66/100: Parallelen

Celo & Abdi feat. Haftbefehl (2012)

Seitdem ich denken kann, war die moderne Welt von Kriegen und Konflikten bestimmt. Es gibt allerdings immer Phasen, in denen sich die Horror-Nachrichten zu bündeln scheinen. Phasen, in denen man selbst als Nachrichtenmacher kaum noch Lust hat, das Radio einzuschalten oder den Politik-Teil seiner Zeitung zu lesen, durch Twitter-Feeds zu scrollen oder die Tagesschau zu verfolgen. Und trotzdem gehört das zu meinem Alltag. Aber eigentlich ist es derzeit völlig unerheblich, mit welchem Beruf man sein Geld verdient: Nachrichten-Updates sind immer und überall. Und sie sind gerade der totale Downer.

Wenn ich sage, dass es gerade scheinbar an allen Ecken und Enden knallt, dann erzähle ich nichts Neues. Terror, tote Kinder, Kriegserklärungen, Selbstmord-Attentäter, Ebola-Epidemien, abgeschossene Passagiermaschinen mit Urlaubern, Raketenangriffe, versuchte Genozide, Massen-Entführungen und Zwangs-Konversionen, sich immer schneller weiter drehende Hass-Spiralen… die Liste hört gar nicht mehr auf. Wer versucht, bei jeder Nachricht Empathie zu spüren, wird schnell wahnsinnig. In solchen Zeiten dann über Kunst und Kultur zu berichten, erscheint mir oft genug sinnlos.

Die Probleme der Gegenwart sind vielfältig und komplex. Ich komme kaum noch hinterher, alles zu verstehen. Antworten auf drängende Fragen habe ich natürlich auch keine. Wie auch? Wer soll denn bitteschön diesen verdammten Chaos-Knoten ernsthaft auflösen? So bleibt mir die Rolle des Beobachters.

Die Kunst steht vor ähnlichen Problemen wie die Berichterstattung: Oft genug behandelt sie die Banalitäten des Alltags und dröselt Probleme auf, die für andere Menschen überhaupt keine echten Probleme sind. Doch angesichts der gegenwärtigen Nachrichtenlage verblassen so viele Dinge oder werden zu Nichtigkeiten. Sie werden so unbedeutend, dass man sich als Konsument geradezu schämen möchte, dass man seine Zeit lieber auf Festivals als Demos verbringt, dass man sein Geld in Konsumgüter investiert, als es für einen guten Zweck zu spenden, dass man lieber Style-Blogs liest, als über der Formel für den Weltfrieden zu brüten.

Für solche selbstkritischen Erkenntnisse gibt es übrigens auch schon wieder ein Mode-Schlagwort: „First World Problems“ wabert gerade durch den Raum. Jedes Mal, wenn man merkt, dass es Quatsch ist, über die Farbe der neuesten Turnschuhe zu philosophieren, kann man schnell ein „…aber hey: First World Problems“ hinterher schieben und steht nicht mehr ganz so dumm da.

Doch auch die leichten Musen haben ihre Daseinsberechtigung. Denn wer sich den ganzen Tag mit den schlechten Seiten der Welt auseinander setzt, wird am Ende wahnsinnig, depressiv oder im besten Fall noch ein zynischer Misanthrop. Das kann es ja nun auch nicht sein.

Außerdem will ja nun niemand ernsthaft behaupten, dass Kunst und Ennui sinnlos seien. Selbst Theodor Adorno hat sein berühmtes Verdikt über die Unmöglichkeit von Poesie nach Auschwitz später revidiert. Das Bedürfnis nach Harmonie ist eben zutiefst menschlich. Und die Fähigkeit, das Elend der Welt zu ertragen, ist zumindest in meinem Fall nur sehr begrenzt.

Auch im Zeitalter des 24-Stunden-News-Bombardements muss es also Zeiten geben, in denen man abschalten darf. Der Eine tut das mit RTL2-Dokus, der andere mit Binge-Watching von US-Serien, der nächste wiederum versinkt in der Welt der Popmusik oder liest sich durch die Weltliteratur. Das sind jedenfalls so meine ganz privaten Vorstellungen von „Abschalten“. Und ich bin dankbar dafür, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, in einer Zeit und einer Gesellschaft zu leben, die mir solche Ruhepausen gönnt.

Auch Celo & Abdi scheinen ein ausgeprägtes Problembewusstsein für die Zerrissenheit des modernen Menschen entwickelt zu haben. Ihr Vorgehen ist sehr simpel aber effektiv: In „Parallelen“ montieren die beiden schlagwortartig höchst unterschiedliche Bilder aneinander – so lange, bis auch dem letzten Hörer der ganze Wahnsinn der Gegenwart bewusst wird. Ein von mir geschätzter und immer wieder polarisierender Kollege hat diese Text-Form gerade in der aktuellen Ausgabe der HipHop-Gazette „JUICE“ für einen beeindruckend wirkungsvollen Kommentar adaptiert. Ein daran anknüpfendes Gedankenspiel hat er hier veröffentlicht.

