75/100: Out Of Time

Blur (2003)

„Michael, people here are getting worried. How come you have heard our new record?“ Obwohl Blur-Schlagzeuger Dave Rowntree mehrere hundert Kilometer von mir entfernt in London sitzt und mir diese Frage über einen Chat stellt, kann ich die Beunruhigung am anderen Ende der Datenleitung spüren. Die Mitarbeiter seiner Plattenfirma denken vermutlich gerade, „Think Tank“ sei trotz größter Vorsichtsmaßnahmen in einer Online-Tauschbörse aufgetaucht. Aber ich habe einen anderen Weg gefunden, mir die neue Blur-LP anzuhören – und muss ein wenig darüber schmunzeln, dass das einigen Managern in London die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

Anfang dieses Jahrtausends beginnt die Musikindustrie sich zu verändern. Tauschbörsen wie Napster, Kazaa oder Audiogalaxy haben ihre Spuren hinterlassen. Neue Platten werden behütet wie Staatsgeheimnisse, aus Sorge sie könnten vor Veröffentlichung im Netz verfügbar sein. Im Redaktionsalltag zeigt sich diese Sorge der Labels an vielen Stellen, etwa beim Umgang mit Vorab-Promos. Immer häufiger erhalten wir CDs, auf denen die Songs ausgeblendet oder mit Piep-Tönen versehen sind. Es kommen CDs, die mehrseitige Hinweise zum Kopierschutz enthalten – aber keine Infos mehr zur Musik. Manchmal schicken die Plattenfirmen nicht mal mehr CDs, sondern Einladungen zu Listening-Sessions. Und auf dieser Grundlage sollen wir dann Vorankündigungen und Rezensionen schreiben.

Auch das neue Album von Blur ist solch ein Staatsgeheimnis. Die Erwartungshaltung ist aber auch wirklich groß. Frontmann Damon Albarn hat zwei Jahre zuvor mit seinem Projekt Gorillaz die Popwelt gehörig aufgemischt. Gitarrist Graham Coxon wiederum hatte Blur zu Beginn der „Think Tank“-Sessions verlassen. Dazu kam noch die Nachricht, dass Norman „Fatboy Slim“ Cook an den Aufnahmen beteiligt werde und die Band nach Marrakesch gereist sei. Keine Frage: Die Neugier auf „Think Tank“ war bei Fans wie Medien sehr groß.

Nur nicht bei mir.

Blur und ich – das war nie die große Liebe gewesen. Klar, während meines London-Aufenthalts hatte auch ich in Indie-Clubs zu den Hits auf „Park Life“ mitgesungen. Ein Jahr später verliebte ich mich ein wenig in „The Universal“, auch wenn mir die Clockwork-Orange-Anspielungen im Video überhaupt nicht gefielen. 1997 hatte ich dann bei „Song 2“ erfolglos versucht, die Luftsprünge von Damon Albarn nachzumachen. Aber der Großteil des Blur-Werks war mir zu bemüht, zu witzig, zu clever. „Tender“, „Beetlebum“ oder „Coffee & TV“ gefielen mir überahupt nicht. Meine Erwartungen an „Think Tank“ waren entsprechend niedrig.

Das sollte sich erst ändern, als ich „Out Of Time“, die Vorab-Single des Albums, zum ersten Mal hörte. Entgegen aller Erwartungen meldeten sich Blur mit einem sehr zurückgenommen und sehr authentischen Heartbreak-Song zurück. Da war kein Anbiedern an Trends, keine Spur von Comicfiguren, keine Verkrampftheit – einfach nur ein traurig-schöner Song, der mich berührte. Gekrönt von einem verletzt klingenden Damon Albarn, den ich so wie im Refrain vorher noch nie gehört hatte.

Als das britische Label von Blur kurz nach der Single-Premiere unserer Redaktion einen Chat vorschlug, in dem wir Schlagzeuger Dave Rowntree Fragen zur neuen Platte „Think Tank“ stellen könnten, meldete ich mich sofort als Freiwilliger. Es gab nur einen Haken – das Album würde ich angesichts erhöhter Sicherheitsmaßnahmen zum Zeitpunkt des Chats nicht erhalten. Das stellte mich vor ein kleines Dilemma. Denn wenn nicht über die neue Platte – worüber hätte ich mich mit Rowntree „unterhalten“ sollen? Die alten Sachen interessierten mich nicht so. Die neuen wurden mir vorenthalten. Aber vielleicht konnten mir die Promoter des deutschen Labels helfen.

