68/100: Willkommen in Berlin

Prinz Pi (2007)

Freitagabend in der Zitadelle Spandau: Mehr als 5.000 Menschen stehen in der 450-Jahre-alten Festung in einem der entferntesten Ortsteile der Stadt. Sie bewegen ihre Arme im Takt zu deutschsprachiger Rapmusik von Prinz Pi. Es ist ein perfekter Spätsommer-Abend. Im Hintergrund starten Air Berlin-Maschinen vom Flughafen Tegel aus in alle Himmelsrichtungen, doch die der fette Sound der Begleitband und die Beats des DJs übertönen alles. Dazu rappt Prinz Pi kluge Texte über das Erwachsenwerden und die Liebe. Überall stehen gut gekleidete Fans zwischen 20 und 40 im Publikum und rappen die Texte auswendig mit – das ist der inoffizielle Hipster-Kongress des Jahres.

Interessantes Detail: Aus Lärmschutz-Gründen müssen die Shows pünktlich um 22 Uhr beendet sein. Dabei fangen diese Menschen hier normalerweise um diese Zeit noch nicht einmal mit dem Vorglühen an. Doch das ist SEINE Stadt und Prinz Pi beherrscht sein Publikum perfekt: Er weiß genau, welche Scherze gut ankommen. Auf Kleinmachnow rumhacken funktioniert ganz gut. Linke Faust heben und den emotionalen 1. Mai ausrufen auch. Und Hertha loben ebenso. Außerdem weiß Prinz Pi sehr genau, welche Tracks aus seinem umfangreichen Back-Katalog er spielen muss, damit sein Publikum ausflippt: „Gib dem Affen Zucker“ lautet die Parole.

Prinz Pi-Fans sind ein besonderes Völkchen: Sie mögen diesen Artist, weil er kluge Sachen rappt und trotzdem aneckt, weil er die Probleme der Gegenwart genauso pointiert beschreiben kann wie die Wahl der richtigen Garderobe. Sie identifizieren sich mit ihrem Idol: Egal, ob er nun ungehemmt die „Monarchie“ fordert oder den Freitod seiner Ex-Freundin „Laura“ lyrisch verarbeitet.

Prinz Pi ist ein sympathischer Klugscheißer, der seinen Kunsthochschul-Abschluss mit Auszeichnung bestanden hat und in der Major-Industrie gnadenlos abgeschmiert ist. Dann hat er mit zwei Freunden sein x-tes Label gegründet und kam ganz groß raus. Und seine Berliner Fans sind ihm durch dick und dünn gefolgt: Sie kennen seine Untergrund-Tapes unter seinem früheren Namen Prinz Porno genauso gut wie die Singles vom Nummer-1-Album „Kompass ohne Norden“.

Und weil er das weiß, nimmt er sie zum letzten Drittel hin auf eine Reise mit – back to the roots. Natürlich nicht, ohne sein Publikum selbstironisch zu fragen, wo denn bitteschön diese „ominösen alten Fans“ sind, die von ihm immer wieder eben diese Rückkehr zum rohen Prinz Porno-Sound fordern. Es gibt einige, die trotzdem johlen – und die anderen hören sich erwartungsvoll Pis/Pornos neuen Song „Chillig“ an. Und dann noch ein paar richtig alte und ein paar neue alte Tracks. Der Abend läuft sehr gut.

Als sich der Hof der Zitadelle langsam leert und fast nur noch die Gästelisten-Schnorrer vor der Bühne quatschend zusammen stehen, passiert etwas merkwürdiges: Friedrich Kautz alias Prinz Pi alias Prinz Porno läuft – umringt von vier Bodyguards – an uns vorbei zum Merchandise-Stand, wo noch ein paar Fans auf Autogramme warten. Es ist der Moment, in dem ich endgültig realisiere, wie erfolgreich mein Kumpel inzwischen geworden ist. Dabei habe ich ihn erst kennengelernt, als er in der deutschen Rap-Szene bereits eine ernstzunehmende Größe war. Und trotzdem…

Im Wintersemester 2007/2008 war sparen angesagt: Mein Budget reichte für fünf Monate – große Sprünge waren nicht vorgesehen. Wenn ich etwas Abwechslung zu dem Lernstoff meiner Literaturprüfung suchte, klickte ich mich durch diverse Rap-Foren und sah die zahlreichen YouTube-Links durch. Und es waren einige. Und überraschend viele kamen aus Berlin. Überraschend vor allem deshalb, weil mich die Szene ein paar Jahre lang überhaupt nicht mehr interessiert hatte und nun Labels und Künstler in nahezu allen Stadtvierteln aus dem Boden zu sprießen schienen. Der Hype um Bushido und Sido und Kool Savas war offenbar groß genug geworden, um auch Geld in die Kassen von kleinen Rap-Labels zu spülen, die sich mit so abseitigen Themen wie Horrorcore beschäftigten.

