63/100: Kebap-Träume

daf_ausschnittDeutsch Amerikanische Freundschaft (1983)

Zwei gegen den Rest der Welt. Nein, die Rede ist nicht von Terence Hill und Bud Spencer. Und auch nicht von uns beiden 100-Songs-Autoren. Ich möchte vielmehr auf zwei Typen zu sprechen kommen, die für mich Verweigerungshaltung in Reinkultur verkörpern: Gaby Delgado-Lopez und Robert Görl. Deutsch Amerikanische Freundschaft. Auch nach über 30 Jahren Beschäftigung mit den beiden habe ich noch keine Schublade gefunden, in die ich das Duo packen kann. Außer vielleicht in „Ihr könnt uns alle mal gern haben“. Und die Konsequenz, mit der sie diese Haltung durchziehen, gefällt mir. Da war es zunächst auch mal völlig egal, wovon in ihrem Song „Kebap-Träume“ die Rede war. Er fühlte sich einfach groß an.

Am Anfang stand wie damals immer – das Radio. In einer Charts-Sendung auf WDR1 an einem Samstagnachmittag in den Osterferien 1983 kündigte der Moderator eine Neuvorstellung an. Die Rede war von „Kebap-Träume“ von Deutsch Amerikanische Freundschaft. Ich hatte über das Duo bislang lediglich in der Bravo ein paar Zeilen gelesen. Wenn es um die weniger eingängigen Neue-Deutsche-Welle-Künstler ging, tauchte das grimmig dreinblickende Duo mit auf. Oft im Zusammenhang mit den Krupps oder anderen Bands aus dem Düsseldorfer Umfeld. Für mich Anlass genug, die Aufnahme bei meinem Sharp-Recorder zu starten. Und meine Neugier wurde belohnt: „Kebap-Träume“ und ich, das wurde mir sofort klar, das war was fürs Leben.

Es reichten die paar wenigen Synthie-Töne des Intros und das kurz danach beginnende treibende Schlagzeug – und ich war an den Song gebunden. Als dann die Stimme einsetzte…. Tja, und ab hier wird es interessant. Ich wollte natürlich genau wissen, was Gabi Delgado-Lopez singt. Hier ist das, was ich verstanden habe:

Kebap Träume in der Mauerstadt
Türkentür hinter Stacheldraht
Jetzt ist mir ist in der dicke-ten Ahhh
Atatürk der neue Herr
Wurde entführt in die Sowjetunion
In jeder Imbuss-Bude ein Spion
Im ZK – Mann, gebt was ihr könnt
Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei

Ergibt das in irgendeiner Form Sinn? Natürlich nicht. Aber es öffnet viele Interpretationsspielräume für jemanden wie mich, der in der Türkei geboren ist, in Deutschland aufwächst, in die Pubertät kommt und angesichts eines nahenden Umzugs ohnehin auf der Suche nach einer Identität ist. Und damit markierte dieser Samstagnachmittag den Start einer seit Jahrzehnten währenden Liebe zu diesem Song.

Kleinbetrug und Irritationen
daffuerimmerZunächst einmal ließ ich mir von Fabian aus meiner Klasse zum Geburtstag die dazugehörige LP, „Für immer“, schenken. Später erzählte er mir, dass er bei Radio Deutsch das Preisschild der LP abgeknibbelt und stattdessen das einer Maxi draufgeklebt hatte. Seinen Eltern hat er natürlich trotzdem gesagt, dass die Platte 15 Mark gekostet hat. Den Differenzbetrag hat er dann für Zigaretten ausgegeben. Mir sollte es recht sein, so lange ich endlich die Platte haben konnte.

Ich hoffte auf zehn Knaller im Geiste meines Lieblingslieds – und wurde irgendwie ein wenig enttäuscht. Ich wusste nicht damit umzugehen, dass jeder Song die selbe Struktur hatte: eine Synthesizer-Melodie, die mal einen Ton höher, mal einen Ton niedriger gespielt wird. War mir so noch nicht untergekommen. Und nicht jede Variation dieses Themas begeisterte mich von Anfang an. Denn zwischen solche Granaten wie „Ein bisschen Krieg“ oder „Verlieb Dich in mich“ hatte das Duo auch so ein paar schwer zugängliche Slo-Mo-Teile wie „Die Lippe“ gepackt. Offenbar war den beiden meine Erwartungshaltung egal.

