74/100: Schwule Mädchen

Fettes Brot (2001)

„Bitte hasst uns“, spricht Dr. Renz in mein Mikrofon. Und ich denke noch: „Hoffentlich wirst Du diesen Satz niemals bereuen.“ Doch die Geister, die er rief, werden Fettes Brot so schnell nicht los.

Herbst ’96 in der Alten TU Mensa. Auf der Bühne steht ein Rapper aus Hamburg und sorgt für gute Laune: Er heißt Jan Eißfeldt und ist Frontmann der Absoluten Beginner. Doch die meisten Besucher im Publikum warten auf den Hauptact des Abends: die Fetten Brote.

Mit denen chillen Roni, K. und ich gerade noch im Backstage-Raum. Es ist nicht das erste Mal, dass wir Fettes Brot live erleben – sehr wohl ist es aber unser erstes Interview mit ihnen. Also eigentlich ist es mein Interview, da ich die Textpassagen später auswähle und abtippe, aber Roni hat mit mir über die Fragen gegrübelt und unterstützt mich „offiziell“ als Fotograf. Und meine Freundin K. musste ich diesmal nicht lange überreden: Im Gegensatz zu den meisten anderen Rappern, deren Fan ich bin, mag sie Fettes Brot. Das ist auch nicht schwer.

Die Jungs sind sichtlich erschöpft, aber trotzdem professionell und entgegenkommend. Wir spaßen über meine weiße Helly Hansen-Segeljacke, die ich gerade aus den USA mitgebracht habe. Ein paar Monate später werden sie knallgelbe Ostfriesennerze mit ihrem Bandlogo unter dem Namen „Helga Hansen“ in ihrem Merch-Shop verkaufen.

Insgesamt läuft gerade alles sehr gut für sie: Videodreh in Mexiko, Platz 10 der deutschen Albumcharts. Alle lieben Fettes Brot. Es gibt kaum jemanden, der etwas Böses über sie sagen kann. Sie sind frech, aber gleichzeitig respektvoll gegenüber den Ikonen der gerade aufblühenden deutschen HipHop-Kultur. Trotzdem haben Fettes Brot entscheidend dazu beigetragen, dass deutscher Rap inzwischen im Radio läuft. Und im Hauptprogramm von MTV und VIVA. Und eigentlich überall sonst auch. „Jein“ ist ein Überhit, den sogar meine verknöcherten Vorgesetzten in der Bank mitsummen können. Eigentlich schon wieder ein Grund, sie scheiße zu finden. Das findet Dr. Renz auch.

Selbstkritik ist ein fester Bestandteil der Fettes Brot-Attitude. Vor einem Jahr erst hatten sie einen hitverdächtigen Song in den Charts: den wirklich coolen Allstar-Gassenhauer „Nordisch by Nature“. Die Single stand auf Platz 17, als die Künstler entschieden, sie aus dem Verkauf zu nehmen. Ein kluger Move, der sie eine Weile vor dem „Die da“-Schicksal bewahren sollte: Den Zweifeln an ihrer Kredibilität. Fettes Brot sind genau so gute Rapper, wie die meisten anderen Vertreter der damaligen Hamburger Schule: Der Tobi und das Bo, Fischmob, die Absoluten Beginner. Sie kombinieren Wortwitz und Selbstironie mit Nerdiness und Knowledge. Ihre Alben enthalten viele kleine Hörspiel-Passagen und Skits. Ich mag nie alle Songs, doch da die meisten FB-Songs extrem melodiöse Refrains haben, sind ihre Tonträger entsprechend voller kleiner Mitsing-Hymnen.

Ich frage sie also, wie es ich anfühlt, Everybody’s Darling zu sein und Dr. Renz spricht selbstironisch in mein Mikrofon: „Bitte hasst uns!“

Fünf Jahre später ist alles anders: Fettes Brot zählen zu den meistgedissten Rap-Bands der Republik. Das ist die Kehrseite ihres anhaltenden Erfolgs. Denn auch wenn sich die drei weiterhin als Spaßrapper verstehen, hat ihnen die Szene die kalte Schulter gezeigt: Das liegt vor allem an dem klaren Kurswechsel der drei Hamburger. Fettes Brot machen frische Popmusik, aber in den Augen vieler einstiger Wegbegleiter keinen kredibilen Rap mehr.

Die Ansprüche an das Genre haben sich verändert: Die lustig-leichte Experimentierfreude der Anfangstage ist einem knallharten 90 BPM-Standard gewichen. Die „Drei ???“-Referenzen, die Videos, in denen sie in Seidenhemden durch Italien flanieren, der Besuch bei James Last – das alles will nicht mehr zu einer Szene passen, in der Rapper inzwischen vor allem über sich selbst und über ihre Skills rappen. Die Kings der Szene heißen Samy Deluxe, Dendemann, Das Bo, Ferris MC und Eißfeldt. Die treten zwar selbst auch nicht mehr in Jugendhäusern auf und nehmen teilweise teure Videos auf. Doch diese Musiker distanzieren sich spürbar von den Fetten Broten.