Vieles davon war einfach nur brutal und dumm, anderes wiederum offensichtlich provokant und kurzzeitig unterhaltsam. Eben so Videos, die man sich 1 Mal von vorne bis hinten ansieht, sie vielleicht noch einem Freund forwardet und dann wieder vergessen hat. Doch ein Künstler sprach mich an, weil er anders war als die zahlreichen Gangster zwischen Neukölln und Reinickendorf. Prinz Pi rappte von Orten, die mir allzu bekannt vorkamen, weil ich ebenso wie er im Südwesten der Stadt in Zehlendorf aufgewachsen war.

Das zu propagieren war für mich ein totales Novum. Nur zu gut kannte ich diese Defensiv-Diskussionen mit Rap-Fans aus anderen Stadtteilen, denen ich meine Herkunft so lange es ging verschwieg. HipHopper sind alles andere als tolerant und die meisten nehmen für sich eine exklusive Deutungshoheit ihrer Musik in Anspruch. Wer „die Straße“ repräsentieren will, kann oft nicht akzeptieren, dass man die Musik überall gut finden kann – egal ob man nun in einem Dorf, einem Großstadt-Problemkiez oder eher einem bürgerlichen Viertel Zuhause ist.

Doch dieser Prinz Pi drehte den Spieß einfach um: Er bedruckte Merchandise-Shirts mit der alten Postleitzahl von Zehlendorf und rappte in seinen Tracks über das Leben am Schlachtensee. Wenn er wollte, fabulierte er in Angeber-Tracks eine überzogene Phantasie-Welt, die der unterhaltsamen Großmannssucht bekannter Gangsta-Rapper in nichts nachstand. Gleichzeitig hatte er offenbar keinerlei Berührungsängste mit anderen Vierteln: In seinen Texten bewegte er sich ebenso elegant durch Kreuzberg und andere Szene-Kieze und verpasste dabei den besserwisserischen Neuankömmlingen in Neuschwabenland ein paar gezielte Seitenhiebe.

Diesen Mann musste ich kennenlernen: Ich wollte wissen, ob er es wirklich so drauf hatte, wie seine Texte suggerierten. Im April 2008 war es so weit. Mein Studium lag hinter mir und ich erinnerte mich an einen alten Zeitungskontakt, dem ich ein paar Themen vorschlug. Sie gefielen ihm alle und ich schrieb ein paar Reportagen für den Kulturteil des Tagesspiegel. Und als ich sah, dass ein größerer Gig mit Prinz Pi und einigen anderen Berliner Rappern anstand, schlug ich ein Portrait über den Rapper vom Schlachtensee vor. Der wohnte inzwischen etwa 500 Meter Luftlinie von mir entfernt in Schöneberg: Schnell war die Sache abgemacht.

Wir trafen uns an einem Samstag und Prinz Pi zeigte mir seine Stadt. Wir fuhren vier Stunden kreuz und quer durch Berlin und unterhielten uns über Musik, gemeinsame Bekannte, Turnschuhe, Vespas, guten Kaffee und unsere Studiengänge – und danach holten wir seine Freundin ab und gingen zusammen essen.

Dieses Interview war anders als die meisten gewesen – wir hatten uns einfach richtig gut verstanden und uns auf Augenhöhe unterhalten. Friedrich Kautz, der Mann hinter der Kunstfigur Prinz Pi, war ein aufmerksamer und intelligenter Gesprächspartner, mit dem man sogar ausgezeichnet streiten konnte.

Ein paar Tage, nachdem der Artikel erschienen war, lud er mich zusammen mit meiner Freundin zum Essen ein und über die Jahre entwickelte sich eine gute Freundschaft. Ich verfolgte seinen Werdegang mit Interesse und kaufte alle seine CDs. Nicht aus Freundschaft, sondern weil seine Musik konstant gut blieb und ich sie möglichst vielen Freunden weiterempfahl.

Als er vor etwas mehr als einem Jahr Platz 1 der deutschen Albumcharts erklomm, jubelte ich. Diese Auszeichnung gönnte ich niemandem mehr als Prinz Pi.

