71/100: Blitzkrieg Bop

The Ramones (1977)

Ich kenne keine Stille. Je leiser es um mich herum wird, umso lauter wird das Piepen in meinen Ohren. Aber das ist okay: Mein Tinnitus und ich, wir haben uns ganz gut arrangiert. Ich könnte nicht mal genau sagen, wann ich ihn mir eingefangen habe. Aber ich habe da einen Verdacht.

Was hatte ich mich auf den Sommer 1990 gefreut. Ich hatte aber auch viel nachzuholen: Während meine Freunde im Jahr zuvor gleich nach dem Abi in wilde Urlaube aufgebrochen waren, fuhr ich brav zum Bund. Während sie am Strand lagen, robbte ich durch Matsch. Während sie junge Frauen aus allen möglichen Ländern kennenlernten, musste ich mit unfreundlichen Typen aus dem Bremer Umland klar kommen. Nicht mal aufs Bizarre Festival konnte ich mit – dabei hatten wir uns das für 1989 fest vorgenommen.

All das galt es 1990 in meinem Sommer-Urlaub von der Truppe nachzuholen. Aber bevor ich mit Freunden Richtung Algarve aufbrach, fuhren wir vorher noch für ein Wochenende zum Bizarre-Festival auf die Loreley. Das Line-Up war vielversprechend. Headliner waren The The, damals eine unumstrittene Konsensband in unserer Peergroup. Ebenso Phillip Boa. Außerdem waren noch Fields Of The Nephilim angekündigt, deren Platten ich zuvor nur bei einem Bundeswehr-Kollegen gehört hatte. Und dann waren da ja auch noch die Ramones.

Die Ramones.

Die Ramones waren schon damals eine Legende. Und sie waren zu dem Zeitpunkt wieder präsent. Für den Film „Friedhof der Kuscheltiere“ hatten sie einen Song aufgenommen, der an den Wochenenden im Fiz Oblon gespielt wurde. Hin und wieder liefen dort auch ein paar ältere Songs, etwa „Rock’n Roll High School“, „Sheena Is A Punkrocker“ und auch „Blitzkrieg Bop“. „Hey Ho, Let’s go“ – den Schlachtruf gröhlten wir dann immer laut auf der Tanzfläche.

Die Ramones kamen mir aber auch an anderer Stelle immer wieder unter die Augen – nämlich auf Mixtapes. Es gab zu der Zeit im Fiz Oblon ein paar Jungs, deren Mixtapes bei den Damen extrem gut ankamen. Marco und seine Kumpels machten mich dabei aus vielen Gründen neidisch: Ihre Kassetten lagen bei vielen Frauen in den Autos rum. Und sie enthielten alle aktuellen Hits aus dem Fiz Oblon – etwa die der Ramones. Ich fragte mich, wo sie die herhatten und wie sie die vielen Plattenkäufe finanzierten. Dazu noch Songs von Bands, von denen ich noch nie gehört hatte. Die die Mädchen aber gut fanden. Natürlich wurden Marco und seine Kumpels von den Frauen immer freudig im Fiz begrüßt. In der Summe – alles sehr ärgerlich und neidisch machend. Aber dafür konnten die Ramones ja nichts.

Also fuhr ich im Juni 1990 mit ein paar Freunden die Loreley hoch, um unter anderem die Ramones zu sehen. Wir bauten das Zelt auf und gingen anschließend aufs Gelände.

Genau da hört meine Erinnerung an den Tag auch erst mal auf.

Wie gesagt: Ich hatte einiges nachzuholen und feierte die Tatsache, es endlich aufs Bizarre Festival geschafft zu haben, mit ein paar Drinks. Vielleicht waren es auch ein paar mehr – der Nachmittag dieses Samstags ist mir auf jeden Fall kaum noch präsent. Es gibt so ein paar Schnappschüsse in meiner Erinnerung: Unmengen an Kunsteis-Nebel während des Auftritts von Fields Of The Nephilim, aus dem nur der mit reichlich Mehl bestäubte Arm des Sängers rausragt. Das „1, 2, 3, 4“, mit dem die Ramones jeden ihrer Songs anzählten und die Lautstärke des Auftritts. Und das war es eigentlich auch. Was sonst noch passierte, mit wem ich dort plauderte – keine Ahnung. Wochen später noch sprachen mich Leute an, die mich auf dem Festival getroffen haben wollen. Aber erinnern kann ich mich daran nicht. Erst spät am Abend lüftet sich der Vorhang und ich erinnere mich an den Auftritt von The The. Aber das war es irgendwie…