Thomas und Jan arbeiteten in Köln bei der deutschen Dependance von EMI. In den vergangenen zwei, drei Jahren hatten wir einen belastbaren Kontakt zueinander aufgebaut. An den Parametern unseres Austauschs gab es nie einen Zweifel: Die beiden versuchten ihre Themen bei mir unterzubekommen, ich wollte mich nicht instrumentalisieren lassen aber trotzdem möglichst viel Material von ihnen geliefert bekommen – schließlich verantworteten sie unter anderem die Pet Shop Boys und Kylie Minogue. So trafen wir uns alle paar Wochen in ihrem Kölner Büro und sprachen über anstehende Veröffentlichungen ihres Hauses. Die Zusammenarbeit mit den beiden machte Spaß, gemeinsam heckten wir Ideen wie ein Gorillaz-Prelistening aus. Thomas und Jan sorgten dafür, dass das erste Album des Albarn-Projektes aller Sorgen des Managements zum Trotz noch vor Veröffentlichung auf einen sicheren Server kam, wir rührten über mehrere Wochen die Werbetrommel dafür, dass man bei uns die Platte schon vor Erscheinen würde hören können. Heutzutage ist das ja nichts Ungewöhnliches, 2001 aber mussten Thomas und Jan bei ihren Chefs so einige Steine für diese Aktion aus dem Weg räumen. Und es war cool, dass sie das auf sich nahmen.

Thomas war es auch, der mir bei „Think Tank“ weiterhelfen konnte. Denn natürlich hatte er die Platte schon auf dem Schreibtisch – nur rausgeben durfte er sie nicht. Also schlug er vor, dass ich sie doch einfach bei ihm im Büro höre. Ich verbrachte also einen Nachmittag zwischen Kylie-Minogue-Pappaufstellern, Coldplay-T-Shirts und Radiohead-Promos und machte mir Notizen, während „Think Tank“ durchlief. Thomas zeigte mir sogar noch das Video zu „Out Of Time“, das gerade reingekommen war.

Ich war ein weiteres Mal begeistert. Während die ganze Welt über die Konsequenzen eines neuen Militäreingreifens im Irak diskutierte, machten Blur ein sehr stilles aber nicht weniger intensives Statement zur Absurdität des Krieges. Ich war hellauf begeistert und freute mich noch mehr auf den anstehenden Chat.

Pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt erhielt ich per Mail aus London ein paar Logindaten und „traf“ dann tatsächlich Dave Rowntree. Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln fing ich an, ihm meine Fragen zu den neuen Songs zu stellen. Irgendwann muss jemandem in seiner unmittelbaren Umgebung meine Detailkenntnis von „Think Tank“ aufgefallen sein. „Michael, people here are getting worried. How come you have heard our new record?“, tippt Rowntree in den Chat. Klar: Die Mitarbeiter seiner Plattenfirma denken vermutlich gerade, „Think Tank“ sei trotz größter Vorsichtsmaßnahmen in einer Tauschbörse aufgetaucht. Aber ich kann meinen Gesprächspartner beruhigen. Ich erkläre, dass ich nur ein paar Blocks mit dem Fahrrad fahren musste, um in einem Büro die neue Platte zu hören. Ich habe nie erfahren, ob daraufhin jemand aus London mal in Köln angerufen hat, um meine Behauptungen zu verifzieren. Aber dem Chat tut meine Klarstellung gut: Rowntree und seine Entourage sind offensichtlich erleichtert, die Antworten noch ausführlicher.

Für Blur läuft es auch danach noch gut weiter. „Think Tank“ wird wohlwollend aufgenommen, Graham Coxon kommt zurück, 2012 lässt sich die Band zum 21. Geburtstag in riesiger Dimension feiern. Zweifellos eine große Band. Aus deren Werk ich aber den vielleicht untypischsten Sont, „Out Of Time“, am liebsten höre.

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2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ich bin ja relativ spät ins Britpop-Geschäft eingestiegen, wie ich zum Thema Oasis bereits mal erzählt habe. Meine erste Blur-CD war dieses „Best of / Live“-Doppelalbum aus dem Jahr 2000 – und selbst das habe ich erst ein Jahr nach Release erworben.

    Und genau daher bin ich sehr froh, dass Du mit dieser Band angefangen hast. Denn ich selbst habe einen kleinen Blur-Komplex. Der rührt daher, dass ich bis heute ohne nachzuschlagen nicht erklären könnte, aus welchem Jahr jetzt „Song 2“ und „Coffee & TV“ stammen beziehungsweise ob jetzt „Parklife“ vor „Beetlebum“ aufgenommen wurde oder umgekehrt. Echte Fans mögen jetzt stöhnen und sagen: „Das hört man doch, bei dieser Band ist eine klare musikalische Entwicklung erkennbar!“ Da kann ich dann nur entgegnen: „Sorry Leute, not me.“

    Das liegt auch daran, dass ich mit besagtem Doppelalbum immer total happy war: Alle Hits und dann noch etwas Live-Feeling – was will man mehr? Dieses Album habe ich rauf und runter und dann wieder rauf gehört. Aber frag mich bitte nicht, bei welchem dieser Songs der Songwriting-Einfluss von Damon Albarn besonders gut hörbar ist – I just don’t know.

