72/100: November Rain

Guns N’Roses (1992)

Heute ein Eltern-Ratgeber aus einer anderen Zeit: Wie stellt man einen Teenager neun Minuten lang ruhig? Nun, aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen: Vor 22 Jahren war das ganz einfach. MTV anmachen und warten, bis Axl Rose plötzlich in depressives blaues Licht getaucht erscheint und eine Tablette nimmt. Alles andere nimmt dann automatisch seinen Lauf. Zumindest damals…

Wir befinden uns mal wieder mitten auf der Memory Lane. Es ist gar nicht mal das schlimme Wetter da draußen, was mich zu diesem Titel bewogen hat. Mir ist auch klar, dass ich laut Kalender mit dem Song noch gut eine Woche hätte warten können. Aber erstens bist Du nächste Woche dran mit Schreiben und zweitens interessiert sich beim Oktoberfest auch niemand dafür, dass die Sause bereits im September startet. Außerdem ist heute Zeitumstellung, das muss ja auch für was gelten.

Zurück also in die 90er. Damals war ich ein suchender Teenager, der diverse musikalische Phasen durchmachte: Es ging los damit, dass ich die Ärzte und die Pet Shop Boys mochte und versuchen musste, das beides mit meinem Gewissen zu vereinbaren. Jedenfalls suggerierte mir das mein soziales Umfeld in der 6. bis 8. Klasse. Dann kam die Michael Jackson-Mania, dicht gefolgt von meiner Reggae-Phase. Und plötzlich kam Frederick mit dieser CD im Gepäck zu Besuch: Sie hieß „Appetite for Destruction“ und war ein völlig anderes Kaliber als Europe und Bon Jovi – auch wenn die Typen gar nicht so viel anders aussahen.

Aber da war dieses böse Kreuz mit den Totenschädeln auf dem schwarzen Cover – ich weiß nicht warum, aber Teenies scheinen in bestimmten Phasen besonders anfällig für solche Symbole zu sein. Das Cover versprach rohe, dunkle und harte Musik. Einen Sound, mit dem man seine Eltern totsicher auf die Palme bringen konnte. Mit dieser Guns N’Roses-CD schien ein neues Kapitel in meinem Jugendzimmer Einzug zu halten – und als Frederick „Welcome to the Jungle“ anklickte, erfüllte sich diese Erwartung. Guns N’Roses – das war totale Asi-Musik. Ich spürte: Mit dem Kauf dieser CD wurde man zum Mitglied eines Clans. Für diesen Sound musste man Eier in der Hose haben.

Interessant war auch das Klientel, das sich im Sommer ’89 in unserem bürgerlichen Stadtteil für die Asi-Band interessierte. Das waren weniger langhaarige Vokuhilas in ihren Schrauber-Werkstätten und Schultheiß-Kneipen, sondern knallharte Gang-Typen. Gerne auch mit türkisch-arabischem Migrationshintergrund. Rap war noch nicht der allgegenwärtige Standard-Sound für tiefergelegte BMWs und umgedrehte Baseball-Mützen. Diese Typen mochten harte Giterrenriffs.

Das erzählte mir jedenfalls Frederick. Seine Schule lag deutlich näher an der Innenstadt als meine und infolgedessen war er meine Sonde, wenn es um Erzählungen von Prügeleien, abgezogene Baseball-Jacken und Polizei-Einsätze auf U-Bahnhöfen ging. Mit einer Mischung aus Faszination und Angst lauschte ich immer wieder seinen Erzählungen aus dem Asphalt-Dschungel – und im CD-Player lief „Paradise City“.

