73/100: Ebeneezer Goode

The Shamen (1992)

shamen_ebeneezerHerbst 1992. Während Axl Rose sich im Video Pillen einwirft, renne ich zu einem ganz anderen Sound auf die Tanzflächen: The Shamen. Ohne zu wissen, dass es zwischen „November Rain“ und „Ebeneezer Goode“ sogar einen Zusammenhang gibt. Bis ich den gemeinsamen Nenner entdecke, habe ich über viele Jahre viele Platten mit vielen Remixen gekauft. Und viel entdeckt.

Anfang 1992, das erste Semester ist zu Ende. An einem dieser Wochenenden treffe ich auf einer Geburtstagsparty ein paar frühere Klassenkameraden wieder. Zwischen zwei Bieren erzählt mir Torsten von seinen jüngsten musikalischen Entdeckungen: das „Screamadelica“-Album von Primal Scream und „Move Any Mountain“ von The Shamen. Beide Bands kenne ich nur marginal, von The Shamen hatte ich immerhin auf einem Sampler mal ein ganz gutes Stück gehört. Es wurmt mich, dass Torsten offenbar mehr auf dem Laufenden ist als ich, darum speichere ich beide Tipps gewissenhaft in meinem Hinterkopf ab.

Wie es der Zufall so will, bin ich ein paar Tage später in Osnabrück unterwegs und finde bei jpc das „En-Tact“-Album von The Shamen bei den Sonderangeboten im Regal. Ich zögere keine Sekunde und kaufe die CD ungehört – schließlich muss ich mit Torstens Szene-Kenntnisse aufholen. Der Kauf ist der Ausgangspunkt für eine mehrjährige Entdeckungsreise in ganz unterschiedliche Themen. (Und wenn ich so auf meine CD-Sammlung schaue – war es auch eine sehr kostspielige Entdeckungsreise.)

Aber fangen wir bei „En-Tact“ an. Gleich der erste Song auf der Platte ist „Move Any Mountain“. Wie cool ist das denn – Techno, Acid und House in einem Popsong und dazu eine Band, deren T-Shirts man tragen könnte? Genau das brauchte ich. Und ließ mich ein auf die ganzen Facetten, die The Shamen in diesem Kontext aufboten: Psychedelic, Breakbeat, Experimentelles, Remixe – und gute Laune. Ja, The Shamen waren eine Gute-Laune-Band. Oder besser gesagt: The Shamen waren eine positiv-spirituelle Band, die eine gute Stimmung verbreitete. „En-Tact“ wurde mein Soundtrack dieses Frühlings und ein sehr guter Kontrast zu den Sachen, die ich parallel hörte.

Mit den musikalischen Entdeckungen, die ich mit „En-Tact“ machte, überbrückte ich die Zeit, bis zum nächsten Shamen-Release. Beatmasters, Orbital, Meat Beat Manifesto, 808 State, Renegade Soundwave, William Orbit – sie alle hatten zu „En-Tact“ in irgendeiner Form beigetragen. Sie alle wollte ich mir – wo noch nicht geschehen – genauer anschauen.

Im Sommer 1992 kündigte sich dann eine neue LP der Band an. The Shamen koppelten vorab „L.S.I. (Love Sex Intelligence)“ aus. Eine ganz gute Single – die aber von der darauf folgenden Veröffentlichung bei weitem übertroffen wurde. „Ebeneezer Goode“ war ein Über-Hit. Mitreißend, hymnisch, durchgeknallt – aber total zugänglich und poppig.

In den darauf folgenden Monaten gab es keine Zusammenkunft, bei der wir in unserer Clique nicht zu diesem Song getanzt haben. Das lange Intro der LP-Version, die einsetzende Acid-Basslininie, der langsame Aufbau des Songs bis hin zum ersten Refrain – wir alle liebten den Song.
Allein: Das Rätsel um den Protagonisten in dem Song konnten wir nie lösen. Ebeneezer Goode – wer sollte das sein? Aber das war uns egal.

shamen_posterDas dazugehörige Album, „Boss Drum“, war übrigens wieder eine überraschende Wundertüte. Musikalisch wurden so gut wie alle Spielarten elektronischer Musik bedient, inhaltlich ging es um eher philosophische Überlegungen – inklusive eines Spoken-Word-Tracks des US-Philosophen Terence McKenna. Im Grunde abgedrehter Tobak für einen 22-Jährigen, der eigentlich nur zu elektronischer Musik abgehen will. Aber irgendwie kam das bei mir gut an.