Dann war ich irritiert, dass Robert Görl sowohl Keyboards als auch Schlagzeug spielte. Da ich damals nicht wusste, dass man in Tonstudios Instrumente auch nacheinander aufnehmen kann, stellte ich mir vor, wie Görl mit der einen Hand trommelte, um mit der freien Hand die Tasten seines Synthesizers zu drücken. Und zu guter Letzt war ich irritiert, weil die Band ihre Auflösung bekannt gab. Viele Rätsel, schlechtes Timing. Aber immerhin blieb meine Begeisterung für „Kebap-Träume“.

Mittelsmänner und Leerkassetten
Die war Antrieb genug, um mich in den darauf folgenden Jahren im Werk von DAF an die Anfänge zurückzuarbeiten. Einer meiner besten Freunde kannte jemanden, dessen großer Bruder die (vermeintlich) ersten beiden LPs von Delgado-Lopez und Görl im Regal stehen hatte. Ich gab eine leere Kassette an meinen Mittelsmann und bekam Wochen später eine bespielte zurück. Kein Tracklisting, keine Infos – so musste ich mit dem Tape klarkommen. Und legte die Ohren an: von „Sex unter Wasser“ wurde gesungen, von Kämpfen „Alle gegen Alle“. Ich blieb irritiert. Doch die Mischung aus Elektronik, Schlagzeug und „Ihr könnt uns alle gern haben“-Haltung fand ich weiterhin faszinierend.

1986 dann starteten DAF eine zweite Karriere. Sie veröffentlichten mit „1st Step To Heaven“ eine LP von der man mir sagte, dass sie wie der total angesagte Club-Sound aus den USA klingen sollte. So fragwürdig die Songs rückblickend auch sein mögen, vermochten sie damals nicht am Mythos DAF zu rütteln. Die Themen Sex und Verweigerung blieben, die Elektronik auch. Und dann war das ganze Album DJ-mäßig ineinander gemischt. Für mich Grund genug, die Band weiterhin zu verehren.

Diese Verehrung hielt noch viele Jahre. Jahre in denen ich die amtliche Diskographie auswendig lernte. In denen ich die Alben „Gold und Liebe“ und „Alles ist gut“ nachkaufte. Und verzweifelt versuchte, auch noch die Maxi von „Kebap-Träume“ zu kaufen – leider erfolglos. Und so wurde es um DAF langsam ruhig.

Zurück mit einem Buch
Bis das Buch „Verschwende Deine Jugend“ erschien. Der Journalist Jürgen Teipel hatte für sein nach einem DAF-Song benanntes Buch mit den Protagonisten der „Neuen Deutschen Welle“ gesprochen – bzw. mit denen, die dieses Phänomen überhaupt erst möglich gemacht hatten. S.Y.P.H., Mittagspause, Fehlfarben… Und natürlich DAF. Teipel zeichnete detailliert auf, wie in Düsseldorf eine Szene entstand, aus denen auch das von mir bewunderte Duo hervorging. Delgado-Lopez und Görl kamen ausführlich zu Wort und festigten so meine Wahrnehmung, dass sie nur einen Standpunkt für relevant hielten: ihren eigenen. Ich lernte, wie sie frühere Bandkollegen rausekelten. Wie sie versuchten, sich in London durchzubeißen. Ich erfuhr endlich, wie der Text von „Kebap-Träume“ wirklich lautete, dass er eigentlich mal „Militürk“ hieß und es frühere Versionen von Mittagspause, Fehlfarben und auch DAF gab. Und wie das Duo alle bisherigen und damals aktuellen Musikströmungen und politischen Strömungen verachtete. Ich hätte ihnen in den Achtzigerjahren nicht begegnen wollen – aber in meinem Ansehen als Totalverweigerer konnten sie durch diese Anekdoten natürlich nur gewinnen. Und die Musik, die aus dieser Verachtung entstand, war ja nun mal schlicht großartig.