Nach und nach fand ich auch auf meinem bürgerlichen Gymnasium vereinzelt Typen, die Guns N’Roses okay fanden. So eine richtige Fan-Base gab es für diese Band allerdings nicht bei uns. Diejenigen, die so Metal-mäßig drauf waren, hörten eher Kreator oder Iron Maiden. Und diejenigen, die selber ein Instrument beherrschten, eher Metallica, Aerosmith oder AC/DC. Und es gab diesen einen Proll zwei Jahrgänge über mir, der sich dieses kontroverse Fan-Shirt mit der Zeichnung der vergewaltigten Frau vor einer Mauer mit dem Graffito „Guns N’Roses was here“ trug, um den Rest der Schule zu ärgern. Der ging aber wirklich gar nicht klar – der Typ war einfach ein dummer Arsch. Stattdessen fühlte ich nach und nach eher der Aerosmith-AC/DC-Fraktion zugehörig. Obwohl ich leider kein Instrument beherrsche.

Dann kam der Sommer ’91 und Guns N’Roses waren plötzlich Konsens. Es war die geballte Ladung Power, die da über uns herein brach. Zuerst der Terminator 2-Soundtrack und im September dann zwei parallel veröffentlichte Alben: „Use Your Illusion 1 & 2“. Kein Doppelalbum, sondern ZWEI verdammte Alben mit lauter guten Songs drauf. Auf MTV bretterte uns Arnold auf seinem Motorrad davon, während dazu „You Could Be Mine“ aus der Glotze dröhnte. Und auf dem Schulhof wurde diskutiert, wer von uns jetzt CD 1 und wer CD 2 kaufen sollte, damit wir das gesamte epische Schaffen auch vollständig genießen konnten. Denn wenn ich heute nahezu jeden interessanten Release am VÖ-Tag auf Spotify durchhören kann, musste damals das Taschengeld für einen ganzen Monat reichen und entsprechend gehaushaltet werden.

Diese beiden CDs zählen zu den wichtigsten Alben meiner Jugend – sie stehen in einer Reihe mit „Nevermind“, „Fear of a Black Planet“, „Check Your Head“ und dem ersten Rage Against the Machine-Album. Pure Energie, die durch konzeptuelle Bahnen gelenkt wird, so dass auch der letzte versteht, dass da etwas Großes passiert.

Natürlich weiß ich, dass Axl Rose so klingt, wie ein Frosch, auf den man versehentlich draufgetreten ist. Natürlich gibt es auf beiden „Use Your Illusion“-Teilen zahlreiche Ausfälle. Doch weil sich das Schaffen so neu und so groß anfühlte, war ich bereit, auch die furchtbaren Tracks zu ertragen. Ich wollte verstehen. Und als meine Euphorie nach einem halben Jahr ein ganz klein wenig abzuflauen drohte, knallten sie uns plötzlich „November Rain“ vor den Latz. Neun Minuten lang.

Dieses Video war episch und groß – und es erzählte eine düster-melancholische Liebesgeschichte. Der harte Rocker verliebt sich, heiratet und verliert sie am Ende. Warum sie tot ist, weiß man nicht. Vielleicht war sie depressiv, vielleicht war es eine Affekthandlung oder hat Axl etwa selbst Hand angelegt..? Fragen über Fragen, die mit phantastischen Bildern in Szene gesetzt wurden. Neun Minuten lang.

Zuerst dieses mafiöse Setting einer Hochzeit mit Teilnehmern höchst unterschiedlicher Herkunft: Die crazy Rockstars, die reichen Plattenbosse, das Model mit seiner Upperclass-Familie. Dazwischen dann ein ganzes Orchester und Axl Rose, der mit seiner Brille am Piano einen Intelektuellen mimt. Slash, der als Trauzeuge natürlich den Ring vergessen hat und dann von Dizzy einfach einen anderen gereicht bekommt. Dann wieder Slash, der mittendrin die Zeremonie verlässt und draußen vor der Kirche dieses Solo spielt. Und schließlich die Hochzeitstorte, die bei einsetzendem Regen zerstört wird – Quelle cliché! Trotzdem durfte keine Sekunden verpasst werden.

Denn plötzlich setzte dieser Stimmungswechsel ein: Das Liebeslied schwenkt in etwas Bedrohliches um. Genauer gesagt in eine Trauerfeier. Große Kranfahrten wechseln sich mit kurzen Naheinstellungen ab: Die Trauergäste in schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen, die routiniert aussteigen, ihre Jackets in einer fließenden Bewegung zuknöpfen und keine Miene verziehen. Dann sieht man Axls Verstorbene, die von seiner damaligen Model-Freundin Stephanie Seymour gespielt wird. Ich frag mich, wie er ihr wohl vor dem Dreh verklickert hat, dass er sie nur für das Video heiratet und sie am Ende aber in einen Sarg steigen soll..?

