69/100: Nineteen63 (95 Arthur Baker Remix)

New Order (1987/1995)

neworder_1963_1So langsam bekomme ich ja Torschluss-Panik. Das letzte Drittel unserer 100 Songs ist angebrochen – und es gibt noch sooo viele Songs und Künstler, die ich noch gar nicht berücksichtigt habe. New Order zum Beispiel. Es kann eigentlich nicht sein, dass wir mit unserem Blog so weit gekommen sind, ohne diese für mich so wichtige Band hier zum Thema gemacht zu haben. Zeit, diesen Umstand zu beheben. Und ich habe da so einiges loszuwerden.

neworder_bluemonday„Blue Monday“. Das war mein Einstieg bei New Order. Und das nicht nur, weil es an dem Song im Sommer 1983 kein Vorbeikommen gab. Der Beat war der Hammer. Die Tatsache, dass es „Blue Monday“ nur als Maxi-Single gab, fand ich als Fan des Formats 12“-Single großartig. Und dann das Design – nicht mal der Name stand auf der Platte. Eigentlich hätte schon vom ersten Hören an auf ewig Feuer und Flamme für diese Band sein müssen. Da gab es damals aber dieses dunkle Live-Video, wo der Song und die Band irgendwie nicht ganz so gut rüberkommen. Und den Nachfolger „Confusion“ fand ich dann nicht annähernd so gut – trotz einer Produktion von Arthur Baker, den ich seit „I.O.U.“ von Freeez und zahlreicher Remixe toll fand. Und irgendwie waren New Order dann wieder von meinem Radar verschwunden.

Von meinen zahlreichen Plattenladenbesuchen wusste ich natürlich, dass sie weiter Platten machten. Die wurden aber nirgendwo dort gespielt, wo ich hinhörte. Und ihre Designpolitik fand ich auch nicht immer zugänglich. Selbst wenn ich mir die Platten anschaute, erfuhr ich ja so gut wie gar nichts über Songtitel oder – die für mich so wichtigen – Remixer. Und so lebten die Band und ich in Paralleluniversen.

Das sollte sich erst 1987 mit „True Faith“ wieder ändern. In der samstäglichen Hitparade auf NDR Radio Niedersachsen war der Song eine Neuvorstellung. Was auch immer die Musikredakteure dort dazu bewogen haben mag, New Order wieder ins Mainstream-Radio zu heben – ich bin ihnen immer noch dankbar dafür. Denn „True Faith“ war für mich über Jahre der Inbegriff eines perfekten Popsongs. Das fängt mit dem Beat im Intro an, geht über die großartigen Harmonien bis hin zum tollen Refrain. Meine Radio-Mitschnitt von „True Faith“ wurde zum Soundtrack des Spätsommers 1987.

Und zum Ausgangspunkt einer Reise in die Welt von New Order. Kurz nach der „True Faith“ erschien mit „Substance“ so eine Art „Best Of“: Die Doppel-LP enthielt die Maxi-Versionen ihrer bisherigen Singles. Und mit dem Durchhören wurde mir erst bewusst, was ich den vergangenen Jahren versäumt hatte. „Bizarre Love Triangle“, „Sub-Culture“, die neuen Versionen von „Temptation“ und „Confusion“ – ich hätte mich damals nicht auf einen Lieblings-Song festlegen können. Und dann war da ja auch noch „1963“.

Meine neue Begeisterung für New Order führte dazu, dass ich mir zunächst die 7“-Single von „True Faith“ kaufte. Auf der B-Seite fand ich „1963“. Und den Song fast genau so gut wie die A-Seite. Wenn man bedenkt, wie unfassbar großartig ich „True Faith“ finde, ist das schon ein ordentliches Kompliment. „It was January 1963 when Johnny came home with a gift for me…“ Ich war sofort gefangen von der tragischen Liebesgeschichte, die Bernard Sumner da erzählte. Ich fand zwar, dass der Refrain im Vergleich zu den Strophen etwas abfiel, und auch das Arrangement etwas sperrig. Aber alles in allem – immer noch klasse.

neworder_truefaithSpäter kaufte ich mir noch die Remix-12“ mit der Version von Shep Pettibone und die Doppel-CD von „Substance“, die auch noch die B-Seiten der Singles enthielt. Ganz klar: Ich war New Order-Fan geworden. Was ich im Nachhinein immer noch bemerkenswert finde. Denn im Gegensatz zu Depeche Mode etwa konnte ich aus den New-Order-Songs textlich gar nichts Konkretes raushören – außer vielleicht bei „1963“. Ich verstand die Worte der Texte – aber nicht den Sinn. Egal: Mir reichte die Stimme von Bernard Sumner. Er hätte mir mein Chemie-Schulbuch vorlesen können – und ich wäre emotional berührt gewesen.

