67/100: Tomorrow Started (Live)

Talk Talk (1984/1986/1999)

talktalk_alleDie Begeisterung für eine Band kann manchmal auch einsam machen. Da gab es ja zum Beispiel Whipping Boy, für deren Platte „Heartworm“ ich in meiner Peer-Group niemanden, aber auch wirklich niemanden begeistern konnte. Bei Talk Talk war ich mit meiner Vorliebe auch immer alleine – wenn auch aus einem anderen Grund: Je mehr Leute und Kritiker sich für das Trio begeisterten, umso weniger wusste ich mit der Musik anzufangen. Je mehr Leute ihre Platten kauften, umso weniger gefielen mir die Tonträger. Um mich herum Begeisterung, in mir drin Entsetzen. Ja, spinnen die denn alle? Oder bin ich der Spinner…?

Mein Wechsel aufs Gymnasium verlief eigentlich reibungslos. Statt Latein durfte ich Französisch als Fremdsprache wählen und so gut wie alle in meiner Klasse kannte ich bereits aus Grundschule und Orientierungsstufe. Nur Georg war neu. Ich glaube, dass wir ihm den Start nicht leicht gemacht haben, zumal er erst mal kaum Bezugspunkte zu uns hatte: Weder wohnte er in unserem Stadtteil, noch konnte er gut Fußball spielen. Es dauerte ein paar Wochen, bis wir sein Alleinstellungsmerkmal erkannten: Georg hatte eine ältere Schwester, die schon in Discos ging. Und die sich die Platten, die sie gut fand, auch kaufte. So wurde Georg für mich so etwas wie ein Lieferant: Regelmäßig erzählte er mir von den Entdeckungen, die er im Plattenregal seiner Schwester gemacht hatte, und nahm mir diese dann auch noch auf Kassette auf.

talktalk_partyMit der Zeit wurde Georg fester Teil unserer Clique, auch wenn das mit dem Fußball nicht besser wurde. Dafür entdeckte ich über ihn Künstler wie Divine, Tears For Fears – und eben Talk Talk. In den Osterferien 1983 nahm Georgs Familie mich für ein paar Tage mit in den Urlaub. Wir verbachten eine Woche in Sierksdorf an der Ostsee. Tagsüber besuchten wir das Hansaland, streunten durch die Ferienwohnungsanlage oder starrten einfach nur auf das trübe Meer. Abends hörten wir Musik: Georg hatte jede Menge Tapes aufgenommen, die er mir nach und nach vorspielte. Mit dabei war das Debütalbum von Talk Talk, „The Party Is Over“: melancholische Popsongs mit vielen Keyboards und druckvollem Elektro-Schlagzeug, die mich sofort erreichten. Je mehr das Urlaubsende nahte, umso öfter wollte ich diese Kassette hören. Später ließ ich mir die Platte überspielen, so dass ich sie auch zuhause weiter hören konnte.

Nur wenige Wochen später zog ich um. Neue Stadt, neue Schule, neue Klassenkameraden. Ich muss einen drolligen Eindruck hinterlassen haben: Ich trug eine Camo-Steppweste und hochgekrempelte Hosen. Außerdem wurde ich gleich Opfer eines Running-Gags. Der Schaden aber war gering und die um mich herum sitzenden Jungs waren zu mir sogar netter, als ich es in den ersten Schultagen gegenüber Georg war (um genau zu sein: drei von diesen Jungs sind auch heute noch meine besten Freunde).

talktalk_mylifeEs dauerte auch nicht lang, bis wir uns außer über Fußball auch über Musik unterhielten. Es gab viele Gemeinsamkeiten – aber von Talk Talk hatte noch niemand gehört. Da konnte ich mich ein wenig aufspielen, als ein Jahr später ein neues Album der Band erschien. „Wie, die kennt Ihr nicht? Die letzte LP – voll super. Müsst ihr haben.“ Ich ging mit gutem Beispiel voran und kaufte „It’s My Life“ gleich nach Erscheinen. Und war insgeheim ein wenig enttäuscht: Es waren irgendwie weniger Synthesizer, weniger Elektronik-Schlagzeug und weniger Melancholie auf der LP. Stattdessen so seltsame Slow-Motion-Gebilde wie „Renée“ oder banal rockige Sachen wie „It’s You“. Während ich mich schon darauf einstellte, meinen Musikexperten-Bonus verspielt zu haben, gingen um mich herum auf einmal alle zu „Such A Shame“ ab. Der Song wurde ja zum Überhit, bei Formel Eins lief das Video. Konsens allerorten. Ich wollte mal nicht so sein. Der Song war ja im Grunde okay – und es gab verwirrend viele Maxi-Versionen, derer ich habhaft werden wollte.

