76/100: Homecoming

Kanye West (2008)

Wenn man Kritiker zu „Graduation“ befragt, wird man vermutlich folgende Antwort erhalten: „Es zählt nicht als das stärkste Kanye West-Album. Aber auch nicht als sein schlechtestes.“ Es wird irgendwo in seinem Werdegang zwischen Innovation, Größenwahn und totalem Sellout gehandelt. Das stimmt ganz sicher bis zu einem bestimmten Punkt – trotzdem führt für mich kein Weg an diesem Künstler vorbei: Dieser Typ hat es einfach drauf.

Homecoming von
Kanye West auf tape.tv.

Vergiss mal diese ganze Kim Kardashian-Kiste. Vergiss mal seine peinlichen Auftritte bei diversen Award-Verleihungen und Obamas „Jackass“-Bonmot. Vergiss seine egozentrischen Versuche, von der Modeindustrie ernst genommen zu werden. Und vergiss in jedem Fall seine pseudopolitischen Statements beispielsweise beim Besuch des Occupy Wallstreet-Camps. Oder nein – stopp. Mach es genau umgekehrt. Halt Dir diesen ganzen Wahnsinn noch mal gebündelt vor Augen – und stell Dir dabei Deinen Lieblingssong von Kanye Omari West vor.

Das wird dann vermutlich nicht „Homecoming“ sein, sondern eher so etwas, wie… „Stronger“.

Oder – wenn Du nichts gegen Autotune hast – vielleicht „Love Lockdown“.

Eventuell sogar „Gold Digger“ aus seinen Anfangstagen.

Alles großartige Songs, die ich nur deshalb hier erwähne, weil sie in der engeren Auswahl für heute standen. Diese Woche habe ich wirklich besonders lange darüber nachgegrübelt, welchen Track dieses Künstlers ich auswähle.

Für mich ist Kanye West einer der besten Rap-Artists der Gegenwart. Sein Gespür für neue Wege vermarktet er manchmal vielleicht etwas zu plakativ – so wie diesen Feature-Track mit Coldplay-Heulsuse Chris Martin. Dass Coldplay 2008 ganz bestimmt kein cooler Geheimtipp mehr waren, wusste damals selbst ich. Sie waren ein Sure Shot für die Massen und Bono und Damon am Tag der Aufnahme vermutlich einfach nur verhindert. Doch diesen Song konnte selbst Chris Martin nicht versauen.

Zurück zu Yeezy. Durch seinen offen gelebten 24/7-Sozial-Exhibitionismus wird natürlich jede seiner künstlerischen Entscheidungen für das Publikum nachvollziehbar. Das gefällt mir.

2006 wettert er lautstark bei einer Award-Verleihung gegen das französische Electro-Duo Justice – und muss sich dafür entschuldigen. Im nächsten Jahr sampelt er plötzlich einen der größten Hits von Daft Punk. Danach schließt sich Kanye drei Monate lang in einem Studio auf Hawaii ein und verbrennt die Kohle seines Labels mit aufwändigen Recording-Sessions, für die er das halbe „Who is Who“ der zeitgenössischen Black Music-Industrie einfliegen lässt. Bitteschön, aber „808s & Heartbreak“ ist genial geworden (Mit dieser Meinung stehe ich im Rap-Camp übrigens so ziemlich alleine da – „808s & Heartbreak“ gilt definitiv als das schlechteste seiner Alben).

Dann wiederum gibt er den Serious Artist, der ultra-aufwändige, ewig-lange Kunst-Videos dreht, die sich niemand, der bei klarem Verstand ist, häufiger als 1 Mal ansehen kann. Aber das dazugehörige Konzept-Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ ist echt cool geworden. Und genau darum geht es.

Kanye ist Kunst. Seit dem Release seines Solo-Debüt-Album „The College Dropout“ hat er sich kontinuerlich in den Pop-Olymp gesampelt, gerappt, gesungen und recorded. Der bürgerliche Sohn einer alleinerziehenden afroamerikanischen Anglistik-Professorin aus Atlanta bzw. Chicago hat das Game gehörig umgekrempelt. Und nebenbei die Welt immer daran teilhaben lassen, dass er der Größte ist. Oder zumindest den Größten hat. Klar ist das nicht sympathisch – aber seien wir ehrlich: Meint irgendjemand ernsthaft, die Gallaghers, Gahans, Hetfields oder Mathers dieser Welt seien nette Typen? Eben.

Vielleicht gehört zum Fantum ab einem gewissen Alter auch immer eine gehörige Portion Masochismus dazu. Wenn man einsehen muss, dass man Musiker mag, die eigentlich große Arschlöcher sind. Die meisten Fans entdecken im Alter von 14 oder 15 Jahren, dass dieses ganze Pop-Business eben nur das Eine ist: ein großes, blankpoliertes und trotzdem schmutziges Geschäft. Ein Spiel mit Sehnsüchten und Erwartungen der Kundschaft verbunden mit den Projektionen der eigenen Visionen. Klingt pessimistisch und hochgestochen? Vielleicht. But it’s the truth, Baby!