Auch die beiden mittelmäßigen Singles im darauf folgenden Jahr – „Touched By The Hand Of God“ und „Blue Monday ´88“ – konnten meine Begeisterung nicht bremsen. Ich hatte ja noch so einige Platten aus den Jahren 1983 bis 1987 abzuarbeiten und viele Songs zu entdecken, die aktuellen Platten störten da nicht weiter.

Völlig aus dem Häuschen geriet ich dann, als New Order und ich gleichzeitig zu Acid House abgingen. „Fine Time“, die erste Single aus „Technique“, fiel in eine Zeit, in der ich mit Smiley-T-Shirt auf Abi-Partys „We Call It Acieeed“ spielte. Der Song an sich war jetzt nicht sooo klasse – dafür aber der Kontext. Die Legenden ums Hacienda fanden den Weg in die Publikationen, die ich las. Beim DJ-Record-Shop stand die Band auf einmal neben den ganzen coolen Acid-Maxis. Und dann noch dieses erneut herausragende Cover-Design und die Remixe von House-Legende Steve „Silk“ Hurley. Da passte einfach alles. Es konnte eigentlich nicht besser werden – wurde es aber trotzdem. Mit „Round & Round“ – wie „True Faith“ ein „richtiger“ Song in Dance-Gewand – verfiel ich der Band komplett. Keine Ahnung, worum es in dem Song ging – aber das war nicht schlimm. Ich hatte genügend Geschichten, die ich da rein interpretieren konnte.

neworder_techniqueAls ich dann die dazugehörige LP „Technique“ zum ersten Mal hörte war ich – verstört. Denn die Songs waren strikt voneinander getrennt: Es gab vier Songs, die meine Vorliebe für Acid House bedienten. Und dann noch fünf Indie-Gitarren-Songs. Wäre da nicht die Stimme von Bernard Sumner gewesen – man hätte denken können, an „Technique“ hätten sich zwei Bands beteiligt. Zum Glück waren die Songs – egal wie sie klangen – alle großartig. Ich hörte die LP über Wochen zweimal am Tag. Und das kam so: Mit meinen Eltern war ich zu der Zeit ziemlich über Kreuz. Meine Zukunftspläne, meine damalige Freundin, mein Lebenswandel… Aufgrund mehrerer strittiger Themen sahen meine Eltern sich dazu veranlasst, mir ein Auto-Verbot zu erteilen. Die 15 Kilometer zum Dorf meiner Freundin musste ich also täglich mit dem Fahrrad bestreiten. Die neun Stücke füllten die 45-minütige Fahrt vorbei an Feldern, Bauernhöfen und Kuhweiden exakt aus. „Vanishing Point“, „Guilty Partner“ oder „Mr. Disco“: Es gab keinen Ton auf der Platte, der mir verborgen blieb. Keinen Song, den ich nicht auswendig kannte.

neworder_chronoDie Begeisterung blieb auch nach dem Frieden mit meinen Eltern, dem Ende mit der Freundin und vielen weiteren Veränderungen. Ich kaufte sogar „World In Motion“, einen Song, den New Order mit britischen Fußballspielern für die WM 1990 aufgenommen hatten. Die Zeit bis zur nächsten regulären Veröffentlichung, die LP „Republic“, überbrückte ich mit der Suche nach raren Maxis und Bootlegs. Und dann war da ja auch noch Electronic, das Projekt von Bernard Sumner und Johnny Marr, bei dem auch die Pet Shop Boys gelegentlich mitwirkten. Außerdem arbeitete ich eine New-Order-Chronologie durch, die ich in „Volume 1“ fand, die mir in Sachen Hacienda, Design und Manchester einen längst nötigen Überblick verschaffte.

neworder_alle„Republic“ mit seiner Vorab-Single „Regret“ empfing ich mit offenen Armen. Die LP war aber nicht ganz so gut wie „Technique“. Waren es da noch zwei klare Fraktionen, hatten New Order auf „Republic“ nun House und Indie zu glatten Popsongs zusammengeführt. Das war in der Summe in Ordnung, aber längst nicht so reizvoll. Dafür waren die Maxis großartig, für die unter anderem Sabres Of Paradise, Sly & Robbie und Paul Oakenfold großartige Remixe produzierten. 1994 ging ich für ein Jahr nach London und fing gleich nach meiner Ankunft an, die Plattenläden nach mir fehlenden Maxis zu durchforsten. Erfolgreich. Und mit Vergnügen.