Danach entfernten sich Talk Talk von meinen Einstiegsmomenten immer weiter. Das Ende meiner Geduld war mit „Laughing Stock“ erreicht. Ich wusste nun wirklich nicht, was ich damit machen sollte. Wie das überhaupt dieselben drei Männer sein konnten, die mich nur wenige Jahre zuvor mit bombastischer Melancholie begeistert hatten? Um mich herum sahen das viele anders: Kritiker feierten das Trio ab, sogar die Toto-Fans in meiner Klasse fanden Talk Talk auf einmal gut. Und ich konnte nur dabei zusehen, wie Talk Talk mir aus den Händen glitten. Elektronik, Remixe, Popstrukturen – es schien alles verloren. Bis…

talktalk_historyrevisitedBis 1991 ein Remix-Album erschien. Für „History Revisited“ hatten sich ein paar Techno- und Elektro-Künstler wie Fluke und Justin Robertson (die ich später noch sehr zu schätzen lernte) die bis dahin erschienenen Singles noch einmal vorgeknöpft und sie so arrangiert, wie ich sie hören wollte. Offenbar nur ich. Kritiker und Fans rümpften die Nase. Die Band fand die ohne ihre Zustimmung angefertigte Zusammenstellung angeblich so scheiße, dass sie die Zusammenarbeit mit dem Label aufkündigte, „History Revisited“ vom Markt nehmen ließ und in eine tiefe künstlerische Krise stürzte. Aber immerhin: Ich war glücklich.

Als Sänger Mark Hollis ein paar Jahre später eine Solo-Platte veröffentlichte, war ich fassungslos. „Zufallsmusik“, schimpfte ich über die LP, als ein Kommilitone mir sie 1998 begeistert vorspielte. Viel weiter weg von meinen Erwartungen, Vorlieben und Gewohnheiten hätte die Musik nicht sein können. Das Ende der Fahnenstange war nun endgültig erreicht.

Aber gut: Inzwischen bin ich ja etwas milder geworden. Ich kann mittlerweile hemmungslos kölsche Lieder gut finden, warum sollte ich mich dann nicht auch an Talk Talk annähern. Ich kann verkünden: Bis „Clour Of Spring“ habe ich Talk Talk inzwischen an mich rangelassen. Und habe sogar eine Talk-Talk-Platte gefunden, die ich genau so gut finde, wie die Musikexperten um mich herum. Es ist ein Live-Album, das 1999 erschienen ist. Es enthält die Aufnahme eines Konzerts, das Talk Talk 1986 in London gegeben haben. Es ist musikalisch genau an der Schnittstelle zwischen meiner Begeisterung und der Begeisterung des Rests der Welt. Es ist musikalisch auf hohem Niveau, ohne mir damit aber die Melancholische kaputt zu machen. Es vereint elektronische wie auch traditionelle Instrumente. Und es klingt einfach großartig.

Ich kann also ruhigen Gewissens sagen: tolle Band. Toller Song. Oder was meinst Du?

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Welcher Musikfan kennt solche Probleme mit der Peer Group denn bitte nicht? Da kannst Du ganz beruhigt sein: Du bist nicht allein-allein. Ich weiß nicht, wie oft ich versucht habe, als selbsternannter Opinion Leader mein Umfeld mit meinem Geschmack zu sozialisieren – und an dieser Aufgabe grandios gescheitert bin.

    Wenn ich zurück denke, wie oft ich guten Freunden Musik vor- und überspielt habe und dann nur ein „Öh, ja, kannste auch noch mit drauf packen“ zu hören bekam, verzweifelt ein Teil von mir. Dann kommen mir diese Bilder von Kumpels vor Augen, wie ich denen gerade MEIN Hit-Album des Monats als kostenlose Überspielung samt geballtem Insider-Wissen anbiete und sie dann nur die zwei, drei Singles daraus haben wollen. Bei sowas muss ich mein Beiß-Holz aus der Schublade ziehen. Genauso wie wenn ich gerade einen für mich heiligen neuen Song mit Freunden erstmals zelebrieren möchte und dann nach zwanzig Sekunden blöde Diskussionen darüber anfangen, was man denn heute noch machen will. Dann frage ich mich, warum ich mir das überhaupt antue und jemanden missionieren will… Alles schon zig Mal erlebt.