shamen_cdsUnd zwar so gut, dass ich ab da wirklich jeden Shamen-Tonträger kaufte, der mir in die Finger kam. Jede LP, jede Maxi, jeder Remix musste den Weg in mein Regal finden. Da kam einiges zusammen, da The Shamen zu jeder Single mehrere Formate auf den Markt brachten – alle reandvoll mit Remixen angesehener Künstler. Todd Terry, Kevin Saunderson, Justin Robertson, Tommy D, Moby, Richie Hawtin – alle die Anfang der Neunzigerjahre im Bereich Club/Elektro-Musik auch nur halbwegs angesehen waren, produzierten für The Shamen Remixe.

Da war aber auch noch die Live-Komponente, denn The Shamen waren ja eine Band. Anfang 1993 spielten sie in einer Mehrzweckhalle in der Nähe von Bielefeld – weil dort viele britische Soldaten stationiert waren. Zwischen denen stand ich und musste feststellen, dass ein Konzert von The Shamen eine andere Erfahrung war als etwa eines von Depeche Mode. Konzerte wie ich sie bis dahin kannte liefen so ab: Langeweile, Vorband, Langeweile, Hauptband. Bei The Shamen aber gab es DJs, Vorgruppe, DJs, Shamen, DJs – eine Party ohne Unterbrechung, die wahrscheinlich noch lange andauerte, während ich schon wieder auf dem Heimweg war. „Vielleicht ist das so etwas wie ein Rave?“, raunten wir angereisten Landeier uns zu. Alles sehr beeindruckend. Natürlich kaufte ich mir auch etwas am Merch-Stand: einen grauen Shamen-Longsleeve-Pulli. So etwas hatte in den Kreisen, in denen ich verkehrte, niemand. Und das fühlte sich sehr, sehr gut an.

The Shamen machten auch weiterhin coole Sachen. Sie veröffentlichten zum Beispiel eine CD mit allen Remixen von „Move Any Mountain“. Obendrein gab es noch die Samples des Stücks, so dass sich jeder Fan daraus selbst Remixe basteln konnte. Etwas später engagierten sich The Shamen auch noch in so einem weltweiten Datennetz, das angeblich die Zukunft sein sollte – das Internet. Sie stellten Informationen und Songs online, für die ich in eines der ersten Osnabrücker Internet-Cafés ging.

Streitigkeiten mit ihrem Label führten allerdings zu einigen eher mittelmäßigen Veröffentlichungen und irgendwann hatten Colin Angus und Mr.C selbst keine Lust mehr – sie lösten The Shamen auf. Natürlich nicht einfach so: Spirituelles, Technologie und Musik wurden zu einer kleinen Legende zusammengerührt:

As the first UK band to launch its own Web site, the first band to release a single and LP on the Net and pioneers of the live „webcast“, The Shamen will now be the first band to disappear *into* the Internet. […] The Shamen will depart from the world of „atoms“ in favour of a new existence in the emerging world of „bits“. All future interactions with the band will be mediated electronically.

Danach sind The Shamen für mich erstmal lange Zeit kein Thema mehr.

2001 sitze ich in einem kleinen Hotelzimmer im Köln und interviewe die Utah Saints. Das britische Duo hatte eine neue LP rausgebracht, die es zu promoten gilt. Ihre besten Zeiten hatten die Utah Saints – wie The Shamen – Anfang der Neunzigerjahre, von daher waren sie mir durchaus ein Begriff. Die neue Platte war ganz okay, aber irgendwie machte es sowohl der Band als auch mir viel mehr Spaß über die Erfolge von damals zu reden. Jez Willis und Tim Garbutt erzählen, wie schwierig es manchmal mit den Radio-Stationen war. Die beiden berichten, dass sie als Dance-Duo ohne festen Sänger viel Überzeugungsarbeit hätten leisten müssen, um überhaupt gespielt zu werden. Und ganz beiläufig erwähnen Willis und Garbutt, wie clever The Shamen damals mit „Ebeneezer Goode“ ihre Drogenbotschaft ins Radio bekommen hätten. Moment mal – Drogenbotschaft? „Was dachtest Du denn, was die im Refrain singen?“, schauen Jez Willis und Tim Garbutt mich ungäubig an. „Na – Eezer Goode, he’s Ebeneezer Goode“, antwortete ich nach bestem Wissen und Gewissen. „Sie singen den Namen dieses Typen.“ Die beiden lachen und stimmen dann den kurz Refrain an. Sie betonen ein paar Silben anders – und dann verstehe ich den Refrain zum ersten Mal: „Es are good“, singen die beiden. „Ecstasy ist gut.“ Ich realisiere in dem Moment, was ich über Jahre mitgegröhlt habe. „Und damit waren sie im Radio“, amüsieren sich Willis und Garbutt auf Kosten von BBC Radio1. Und ich habe dazu getanzt, denke ich etwas ratlos. Ein Song zum Pillen einwerfen. Vermutlich nicht die Sorte, die Axl Rose bei „November Rain“ nimmt. Und er wird den Song sicherlich auch nie dabei gehört haben. Wenn ich ihn heute höre, kriege ich weiterhin gute Laune. Weiterhin ganz ohne Hilfsmittel.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Funny that you mention it – also ich habe damals gedacht, sie singen „Asia-good, Asia-good, he’s even in Asia good.“ 

