Interlude: Haftbefehl

Wenn eher uncoole Kollegen die Pop-Redaktion darauf hinweisen, dass in den Zeitungen über „diesen Rapper aus Offenbach“ so viel geschrieben wird, könnte man meinen, dass es zu spät ist, das Thema aufzugreifen. Ich glaube aber, dass Haftbefehl uns alle noch ein paar Tage beschäftigen wird – insofern geht das klar.

Warum ich das denke? Nun, es gibt zwei Indikatoren, die ziemlich sicher für einige Publicity sorgen werden.

Zum Einen wird sein am Freitag veröffentliches Album „Russisch Roulette“ mit ziemlicher Sicherheit auf Platz 1 der deutschen Albumcharts einsteigen. So wie Kool Savas eine Woche zuvor Pink Floyd und Depeche Mode abgehängt hat. Und so wie bereits zehn andere deutsche Rap-Künstler in diesem Jahr (sowie die drei Deutschrap-affiliated Künstler Jan Delay, Clueso und Kraftklub) für jeweils eine Woche die Top-Position eingenommen haben. Es spricht ziemlich viel dafür, dass das Aykut Anhan mit dem Major Label Universal im Rücken auch schafft – zumal er keine nennenswerte Konkurrenz zu fürchten hat. Außer vielleicht AC/DC. Mal sehen, wen die Hardrocker ohne Malcolm Young noch vom Kauf eines Tonträgers überzeugen können. Haftbefehls Fans werden den neuen Tonträger IHRES Stars in jedem Fall kaufen, schließlich hat eine Reihe geschickter Promo-Moves seit einigen Monaten die Vorfreude enorm geschürt. Dazu gleich mehr.

Zum Anderen wird es nicht lange dauern, bis die einschlägigen Medien den tragischen Tod einer 23-jährigen Studentin aus Offenbach in irgendeiner Form mit dem Gangsta-Rapper in Verbindung bringen werden. Dazu sind die Umfelder zu sehr überlappend: Der 18-jährige Haupttäter aus der Heimatstadt des Rappers scheint passgenau zu dessen Fanbase zu passen. Inwieweit das tatsächlich stimmen mag, sollen andere recherchieren. Nur so viel: Selbst wenn der Brutalo-Schläger Haftbefehls Video „Lass die Affen aus’m Zoo“ zwanzig Mal gesehen haben mag – das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Beate Zschäpe hat schließlich auch U2 gehört. Doch irgendein Boulevard-Blatt wird daraus schon eine Schlagzeile zimmern.

Zurück zu Haftbefehls Musik. Es ist kein Geheimnis, dass er auch deshalb so populär geworden ist, weil er das Genre Gangsta-Rap um einige Facetten bereichert hat. Aus dem Multikulti-Umfeld des Frankfurter Bahnhofs-Viertels stammend, hat der gebürtige Hesse mit türkischen Eltern eine neue Form der Jugendsprache populär gemacht: „Kanackisch“. In seinen Slang fließen Worte aus zig Sprachen mit ein – vorzugsweise natürlich Schimpfworte und Beleidigungen. Aber auch harmlose Begriffe zum Beispiel Bezeichnungen für Familienmitglieder – allen voran das populärste, weil zum Jugendwort des Jahres 2013 gewählt: Babo.

Der orthographische Spaß an diesen Texten rührt unter anderem daher, dass viele Artikel und Präpositionen bewusst gegen den Strich gebügelt werden – so sehr, dass man selbst mit einem Urban Dictionary kaum noch hinterher kommt. Es ist nicht so, dass Haftbefehl es nicht besser kann oder weiß – au contraire. In ihrem Song „Hinterhofjargon“ liefern Haftbefehls Weggefährten Celo & Abdi eine Art gereimtes Wörterbuch zum Azzlack-Slang. Was Azzlack bedeutet lässt sich heute, im Dezember 2014, entsprechend schnell googeln.

Dann sind da noch die knallharten Kiez-Geschichten des kleinkriminellen Drogenmileus der Banken-Metropole. Wie man weiß rührt Haftbefehls Künstlername tatsächlich daher, dass er mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist und sich zwischenzeitlich auch mal in die Türkei abgesetzt hat. Dennoch übertrifft die Liga der geschilderten Verbrechen seine tatsächlichen Taten bei Weitem: Bei Haftbefehl handelt es sich mitnichten um einen deutschen Tony Montana, sondern um eine Kunstfigur.