    Allerdings nicht mit Talk Talk – so viel muss ich zugeben. Außer „It’s My Life“ und „Such a Shame“ ist da nicht viel Sachkenntnis bei mir – daher freue ich mich, einen erneuten Crash-Kurs in Sachen Early-80ies-Synthie-Pop bekommen zu haben. Und natürlich ist die Live-Version von „Tomorrow Started“ grandios – kein Zweifel. Ich muss sagen, dass ich vermutlich einfach vier, fünf Jahre zu jung für die Band war und sich nur deshalb unsere Wege nicht gekreuzt haben. Oder es war einfach so, dass ich erst von Talk Talk erfahren habe, als sie ihren Zenith in Deinen Augen bereits überschritten hatten – womit wir beide ja wieder auf einer Wellenlänge wären 😀

    Ich habe wirklich eine Weile gebraucht, bis ich eine vergleichbare Geschichte in meiner musikalischen Fan-Vita gefunden habe, aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

    Zu meinem 18. Geburtstag schenkten mir meine Eltern zwei Flugtickets nach Edinburgh. Einzulösen bei miesester Februar-Witterung – aber der Gedanke zählte. Denn London hatte ich bereits einige Jahre zuvor besucht und für das selbe Geld konnte man sogar noch viel weiter fliegen! Meine Eltern mochten also die Idee, meine Freundin K. und mich für eine Woche nach Schottland zu verschicken, wo wir in einem schnuckeligen „Bed & Breakfast“ in einer „Trainspotting“-artigen Nachbarschaft unterkamen.

    Doch der Bus fuhr direkt vor der Haustür ab – und es gab einiges zu sehen. Zumindest für die ersten drei Tage. Dann wurde das Wetter immer oller und uns zog es meist nur noch aufgrund der Nahrungsaufnahme ins Waverley Shopping Center – die erste richtige Mall, die ich von innen zu sehen bekam. Jeden Tag eine andere Fastfood-Kette, dazu Tee bei McDonald’s und irgendwo ein Sportgeschäft mit 7er Jordans im Angebot – ich war happy.

    Was mir auch gefiel: Überall liefen ständig Musikvideos in den Geschäften und Restaurants. Heute erscheint das selbstverständlich. Doch 1993 war es das bei weitem nicht – jedenfalls nicht in meiner kleindeutschen Gymnasisten-Realität. Also hingen wir in der bunten Warenwelt herum und schauten uns die neuesten Exportprodukte aus dem Pop-Mutterland an. 

    Und weil ich ja eine Freundin hatte, schämte ich mich auch kein bisschen, dass mir die Musik von East 17 und Take That besonders gut gefiel (und auch von meiner musikalisch eher zartbeseiteten Freundin ohne Weiteres ertragen wurde). Also nichts wie rein zu HMV und beide CDs gekauft – die Pfund-Preisschilder ließ ich selbstverständlich wie kleine Trophäen auf den Hüllen kleben. Sollte keiner sagen, ich käme ohne coole Neuentdeckungen aus UK zurück.

    Das sagten dann aber doch so einige Freunde und Mitschüler, als ich denen meine Einkäufe stolz präsentierte. Um nicht zu sagen: Mit meiner Passion für beide Bands stand ich so ziemlich alleine da. K. mischte sich in solche Diskussionen sowieso nie ein – sie hörte lieber ABBA und wusste, dass es ohnehin zwecklos war, diese Band Gleichaltrigen zu vermitteln. 

    Doch ich stand zu meiner Meinung: Die Sänger waren ungefähr in meinem Alter und trugen coole Klamotten, machten sowas ähnliches wie rappen UND singen – und tanzen konnte man dazu ohnehin. Für mich waren das coole Lads – doch natürlich wurde ich für diese Ansicht mehr als ein Mal mit albernen Teenie-Hänseleien bestraft. Langsam schien damit ein Teil meiner coolen Reise-Entdeckung zu zerbröseln. Und wenn ich ehrlich war, konnte ich diese Coolness-These vor allem im Falle von Take That angesichts ihres zunehmenden BRAVO-Success kaum noch aufrecht erhalten. 

