64/100: Stark wie zwei

Udo Lindenberg (2008)

Zum Erwachsenwerden gehört es dazu, mit Verlusten konfrontiert zu werden – und damit leben zu lernen. Ich rede von Beziehungsenden, von enttäuschten Freundschaften, aber auch vom Tod geliebter Personen. Und auch wenn ich es im ersten Satz so lapidar als natürlich Gang der Dinge beschrieben habe, ist es mir doch jedes Mal wieder völlig unverständlich, wie so etwas passiert. Es ist mir immer wieder völlig unerklärlich, wie sich Menschen für einen Zeitraum von mehreren Jahren oder gar Jahrzehnten immer weiter aneinander annähern können, um dann plötzlich völlig getrennte Wege zu gehen. Dabei ist es total egal, ob sich diese Verluste bereits über einen längeren Zeitraum angekündigt haben oder von heute auf morgen eintreten. Das Gefühl, dass etwas zu Ende gegangen ist, muss gründlich erlebt und verarbeitet werden, wenn es einen nicht noch jahrelang verfolgen soll. Dabei kann Musik sehr nützlich sein.

Wir haben hier schon über einige meiner Helden gesprochen, die niemand so richtig doof findet: Bob Marley. Rio Reiser. David Bowie. Stephan Remmler. Typen, denen man vertrauen kann. Typen, die scheinbar alle menschlichen Missgeschicke für einen miterlebt haben. Typen, die genug Charisma und Lebenserfahrung versprühen, dass man sich ihrer Musik blindlings hingeben und ihren lyrischen Ratschlägen vertrauen möchte.

Udo ist auch so einer. Und für mich war er sogar der erste in einer Reihe von Idolen, denen ich zuhören wollte.

Unsere Beziehung begann irgendwann in der dritten Klasse. Auf einem Stadtteil-Fest hatten mich meine Eltern für eine Jugendgruppe angemeldet, die mit Zeltlagern warb. Zeltlager, das klang für mich wie Fähnlein Fieselschweif und nicht so sehr wie Hitlerjugend. Diese Parallele entdeckte ich erst später. Aber da wir in einem multikulturellen Stadtteil in Mauer-Berlin wohnten, bestand auch überhaupt keine Gefahr, dass ich in irgendwelche erzkonservativen Burschenschaften hinein gezogen wurde. Im Gegenteil: Das Zeltlager war voller Punks und Ökos, Popper-Gymnasiasten und türkischer Jugendgruppen, die alle eines gemeinsam hatten: Sie sollten für ein paar Tage raus an die frische Luft – weg von den überfüllten Spielplätzen, weg von ihren Atari-Konsolen, weg von der Straße, auf der sowieso immer wieder nur Mist ausgebrütet wurde.

Also fuhren wir an den Tegeler See und campten ein verlängertes Pfingst-Wochenende lang zusammen mit 300 anderen Kids und Jugendlichen und genossen den Beginn des Sommers. Auch wenn es nur Leberwurst-Brote und schlechten Tee statt Schokoriegeln und Coca Cola gab, war dieser Ausflug längst nicht so asketisch, wie es klingt. Acht bis zwölf Jungs und Mädels teilten sich jeweils ein Zelt und erzählten sich bis spät in die Nacht Geschichten und hörten gemeinsam Musik. Andreas hatte seinen tragbaren Kassettenrekorder mitgebracht und spielte immer wieder seine Udo Lindenberg-Kassetten vor.

Am dritten Abend war ich erstaunlich textsicher. Wir gröhlten mit, dass die Russen in 15 Minuten auf dem Kurfürstendamm stünden und fragten uns lautstark, wozu eigentlich Kriege da seien. War ich Fan? Keine Ahnung. Mochte ich seine Musik? Keine Frage. Udo konnte man einfach nicht scheiße finden. Er sang so, wie wir sprachen – dazu kam dieses nuschelige Ankumpelnde in seiner Vortragsweise. Er war einer von uns.

Als ich drei Jahre später anfing, mich ernsthaft für Popmusik zu interessieren, kreuzten sich unsere Wege anfangs noch sehr oft. Udo besang sehr bildreich seine Beziehung zu Erich Honecker in einem phantastischen Cartoon-Video, das ich leider nirgendwo online gefunden habe. Das war zu der Zeit, als Udo anfing, sanfte Liebeslieder wie „Horizont“ und „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“ einzusingen. Songs, die viele ältere Udo-Fans naturgemäß ablehnten. Doch ich mochte diesen Kerl, der freimütig zugab, aus Liebeskummer seinen Fernseher eingetreten zu haben.