Interessanterweise entsprachen die beiden diesem misanthropischen Image nur bedingt, als ich Delgado-Lopez und Görl kurze Zeit später in einem Kölner Plattenstudio traf. Das Duo hatte – kein Wunder angesichts des damaligen Hypes um „Verschwende Deine Jugend“ – eine neue LP aufgenommen. Ihr Label hatte die Kölner Musikjournaille zu einer Listening-Session eingeladen. Während Songs wie „Der Sheriff“ oder „Die Lüge“ in gnadenloser Lautstärke liefen, stellte ich insbesondere bei Delgado-Lopez eine unerwartete Nervosität fest. Der Sänger zappelte auf seinem Drehstuhl und war sichtlich angespannt. Dieser Eindruck hielt sich auch noch, als er versuchte uns Zuhörer aus der Reserve zu locken: Nach dem letzten Lied forderte er der Reihe nach jeden von uns auf, seine Eindrücke zu schildern. Auch hier war er erstaunlich unsouverän. Was ihn irgendwie sympathisch machte – eine Empfindung, die ich DAF bisher noch nie entgegengebracht hatte. DAF hatten es ja nie darauf angelegt, gemocht zu werden. Und schienen doch auch nur Menschen zu sein. Ein bemerkenswerter Moment. Dem noch ein paar folgen sollten.

Für immer – offensichtlich
daf_kebapträume-maxiDa wäre zum Beispiel dieser hier, als ich die Maxi von „Kebap-Träume“ 26 Jahre nach Erscheinen bei ebay ersteigert hatte.

Und dann war ich 2013 zum ersten Mal auf einem Konzert von DAF. Ich wusste nicht genau, was mich erwarte. Denn einerseits hatten mich Videos wie dieses hier sehr beeindruckt. Andererseits hatte ich Sorge, dass ein unseliger Konzertabend einen 30 Jahre anhaltenden Mythos innerhalb weniger Stunden zerlegen könnte. Aber es verlief alles gut: Delgado-Lopez und Görl gingen würdevoll mit ihrem Backkatalog um. Sie starteten mit den Songs, auf die alle gewartet hatten („Verschwende Deine Jugend“, „Mussolini“), würdigten auch ein paar akzeptable neuere Songs und irritierten uns mit längst verdrängten Zeilen („Die lustigen Stiefel“). Auf der Bühne gaben sie alles. Delgado-Lopez blieb nur stehen, wenn er sich eine Flasche Wasser über den Kopf kippte, Görl trommelte kraftvoll akkurat zu den auf CD vorbereiteten Backing-Tracks. So ähnlich muss es damals gewesen sein, als sie noch mit einen Turm aus Kassetten-Rekordern auf der Bühne auftraten. Nur dass damals alle viel jünger waren. Sowohl auf der Bühne, als auch vor der Bühne.

Das klingt fast schon nach Happy End. Wäre da nicht meine Kollegin gewesen, die mit den beiden Musikern im Anschluss an das Konzert ein Interview führte. Sie berichtete mir, dass die Band sich weiterhin um wenige Dinge scheren würde – auch nicht um ihre Fans, die für einen Konzertbesuch bezahlen, jubeln und in sozialen Netzwerken ihre Bewunderung zeigen. Auch wenn ich mich angesichts solcher Äußerungen zunächst missachtet fühlte, musste ich aber doch anerkennen: Da war sie wieder, diese Verweigerungshaltung, die ich dann auch mal selbst aushalten musste. Immerhin schienen sich Deutsch Amerikanische Freundschaft in der Schublade, in die sie vor Jahren gepackt hatte, wohlzufühlen.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. J’accuse!

    J’accuse – moi.

    Da führt kein Weg dran vorbei.

    Denn ich habe DAF erst durch „Verschwende Deine Jugend“ gecheckt. Und zwar nicht durch den Song oder das Buch. Nein, Tom Schilling hat mir die Welt von DAF erklärt. Und zwar sehr sehr eindrücklich. 

    Ich weiß, dass das das uncoolste Produkt dieses Namens ist und sich Buchautor Teipel 2003 gründlich von dem Münchner Filmwerk distanzierte. Robert Stadlober und Jessica Schwarz – mehr muss man dazu nicht wissen – so damals die gängige Meinung im Feuilleton.