    Als meine sieben Jahre jüngere Schwester ein Dreiviertel Jahr später zusammen mit ihren Freundinnen vor dem Fernseher schmachtend „Babe“ mitsang, war da keine Liebe mehr für Robbie und Co. – nur noch Hass und Verachtung.

    Doch das war längst nicht das Ende der Fahnenstange: Im Sommer 1995 machten Take That gleich für vier Konzerte hintereinander Station in Berlin. Für den zweiten Gig hatte meine Schwester eine Karte – aber das reichte ihr nicht. Irgendwo vor oder bei dem Konzert hatte sie sich mit Gleichgesinnten zusammengetan (an WhatsApp oder ähnliches war noch nicht ansatzweise zu denken) und beschlossen, den Jungs einen Besuch abzustatten. Die wohnten im Hilton am Gendarmen-Markt und wurden von ihrer Außenwelt systematisch abgeschottet – so wie man sich das vorstellt: Draußen kreischende Teenies mit Postern, hilflose Portiers, irritierte Business-Gäste und eine Band, die mit Limousinen direkt durch die Tiefgarage auf der Rückseite ins Hotel gefahren wurde.

    Doch meine Schwester hatte einen Plan: Da ich nicht wie ein typischer Fan-Stalker wirkte und über einen Anzug verfügte, bat sie mich, mit ihr zusammen das Café im Hilton aufzusuchen, um dort bei heißer Schokolade auf die Ankunft der Band zu warten.

    Ich weiß auch nicht, warum ich mich darauf einließ, aber ich war wohl nicht der einzige. Im Café saßen verdächtig viele weibliche Teenager mit ihren Erziehungsberechtigten und bemühten sich um Contenance – immer in Richtung Lift schielend, ob die Entourage wohl gleich die Lobby betreten würde. 

    Als es losging, brach eine kleine Hölle los: Von überall her stürmten Mädchen auf die Jungs zu, die Boys verteilten sich und gaben einige Autogramme – doch Robbie hatte keine Lust und floh in den Aufzug. Meine Schwester und ein paar andere Mädchen über den Treppenaufgang hinterher. 

    Zwei Stunden später sah ich sie wieder und sie hatte ihr Autogramm. Ich war mit Take That endgültig fertig.

    Insofern verwundert es wohl nicht, dass mich weder die Trennung, noch Robbies Exzesse wirklich beschäftigen – es war mir egal. Wenn „Angels“ bei VIVA lief, schaltete ich um auf MTV und versuchte dort dann, „Let Me Entertain You“ aus dem Weg zu gehen. Sorry Robbie, kein Interesse.

    Während meines Grundstudiums entdeckte ich ein paar Mal „Robbie“-CDs bei hübschen Kommilitoninnen im Regal und zog sie damit jedes Mal auf – für mich war die Sache gegessen. Dachte ich.

    Denn mit dem Milleniums-Wechsel erlebte ich einen völlig neuen Robbie-Hype: Überall war dieser Kerl plötzlich zu sehen und Menschen, deren musikalische Meinung mir etwas bedeutete, behandelten ihn wie ein Wunderkind: Moderatoren, Schriftsteller, stilsichere männliche Kommilitonen und nicht zuletzt mein Kumpel HiFi Brown machten mir klar, dass ich Robert Peter Williams wohl noch einmal eine Chance geben musste. Und sie hatten recht: Seine Musik war echt gut – Guy Chambers hatte ihm wunderbare Melodien auf den Leib geschneidert und seine Crew sich jedes Mal wieder coole bis lustige Videos ausgedacht.

    Plötzlich besaß ich sieben Robbie Williams-Alben und fand mich im Olympiastadion wieder, wo wir – leider durch den Hall zeitverzögert – von der Tribüne aus „Feel“ und „Supreme“ mitgröhlten und uns wunderten, warum er denn mit diesem schlechten Retro-Breakbeat-Song „Rudebox“ seine prächtig laufende Karriere so rabiat unterbrechen musste.

    Doch es war trotzdem okay – Robbie war auf einmal ein Kumpel, dem man so einige Ausrutscher verzeihen konnte. Und dessen CDs bei unseren weihnachtlichen Familientreffen nicht nur meine Schwester und mich, sondern auch meinen Vater erfreuten.

    So, jetzt hab ich die Hosen aber wirklich weit genug runtergelassen…

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