Doch das ist längst noch nicht „Rock Bottom“. Im Jahr 2000 tritt ein Berliner Rapper namens Kool Savas ins Rampenlicht. Seinen ersten großen Auftritt hat er auf einem Album des Düsseldorfer DJs Plattenpapzt: Der Song heißt „King of Rap“ und ist deshalb so bemerkenswert, weil hier erstmals ein neues Selbstbewusstsein aus dem Berliner Underground vor einer breiten Öffentlichkeit propagiert wird. Es ist der Vorreiter der aggressiven Hauptstadt-Rapper, die alles dafür tun, die Deutungshoheit über das Rap-Genre zu gewinnen: „…Du willst rappen, doch dein Flow ist blind und ohne Kopf wie Liebe / Doktor Renz schiebt – Krise, denn Rap ist gegen Fettes Brot / Rap ist halbtot und ich rappe um Rap zu retten…“

Der Song ist düster, der Text gemein und total unter der Gürtellinie – aber er ist auch verdammt gut vorgetragen. Das muss ich mir eingestehen, obwohl ich diese Typen aus dem Umfeld von Savas nicht so richtig leiden kann. Sie sind viel zu sehr dem Untergrund verwurzelt und lehnen vieles ab, was ich gut finde. Diskussionen enden schon mal in Handgreiflichkeiten – das brauche ich alles nicht mehr.

Und selbst wenn auch ich einige Hits von Fettes Brot zu dudelig finde, so tun mir die Jungs leid. Denn ich mag sie und ihren Style gerne – abgesehen davon, dass sie inzwischen zu den wenigen Interviewpartnern gehören, mit denen man sich über andere Dinge als über Rap und Skills unterhalten kann.

Doch statt sich in der Opferrolle zu suhlen, schlagen Fettes Brot im August 2001 zurück: Ihre Waffe heißt „Schwule Mädchen“. Ein mitreißendes Elektro-Brett, auf dem die Jungs zeigen, dass sie sehr wohl auch anders können. Der Song schlägt bundesweit gut ein und wird zu einer Pogo-Partyhymne, zu der die Feiernden ihre komplette Energie entladen können. Bis heute ist „Schwule Mädchen“ ein Sure Shot, um Menschen zum Ausflippen zu bringen. Auch wenn ich mir sicher bin, dass jeweils nur ein Fünftel der Tanzenden die Intention des Textes und die Marschrichtung kapiert, ist die Mission erfolgreich.

Denn der Titel vereint auf einfache Weise die beiden meistbenutzten Beleidigungen in einem Paradoxon. Fettes Brot zeigen der selbsternannten Szene, wie man sich gekonnt wehrt. Entwaffne den Gegner, in dem Du Dir seine Behauptungen scheinbar zu Eigen machst und sie damit sezierst. Natürlich bringen sie damit die Hardcore-Lästerer nicht zum Schweigen, doch sie gewinnen eine gehörige Portion Selbstrespekt zurück. Denn natürlich haben die vielen Anfeindungen anderer Rapper sie emotional getroffen, wie mir die drei bei unserem nächsten Interview im Spätherbst 2001 gestehen.

Diesmal sitzen wir im Backstage-Bereich des Bremer Schlachthofs zusammen und diesmal trage ich einen Anzug mit Camo-T-Shirt darunter. Ich signalisiere also ganz bewusst, dass ich mich gerade noch mehr als Popper verstehe als sie selbst es vielleicht tun. Rap interessiert mich zu dieser Zeit fast überhaupt nicht. Aber da ich die Hintergründe kenne, hat mir ihre Aktion mit diesem Song sofort total eingeleuchtet und gefallen. Ich gratuliere ihnen zu dieser Idee und deren Durchführung – und es wird wieder ein sehr angenehmes Interview und ein gutes Konzerterlebnis.

Inzwischen müssen Fettes Brot niemandem mehr etwas beweisen. Sie behaupten ihre Stellung im deutschen Mainstream genauso souverän wie ihre Profession als Rapper. Jüngster Ausdruck dessen dürfte Sidos Zusammenarbeit mit Dr. Renz gewesen sein. Für mich sind die drei sehr angenehme Jungs, denen man nichts Böses wünschen mag. Und mit ihrer Musik ist es eigentlich wie immer: Manche ihrer neuen Songs kann ich nicht oft genug abspielen, andere Tracks nerven mich gleich beim ersten Hören. Doch so lange sie weiter ihren Kurs fahren, wird es bestimmt nicht langweilig in der deutschen Musikszene.

