Interlude: U2

Seit einer Woche beobachte ich die Diskussion um Apple und das U2-Geschenk. Du wirst es auch mitbekommen haben: Apple hat im Rahmen seiner Präsentation vom 9. September an alle itunes-Kunden das neue U2-Album „Songs Of Innocence“ verschenkt und ungefragt in die jeweiligen Musikbibliotheken übertragen. Seitdem wurden so gut wie alle möglichen Aspekte dieses Marketing-Stunts diskutiert – nur die Musik selber scheint mir bislang so gut wie kaum ein Thema. Also dachte ich mir: Ich höre mir „Songs Of Innocence“ einfach mal an.

U2 und ich – das ist eine lange Geschichte. Geprägt von zwei Freunden, die ich in unterschiedlichen Lebensphasen kennengelernt habe. Der erste entdeckte U2 mit 13 und brachte mich bis etwa 1986 immer auf den aktuellen Stand. „Boy“, „October“, „War“ und „Under A Blood Red Sky“ habe ich mir von ihm ausgeliehen und für gut befunden. Zwischendurch habe ich U2 bei „Rock Pop in Concert“ und bei „Live Aid“ gesehen und fand ihre Auftritte mitreißend. „The Unforgettable Fire“ und „The Joshua Tree“ fand ich prima – „Rattle & Hum“ richtig schrecklich.

Und gerade als es mir Spaß machte, aus Prinzip über U2 herzuziehen, brachte mir ein zweiter Freund “Achtung, Baby” nahe.

Eine großartige Platte, die mich über Jahre sehr intensiv begleitet hat. Und mich 1992 und 1993 sogar zu zwei Konzerten geführt hat. Das erste war beeindruckend, das zweite eine nervige Kirmes. Die Begeisterung für „One“, „Who’s Gonna Ride Your Wild Horses“ oder „Throwing Your Arms Around The World“ hat dennoch alle nachfolgenden Platten überdauert. „Zooropa“ und „Pop“ habe ich mir sogar noch angehört, alles was danach kam ausgeblendet. Mir ging das Pathos auf die Nerven, der Schweine-Rock, Bonos Sonnenbrille… Ich hatte genügend Gründe gefunden, U2 zu verabscheuen.

Und dann wache ich eines Morgens auf und habe das neue U2-Album auf dem iPod. Ich habe mich nicht so gefühlt, als habe mich über Nacht ein Herpes heimgesucht. Ich bin mir aber auch noch nicht sicher, was es für die Musikindustrie bedeutet, wenn Platten dieser Kategorie verschenkt werden. Für den Backkatalog jedenfalls scheint es sich gelohnt zu haben. Dass jetzt aber ein offizielles Tool vorgestellt wurde, mit dem man die Platte wieder aus der iTunes-Librabry löschen kann, halte ich für übertrieben.

Und die Musik? Wie gesagt: Ich rechne bei U2 seit Jahren immer mit dem Schlimmsten. Und oft genug erfüllen sie diese Erwartungen. Wie ist es aber mit den „Songs Of Innocence“?

„The Miracle (of Joey Ramone)“
Wäre im Normalfall für mich ein Grund gewesen, die Platte nie wieder zu hören. Diese Fuzz-Gitarre, die Referenz an einen Celebrity-Freund… Diese Art Großspurigkeit hat es mir die Jahre über schwer gemacht, U2 zu ertragen. Nächster Song, bitte.

„Every Breaking Wave“
Höre ich da “With Or Without You” im Intro? Vermutlich schon. Die Zurückgenommenheit gefällt mir jedenfalls, der Refrain auch. Song 2 auf der LP und mein Widerstand bröckelt?

„California (There Is No End to Love)“
Wenn das mal nicht eine Verbeugung in Richtung Beach Boys ist: Der „Santa Barbara“-Chor klingt ja schon sehr nach „Barbara Ann“. Der Rest ist trotz des Adam-Clayton-Bass-Fundaments eher belanglos.

„Song for Someone“
Bono leckt sich seine Wunden. Fand ich zu „One“-Zeiten ja klasse und fühlte mich verstanden. Inzwischen nehme ich ihm diese Rolle nicht mehr ganz ab. Bin aber froh, dass ich der Fuzz-Gitarre vom ersten Song bislang nicht noch einmal begegnet bin.

„Iris (Hold Me Close)“
Da sind sie, die Gitarren von „Where The Streets Have No Name“. Für die ich The Edge 1987 geliebt habe. 2014 – in Verbindung mit einem Text über Bonos Mutter – muss ich sagen: Nein danke. Kommt mal bitte im 21. Jahrhundert an.

„Volcano“
Hier gefällt mir gar nichts. Das klingt so bemüht: Der Verzerrer auf Bass und Schlagzeug, der Effekt auf Bonos Stimme, die Kopfstimme – schnell weiter.

„Raised by Wolves“
Offenbar ist der Mittelteil der LP die größte Prüfung für mich. Der Impuls, dieses Experiment abzubrechen, wird immer stärker. Vielleicht hilft ja der nächste Song.

„Cedarwood Road“
Nein, nicht wirklich. U2 werden vermutlich behaupten, dass ihnen es total Spaß gemacht hat, bei “Cedarwood Road” mal so richtig die Gitarre krachen zu lassen. Mir macht das hier überhaupt keinen Spaß.

„Sleep Like a Baby Tonight“
U2 wurden ja nie müde zu betonen, dass sie Kraftwerk mögen. „Sleep Like A Baby Tonight“ ist wahrscheinlich ihr aktuelles Beispiel dafür: Es fängt mit einem Step-Sequencer an. Dazu versuchen sie so eine Blues-Rock-Komponente einzubringen. Mit der ich aber erwartungsgemäß nichts anfangen kann. Kraftwerk hin, Kraftwerk her: Noch zwei Songs – ob ich nochmal etwas Nettes über diese Platte werde sagen können?

„This Is Where You Can Reach Me Now“
Nicht ganz so schlimm wie die Trilogie des Grauens im Mittelteil der LP. Dass ich nicht gleich weitergeskippt habe, liegt in erster Linie an dem Zusammenspiel von Adam Clayton und Larry Mullen Jr. The Edge und Bono hätte es dann nicht mehr gebraucht.

„The Troubles“
Ich war kurz davor, mich zu diesem Song in den U2-Abgesang reinzusteigern – als die Streicher und Lykke Li einsetzen. Das war knapp. Jetzt klingt mein Fazit nicht mehr ganz so vernichtend. Aber eine gute Platte ist „Songs Of Inncence“ in der Summe trotzdem nicht. Gut, ich konnte ein paar Mal spüren, was ich an U2 früher gut fand. Aber viel zu oft bin ich den Elementen begegnet, die ich in den vergangenen 20 Jahren so nervig fand. Wahrscheinlich die letzte U2-LP, die ich mir ganz angehört habe.

Es sei denn, mir schenkt jemand in ein paar Jahren den Nachfolger.

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