Interlude: Eine Woche mit Fritz Kalkbrenner

Endlich komme ich dazu, noch einen wunderbaren Klangkünstler anzupreisen. Angesichts des einhelligen Feuilleton-Kanons hat Fritz Kalkbrenner meine Fürsprache sicherlich überhaupt nicht nötig, dennoch komme ich nicht umhin, ihn zu meinen musikalischen Entdeckungen des Jahres zu zählen.

Wie Du weißt, haben Techno und ich wenig miteinander am Hut. House und ich auch nicht, denn die meisten meiner Lieblinge haben es durch ihre textlichen und gesanglichen Qualitäten in mein CD-Regal und meine iTunes-Bibliothek geschafft. Ich lehne elektronische Musik mitnichten ab, aber bei reinem Instrumental-BummBumm komme ich einfach nicht so recht mit.

Natürlich sind unser gemeinsamer Blog und diverse gemeinsam verbrachte Abende vor und hinter dem Mixer Schuld daran, dass ich inzwischen sehr gerne auch Interpreten wie die Swedish House Mafia oder Robin Schultz höre. Doch die machen mit ihren Vocal-Cuts ja eher EDM als klassischen House. Bei letzterem fehlt mir halt wirklich ein Wiedererkennungswert, wenn mich keine Stimme durch so etwas wie einen Refrain begleitet.

Nun bekam ich nach meinem jüngsten Urlaub die frohe Kunde, dass ich drei Tage später Fritz Kalkbrenner interviewen sollte. Der hat bekanntlich gerade sein drittes Solo-Album produziert, was von vielen Menschen mit Spannung antizipiert wurde. Ich muss sagen, dass mich das nicht wirklich berührte.

Den Auftritt seines Bruders beim Berlin Music Festival 2013 konnte ich trotz innigster Lobpreisungen einiger Kollegen lediglich zehn Minuten lang ertragen. „Sky and Sand“ war für mich halt ein Song, den man spielt, wenn sich die Menschen House wünschen und ich mit meinem Latein am Ende bin.

Doch dass Fritz ja was ganz anderes als sein 3-Jahre-älterer Bruder Paul macht, war mir nicht bewusst. Das erfuhr ich erst, nachdem ich mich gewissenhaft auf das Interview vorbereitete, um nicht wie ein Vollspast rüberzukommen.

Ich sah mir sein aktuelles Video ungefähr zehn Mal an und war begeistert, wie frisch seine Stimme den House-Sound konterkarierte.

Beim Interview lief dann alles ganz gut und Fritz Kalkbrenner erwies sich als sehr launiger und extrem eloquenter Interviewpartner. Mit seiner Wortwahl beeindruckte er mich zutiefst – manche Sätze hätte ich vielleicht von Jochen Distelmeyer erwartet, aber bestimmt nicht von einem elektronischen Live-Act.

Außerdem fühlte er sich vor der Kamera sichtlich wohl und spaßte mit uns herum – was ich nach seinen doch recht ernsten Videos so nicht erwartet hatte.

Also wurde aus dem Interview ein TV-Beitrag und eigentlich hätte die Geschichte damit schon zu Ende sein können. Wenn Fritz Kalkbrenner seinen Release nicht gebührend im wunderbaren Kreuzberger Szene-Club Prince Charles gefeiert und mich dazu eingeladen hätte.

Ich muss gestehen, dass ich sehr lange nicht mehr an einem Donnerstag ausgegangen war und schon gar nicht zu einem Mini-Rave. Doch der Beginn der Show war mit 21 Uhr auch für die arbeitende Bevölkerung fair und so ging ich hin und freute mich über die gute Laune. Denn obwohl hauptsächlich die übliche Medien-Schnorrer-Meute anwesend war, brutzelte Fritz Kalkbrenner ordentlich was weg: Auf zwei bis drei Instrumental-Tracks folgte ein gesungener, dann wurde es wieder rein instrumental und dann sang er irgendwann „Back Home“, um dann wieder instrumental weiter zu machen.

Genau zu diesem Zeitpunkt sah ich mich längst halb-verschwitzt mit meinem Bier merkwürdige Tanz-Bewegungen vollziehen, die ich so nicht von mir kannte. Meine Klamotten stanken nach Rauch, weil sich außer Fritz Kalkbrenner auch niemand anders an das Nikotin-Verbot zu halten schien und ich fühlte mich… jung.

Und als ich gerade so richtig happy wurde, ertönte dieser eine Track, der schon zwei Jahre alt ist, den ich aber bei meinen Recherchen zum ersten Mal gehört hatte. Und zwar so oft, bis sich diese wunderbare Melodie tief in meine Gehörgängen verlaufen hatte: „Wes“.

Ich kann nur sagen: So macht House wirklich richtig Spaß.

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