    Aber eines weiß ich genau: Als ich Blur 2001 entdeckt habe, fand ich sie sofort cool. Doch mein Herz schlug eben für die Konkurrenz aus Manchester. Und das obwohl kundige Mitstudenten mir das auszureden versuchten: Die Gallaghers trafen mich mit ihren Melodien ins Herz und lösten regelmäßig Wehmut bei mir aus. Blur hingegen waren cool und stimmig. Aber sie waren eben nicht Oasis. Und auch wenn es total danach klingen mag: Dieses ganze „Battle of the Bands“-Ding habe ich mir lediglich retrospektiv angelesen – und nie so richtig kapiert. Für meinen Geschmack konnten beide Bands prima koexistieren – und gerne auch nacheinander auf Partys laufen…

    Doch den Release von „Think Tank“ habe ich dann tatsächlich zeitnah mitbekommen. Für viele Indie-Musikkenner aus meinem Umfeld war das Comeback nach vier Jahren eine große Sache – für mich war die Zeitspanne ja entsprechend kürzer gewesen. Trotzdem freute ich mich auf die Aussicht, neues Material von ihnen zu hören.

    2003 war allerdings das Jahr, in dem ich ein komplett atypisches Mediennutzungsverhalten an den Tag legte: Ich war gerade mit meiner Freundin zusammen in meine erste eigene Wohnung gezogen und hatte zwar eine Glotze, aber keinen funktionierenden TV-Anschluss. Auch wenn mir klar war, dass ich damit auf meinem neuen Arbeitsplatz – einem Rundfunk-Sender – besser nicht hausieren gehen sollte, störte mich das überhaupt nicht. Denn eigentlich hatte ich überhaupt keine Zeit mehr zum Glotzen – schließlich hatte ich gerade mein erstes eigenes Zeitungsabo abgeschlossen, bekam durch meine Freundin zusätzlich die „Zeit“ ins Haus und begann außerdem, mein Literaturstudium ernster zu nehmen. Wozu also die Glotze? Ich konnte mir doch alles anlesen…

    Außerdem stellte ich fest, dass wir nun zusammen über eine riesige VHS-Sammlung verfügten: Und da ich meine Partnerin noch besser kennen lernen wollte, schaute ich mir erst mal chronologisch alle Staffeln „The Next Generation“ und „Deep Space Nine“ an – das dauerte ja schon ein paar Monate.

    Doch ohne TV-Antenne verpasste der ehemalige MTVIVA-Junkie natürlich auch jegliche Fernseh-Promotion für neue Musik. Damit war ich auf kluge Hörtipps in Musikzeitschriften und dem Feuilleton angewiesen. Und auf Tipps von Kommilitonen. Sie alle liebten Blur, keine Frage. Doch weil die Kohle knapp war, verzichtete ich trotzdem auf den Kauf dieses Albums und hörte mir lieber noch ein paar Mal das „Best Of“ an. Und war selig. 

    Irgendwann kam dann mein Geburtstag und eine findige Kommilitonin hatte sich das mit der fehlenden „Think Tank“-CD in meiner Sammlung wohl gemerkt – jedenfalls überreichte sie mir zu der obligatorischen Rotweinflasche auch einen selbstgebrannten Rohling mit eben diesem Album. Oder vielmehr Teilalbum, muss ich sagen. Denn der Tonträger enthielt lediglich 9 der 13 Tracks, wie ich später am Abend heraus fand. Ob es sich dabei um eine spezielle Songauswahl handelte, wollte ich von ihr wissen. „Nee, ich habe bei Napster leider nicht alles gefunden“, war ihre Antwort – und schon befand sich unsere lustige Rotwein-Runde in einem munteren Gespräch über die arroganten Geldscheffler der Industrie, blöde Kopierschutz-Maßnahmen bei Kauf-CDs sowie die unterirdische Bemusterungspolitik mancher großer Labels. Falls Dich das interessiert: „Out of Time“ war auch drauf – ein sehr guter, aber von mir irgendwie total vergessener Song!

    Jedenfalls kann ich mir sehr gut vorstellen, wie panisch der gute Dave Rowntree bei Eurem Chat gewirkt haben muss. Ich kenne zumindest einen weiblichen Fan, der sich daran nicht gestört haben kann. Aber ich verrate nicht, wer es war.

    Dafür aber gerne meinen Lieblingssong von Blur: „Parklife-Country House-Beetlebum-Girls & Boys“. Können wir das gelten lassen?

  2. Pingback: 77/100: Group Four | 100 Songs

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