Der Song ist schon zwei Jahre alt, doch vor ein paar Wochen erinnerte ich mich wieder an ihn: zur Fußball-WM, als die komplette Republik mit dem DFB-Kader und seinem Trainer in Brasilien auf den Gewinn der Weltmeisterschafts-Trophäe hin fieberte. Die Halbzeit-Übertragungen wurden immer wieder von schlimmen Nachrichten unterbrochen, doch König Fußball schien genug Kraft zu haben, die Trauer über neue Kämpfe in der Ukraine (in der vor gerade mal zwei Jahren die EM ausgetragen wurde!) oder die Entführung israelischer Jugendlicher zu überstrahlen. Das ist keine Kritik, sondern eine reine Schilderung meiner Beobachtung. So wie auch die beiden Straßenrapper keinen Zeigefinger heben, sondern einfach den Blick auf eine Wunde lenken.

Celo & Abdi gehören zu den gegenwärtigen Sympathieträgern der deutschen Rap-Szene. In Interviews agieren die beiden Frankfurter meist ausgewählt höflich und sorgen für gute Laune. Ihre Texte erzählen vom kleinkriminellen Milieu der Banken-Metropole. Doch im Gegensatz zu ihrem Labelchef Haftbefehl oder Bushido inszenieren sie sich weniger als Bad Boys. Sie sind Straßen-Hustler, die aber freimütig zugeben, sich im Callcenter kennengelernt zu haben.

Inhaltlich stehen sie ganz in der Tradition von N.W.A. und Ice-T. Ihre Texte sind Reportagen von der Straße: Gnadenlos hart, aber eben immer mit Witz. Letzterer entsteht auch durch die Verwendung von unzähligen Slang-Begriffen: Viele davon stammen aus dem multikulturellen Frankfurter Bahnhof-Milieu.

Das bekannteste ist sicherlich Haftbefehls „Babo“, dass es ja im vergangenen Jahr schlagartig zum Jugendwort des Jahres geschafft hat. So sind Celo & Abdis Texte voll von Referenzen, die sich dem ungeübten Gangstarap-Gelegenheits-Hörer erst nach Lektüre des „Hinterhofjargon“-Wörterbuchs erschließen. Sprache verändert sich eben.

Natürlich verstehe ich, dass Gangsta-Rap nicht jedermanns Sache ist. Vieles wirkt erschreckend – die Codes, die Sprache, die Protagonisten. Was mir daran gefällt ist – neben dem rohen Sound – auch die Attitüde der Künstler: Sie geben sich selbst eine Stimme und die wird inzwischen millionenfach gehört. Viele der Protagonisten sind authentisch. Sie erzählen davon, dass sie aus Familien stammen, die ihrem Nachwuchs keine Chance auf höhere Bildung geben konnten. Deshalb ist das Bild der „Straße“ so wichtig: Die „Street“ wird zur Schule des Lebens, auf der die Gangsta-Rapper ihr Rüstzeug erwerben.

Mit „Parallelen“ gehen Celo & Abdi aber noch einen Schritt weiter: Sie verlassen das Terrain der Straße und begeben sich auf die Bühne der globalen Berichterstattung. Als Kulturwissenschaftler sage ich: Ein Akt der Selbstermächtigung, mit dem sie die kulturelle Deutungshoheit des Weltgeschehens nicht mehr dem Feuilleton überlassen. Als Musikfan sage ich: Es ist genial, was die beiden sich – zusammen mit Haftbefehl – trauen.

Denn natürlich wird man angreifbar, sobald man sich mit so einem Thema in die Öffentlichkeit begibt. Der Song und das Video werden nicht ganz reibungslos rezipiert: Gerade das Establishment schießt zurück und meint generell in Celo & Abdis Kunst antijüdische Ressentiments zu erkennen. Nachzulesen bei Wikipedia.

Dort steht auch, dass sie diese Kritik bestreiten. Und doch positionieren sich die beiden Rapper – so wie derzeit viele andere deutsche Musiker mit „Migrationshintergrund“ auch – im Nahost-Konflikt klar auf der Seite der Palästinenser. Und verlassen damit die Rolle der Beobachter.

So eine Entscheidung ist natürlich ihr gutes Recht als Künstler. Und hier unterscheiden sich wiederum unsere Rollen: Als Berichterstatter ist es wiederum mein gutes Recht und auch meine Pflicht, mich hier NICHT zu diesem Konflikt zu positionieren. Warum ich mich scheue, ist ganz einfach zu erklären: Gerade in diesem Konflikt sind die Grenzen zwischen Gut und Böse einfach zu verwischt. Und zwar nicht erst seit ein paar Monaten: Das empfinde ich so, seitdem ich als Kind zum ersten Mal davon gehört habe.

Aber zurück zur Musik: Kannst Du etwas mit diesem Song anfangen?