    Damals war mein englisches Sprachgefühl offenbar deutlich schlechter ausgeprägt, als ich es erinnere. Immerhin habe ich beim Suchen einen Haufen anderer lustiger Interpretationen gefunden: Das reicht von „Execute, Execute“ bis hin zu „Eggs are good, eggs are good“… Der Song ist eben eine klassische Steilvorlage für misheard lyrics würde ich sagen!

    Was man AUCH zu diesem Thema lesen kann: Angeblich hätte in UK nach ein paar Wochen auch der letzte kapiert, worum es in diesem Song gegangen sei – doch das lässt sich heute nachträglich natürlich ganz easy sagen. Doch selbst wenn es stimmen sollte: Über den Kanal hinweg hat es diese Info dann doch nur sehr sporadisch aufs Festland geschafft.

    Wie alle anderen Adoleszenten kam auch ich 1992 natürlich nicht an „Ebeneezer Goode“ vorbei – dazu war er einfach zu präsent. Wobei das Video offenbar kaum Spuren bei mir hinterlassen hat: Ich meine zwar, es zu kennen. Aber in meiner Erinnerung verschwimmt es irgendwie mit „Out of Space“, „Unbelievable“ und „Altogether Now“. Das ist aber gar nicht so schlimm. Denn mit kulturwissenschaftlich geschultem Blick lässt sich das Alles natürlich noch mal anders genießen: Diese Darkroom-meets-Verrückter Hutmacher-meets-Ecstasy-Ästhetik verspricht auf jeden Fall interessante Partys. Insofern kann ich mir gut vorstellen, wie lustig es damals in Bielefeld zugegangen sein muss…

    Bis vergangenen Sonntag blieben The Shamen für mich aber ehrlich gesagt ein One-Hit-Wonder. Der Song war großartig, aber ein zweiter Titel der Band wollte mir partout nicht einfallen. Nun hast Du ja schon ein paar andere Hits von denen in Deinem Text erwähnt und natürlich kenne ich Manches davon auch vom Hören… Stop! „Ich kenne Manches davon vom Hören…“ Würg. Das ist so eine Phrase, bei der ich – wenn andere sie erwähnen – immer Pickel bekomme. Und jetzt schreibe ich sie sogar ein drittes Mal in diesen Absatz: Natürlich kenne ich „Move Any Mountain“ und „L.S.I.“ auch vom Hören her, aber ehrlich gesagt hätte ich sie niemals den Machern der lustigen Party-Hymne „Ebeneezer Goode“ zuordnen können. Dafür klingen sie doch sehr nach ihrer Zeit. Also vergangener Zeit.

    Das ist natürlich voll gemein, wenn ich so auf Deinen Schätzen rumtrampele, da es einen so herabwürdigenden Zungenschlag hat – daher verzeih. Dabei wollte ich mit dieser Feststellung auf etwas ganz Anderes hinaus: „Ebeneezer Goode“ hat sich einfach sehr sehr gut gehalten. Dafür, dass das EDM-Genre so schnell- und kurzlebig ist, haben The Shamen damals eine perfekte Pop-Formel gefunden…

    Jetzt aber noch mal zu der Pointe Deiner Geschichte: Obwohl ich mir den Kopf darüber zerbrochen habe, gibt es von mir heute leider keine so wahnsinnig lustige Auflösungs-Geschichte wie bei Dir. 