Ich für meinen Teil kann mit meinem Fan-Dasein inzwischen ganz gut umgehen. Klar, haben mich immer wieder mal meine Lieblingskünstler enttäuscht. Immer wieder. Und wieder. Ich kann kaum aufzählen, wie oft ich erleben musste, dass einstige Helden vollkommen unerwartet mit einem Grütz-Album um die Ecke gekommen sind, dass den Anfang vom Ende ihres Heroen-Status einleitete. Einen schlechten Move verzeihe ich den meisten ja noch, aber beim zweiten wird es schon schwierig. Beim dritten Mal habe ich dann kaum noch Lust, mir das überhaupt von vorne bis hinten anzuhören – geschweige denn drüber nachzudenken. Siehe Coldplay.

Bei Kanye West war das immer anders: Da höre ich kompromisslos alles durch! Sein erstes Album „The College Dropout“ drückte mir eine deutsche Universal-Promoterin völlig ungefragt in die Hand, um mich möglichst schnell wieder aus ihrem Büro und ihrem Leben zu bekommen.

Ja, diesen Besuch bei ihr habe ich als denkbar peinlich in Erinnerung abgespeichtert: Wir wollten über mögliche „Zusammenarbeiten“ sprechen – fanden aber einfach keine ernsthafte Gesprächsgrundlage. Sie war so ein typisches Promoter-Praktikanten-Girlie mit Berghain-Appeal und ich machte einen auf ernstzunehmenden Journalisten, der die Musikwelt mit seinen Filmchen ein kleines bisschen verändern wollte. Dieses Treffen machte überhaupt keinen Sinn – denn es wollte einfach keine Sympathie aufkommen. Ihre Themen und meine Themen passten nicht zusammen.

Weil sie aber trotzdem höflich bleiben wollte oder musste, drückte sie mir zum Abschied Kanye und noch ein paar andere CDs in die Hände. Die anderen habe ich nach dem ersten Durchhören in der Redaktion weiterverschenkt – doch Kanye ist mir sofort ans Herz gewachsen. Ein Typ, der rappen konnte, dabei etwas im Kopf hatte und es trotzdem verstand, sich mit Swagger einzukleiden – spitze.

Auf seinen ersten beiden Alben war Kanye jemand, der Motown- und Soul-Klassiker der 60er und 70er in einen neuen Kontext zu setzen verstand. Das gefiel mir. Da ich zu dieser Zeit gerade keinen Fernseher besaß, war ich einzig auf das Audioerlebnis und die Visuals seines Booklets angewiesen. Das heißt, ich durfte die Musik pur entdecken und genießen – ohne Verzerrung durch Musikvideos oder TV-Interviews. Meine Freundin mochte Kanyes freundliches Bären-Kostüm auf den Covern – das sah schon anders aus als die optischen Inszenierungen von 2Pac, 50 Cent oder Eminem. Also hörten wir uns Kanyes CDs immer wieder gerne gemeinsam an.

Cool an ihm war auch, dass sich in Deutschland außer den Rap-Sparten-Magazinen erstmal niemand für den talentierten Rapper/Produzenten mit dem Faible für Gucci-Slipper und den übrigen East Coast-Prep-Style interessierte. Geschweige denn, dass irgendjemand seinen Vornamen richtig aussprechen konnte. Was habe ich nicht alles gehört: „Käj-nie“, „Kahn-dschie“ und zig andere phonetische Grausligkeiten.

Das öffentliche Interesse an ihm kam hierzulande erst nach und nach: Mit „Diamonds from Sierra Leone“ kapierten die ersten Feuilletonisten so langsam, dass da was ging. Der Einsatz des legendären Shirley Bassey-Samples aus einem James Bond-Soundtrack war vielleicht eine Spur zu plakativ und zu offensichtlich – aber im Ergebnis war der Track eine akustischer Bomben-Hammer. Und „Gold Digger“ ein an den Gehörgängen kratzender Soundteppich verbunden mit einer extrem chauvinistischen Betrachtungsweise der Promi-Welt, in der sich Kanye ja selbst so wohl fühlt. Kanye West – ein Künstler voller Widersprüche. Trotzdem ist der Song eben bis heute einfach mal ein Standard-Klassiker.

Warum also „Homecoming“? Weil der Song zeigt, dass Kanye wenig falsch machen kann. Die Auswahl seiner Hit-Zutaten mag noch so cheesy und pathetisch sein – ein Hit ist ein Hit ist ein Hit. Seine Selbstwahrnehmung und die öffentliche Darstellung seiner Person mögen noch so kaputt und verzerrt sein – an seiner Musik können sie nichts ändern. Und die ist groß!