Und damit wären wir beim großen Thema Gangsta-Rap. Ein Genre, dass Ende der 80er Jahre zunächst im südlichen Zentrum von Los Angeles besonders populär würde – u.a. in Form der Rap-Supergroup N.W.A., bestehend aus Ice Cube, Dr. Dre, Eazy-E, MC Ren und DJ Yella. Drei Fünftel dieser stilprägenden Combo machten sich auch als Solokünstler einen internationalen Namen. Was damals in den USA ausgiebig diskutiert wurde, findet spätestens seit Bushido auch hierzulande statt: Wie viel davon ist wahr und was davon ist lediglich Kunst? Eazy-E bezeichnete sich damals selbst als Straßenreporter, der nur deshalb so viel über Gewalt rappte, weil sie in seinem Viertel eben allgegenwärtig war.

Dass diese Erzählungen für eine junge, Beat-affine Generation genauso faszinierend sind, wie für deren Eltern der sonntägliche „Tatort“ ist also nur logisch. Zumal die harten Rap-Geschichten aus der Perspektive der Betroffenen erzählt werden und nicht von gutbürgerlichen Drehbuchschreibern, die dazu den moralischen Zeigefinger heben. Das Ganze hat also etwas mit jugendlicher Abgrenzung zu tun – die wenigsten Besucher eines durchschnittlichen Bushido-Konzerts sind älter als 25.

Es ist kein Geheimnis, dass es in den Stadtteilen Compton und Long Beach deutlich härter zugeht, als in den düstersten Ecken Deutschlands. Nichtsdestotrotz werden auch hierzulande überdurchschnittlich viele Verbrechen in sozial schwachen Stadtteilen begangen – siehe das oben genannte jüngste Beispiel in und vor der Offenbacher McDonald’s-Filiale. Doch wer sich jetzt hinstellt und womöglich gewaltverherrlichenden Texten eine Schuld gibt, verkennt die Wirkung von Musik. Diese Diskussion gab es zum Columbine-Massaker bereits in Zusammenhang mit Marilyn Manson.

Natürlich gibt es einzelne Holzköpfe, die ernsthaft anderen Schaden zufügen mögen, weil sie glauben, ein Gangsta-Rap-Video nachäffen zu müssen. Doch für eine solche Inspiration brauchen sie keine Musik – dazu müssen sie nur einen beliebigen Action-Film anschalten. Und diese Argumentationslinie erklärt sich ja nun von selbst, oder?

Hinzu kommt, dass Aykut Anhan in seinen zahlreichen Interviews deutlich macht, dass er eben nicht Haftbefehl ist. Diese knallharte Kunstfigur ist eben dieses – eine Kunstfigur.

Auf dem neuen Album wird Haftbefehl deutlich härter inszeniert als auf dem Vorgänger „Blockplatin“. Es sind nicht so sehr die Beats: Die knallen so hart und düster wie zuvor. Doch es gibt in seinen neuen Songs tatsächlich weniger Augenzwinkern, dafür mehr Dramatik und Tod. Die Geschichten sind weniger übertrieben. Man hat vielmehr den Eindruck, in den Storys den echten, um eine warme Mahlzeit hustlenden, Haftbefehl kennen zu lernen. Wenn man jetzt in Feinheiten denkt, ist es mehr Straßenrap als Gangsta-Rap.

Wer aber mehr Wortwitz-Momente sucht, sollte sich aus meiner Sicht die Deluxe Edition der CD kaufen. Mit der Bonus-CD macht Haftbefehl nämlich klar, dass er eben ein humoriger Geselle und kein engstirniger Gangster-Typ ist. Dort hat er 13 der 14 Tracks noch einmal aufgenommen – zusammen mit Rappern, die der ernsthaften Gewaltverherrlichung größtenteils unverdächtig sind: darunter Samy Deluxe, Marteria, MoTrip, Sido sowie Celo und Abdi.

„Russisch Roulette“ ist ein großer Wurf geworden. Nach dem Erfolg von „Chabos wissen, wer der Babo ist“ und dem Vertrag bei einem Majorlabel hätte vieles schief gehen können. Doch der Künstler Haftbefehl wirkt auf diesem Album authentischer als zuvor. Wer wie ich Spaß an Ghetto-Lyrik, peitschenden Beats und ungewöhnlichen Ohrwürmern hat, ist hiermit gut bedient. Und wenn Du Dich jetzt trauen und nur mal kurz reinschnuppern möchtest, klick doch zumindest mal den brandneuen Feature-Track mit Marteria an:

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Bonner Linktipp am Dienstag: 100 Songs über “Haftbefehl” | Bundesstadt.com

  2. Pingback: Interlude: Vega | 100 Songs

Schreib einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.