Dann folgte ein Jahrzehnt, in dem Udo zur Karikatur seiner Selbst wurde: Die Wiedervereinigung hatte seiner Karriere noch einmal einen Turboschub gegeben. Bekanntermaßen hatte Udo schon zu Mauerzeiten in Ostdeutschland eine große Fanbasis gehabt, die ihn nun endlich live – ohne Parteibonzen – erleben und seine ganzen Platten kaufen wollte. Udo tourte also durch die Bunte Republik Deutschland, Udo engagierte sich gegen Rechts, Udo wohnte im Hotel Atlantic und Udo malte seine lustigen Likörellen. Udo fand immer öfter in der BILD statt. Er wurde zum guten Gewissen der Nation, dem man aufgrund seiner Attitüde seine regelmäßigen Abstürze und Affären noch schneller verzieh als Harald Juhnke.

Doch musikalisch relevant blieb für mich nur sein Back-Katalog. Aus Nostalgie kaufte ich mir eine „Panikpräsident“-Best-Of-Compilation – um dann enttäuscht festzustellen, dass die Songs in den Original-Arrangements deutlich besser geklungen hatten. Doch diese 20,- Mark schrieb ich als Verlust gerne ab – Udo konnte ich halt nicht böse sein.

Dann kam das Jahr 2008. Für mich eines der wichtigsten Jahre beim Eintritt in die endgültige Erwachsenenwelt. Auch wenn ich schon 14 Jahre lang Teilnehmer des Berufslebens gewesen war, war mit dem Uni-Abschluss nun das nächste Kapitel erreicht. Es war die Phase, in der klar wurde: Keine Ausbildung, kein Studium, keine weiterführenden Kurse mehr. Es war die Zeit, in der ich wusste: Nun musst Du nicht mehr nächtelang nebenbei büffeln und Prüfungen bestehen – nun gehst Du einfach zur Arbeit und wenn Du abends nach Hause kommst, hast Du Feierabend. Natürlich war das nicht die volle Wahrheit, denn es wäre ja schlimm, wenn ich mein Leben lang auf dem intellektuellen Stand von 2008 stehen bleiben würde. Doch zumindest war nun schon mal einiges geschafft.

Während andere Hochschul-Absolventen nun erstmal gegen dieses dunkle Loch der Untätigkeit kämpfen mussten, weil sie noch nicht wussten, was sie nun mit ihrem Leben anstellen sollten, konzentrierte ich mich voll auf meinen Job. Das klingt im Nachklapp alles so einfach, aber das war es natürlich nicht.

Denn mit dem Ende meiner offiziellen Ausbildungszeit begannen zahlreiche Veränderungen. Einerseits fiel eine gewisse Last von meinen Schultern, andererseits bohrten auch dringende Erkenntnisfragen: Ist es das jetzt? Mache ich alles richtig? Was ist überhaupt richtig und was ist falsch?

Es traf sich, dass Udo eine neue Platte auf den Markt warf, die voller Geschichten über solche existentiellen Fragen war. Auf „Stark wie zwei“ erzählt Udo, wie er mit Hilfe einer jüngeren Musikergeneration zu sich selbst und auch zu seinen Stärken gefunden hat. Er singt von Freundschaften und von Verlusten – und wie er weiterhin „Sein Ding“ machen wolle. Nachdem ich sein Album ein halbes Dutzend durchgehört hatte, wusste ich, dass er wieder einmal Recht hatte: Ich war 33 Jahre alt, es war Zeit für eine Zwischenbilanz.

Mit dem Titelsong traf Udo tief in mein Herz hinein. Für mich wurde es Zeit, emotionale Verluste der vergangenen Jahre aufzuarbeiten, um mich in Frieden der Zukunft widmen zu können. Eigentlich hatte ich mich immer für einen sehr emotionalen Menschen gehalten. Doch die Jahre, in denen ich meinen Geist und meine jobliche Leistungsfähigkeit trainiert hatte, hatten sich bemerkbar gemacht. Ich hatte einiges verdrängt. Es war also Zeit, diese losen Fäden noch einmal aufzugreifen und Abschied von ihnen zu nehmen. Um einigen Kummer, der sich unmerklich irgendwo in meinem Inneren aufgestaut hatte, los zu werden. Und das tat ich dann auch.

Doch so ein emotionaler Frühjahrsputz hält natürlich nicht ewig an. Daher klicke ich das Album von Zeit zu Zeit immer Mal wieder bei iTunes an. Und nach einer Stunde und zwei Minuten geht es mir dann meist viel besser.

Danke, Udo!