Im Grunde also alles im Lot. Bis der Ausverkauf begann. Denn das Label von New Order, Factory Records, war mittlerweile pleite gegangen, „Republic“ war bereits beim Label London Records erschienen. Und die machten sich nun daran, den umfangreichen Backkatalog von New Order auszuschlachten. Zunächst erschien eine neue Version von „True Faith“, die ich bei HMV zwar erst gern kaufte, aber später nicht wirklich gern hörte. Und dann kam pünktlich zu Weihnachten „(The Best Of) NewOrder“. Die Zusammenstellung machte mich in zweifacher Weise wütend. Zum einen enthielt sie neue, oft nur minimal veränderte Versionen von Songs, die ich eigentlich schon mehrfach im Regal stehen hatte. Für mich ein ganz offensichtlicher und billiger Versuch der Plattenfirma, mich dennoch zum Kauf der CD zu bewegen. Und dann waren da Songs drauf, die ich über Jahre gesucht und zum Teil für teures Geld gekauft hatte. Ich fühlte mich gleich doppelt übers Ohr gehauen. Und ließ die CD liegen.

neworder_1963_offenKurz nach Weihnachten veröffentlichte das Label eine weitere Single aus „(The Best Of)“. Es war kurioserweise die frühere B-Seite von „True Fatih“, das bereits erwähnte „1963“. Meine Neugier auf die neue Bearbeitung von (immerhin) Arthur Baker war größer als die Wut auf den Ausverkauf. Zumal der New Musical Express auch eine recht wohlwollende Rezension veröffentlicht hatte. Also schlich ich mit der Single bei HMV im Londoner Stadtteil Ealing an die Vorhörtheke und ließ die CD für mich einlegen. Ich erwartete eine mehr oder weniger kommerzielle und seelenlose 4-to-the-floor-Bearbeitung – und hörte stattdessen Gitarren (!), Peter Hooks Bass, einen zeitgemäßen Popbeat und kurz darauf Bernard Sumners Stimme: „It was January 1963 when Johnny came home with a gift for me…“ Ich hatte sofort eine Gänsehaut, die sich die gesamten fünf Minuten des Stücks hielt. Hammer. Noch viel besser als das Original. Zeitlos. Opulent. Mit Liebe arrangiert (zum Teil hat Baker andere Gesangstakes verwendet). Großartig. Großer Pop. Und auch ein Beispiel dafür, wie man mit einem Remix einen Song richtig, richtig aufwerten kann. Arthur Bakers Remix von „1963“ ist für mich einer der besten Remixe aller Zeiten. Und der Song an sich war ja ohnehin schon klasse.

Bei aller Begeisterung für „1963“ – mein Verhältnis zu New Order hat sich von dem 1994 begonnenen Ausverkauf nicht mehr erholt. Ich weiß gar nicht, wie viele „Best Of“-Alben der Band inzwischen erschienen sind. Entsprechend lustlos sah ich auch den noch folgenden Alben „Get Ready“ und „Waiting For The Siren’s Call“ entgegen. Beide Platten sind in Teilen besser als meine Erwartungen. „Run Wild“ von „Get Ready“ zum Beispiel ist mit seinen Gospel-Anleihen ganz wunderbar. Auf „Waiting For The Siren’s Call“ gefielen mir der Titeltrack und ein, zwei der Stuart-Price-Produktionen. Auf beiden Platten war auch viel Mittelmaß und Schrott drauf – zu viel, um mich wieder an New Order zu binden. Auch wenn wir ein paar intensive tolle gemeinsame Jahre hatten.