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Gaza, Ukraine, Irak, Ebola, Irak – am Sonntagnachmittag war bei mir ein Punkt erreicht, wo ich diesen Wahnsinn und seine Wirkung auf mich mal in Worte fassen wollte. Tagein, tagaus prasseln Meldungen, Zahlen, Bilder und Videos auf mich ein – wie kann ich das auf eine Formel bringen, die mir bei der Verarbeitung hilft? Mir fielen auf einem Spaziergang am Rhein Therapy? ein: „The world is fucked and so am I. Maybe it’s the other way round I can’t seem to decide”. Aber so ganz passte das noch nicht. Dazu fühle ich mich gerade selbst zu wenig „fucked“.

    Und damit bin ich auch schon bei den „FirstWorldProblems“ angekommen. In der Welt knallt es unentwegt. Wenn ich wollte, könnte ich nahezu in Echtzeit dabei zusehen, wie Menschen sterben – und ich mache mir Gedanken über meinen nächsten DJ-Job. Über einen neun Jahre alten Remix. Über das Abendessen. Und bin weitgehend zufrieden mit meinem Leben.
    Diese Konzentration auf das Private, den regelmäßigen Rückzug in den ganz eigenen Mikrokosmos, finde ich total legitim. Ich habe deswegen (meistens) kein schlechtes Gewissen. Ich kann mich nicht um alle Krisen in der Welt kümmern.

    „Denn wer sich den ganzen Tag mit den schlechten Seiten der Welt auseinander setzt, wird am Ende wahnsinnig, depressiv oder im besten Fall noch ein zynischer Misanthrop. Das kann es ja nun auch nicht sein.“

    Genau! Ein paar Sachen kann ich unterstützen. Ich kann in gewissem Rahmen Anteil nehmen. Und will und muss mich ansonsten mit einer Beobachterrolle arrangieren.
    Mich beschleicht allerdings seit ein paar Wochen ein ungutes Gefühl: Nämlich, dass der Rückzug ins Private nicht mehr lange funktionieren werden. Und das hat zwei Gründe.

    Zum einen sind viele Dinge, die ich mache, schon aus technischen Gründen nicht mehr privat. Alles was ich im Netz mache, wird irgendwo registriert, protokolliert, überprüft. Angesichts der einführenden Stichworte meines Kommentars liest vielleicht irgendwo auf der Welt jemand diese Zeilen hier – noch bevor Du eine Mail über meine Antwort erhalten hast. Einfach, weil ein Suchalgorithmus meinen Text bei einem Sachbearbeiter auf den Desktop geschoben hat. Google, Facebook und Amazon wissen wahrscheinlich mehr über mich als Du. Als sonst irgendwer auf der Welt. Apple und wahrscheinlich auch mein Mobilfunkanbieter wissen weitgehend lückenlos, wo ich mich am Tag aufhalte. Das „Private“ gibt es technisch gesehen nicht mehr. Ich blende das meistens aus. Aber wenn ich darüber nachdenke, macht es mir doch Sorgen. Weiß ich denn, was die mit den Informationen über mich machen? Trauen kann man niemanden.

    Der andere Grund lässt mich ebenfalls Schaudern. Denn viele der Konflikte in der Welt drehen sich um Fragen, die auch in meinem Alltag – mal mehr mal weniger latent – auf der Agenda sind. Welche ist die „richtige“ Religion? Darf man Israel kritisieren? Welche Rolle spielen „die Russen“ im Ukraine-Konflikt? Diese Fragen sind nicht nur Auslöser der aktuellen Schlachten in der großen weiten Welt. Die Auseinandersetzungen kommen immer näher. Und damit meine ich jetzt nicht Herford oder Bad Godesberg. Diese Fragen und die Positionen dazu sickern auch immer mehr in mein (vermeintlich) privates Umfeld ein. In meinem (überschaubaren) Freundeskreis auf Facebook etwa beziehen einige Menschen nicht nur eindeutig Position. Sie lassen andere Positionen gar nicht erst zu. Das ist eine Diskussionskultur, die ich in meiner Nähe bislang für unwahrscheinlich gehalten hatte.

    Die Freiräume, in denen man sich nur mit sich und seinem Mikrokosmos beschäftigen kann, werden gefühlt also immer kleiner. Ich weiß noch nicht genau, wie ich mit dieser Wahrnehmung umgehen soll. Und in diesen ohnehin schon rollenden „Train Of Thought“ kamst Du mit „Parallelen“. Ich hatte Celo & Abdi natürlich nicht auf dem Schirm. Aber die „Babo“-Referenz hat es bei mir klingeln lassen – immerhin. Der Track ist gut und wirft ein paar wichtige Fragen auf. Die Antworten muss ich mir dann wohl selbst erarbeiten.

    Aber erst mache ich noch einen Remix fertig.

  2. Und kaum hatte ich den Kommentar abgeschickt, fiel mir auch ein Lied ein, das zu meinem Kommentar passt 😉

  3. Pingback: Interlude: Alligatoah | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.