2 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Drei Tage sind seit Deinem Posting vergangen – und ich bin immer noch unsortiert. Drei Tage, in denen ich „Stark wie Zwei“ gedanklich umkreist habe, viele Anknüpfungspunkte gefühlt aber keinen Anfang gefunden habe. Unbestritten: Der Song ist ein Hammer. Textlich, kompositorisch und im Vortrag großartig. Aber was noch viel wichtiger ist: Er löst ganz viel in mir aus. Und mit ihm Deine Geschichte. Ich versuche das mal runterzuschreiben, wie es mir auf der Seele liegt. Ein bisschen wie im Affekt…

    Der leichteste Punkt: Udo selbst. Lindenberg und ich – das war nicht immer dicke Freundschaft. Als er im Zuge der NDW den Weg auch in meine Lieblingssendungen fand, da fand ich ihn in Ordnung. Da ich das Original von Glenn Miller kannte, fand ich seinen „Sonderzug nach Pankow“ natürlich witzig. Dass er mit einem Kind ein Anti-Kriegslied singt – super. Viele andere Sachen, die ich mit der Zeit von ihm kennenlernte, waren mir dann aber doch zu klamaukig, inszeniert, rockig… Da konzentrierte ich mich doch lieber auf DAF, Kraftwerk und Ideal. Hellhörig wurde ich aber immer dann, wenn Lindenberg ruhige Töne anschlug. „Horizont“ fand ich als 17-Jähriger klasse. Ebenso „Ich lieb‘ Dich überhaupt nicht mehr“. Beides waren Songs, die mir inmitten von endlos erscheinender Pubertät, hormonell bedingtem Elend und ersten Herzschmerzen Hoffnung machten. Hoffnung auf ein Leben ohne Selbstzweifel und Liebeskummer. Hoffnung auf ein selbstbestimmtes und souveränes Leben. Das war wichtig. Und hat sich zum Glück auch in großen Teilen bewahrheitet.

    Aber mit dem größer werden werden auch die Herausforderungen größer. Wenn jetzt etwas zu Ende geht, ist der Schmerz nicht nach vier Wochen oder vier Monaten weg. Er lässt sich zwar mit Alltagsorganisation und Ersteweltproblemen gut überdecken. Aber er ist da. Es bleiben Löcher. Stellen im Leben, an denen früher mal ein Mensch war. Jetzt aber nur noch Leere. Manchmal muss ich den Schmerz dann doch rauslassen, weil ich nicht will, dass er sich körperlich manifestiert. Und weil ich einen Tritt in der Arsch brauche, um das Hier und Jetzt zu würdigen.

    Aber es ist ja nicht nur die Vergangenheit, die ich mit zunehmenden Alter zumindest manchmal als Belastung empfinde. Mit voranschreitenden Jahren wird mir immer mehr bewusst, dass weitere Löcher dazukommen werden. Dass da noch einige Abschiede dazukommen werden. Auch damit kann ich mich ein wenig arrangieren und versuchen, das Hier und Jetzt stärker zu schätzen. Die Momente zu genießen, die einem noch bleiben.

    „Stark wie Zwei“ – um den Bogen zurück zu Udo zu schlagen – macht mir bei diesen Gedanken Hoffnung. Und reiht sich damit nahtlos ein in die Songs, die ich von Lindenberg immer am meisten mochte. Die ich auch dann noch mochte, als er – wie Du zurecht sagtest – zu einer Karikatur wurde.

    Entsprechend skeptisch war ich, als ich 2008 erstmals davon hörte, er würde eine neue Platte rausbringen. Erst recht als ich hörte, dass er mit jüngeren Künstlern zusammen gearbeitet habe. Ich empfand das schon früher – etwa bei Santana und Wyclef Jean – als ausgesprochen anbiedernd und somit verabscheuungswürdig.

    Dann aber hörte ich „Ganz anders“ – und musste mir eingestehen, dass ich es schlau, witzig und charmant fand. Der Song erwischte mich zu meiner Zeit, als existenzielle Fragen in meinem Kopf wieder lauter wurden – so kurz vor dem vierzigsten Geburtstag. Und wieder machte Udo Hoffnung – mit „Mein Ding“. Genau das wollte ich hören. Und höre es seitdem immer wieder gern. Eine perfekte Ergänzung zu „Nothing Else Matters“ …

    Was ich nicht verstehe: Ich habe das gesamte Album seit 2008 ein paar Mal durchgehört, bin am Titelsong die ganzen Jahre aber nie hängengeblieben. Als ich ihn jetzt am Sonntag aber gehört habe, hat er mich gleich umgehauen. Natürlich ist er traurig. Aber er macht Hoffnung. Er bietet einen Ansatz, Schmerz zu verarbeiten. Er zeigt, dass man sich Verlust auch schön reden kann. Ich werde das brauchen – hoffentlich eher später als früher. Aber ich werden „Stark wie Zwei“ dann auflegen und kann darauf hoffen, dass er mir hilft.

    Danke, Mikko, fürs Raussuchen.

    Danke, Udo!

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