Ein paar Tage später war ich zu einem letzten Wachdienst eingeteilt. In der Stille des Munitionsdepots fiel mir erstmals ein Piepen in meinen Ohren auf, das ich nicht einordnen konnte. Erst dachte ich natürlich, dass es schon weg gehen würde. Musste dann aber feststellen, dass mich das Piepen dauerhaft begleitete. Wann immer es still wurde, setzte das Piepen ein. Irgendwann dämmerte mir, dass ich es von den Ramones mitgebracht haben könnte. Aber für meine Unvorsichtigkeit konnten die Ramones ja nichts.

Und so fuhr ich nur wenige Wochen später noch einmal nach Bremen, um die Ramones in Bremen zu gucken. Hier zogen wir mit den anderen Fans durch den Bahnhof und skandierten auf dem Weg zur Konzerthalle „Hey Ho, Let’s Go“. Auch hier zählten sie jeden Song mit „1, 2, 3, 4“ an – wobei ich den Eindruck hatte, dass Anzähltempo und das Tempo des jeweiligen Songs eigentlich nie wirklich zueinander passten. Diese kleine Ramones-Mania führte auch dazu, dass wir uns den Film der Ramones, „Rock ‚n Roll Highschool“, regelmäßig anschauten. Legendär wurden Sätze wie „In Idaho regnet es junge Hunde.“ Oder das Maus-Experiment:

Wenn man sich anschaut, was mit der Maus passiert, kann ich mich mit meinem Piepen in den Ohren ja noch glücklich schätzen…

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. An die Ramones hätte ich mich selber niemals rangetraut. Das läuft so unter dem selben Label wie Metallica: Es gibt sehr viele Menschen, die so viel mehr über diese Band zu erzählen haben, dass ich ihre Vorzüge nie im Leben überzeugend hätte anpreisen können.

    Andererseits sind die Ramones inzwischen so sehr im Pop/Rock-Konsens angekommen, dass es auch schon wieder schrecklich ist. Ich meine, die Jungs haben mal mit Punk angefangen, gell? So als Gegenkultur im verwarzten New York der 70er – zunächst als alternativer Entwurf zur dominierenden Glamrock-Szene und später als akustisches Ins-Gesicht-Spucken aller Disco-Fans, die Travolta, Donna Summer und das Studio 54 anhimmelten.

    Und heute werden ihre Logos in einem Wisch zusammen mit denen von Guns’n’Roses, Nirvana, den Beatles und Eminem verkauft – WTF?! Aber so ist die Welt eben – es nutzt ja auch nichts, den Verlust der guten alten Zeiten zu bedauern. Immerhin das noch schnell zu diesem Teema: Man sollte sich keine Tour-Shirts von wem auch immer bei Primark, Asos oder Urban Outfitters kaufen, wenn man nicht mal 1 ganzes Album des betreffenden Künstlers von vorne bis hinten durchlebt hat. Das gehört sich einfach nicht 😉

    Zurück zu Joey, Johnny, DeeDee, Tommy und den vier anderen, deren Namen keine Sau mehr kennt, weil sie nicht auf dem schwedischen Lizenzprodukt abgedruckt waren. Zum ersten Mal habe ich ihren Namen tatsächlich mit 14 bei Steven King gelesen, der das „Hey-Ho, let’s go!“ ja interessanterweise mehrfach im „Friedhof der Kuscheltiere“ zitierte. Ich muss allerdings gestehen, dass mich diese popkulturelle Referenz nicht annähernd so fesselte, wie die furchtbar gruselige Geschichte des begrabenen und wieder erwachten Babys Gage, das seine Familie niedermetzelt.