    Und dann wurde sich von den alternden Schönschreibern wieder kollektiv einer darauf gekeult, die „echte“ Kulturrevolution aka Punk und Post-Punk noch selber miterlebt zu haben. 

    Aber da konnte ich nicht mit dienen – sorry. Schon alleine altersmäßig nicht. 1981 wurde ich eingeschult und 1986 war ich gerade in der fünften Klasse. Punks gab es bei uns in der Grundschule keine. Nur ein paar Typen mit bunten Haaren. Und Garfield-Sweatshirts. Aber mit sowas brauchte man den selbstverliebten Besserwissern gar nicht erst kommen.

    Da ich bereits „Crazy“ ganz gerne im Kino gesehen hatte, zögerte ich 2003 auch gar nicht lange, um mir „Verschwende Deine Jugend“ anzusehen. Und ich war begeistert. Der Film beginnt in meiner heimlichen Lieblingsstadt – Hamburg. Und zwar in der Hamburger Markthalle. Der gerade volljährige Banklehrling aus München erlebt ein DAF-Konzert und ist total angefixt. Das konnte ich sofort verstehen, denn die bildliche Umsetzung war genial: Regisseur Benjamin Quabeck schaffte es, die Energie eines DAF-Konzerts anno 1981 nachzustellen – ohne dass die DAF-Doubles richtig zu sehen waren.

    Und dann ging die Zeitreise erst richtig los: Münchner Independent-Bohème, coole Klamotten, tolle Musik von Human League, The Cure, Palais Schaumburg und natürlich DAF. Gespielt wird Gaby Delgado von Dennis Moschitto, einem von Deutschlands „Vorzeige-Film-Ausländern“. Anders gesagt: einem supersympathischen und lustigen Schauspieler.

    Es gibt unterhaltsame Szenen, einen fiesen Journalisten und einen miesen Manager, einen wunderbar hübschen Love-Interest des Hauptdarstellers – und am Ende bin ich rausgegangen und habe mir baldestmöglich die DVD gekauft. Nach und nach kamen dann mal einzelne Tracks bei iTunes dazu – aber nie ein ganzes Album.

    Das lag ganz bestimmt nicht an Düsseldorf. Ich wohne ja nicht im Rheinland und habe daher kaum Vorbehalte gegenüber der Landeshauptstadt. Ich bewundere vielmehr, wie kreativ und stilprägend Düsseldorf dann – entgegen seinem Kö-Image – doch immer war: Abgesehen von Westernhagen, sowie Campino und seinen Kumpels, denen man als nach-1970-geborener-Teenager ja schon mal gar nicht entgehen konnte, sind da vor allem natürlich Kraftwerk, ohne die ja die heutige Popmusik undenkbar wäre. Raptechnisch begeisterte mich früher die Fresh Familee mit ihrer lockeren Frohnatur-Art, heute gebe ich mir gerne mal den sehr unterschiedlichen Humor von Kollegah und Blumio. Auf Propaganda können wir uns ja vermutlich beide einigen – und Heino und Doro Pesch überspringen wir einfach mal.

    Dass ich DAF vor dem Kinofilm nicht an mich ranlassen wollte hatte sicher etwas damit zu tun, dass mich der Song „Tanz den Mussolini“ abschreckte. Also mehr so inhaltlich als akkustisch. Dazu kam dann dieser Titel „Kebab-Träume“, der so sehr nach einer Dorf-Demo der NPD in Sachsen-Anhalt klingt. Beides zusammen habe ich irgendwann in den 90ern mal kurz irgendwo vollkommen unkommentiert gehört – und es emotional in die Rammstein-Böhse Onkelz-BäBä-Musik-Kiste gesteckt. 

    Schon klar – Provokation nicht verstanden – scheiß Spießer. Aber was soll’s, inzwischen habe ich es ja verstanden und zähle mich einfach mal zum Kreis der „Eingeweihten“ dazu. Und mit Deinem Text verstehe ich sie gleich noch ein bisschen besser. 

    Den „Adolf Hitler“ werde ich aber trotzdem nicht so bald tanzen, sorry. 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.