Alles in allem ikonische Bilder, die für mich aber spürbar das Ende der Ära einläuteten. Die Zeit der langhaarigen Hardrocker ging definitiv zu Ende. Guns N’Roses mochten nun für einen Moment Konsens sein und auf Augenhöhe mit Stars wie Springsteen, Elton John, Sting und U2 Stadien ausverkaufen. Doch ihr musikalischer Zenith war mit „November Rain“ spürbar erreicht. Was sollte da noch kommen? Etwa eine Dylan-Coverversion, an der sich auch schon The Greateful Dead und Eric Clapton abgearbeitet hatten? Ich bitte Dich. „Yesterdays“? Ach komm schon. „Civil War“? Nein, selbst das konnte nichts mehr rausreißen.

„November Rain“ ist für mich schlicht der ungeschlagene Höhepunkt von Axl Roses künstlerischem Schaffen. Später las ich, dass er die erste Hälfte dieses Songs fast ein Jahrzehnt zuvor komponiert hatte, aber erst 1991 in der Lage war, ihn zu finalisieren. Das erklärt das Grandiose dieses Meisterwerks: Es durfte reifen.

Wie wir wissen, wurden Guns N’Roses nach dem Ende der Verwertungskette dieser beiden Alben zum Treppenwitz des Rocks: Die Band zerbrach, Axl verschwand von der Bildfläche, tauchte zwischenzeitlich mit schlimmen Frisuren und vernarbtem Gesicht bei irgendwelchen Awards auf und „Chinese Democracy“ wurde zum meisterwarteten Album der jüngeren Musikgeschichte – und hätte auch 2008 besser niemals veröffentlicht werden dürfen.

Trotzdem kenne ich heute kaum noch Leute, die Guns N’Roses so richtig scheiße finden. Ihre Hits gehören heute in den Classic Rock-Kanon. Selbst emanzipierte Mädels mit Hochschul-Abschluss freuen sich, zu „Paradise City“ abgehen zu können. „Appetite for Destruction“-Cover-Textilien hängen bei H&M in der selben Sektion wie die der Ramones und irgendwo hab ich inzwischen auch eine entschärfte Version des „Guns N’Roses was here“-Shirts gesehen – ohne die vergewaltigte Frau drauf.

Das ist traurig und schön zugleich – in etwa so wie unsere 72/100. Tja Axl, uns bleibt schließlich immer noch „November Rain“.

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Wäre ich auf einer Party gewesen und Du hättest als DJ diesen Song angespielt – ich wäre mit einem Freudenschrei schnell auf die Tanzfläche gerannt. Ich kann nicht mal sagen, warum. Ich bin beileibe kein GnR-Fan. Und deren Sorte Rock ist rational betrachtet auch eher nicht meine Baustelle. Aber bei „November Rain“ passiert etwas mit mir. Und es fängt da an, wo ich kürzlich mit den Sisters Of Mercy war: im Herbst 1988.

    London. Jahrgangsfahrt. Die Sisters Of Mercy auf dem Walkman. Durchgefeierte Nächte in dem schmuddeligen Hotel, das unser Lehrer für uns gebucht hat. Ebenfalls dort untergebracht: eine Gruppe aus Dänemark, die so trinkfest war, dass sie uns jede Nacht das ohnehin schon teure britische Dosenbier zu noch höheren Kursen abkauften. Und eine Gruppe aus Marburg, zu denen ein paar meiner Kumpels und ich Kontakt aufnahmen. In erster Linie zu den Mädchen aus der Gruppe. Eine von denen trug ein Guns N‘ Roses-Shirt, eine Band, von der wir damals noch nichts gehört hatten. Es stellte sich heraus, dass die jungen Frauen in Marburg und Umgebung oft in die Clubs der dort stationierten US-Soldaten gingen. Und dort lief neben HipHop wohl auch Rock aus der Heimat – GnR seien dort total in, erklärte man uns. Wir mit unserer Fiz-Oblon-Sozialisation (Ramones, Pixies, B52’s…) konnten damit nichts anfangen und machten uns sogar dumme Scherze über den Namen der Band.