Aus denen sticht „1963 95“ für mich immer noch raus. Und meine Liste für 100 Songs wäre nicht komplett, wenn ich dieses Stück nicht darin untergebracht hätte. Bin ich froh, dass ich das jetzt erst mal erledigt habe. Aber sei gewarnt: Von dieser Sorte Rundumschlag kommen noch ein paar… Die Torschlusspanik hält an.

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Was könnte ich dieser Expertise bloß hinzufügen? Du hast eigentlich alles zu New Order geschrieben, was man wissen muss, um sie zu verstehen.

    Nun ja, aber das wäre ja etwas feige von mir. Auch wenn ich mich ganz schlecht fühle, weil der eine der beiden Tonträger, die ich von New Order besitze, die 2005er Best Of-Compilation „New Order Singles“ heißt. Immerhin sind da 31 Tracks mit drauf – „1963“ nur in der ’87er Originalfassung. Behaupten die Liner Notes jedenfalls. 

    New Order sind eine dieser absolut heiligen Pop-Bands in der Liga von Depeche Mode und den Pet Shop Boys, über die man nicht diskutieren muss. Entweder magst Du Synthie-Pop oder eben nicht. Qualitativ lässt sich nichts dagegen sagen. Mein absoluter Alltime-Favourite ist tatsächlich „True Faith“ mit diesem wunderbaren Ohrfeigen-Video: Wenn ich die Zeilen „I feel so extraordinary / Something’s got a hold on me“ höre, möchte ich eigentlich immer weinen – so schön ist das alles. Bernard Sumners Stimme ist wunderbar, seine Texte für einen Teenager gar nicht zu verstehen und für einen Literatur-Studenten vielleicht annähernd zu dechiffrieren. Emotional-skurril-geheimnisvoller Super-Pop – alles in diesem Song enthalten. 

    Bis zu meinem bereits erwähnten Smiths-Erweckungs-Erlebnis waren New Order für mich einfach eine tolle Band, deren Songs gelegentlich im Radio oder bei „Das waren die 80er“-Specials bei MTViva liefen. Um für sie mein Taschengeld auszugeben, waren sie dann doch ein wenig zu weit weg – irgendwie juckte es mich nie, ihr gesamtes Schaffen auszuloten. Daran war ganz sicher auch „Blue Monday“ Schuld: Der Song war auf der ersten Kassette drauf, die ich mir mit Radio-Hits mitgeschnitten hatte. Der RIAS2-Moderator hatte auf meiner Kopie leider das Musikbett für seine Labereien missbraucht – also gabs „Blue Monday“ bei mir immer noch im „Remix“ mit irgendwelchen Blödeleien eines unlustigen Radio-Idioten zu hören. 

    Doch es lag nicht nur daran – ich entdeckte New Order erst 1986 und zwischen dem Pop-Sound von 1983 und dem von 1986 lagen für mich einfach Welten. Ich groovte mich ja gerade ins Popgeschäft ein und wollte frische Musik: „Blue Moday“ fand ich einfach schnell alt und langweilig. Irgendwann nervte der Song so sehr, dass ich ihn nicht vermisste, als die Kassette mit Erasure oder den Communards oder Level 42 überspielt wurde.

    Es dauerte wirklich 20 Jahre, bis ich dem Song eine neue Chance gab. „True Faith“ fand ich dagegen immer gut. Weiter gab es noch „World in Motion“ und das war es auch schon für mich. 

    Dann kehrte ich im Sommer 2001 aus Indonesien zurück und wurde mit dem Album „Get Ready“ überrascht. Natürlicher Vorbote war die Single „Crystal“ – eine 1A-BritPop-Nummer, die in meinen Augen neben Oasis, Blur und Pulp bestehen konnte. Mein Kommilitone Thomas machte mich freundlicherweise auf diese CD aufmerksam. Da er etwa 15 Jahre Altersvorsprung hatte, vertraute ich seinem Geschmack. Ich war total geflasht: Für mich war das Album die gekonnteste Neu-Inszenierung einer Band seit U2s „Achtung Baby“. Vorher hatte ich New Order als ein Synthie-Pop-Überbleibsel aus der Human League- und Blondie-Ära in Erinnerung – nun waren sie der heiße Gitarrenscheiß. Da wusste ich natürlich auch noch nicht so richtig mit Ian Bescheid.