    Das liegt auch daran, dass ich als langjähriger Rap-Fan gewohnt war, bestimmte Phrasen einfach so lange hinzunehmen, bis ich irgendwann mal auf die Auflösung des einen oder anderen Codes stieß. In einer Subkultur, die davon geprägt ist, sich nach außen ganz bewusst durch bestimmte Phrasen abzuschirmen, ist das auch nicht weiter ungewöhnlich. Soll mir keiner kommen und erzählen, er habe die Lyrik von Public Enemy und später die des Wu-Tang Clans damals vollständig kapiert!

    Das ging eher immer so Baustein-mäßig. Wie 1992 bei Dr. Dre. Der rappte in seiner Single „Deep Cover“ die Zeile „187 on an undercover cop“ und bald raunten wir uns – geschult durch Filme wie „Boyz n the Hood“ und „Menace II Society“ – die fachkundige Erklärung für die 187 zu: „Das ist der Polizeifunk-Code für Mord!“ Hu-hu, waren wir schlau. Genau – damit waren wir für einen Abend am Eingang zum Klub der Coolen am Türsteher vorbei gekommen. Shake-Hands, Alter – Snoop und Dre sind eben die Derbsten.

    Doch das waren eher so leicht zu knackende Special Interest-Informationen. Anders war das mit Texten, deren Worte ich akustisch gut verstehen konnte, deren Sinn sich mir dann trotzdem ewig nicht erschließen mochte. Eines der bekannteren Beispiele dafür ist der Fugees-Überhit „Ready or Not“. Mal ehrlich – den haben wir doch alle tausendfach auf Partys mitgesungen. Aber hast Du jemals verstanden, worum es da eigentlich genau ging? 

    Logisch, der Bandname gibt das Flüchtlingsthema ja schon mal grob vor – und damit die Marschrichtung ihrer Ideologie. Was bei mir damals auch gleich hängen blieb, waren die vielen Referenz-Namen, mit denen sie im Song um sich warfen: „Elliot Ness“, „Nina Simone“, „Cassius Clay“ oder „Porgy and Bess“. Einige (er)kannte ich beim ersten Hören, andere habe ich zwischen 1996 und heute irgendwann verstehen gelernt. Aber was Wyclefs Delirium mit Lauren Hills Refrain zu tun haben sollte, blieb mir lange schleierhaft. Ich will mich nun aber nicht mit zu vielen fremden Federn schmücken: Die Seite „Rap Genius“ interpretiert diesen Wahnsinns-Song Zeile für Zeile auf unterhaltsame Art und Weise. Und durch die Meta-Ebene steigt „Ready or Not“ gleich mal noch drei Ligen weiter auf. Nur so viel sei verraten: Es geht um schlaue Metaphern, die den Rap-Battle-Gedanken um drei bis vier Ecken gedacht auf eine völlig neue Ebene bringen.

    Doch kommen wir zurück zum Drogen-Thema. Wenn Du ein wenig herumgooglest, findest Du unfassbar lustige Listen mit ungeahnten Referenzen und Erklärungen zum Thema. Manche davon sind so erhellend, wie der legendäre Dialog zwischen Ben Stiller und Robert de Niro in „Meet the Parents“, als letzterer erfahren muss, dass „Puff the Magic Dragon“ von Peter, Paul & Mary kein süßes Märchen von einem Jungen mit seinem Drachen, sondern eben eine knallharte Dope-Head-Verklausulierung der Hippie Ära ist. Die Beatles-Referenzen kennen eingefleischte Pop-Fans natürlich aus dem Effeff und in Rap und Reggae gehört Kiffen ja schließlich auch zum guten Ton. Da wird erst gar nichts versteckt, hihi.

    Doch wusstest Du, dass „There She Goes“, „Beetlebum“ oder „Golden Brown“ alle von irgendeiner Art des Heroin-Konsums handeln? Okay, auf Letzteres hätte man kommen können. Aber eben nur „hätte“. Hätte-hätte-Toilette, sag ich dazu.

    Dein Text beweist auf jeden Fall mal wieder, wie schlau Pop sein kann: Pop kann uns das Offensichtliche herrlich verklausuliert unter die Nase reiben (pun very much intended). Und findet dabei so wunderschöne zeitgemäße Worte, dass spätere Generationen sich wie Archäologen durch Hieryglyphen wühlen müssen, um die kulturellen Codes anständig zu entschlüsseln. Dazu kann ich nur sagen: Da bin ich gerne mit dabei – her mit Lupe, Pinsel und Spitzhacke.

  2. Pingback: Interlude: Diane Charlemagne | 100 Songs

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