    Immerhin kapierte ich, dass es Sinn machte, dass gerade die Ramones den Titelsong „Pet Semitary“ vertonen durften, als der Film ein Jahr später ins Kino kam. Den „Blitzkrieg Bop“ selbst nahm ich aber gar nicht so war – unter anderem auch, weil mich Punkrock im Jahr 1990 wenig kickte. Ich hatte nicht mal Interesse, mich großartig in das Schaffen von The Clash reinzuhören, als sie 1991 „Should I Stay Or Should I Go“ an Levi’s verkauften, weshalb der Song für das nächste Jahr wirklich überall lief – von der griechischen Urlaubs-Disko bis hin zur Sommer-Party in irgendeinem Tennisverein, auf der uns irgendjemand aus unserem Jahrgang reingeschleust hatte.

    Fazit: Punk hatte für mich sein Leben ausgehaucht. Die Typen auf dem Hannoveraner Hauptbahnhof mochten da anderer Meinung sein, wenn sie den Kröpcke zerlegten. Ich für meinen Teil lauschte lieber Nirvana oder Guns’n’Roses oder Aerosmith und AC/DC.

    Die Ramones hatte ich lange vergessen – und als irgendwann Mitte der 90er mal bei MTV so ein Jahresend-Poll mit den besten Rocksongs ever lief, hörte ich tatsächlich zum ersten Mal den Schlachtruf „Hey-Ho, let’s go!“ in vertonter Fassung. Trotzdem: Der Song war nett, aber für mich als Mittzwanziger Rap-Fan waren die Typen alte Energie. Nett anzuschauen, aber irgendwie nicht überzeugend. Der Clip war Plastik und der Humor von Vorgestern. Dachte ich.

    Dann blieb es lange Zeit still um Punk und mich, bis ich anfing, in meinem Studium immer häufiger über Punk als nachhaltig prägende Gegenkultur der 70er Jahre zu lesen. Zunächst musste ich stutzen: In meiner Welt gab es um 2000 herum eigentlich keine Irokesen mehr. Eine Ratte als Schulter-Haustier hatte ich zuletzt 1984 bei einem dieser merkwürdigen Verehrer meiner Cousine gesehen. Und mit Büroklammern verletzte sich eigentlich auch niemand mehr wissentlich die Schleimhäute – das übernahm jetzt die boomende Branche der Tribal-Tätowierer, wenn sie kleine Hantel-Ringe in die Gesichter von Technonauten stach. Wo waren also die Punker geblieben? Immer noch am Bahnhofs-Vorplatz von Hannover?

    Nein, nicht mal dort wurde ich mehr fündig. Lediglich in meinen Germanistik-Vorlesungen sah ich vereinzelt Stooges- und Sex Pistols-Referenzen auf T-Shirts und Rucksack-Aufnähern prangen. Da hätte aber genauso gut Public Enemy oder Iron Maiden drauf stehen können – was es im Übrigen auch häufig tat. 

    Es dauerte noch eine Weile, bis ich verstand, dass alles mit allem zusammenhing: Musik, Mode, Provokation, Arbeitslosigkeit, Politik, Antihaltung, Do It Yourself-Bewegung und Langweile. Ich verstand, dass irgendwann einmal Iggy Pop ein ähnlicher Antiheld gewesen sein musste, wie es später Kurt Cobain, 2 Pac, Eminem, Marilyn Manson, Slipknot oder sogar Miley Cyrus wurden. Jedenfalls für diesen einen Moment, in dem ihre Musik für eine bestimmte Altersgruppe eine idolhafte Relevanz bekam. Dass dies mit jedem Jahrzehnt zunehmend schwieriger wird, weil die jeweilige Elterngeneration ja entsprechend diese Mechanismen selbst mal erlebt und im günstigen Fall verstanden hat, ist natürlich auch klar.

    Und so kommt es, dass dieser Ramones-Song, der 1976 durch seinen Titel noch zu provozieren verstand, bei mir längst im Classic Rock-Kanon einsortiert ist. Natürlich kann man den wunderbar auf Partys spielen und wird dabei jede Menge Menschen glücklich machen und zum Poggen bringen. Man sollte sich nur nicht wundern, wenn diese Fraktion an den Schläfen längst ergraut ist. Aber wenn ich so in den Spiegel schaue, muss ich bei diesem Thema jetzt besser mal nicht die Klappe so weit aufreißen…

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