    Wie viele Bands kennst Du, die nach dem Abgang ihres Frontmanns noch kultiger und erfolgreicher wurden als sie es vorher waren? Mir fallen auf Anhieb nur Genesis, AC/DC und New Order ein. 

    Ich denke, ich muss jetzt nichts über Joy Dívision und den tragischen Verlust ihres manisch-charismatischen Frontmanns erzählen: Wir haben schließlich alle „Control“ gesehen. Doch der Film mit der für mich viel weiteren Tragkraft heißt „24 Hour Party People“ und stammt aus dem Jahr 2003. Den sollte man gesehen haben…

    …wie ich bei meinem dienstlichen Ausflug zum Smiths-Symposium im Frühjahr 2006 lernte. Meine Reise nach Manchester war in vielerlei Hinsicht eine popmusikalische Initialzündung. Auf jeden Fall habe ich viele wichtige Bands kennen gelernt und verstanden, aus welcher Motivation heraus sie Musik machten.

    „24 Hour Party People“ erzählt die Entwicklung der Manchester-Musikszene vom ersten Gig der Sex Pistols bis hin zum Ende des „Hacienda“ – dem vielleicht wichtigsten Techno-Club der Welt. Den ich leider nie von innen gesehen habe – aber im Film wirkte dessen Neuinszenierung mehr als beeindruckend. Was mich total berührte, war die Beobachtung, wie sich elektronische Musik und Rock-Musik über einen Zeitraum von vielleicht 25 Jahren immer wieder aneinander annäherten und gegenseitig befruchteten. Hatte ich bis Ende der 90er Jahre noch gedacht, dass Dance und Indie gefälligst getrennte Szenen mit extrem unterschiedlich-intelligentem Publikum zu sein hatten, wurde ich eines besseren belehrt.

    In Manchester kombinierte man Adidas Superstars mit Beatles-Haarschnitten, Los Angeles Raiders-Jacken UND dem T-Shirt-Print des berühmten „Unknown Pleasures“-Covers von Peter Saville. Heute kauft man sich genau solche Outfits bei Urban Outfitters zusammen und nennt sich Hipster – bis Mitte der Nuller Jahre musste man dafür noch ein Grundverständnis völlig gegensätzlicher Szenen mitbringen. Und wurde in den jeweiligen Peer Groups vermutlich trotzdem immer wieder für diesen (Achtung, jetzt kommt ein INSTYLE-Wort!) „Stil-Mix“ gehänselt. 

    In Manchester hingen Arbeiter und Studenten unter der Woche zusammen bei ein paar Pints in verrauchten Pubs ab und lauschten jeden Abend einem anderen Rock-Quartett, um sich von Freitagabend bis Sonntag dann in Techno-Clubs die Rübe mit Es vollzuballern. So jedenfalls die Theorie, die Ex-Hacienda-Resident-DJ Dave Haslam in seiner Stadtgeschichte „Manchester, England: The Story of the Pop Cult City“ beschreibt. Bei meiner kurzen Stippvisite im englischen Norden konnte ich auch Jahre später noch diesen Geist erspüren: Selbst die Gallagher-Brüder waren sich zwischenzeitlich vor ihrem Durchbruch nicht ganz einig darüber, ob sie sich musikalisch nun lieber an den Beatles und Stones oder Fatboy Slim und A Guy Called Gerald orientieren sollten.

    Wenn ich an New Order denke, muss ich an den ewig-frischen Post-Punk von Joy Division denken. Ich muss aber auch daran denken, wie selbstlos die Musiker ihre Tantiemen in ihrem Club und in ihrem Plattenlabel versenkten. Wenn Du „24 Hour Party People“ gesehen hast, verzeihst ihnen vielleicht auch ein paar der Compilations, die sie einfach gebraucht haben, um diesen Happy Mondays-Wahnsinn überhaupt zu finanzieren.

    New Order waren mitten drin, als ein paar verrückte Ideen im Drogenrausch zu visionären Entscheidungen wurden. Ich spreche von Visionen, die die britische Popmusik über mehrere Dekaden entscheidend geprägt haben, weil sie zahlreiche – längst überfällige – Erneuerungs-Impulse gaben. Und diese Impulse waren es, die schließlich in zahlreiche Musikströmungen mündeten, die zu etwa 25 Prozent meinen heutigen Musikgeschmack geprägt haben. 

    Insofern: Gut, dass wir mal über New Order gesprochen haben.

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