    Wie dem auch sei: Auch nach der Woche in London hielten wir Kontakt zu den Marburgern und fuhren kurze Zeit später für ein Wochenende dorthin. Wir übernachteten bei der Schwester eines Freundes, die dort studierte, und wurden von unseren London-Bekanntschaften als Chauffeure zu den US-Clubs eingesetzt. Einmal dort angekommen, kümmerten sich unsere „Gastgeberinnen“ in erster Linie um ihre Liebschaften, während wir inmitten von kräftig gebauten Typen HipHop und GnR hörten. Wir waren natürlich frustriert, dass wir in erster Linie als Shuttle-Service verstanden wurden und somit auch mal länger auf Parkplätzen warten mussten, während die Mädels mit John, Jim oder Jack lautstark über ihre jeweiligen Beziehungen stritten.

    Von der Clique haben wir nach unserer Abfahrt aus Marburg nie wieder etwas gehört. Von GnR natürlich schon. Wobei es die Band nie in so richtig in unseren Kanon gefunden hatte. Klar, „Paradise City“ kannten wir alle, aber irgendwie waren wir – nicht zuletzt durch das Fiz Oblon – immer noch auf andere Stile abonniert. Und so dauerte es bis „November Rain“ – aber ab da waren GnR aus unserer Wahrnehmung nicht mehr rauszuhalten.

    Im Sommer 1992 zog ich mit meiner Schwester nach Osnabrück. Eine der Errungenschaften unserer Wohnung war – Kabelfernsehen. Endlich MTV. Als ich Rebecca de Ruvo zum ersten Mal auf dem Schirm sah, musste ich gleich meine Freunde anrufen, die noch nicht den Anschluss an das Kabelfernsehen hatten, um ihnen ausführlich zu erzählen, was sie verpassten. Und natürlich habe ich in jeder freien Minute MTV geguckt. Es gab damals eine ganze Welle von US-Rock, der dort auf Heavy Rotation lief. Aerosmith (Alicia Silverstone und Liv Tyler), BonJovi („Keep The Faith“) – und natürlich „November Rain“. Das waren schon echt beeindruckende Bilder: Matt Sorum mit seinem Stirnband, wie er im Intro auf die Toms haut; Axl mit seiner Tablette; Slash vor der Kirche; Stephanie im Sarg… Als ich mir das Video gestern nochmal ansah, kam mir das alles so vertraut vor. Damals hingegen – war es immer noch nicht ganz meine Musik. Zu rockig, zu amerikanisch, zu pathetisch. Aber beeindruckend.

    Ein halbes Jahr später lernte ich meine Frau kennen. Wir fuhren 1993 gemeinsam zu Depeche Mode nach Dortmund, ich anschließend zu U2 nach Bremen, sie zu Guns N‘ Roses. Und sie war es auch, die vor rund einem Jahr sagte: „Auf der nächsten Auto-CD hätte ich gern ‚November Rain‘“. Beim Blick in meiner iTunes-Library habe ich dann erstaunt festgestellt: Ich hatte den Song gar nicht! „Appetite For Destruction“ schon, „Paradise City“ hatte in den vergangenen Jahren sogar eine recht hohe Anzahl Widergaben erreicht. Aber „November Rain“…? Und so habe ich den Song über 20 Jahre nach Erscheinen in einem Download-Shop gekauft. Und da auch erst richtig gemerkt, was für ein Brett er ist. Ich würde ihn jetzt einfach mal einreihen bei „Music“ von John Miles und „American Pie“ von Don McLean – so monumental ist der Song. Und damit allemal ein Kandidat für unsere Liste. Tolle Auswahl, Herr Kollege!

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