Und obwohl ich seinen Erfolg nun schon eine Weile beobachte, bin ich immer noch überrascht, wenn ich sehe, wie zahlreichen anderen Menschen seine Musik ebenfalls so viel zu bedeuten scheint.

Kannst Du das nachvollziehen?

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. *Interessant zu lesen. Prinz Pi ist gerade in letzter Zeit nochmal so richtig durch die Decke gegangen, deswegen ja, ich kann deine Verwunderung nachvollziehen 😉

  2. Ob ich Deine Verwunderung nachvollziehen kann? Klar. Denn irgendwie ist Erfolg ja in weiten Teilen recht abstrakt. Youtube-Views oder Facebook-Freunde sind zwar greifbare Kennzahlen. Aber man sieht die Menschen nicht dahinter. Und wenn Ihr Euch getroffen habt, werden ja vermutlich auch nicht hunderte von Fans dabeigewesen zu sein. Ein Platz Eins ist etwas, das man als Musikfan zwar einordnen kann. Auch wenn man als Nicht-Branchen-Mitglied oft nicht genau weiß, wie viele Leute für diesen Erfolg gesorgt haben und ob denen die Platte und der Künstler auch nachhaltig gefallen. So ein Konzert – mit Fans und Bodyguards und Autogrammen – ist da natürlich viel anschaulicher und sorgt bestimmt für einen Aha-Effekt.

    Ich kann auch nachvollziehen, was Dir und Prinz Pis Fans so an ihm gefällt. 

    Da ist natürlich die musikalische Ebene. Mich wundert es nicht, dass Prinz Pi ganz offensichtlich so viele Leute anspricht. Seine Instrumentals sind für Hörer anderer Genres sehr zugänglich. Man muss nicht unbedingt ein Hardcore-Rap-Fan sein, um bei „Willkommen in Berlin“ anzudocken. Andererseits geht er mit seinen Raps jetzt nicht so weit in Richtung Pop, wie etwa Cro. Das schafft auch für jemanden wie mich eine interessante Spannung in seinen Tracks. Ich mag den Pop-Aspekt an seinen Sachen, habe aber immer noch das Gefühl einem „echten“ Rapper zuzuhören. 

    Die nächste ist natürlich die textliche Ebene. Prinz Pi hat da offenbar ein Alleinstellungsmerkmal – das fällt sogar mir auf. Ich mag, dass er sich mit Themen befasst, die näher an meiner Lebenswelt dran sind. Ich mag, dass er nicht in sprachliche Klischees verfällt. Wie gesagt: Ich höre da immer noch die Stimmgewalt raus von jemandem, der sich in Battles bewiesen hat. Der diese Stimmgewalt aber einsetzt in einer Art und für Themen, wo ich (als Deutschrap-Banause) nicht gleich auf Durchzug schalte.

    Und dann noch dieses Berlin-Ding. Natürlich verstehe ich auch die Begeisterung für den lokalen Spirit. Also, in der Grundsätzlichkeit jedenfalls. Bis ich in eine Begeisterung für Berlin verfalle, wird es noch ein wenig dauern. Aber ich habe am eigenen Leib erfahren, wie man sich für eine Stadt, die Menschen dort und die Art zu Leben begeistern kann. Und dabei war ich nur zugezogen: Bei mir war es Köln. Ich fand sie schon bei meinem ersten Besuch – als Sechstklässler in der Jugendherberge in Deutz und im Zoo- klasse. Und später, mit Anfang 20, habe ich in Köln ein paar tolle Momente erlebt. Als dann der Arbeit wegen der Ruf nach Köln kam, haben meine Frau und ich keine Sekunde gezögert. 

    Ich habe Köln dann auch später gegen alle möglichen Kritiken verteidigt. Und empfinde in unregelmäßigen Abständen immer wieder mal den Wunsch, wieder in die Südstadt zu ziehen. Kein Wunder, dass Lieder über Köln (oder mit Bezug zu Köln) mich immer noch ansprechen – selbst wenn man im Einzelfall noch einmal über das jeweilige Genre streiten kann.

    Also: Ja – im doppelten Sinne. Ich kann Deinen Staunen nachvollziehen. Und auch die Bewunderung, die Prinz Pi entgegengebracht wird. Es ist gut und richtig, dass er hier seinen Platz gefunden hat. Dass ich ihn auf diesem Weg kennen und schätzen gelernt habe. 

    Und nach diesen salbungsvollen Worten höre ich erstmal – „Gib dem Affen Zucker“ 🙂

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