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  1. Ein Abend im April 1996. Man merkt, dass es bis zum Sommer nicht mehr weit ist. Zusammen mit meinem Freund Timo drehe ich ein paar Runden durch die Osnabrücker Altstadt. Timos Freundin ist beim Konzert der Brote im Haus der Jugend, wir wollen sie danach dort abholen. Während drinnen alle zu „Jein“ abgehen, stehen ein paar 16-Jährige mit uns draußen herum. Einer von ihnen ist Sascha. Er macht eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in dem Fotoladen, in dem ich zweimal die Woche Regale auffülle und Fotografenmaterial für den Versand zusammenpacke. In dem Familienunternehmen ist Sascha so etwas wie ein bunter Hund. Nicht nur, dass er einen ganzen Kopf größer ist, als alle anderen. Er trägt auch noch Sneaker von DC Shoes, die ich bis dato noch nie an jemandem gesehen habe. Außerdem hört er HipHop. Er ist ein netter Kerl, aber er passt überhaupt nicht in den konservativen Betrieb. Und jetzt treffe ich ihn überraschend zu später Stunde vor dem Haus der Jugend. Die Begegnung außerhalb des vertrauten Arbeitskontexts ist ihm offenbar etwas unangenehm – seine Begrüßung fällt  zurückhaltend aus, ich muss ihm heute Abend wirklich jede Antwort auf meine Small-Talk-Fragen aus der Nase ziehen. Das Eis bricht erst, als wir auf die Musik zu sprechen kommen, die uns aus dem Saal erreicht. „Wir sind nur wegen der Vorbands hier“, sagen Sascha und seine Teenagerfreunde. „Bei Fettes Brot sind wir rausgegangen. Die sind irgendwie nicht mehr so gut.“ Und dann schimpfen sie ausgelassen auf das Trio.

    Ich habe zu dem Zeitpunkt nicht verstanden, was es an den drei Broten auszusetzen gibt. Sie hatten Hits, sie waren lustig und wortgewandt – und kamen obendrein total sympathisch rüber. Ich schob es damals auf den Erfolg. Man kennt das ja: Man entdeckt eine Band und will sie für sich allein haben. Und dann kommt auf einmal der Mainstream und erhebt ebenfalls Ansprüche. Als Fan der ersten Stunde wendet man sich da ja manchmal ab. Dass die Brote aber nicht nur bei Fans der ersten Stunde, sondern auch von anderen HipHoppern abgelehnt wurden – das war an mir vorbeigegangen. Kein Wunder: Die Codes, Umgangsformen und Gepflogenheiten dieses Genres sind mir ja bis heute kaum vertraut. Aber in den Folgejahren wurde sogar mir klar, dass Fettes Brot sich mit ihren Exkursen in Pop, Lounge und ich weiß nicht was noch alles unbeliebt gemacht hatten.

    Mir wie gesagt unverständlich, aber hey – das gibt es ja auch in anderen Genres. Dürfen Depeche Mode Gitarren einsetzen? Dürfen Frontline Assembly mit einem Rapper zusammenarbeiten? Was soll diese Kollaboration von den Fanta Vier mit dieser zotteligen Metal-Band? Solche Fragen habe ich natürlich auch immer wieder gestellt. Aber in meiner Ablehnung war ich sicherlich nicht so rigoros wie es die HipHopper untereinander waren.

    Umso cooler fand ich die Reaktion der Brote auf die aus meiner Sicht völlig ungerechtfertigten Anfeindungen. „Schwule Mädchen“ ist genau die richtige Antwort auf das Gezeter der HipHop-Kollegen und vermeintlichen Connaisseure. Anstatt sich anzubiedern und musikalisch auf Nummer sicher zu gehen, machen sie großen Pop und schlagen mit den Waffen ihrer Kritiker zu zurück. Großes Kino. Von solchen Überraschungen sollten in den Folgejahren ja noch so einige folgen. „Emanuela“ zum Beispiel. Oder „An Tagen wie diesen“, das mich sowohl mit seinen „Ich bin jetzt Vater, wie soll ich diesen Wahnsinn erklären“-Lyrics und dem Falco-Sample gleich doppelt hellhörig gemacht hat.

    Klar, nicht immer fand ich den Output der Brote gut. Aber ich fand immer gut, dass sie es sich getraut haben. Sie haben es tatsächlich geschafft, außer Konkurrenz zu laufen. Das können nicht viele von sich behaupten. Ich bin gespannt, was die drei in Zukunft aushecken werden. Vielleicht finden Saschas Kinder – er dürfte inzwischen so Mitte 30 sein – die Brote ja inzwischen ja wieder gut. Ich würde es ihm gönnen.

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