Hast Du diesen Text überhaupt zu Ende lesen können ohne Dich zu übergeben? 😉

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich hielt Kanye West lange für einen  von den Guten. Zum ersten Mal wahrgenommen habe ich ihn beim Live Earth-Konzert 2007. Und habe da tatsächlich bei „Gold Digger“ gedacht: „Hey, das ist mal ein cooler Umgang mit einem Sample.“ Mir gefiel, dass Kanye so ganz ohne das Gangster-Brimborium auftauchte, mit dem ich seit Mitte der Neunzigerjahre fremdelte. Und behielt ihn seitdem im Blick.

    Die darauf folgenden Jahre wurde ich nicht enttäuscht – aus meiner Sicht machte West alles richtig. Er benannte eine LP nach meinem Lieblingsdrumcomputer, er sampelte sich ganz nach meinem Geschmack durch die Popgeschichte und griff dabei auch noch Tears For Fears auf. Inmitten all dieses bedeutungsschwangeren und schwermütigen Outputs kamen so leichte Popsongs wie „American Boy“, die mir das Mögen leicht machten.  Für jemanden wie mich, der sich der Bösewichter wegen vom Hiphop abgewandt hatte, war Kanye West ein willkommener Weg zurück. Alles ganz wunderbar. Mein Wohlwollen ging sogar so weit, dass ich sein 90-Dollar-T-Shirt im Bekanntenkreis verteidigte: „Wenn es doch einen guten Schnitt hat und bei jemandem wirklich gut sitzt, ist so ein T-Shirt schon was Tolles.“

    Aber dann passierten zwei Dinge, die Kanye und mich auseinanderbrachten.

    Erstens:
    Musikalisch fand ich Kanye West nach „808s & Heartbreak“ nicht mehr so gut. Ich meinte in seiner Musik irgendwie einen zunehmenden Größenwahn raushören zu können. (Rap-)Technisch war das sicherlich alles auf höchsten Niveau. Sogar „Stronger“ ging mir mit seinem Lärm auf den Keks. Nicht einmal die Zusammenarbeit mit Jay-Z wollte mir gefallen – dabei weiß ich bei beiden eigentlich sehr wohl zu schätzen, was sie auf dem Kasten haben. Ich wurde das Gefühl nicht los, von einem Großmaul angebrüllt zu werden. Die Anknüpfungspunkte an meine musikalischen Vorlieben wurden weniger. Und dann…

    Zweitens: Naja, irgendwann konnte ich die ganzen Randaspekte einfach nicht mehr ausblenden.

    In den vergangenen Monaten hatte ich eigentlich den Standpunkt entwickelt, dass es mir nur auf die Musik ankommen sollte. Auf das, was ein Song mit mir macht. Dass das das einzige sein sollte, was mich beim Musik hören beschäftigt. Jemand schießt in seiner Freizeit auf Tiere? Soll er doch, so lange er mich mit seinen Songs berührt. Jemand steht im Vollrausch auf der Bühne? Von mir aus, so lange ich das Konzerterlebnis meines Lebens haben kann. Aber ich musste unter anderem bei Kanye West einsehen, dass diese Strategie nur bedingt funktioniert. Und daran ist Kanye ein bisschen selbst Schuld.

    Eine Zeit lang habe ich ihn wegen der schlechten Presse sogar bedauert. Mit seinen Award-Ausfällen und dem Obama-Incident war er einfach ein gefundenes Fressen für eine bestimmte Sorte Journaille. Offenbar schien er ja auch selbst gemerkt zu haben, dass er über die Stränge geschlagen hatte – was ich ihm hoch angerechnet habe. Aber irgendwann kriegte ich das Gefühl, dass selbst immer stärker in die Medien drängte. Dass er selbst mit mehr als nur seiner Musik beeindrucken wollte.

    Der Höhepunkt war das Video mit seiner Frau. Sorry, aber wenn mir jemand seine Privatsphäre vorsätzlich und ungefragt in dieser Intensität unter die Nase reibt, dann schalte ich ab. Im wahrsten Sinne des Wortes. Da kann der Herr noch so wortgewandt sein, so technisch versiert oder als Gesamtkunstwerk weltweit geschätzt werden. Aber für mich ist das Drumherum einfach zu viel. Auch, wenn ich das ursprünglich gar nicht mal an mich ranlassen wollte.

    Aber: Da ich Kanye anfangs wirklich gut fand und seinen Stellenwert ja einschätzen kann, schlage ich im Rahmen meiner eingeschränkten Möglichkeiten gern eine Brücke: Wenn Kanye West mal wieder einen meiner 80s-Lieblings-Songs sampelt und mir das ganze möglichst unüberfrachtet präsentiert, bin ich gern wieder mit am Start. Und bin gern bereit, ihm wieder in für mich nicht so vertraute Gefilde zu folgen.

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