Interlude: Michael Jackson

Mit dem Tod von Michael Jackson war es so ähnlich wie mit dem Fall der Mauer: So richtig sickerte es erst am nächsten Morgen durch. Als ich davon hörte, bereitete ich gerade meine Rede als Trauzeuge vor.

Es gibt ja so diese berühmten Tage, an denen jeder weiß, was er gemacht hat. Die Ermordung von John F. Kennedy (da war ich noch nicht mal erdacht). Der Fall der Berliner Mauer (da war ich 14 und hielt es zunächst für einen Scherz). Der 11. September 2001 (darüber habe ich ja schon berichtet).

Der Tag, als Michael Jackson starb, war ein Donnerstag (übrigens genauso so wie der Mauerfall am 9. November 1989 – aber die Chancen auf einen gleichen Wochentag standen 6:1). Ich war an dem Abend gerade in Bremen angekommen und saß mit dem angehenden Brautpaar und ein paar Freunden in einem italienischen Restaurant. Wir ahnten nichts und freuten uns, dass für den Freitag gutes Wetter angesagt war.

Die Nacht verbrachte ich in der schlimmsten Pension, die man in der Bremer Innenstadt für 35,- Euro die Nacht finden konnte – Parken kostete extra. Aber da ein paar Wochen danach meine eigene Hochzeit anstand, wollte ich sparen. Am Morgen der Hochzeit fand ich, dass es mal Zeit würde, mir eine kurze Rede auszudenken. Das klingt nachlässiger als es war – es handelte sich um lediglich eine zehnköpfige Hochzeitsgesellschaft (das Brautpaar baute gerade ein Haus und war ebenfalls auf Sparsamkeit bedacht).

Als meine Verlobte in der „Dusche“ verschwand, setzte ich mich auf die durchgelegene Matratze und starrte auf das traurige Relikt einer Marlboro-Werbung aus den 90ern, die über einer türkischen Bäckerei hing. Mir fiel nichts ein. Also schaltete ich den Norddeutschen Rundfunk an und lauschte der Musik von Phil Collins und Lady Gaga. Mir fiel immer noch nichts ein, also schrieb ich erstmal das Grußwort auf. Dann folgten die Nachrichten und ich horchte auf: Wie bitte..? Wer ist gestorben?

Meine Verlobte fand mich in einem leicht erschütterten Zustand vor, denn Michael Jackson war gut 20 Jahre zuvor mein allergrößtes Idol gewesen. Sie selber mochte ihm nicht aufs Fell schauen, daher hielt sich ihre Trauer in Grenzen.

Das brachte mich zum Nachdenken: Darüber, warum mich Michael Jackson eigentlich so lange schon nicht mehr interessiert hatte. Dann kam ich darauf: Seine letzte relevante Platte war „Dangerous“ gewesen. Und die lag auch schon 18 Jahre zurück.

Eigentlich hatte Michael Jackson seit Jahren schon überhaupt keine Bedeutung mehr für mich gehabt und es gab keinen Grund, entsetzt zu sein. Es war ein wenig traurig, aber nicht total schlimm. Also blickte ich noch einmal zum Fenster hinaus und schrieb meine Rede.

Auf dem Weg zum Brautpaar bat mich meine Verlobte, den beiden nicht den Freudentag zu verderben und kein Wort über Michael zu verlieren. Ich versprach es. Wir fuhren durchs Bremer Viertel und ich kurbelte die Scheibe runter. An einer Ampel hielt ein tiefergelegter 3er BMW – aus den Boxen dröhnte „The Way You Make Me Feel“. Ich drehte den Lautstärke-Regler hoch und schaltete den iPod auf „Sunday Bloody Sunday“. Schließlich wollte ich artig sein.

Als wir klingelten, öffnete der Bräutigam uns die Tür: „Na, habt Ihr schon von Michael Jackson gehört?“ Traurig wirkte auch er nicht. Die beiden waren Rock-Fans.

Und so wurde das kleine Fest dann noch sehr schön. Heute fehlt mir Michael aber schon ein klein wenig…

Weißt Du noch, was Du gemacht hast?

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Die Info über den Tod von Michael Jackson erreichte mich im Bad. Beim Rasieren starteten die 6.30-Uhr-Nachrichten, die Jackson-Meldung war die Eins. Mir kam die News total unreal vor. Vergleichbar etwa mit dem Tod von Lady Diana. Jackson war so überdimensional, für mich hatte er den Status einer real existierenden Person schon Jahre zuvor verloren. Die ganzen Geschichten, die über ihn erzählt wurden – Operationen, Vergnügungspark im Garten seiner Ranch, ein Affe als Haustier und was weiß ich nicht alles – hatten ihn mir entmenschlicht. Und musikalisch hatte er seit „Dangerous“ alle Relevanz für mich verspielt. Ich fand die LP schon nicht mehr wirklich gut, aber alles was danach kam hatte mir noch weniger gefallen.

    Was den Tod Jacksons für mich von dem Tod Lady Dianas wesentlich unterschied war neben einer nachgelassenen musikalischen Verbundenheit vor allem eins: Twitter. Das Ableben des King of Pop war das erste Ereignis, das ich bei Twitter intensiv mitverfolgte. Zunächst war ich sehr berührt von der Anteilnahme, der Trauer und der Verehrung, die sich in meiner Zeitleiste Bahn brach. Was mich aber irgendwann nervte, waren die Typen, die sich als Nachrichtenagentur verstanden und die Nachricht des Todes „breaken“ wollten. „Michael Jackson ist tot“: Ich weiß gar nicht, wie oft ich diese Meldung auch am Nachmittag noch von Nutzern las, die sonst vermutlich über ihr Frühstück twitterten oder Links zu PR-Seiten teilten. Das mag jetzt vielleicht ungerecht klingen, schließlich war Twitter für uns damals ja alle noch irgendwie Neuland. Aber genervt hat es trotzdem.

    Bis vor kurzem hat mich der Tod Jacksons nicht mehr weiter beschäftigt. Erst kürzlich habe ich aber gedacht, wie tragisch es ist, dass er nicht mehr lebt. Als ich nämlich die von Timbaland produzierte und posthum veröffentlichte Single „Love Never Felt So Good“ hörte. Jacksons Gesang ist auf der offensichtlich nicht mehr ganz frischen Gesangsspur so samtweich, so unangestrengt, so schön – kein Vergleich zu der Verbissenheit, die sich seit „Bad“ eingeschlichen hatte. Wer weiß, vielleicht hätte Jackson zu Lebzeiten zu früheren Qualitäten zurückgefunden. Hätten ihn seine Comeback-Konzerte an frühere Stärken erinnert. Aber das werden wir nie erfahren.

  2. Pingback: 72/100: November Rain | 100 Songs

  3. Pingback: 78/100: Smalltown Boy | 100 Songs

  4. Pingback: 82/100: Enola Gay | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.