Interlude: Antilopen Gang

Man könnte kritisieren, dass das Thema eine Steilvorlage war. Man könnte sagen, dass die Provokation von vornherein kalkuliert ist. Oder man sagt einfach: Hut ab – habe ich so noch nicht gehört!

Letzte Woche machte eine Pressemitteilung in der Redaktion die Runde, bei der auch die letzten Rap-Gegner hellhörig wurden: Die Antilopen Gang veröffentlicht ihre Single „Beate Zschäpe hört U2“. Klar, dass bereits der Titel viel Diskussionspotential barg. Eine Kollegin hielt das Trio für einen Abklatsch der 257ers, die vor einigen Wochen mit ihrem Chaoten-Rap-Album auf Platz 1 der deutschen Charts stürmten. Für eine Woche – so wie das momentan ja bei vielen deutschen Artists gang und gäbe zu sein scheint.

Ich versuchte, mein spärliches Wissen über die Antilopen Gang zusammen zu kratzen – wobei es mir nicht richtig gut gelang, was Nettes über sie zusagen, nachdem sie einen Disstrack über meinen Kumpel Prinz Pi aufgenommen hatten. Immerhin konnte ich klarstellen, dass sie nicht in die Atzen-meets-KIZ-Spaßecke gehören.

Dazu war die Vorgeschichte der Band einfach zu ernst: Erst im vergangenen Jahr hatte sich das vierte Mitglied der Antilopen Gang – ein Rapper namens NMZS aus Düsseldorf – das Leben genommen. Besonders Dramatisch: Er galt als extrem talentiert – seine Depressionen hatte er unüberhörbar in seinen düsteren Texten verewigt. Und entsprechend hoch wurde sein postmortem veröffentlichtes Album „Der Ekelhafte“ in Rap-Kreisen gelobt. Wie gesagt: fröhlicher Atzen-Sound klingt anders.

Am Wochenende fand ich endlich die Zeit, mir den „Beate Zschäpe“-Track anzuhören. Und war sofort begeistert: Der Song ist mehr als eine musikalische Verarbeitung der NSU-Affäre. Hier wird nicht der Zeigefinger gehoben, sondern mit viel Wortwitz und Chuzpe argumentiert. Das imponiert mir. Denn: Während viele Deutschrapper in den Anfangstagen der 90er Jahre besonders politisch motivierte Tracks veröffentlicht hatten, war es in dieser Richtung im vergangenen Jahrzehnt doch sehr ruhig gewesen.

Sicher, es gab ein paar deutliche Statements von Jan Delay und Samy Deluxe. Und kurz nach Bekanntwerden der NSU-Affäre hatte der koreanischstämmige Rapper Blumio aus Düsseldorf die ganze Affäre noch während ihres Bekanntwerdens in Windeseile verarbeitet. Doch ähnlich wie der jüngst von Eko Fresh veröffentlichte Song „Es brennt“ überwog dabei der Schmerz als treibende Kraft.

Bitte nicht falsch verstehen – ich mag die Songs von Eko und Blumio sehr gerne. Sie überzeugen mich durch den persönlichen Bezug. Und wenn man der zweiten Strophe der Antilopen Gang Glauben schenken darf, so gibt es auch bei ihnen persönliche Erfahrungen mit rechter Gewalt. Dennoch belassen sie es nicht bei der Schilderung von häuslichem Terror durch marodierende Fascho-Skins. Sie gehen einen Schritt weiter und gerade das fasziniert mich so an dem heute veröffentlichten Video der Antilopen Gang: Das intellektuelle Level, mit dem sie dieser seltsamen Figur Beate Zschäpe begegnen.

Statt wie die anderen ausshließlich ihre Hilflosigkeit und Wut gegenüber dem unfassbaren Treiben des sogenannten NSU zu äußern, schlagen sie mit Bedacht zurück. Sie nehmen das Wenige, was man über Beate Zschäpe und ihre beiden – tja – „Kollegen“ weiß und stellen es gekonnt an den Pranger.

Doubles imitieren die Protagonisten dieser völlig unklaren Nazi-Dreier-Beziehung im Untergrund. Alle tragen dabei die selben Outfits, Frisuren und Gesichtsausdrücke, die man von diesen nichtssagenden Heile-Welt-Fotos aus der Presse kennt. Das alles passiert in einem Ambiente, das an die von Beate Zschäpe gesprengte Biedermann-Wohnung in Zwickau erinnert. Trotzdem begegnet dieses Rap-Video dem Unverständlichen nicht mit einer Satire, sondern mit einer Groteske. Die NSU ist nicht komisch, sondern unfassbar – das verarbeitet diese leicht verständliche Bild-Ebene.

Dazu kommt, dass der Refrain die Rechtsextremistin nicht losgelöst betrachtet, sondern in einen Kontext einbettet: Die drei Rapper nennen haufenweise Namen, die sie ebenfalls in die Ecke der Rechten Brandstifter einsortieren. Manche davon kennt man sehr gut, andere lassen sich googlen. In diesem Gesamtzusammenhang ergibt sich ein erschreckendes Mosaik von offenbar salonfähigem Rassismus in der heutigen Bundesrepublik. Alles eingebettet in eine heiter-fröhliche Melodie mit Ohrwurm-Potential.

Natürlich bezeichnet die Antilopen Gang U2 nicht als Faschos. Die irische Band gilt ja vielmehr als Vertreter für spießigen Mainstream-Allerweltspop – was sie ja kürzlich mit ihrer Apple-Aktion wieder wunderbar unter Beweis gestellt hat. Die Verwendung von U2s Bandnamen ist also ein Symbol für das Banal-Alltägliche – vergleichbar vielleicht mit dem Lacoste-Logo, das der Norweger Anders Breivik bei seinem Prozess so gerne spazieren führte… So wenig wie er dem Klischee entsprach und Thor Steinar trug, so wenig hörte Beate Zschäpe braunen Nazi-Rock. Sie lebte völlig unauffällig mitten unter uns.

Für mich ist das seit Langem die gelungste Abrechnung mit einer politischen Strömung, die es im Keim zu ersticken gilt. Dazu passt dann dieses Zitat: „Man kann und darf mit diesen Leuten nicht gar nicht reden / Es sollte nur noch darum gehen, ihnen das Handwerk zu legen“.

Word.

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