu finden. Mir sind nicht viele Künstler eingefallen, die mir zu ihren Konsens-Zeiten egal waren und die mir erst mit ihrer untypischsten VÖ ans Herz gewachsen sind. Vielleicht noch Sido.

    Ich weiß noch, wie ich zu Ostern 2004 in Niedersachsen auf der Couch meiner heutigen Schwiegermutter lag und faul durch die Musikkanäle zappte, während in der Küche ordentlich gebrutzelt wurde. Plötzlich tauchte dieser Typ mit der übergroßen Carhartt-Jacke und der silbernen Totenkopf-Maske auf dem Bildschirm auf und erzählte mir was über seinen total kaputten Wohnblock. Das ganze gefilmt in einer doch hyperrealen Ghetto-Ästhetik, die so gar nichts mit den humorvollen Videos meiner Hamburger oder Stuttgarter HipHop-Lieblinge zu tun hatte. Vielmehr erinnerten mich die Szenen an bitterböse Videos aus Staten Island oder den Film „La Haine“. Beides hatte ich lange Zeit gemocht – aber hier ekelte mich das an. 

    Sein Sound und sein Auftreten gefielen mir überhaupt nicht. Und von so einem Typen wollte ich mir auch nicht die Welt erklären lassen. Die von ihm geschilderten Lebensverhältnisse waren mir außerdem zu nah an meinem eigenen Wohnviertel dran. Selbst wenn seine Trabantenstadt im Märkischen Viertel optisch überhaupt keine Ähnlichkeit mit meinem Schöneberger Innenstadt-Kiez hatte, so war die soziale Durchmischung in beiden Stadtteilen ähnlich. 

    Dennoch fühlte ich mich von diesem Sido in keiner Form irgendwie repräsentiert. Vielmehr erzählte er Geschichten von Prostitution und Dealerei, für die in meiner Welt kein Platz war. Ich wollte mir das alles nicht anhören. Mir reichten die Spinner in meinem Kiez, denen ich auf dem Weg zur S-Bahn oder zum Discounter in aller Regelmäßigkeit ausweichen musste. Seine geschilderte Parallel-Welt voller Gesetzlosigkeit übte null Reiz auf mich aus. Ich schaltete um – und war das ganze Wochenende nachhaltig genervt davon, dass deutscher Rap so schlecht geworden war.

    Wie man weiß, sahen das sehr viele Menschen ganz anders als ich. Sidos Debütalbum wurde ein voller Erfolg und zog eine Welle weiterer aggressiver Veröffentlichungen und Epigonen nach sich. Schnell interessierten sich auch Stefan Raab und das Feuilleton für Aggro Berlin: Diese ganzen Halbwelt-Typen erhielten überall Airplay und wurden mit Berichterstattungen überhäuft. 

    Natürlich berichteten zahlreiche Medien in ihrer bürgerlichen Art sehr abschätzig über die neuen Idole ihrer Kinder. Mit ihren Erzählungen von Gangbangs, Kokain und getunten teuren Autos wurden sie zum neuen Bürgerschreck. Und wenn ich ehrlich war, konnte ich den Bedenkenträgern nur beipflichten.

    Sido wurde bald vom Enfant Terrible zum Superstar und immer mehr Publikationen feierten seine Art des Geschichtenerzählens: Seine rotzige Berliner Schnauze kam bundesweit gut an – selbst studierte Musikhörer zollten seiner Musik entsprechenden Respekt. Gerne wurde dabei Sidos Wortwitz gelobt. Das Establishment gefiel sich plötzlich darin – ähnlich wie bei Erkan und Stefan, Mundstuhl oder Kayar Yanar – über krasse Geschichten aus der Unterschicht zu lachen. Krasse Akzente und radikale Weltsichten gepaart mit möglichst dümmlichen oder provokanten Sprüchen zu Frauen, Drogen und Gewalt: Das alles galt plötzlich als salonfähig. Hochgeistig wurde darüber philosophiert, dass Sido und Bushido der sozialen Unterschicht eine Stimme geben würden – für mich war das nur ein Gähnen wert. Die Typen waren Angeber, aber ihre Musik bestimmt kein guter Rap.

    Mit dieser Einstellung fuhr ich eine ganze Weile durch die Welt und teilte sie mit jedem, der mir versuchte klar zu machen, bei Sido handele es sich um den deutschen Eminem. „Never ever“, dachte ich: Dazu war mir sein vermeintlicher Humor zu platt. Und wo war denn bei Sidos „Arschficksong“ bitteschön die Message? Trotzdem stand die Single bei Saturn im Regal. Puh.

    Meine Haltung änderte sich erst zwei Jahre später – zunächst zögerlich, dann doch recht radikal. Es hatte sicher etwas mit neuen Erkenntnissen in meinem Studium der Kulturwissenschaften und meinem veränderten Erfahrungshorizont zu tun, aber irgendwie schaltete ich immer seltener weg, wenn ich mal ein Video von Sido sah. Im Gegenteil, sein 2005er Projekt „Deine Lieblingsrapper“ gefiel mir mit zeitlichem Abstand so gut, dass ich sogar das Album bei iTunes kaufte. Erst fühlte es sich richtiggehend merkwürdig an, diesem Typen meine sauerverdiente Kohle in den Rachen zu schmeißen, aber andererseits fühlte ich mich von seinem Song „Steh wieder auf“ gut unterhalten: Der Sound war sehr mitreißend und inhaltlich war die Darstellung seines Lebens als Rap-Star so übertrieben kaputt, dass ich es aufgab, darin irgendwelche falsch transportierten Wertevorstellungen zu suchen. Das war gute Comedy.

    „Deine Lieblingsrapper“ gilt in der Sido-Biographie nicht als einer der großen Meilensteine, aber für mich war es der Stein des Anstoßes, mich ernsthaft und willentlich mit seiner Musik auseinander zu setzen. Nachdem er in Augen einiger Musikkritiker die Authentizität und Rohheit seines Debütalbums verloren, gefielen mir seine weiteren Veröffentlichungen immer besser und ich zögerte jedes Mal ein wenig kürzer, bevor ich sie mir kaufte.

    Heute ist Sido auf einer anderen Ebene tatsächlich Konsens geworden. Seine Musik ist stabil, seine Persönlichkeit und seine musikalische Entwicklung hinlänglich dokumentiert. Keiner wird mehr seine „Leistungen“ anzweifeln, es wird ihn aber auch niemand mehr als Bad Boy, der die Jugend verdirbt, bezeichnen. Er hat seinen festen Platz in der Rap-Szene, genauso wie in der Pop-Szene. Er darf mit Jugendlichen über Politik diskutieren oder Interviews übers Angeln führen – und manchmal provoziert er noch mit einer Disco-Schlägerei eine kleine BILD-Schlagzeile. Aber das nimmt ihm eigentlich keiner mehr krumm. Auch ich nicht.

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