62/100: My Name Is

Eminem (1999)

„99 percent of my life I was lied to / I just found out my mum does more dope than I do (Damn.)“

Ich weiß noch genau, wie ich diese Zeilen zum ersten Mal hörte und diesen Typen dazu sah: Mit blondgefärbtem Prolo-Schnitt, übergroßen Trottel-Ohrringen, weißem T-Shirt und Boxer-Shorts stand er vor einer White-Trash-Kulisse und denunzierte im Sekundentakt seine Mutter. Als Eminems Musikvideo an einem ungemütlichen Februarabend im Jahr 1999 in mein Jugendzimmer flimmerte, war es um mich geschehen. Eine neue musikalische Ära hatte begonnen.

Ich habe schon mehrfach von den Ups and Downs in der Beziehung zwischen HipHop und mir erzählt. Es gab Phasen, da hatten wir uns nicht viel zu sagen. Aber dieser Typ hier ist seit 15 Jahren nicht von meiner Seite gewichen. Seit ich sein erstes Video gesehen hab, bin ich Eminem-Fan!

My Name Is by Eminem on tape.tv.

1998 und 1999 waren zwei gute Jahre für meinen Kumpel HipHop. Wir hingen ständig miteinander herum, denn es gab so viel von ihm zu lernen. „Rap is something you do – HipHop is something you live“, hatte KRS-One gesagt. Ein weiser Mann, dessen Akronym für „Knowledge Reigns Supreme Over Nearly Everyone“ steht. Oho!

Das war der Film, auf dem ich voll drauf war. Ich trug Skaterklamotten, obwohl ich auf den Brettern selber nie richtig gut stehen konnte. Ich kannte die Codes der Graffitimaler, obwohl ich selber dafür viel zu untalentiert war. Und ich kritisierte Rap-Platten, auch wenn ich selber keinen Sprechgesang beherrschte. Aber das störte niemanden, denn so wie mir ging es den meisten anderen der deutschen HipHop-Szene. Schließlich wussten wir alle, was wir mochten – und was nicht. Es ging ums Mitmachen und Erleben.

Außerdem hatten wir etwas, das es um jeden Preis zu verteidigen galt: unseren Kulturbegriff. Denn HipHop hatte schon in den 90ern keinen guten Ruf. Ob in der Schule, während meines Zivildienstes im Krankenhaus oder meiner Ausbildung in der Bank hatte ich es zig Male erlebt: Immer wenn ich antwortete, was für Musik ich gut fand (für die Trottel, die das aus meiner Kleidung nicht abzulesen vermochten), erntete ich als Antwort ein lächerliches: „Yo-Yo!“ Dazu gerne komische Verrenkungen, die sie sich bei Carlton aus „Prinz von Bel-Air“ abgekuckt hatten.

Bunt angezogene Trottel, die um brennende Mülltonnen tanzten und sih ihre Mützen verkehrt herum aufsetzten – das war das Bild, das viele von Rap hatten. Dabei waren diese Vorbehalte umso lächerlicher, wenn man bedenkt, was danach kam: die „Avantgarde der Härte“, wie es die Zeit zwischenzeitlich resümierte.

Doch um 1999 war der Spirit ein anderer. Die Beginner hatten ein Jahr zuvor mit „Bambule“ den Startschuss gegeben: Plötzlich stürzten von überall her A&R-Departments in die deutsche Rap-Szene und warfen mit Kohle um sich, um mit meinen Lieblings-Underground-Künstlern große Alben zu veröffentlichen.

Ich hatte ein paar Freunde gefunden, die meine musiklaischen Vorlieben teilten. Wir hörten die Stuttgarter – also die Massiven Töne, Freundeskreis, Afrob und sogar wieder die Fantastischen Vier. Bei uns liefen die Hamburger – Dynamite Deluxe, Eins Zwo, Doppelkopf, Fettes Brot und Deichkind. Und dazwischen erfreuten uns Künstler aus dem Ruhrpott, Köln oder Berlin – also RAG, DCS oder die Spezializtz. Inhaltlich wurde es eine Goldene Ära für Rap in Deutschland. Und es zahlte sich für viele Künstler aus, was wir neidlos gut fanden. Denn wir hatten das Gefühl, dass UNSERE Musik endlich gewürdigt wurde und sich die Künstler kommerziell gestärkt weiterentwickeln konnten.

Ich war jedes Wochenende auf irgendeinem Konzert und interviewte nahezu alle Künstler, die mir etwas bedeuteten. Durch meinen „Job“ bei einem HipHop-Magazin konnte ich mit meinen Heroes direkt in Kontakt treten: Wenn ich den Sinn eines Songs nicht verstand oder etwas nicht mochte, diskutierte ich das mit ihnen aus. Ob sie nun wollten oder nicht. Von journalistischer Distanz (oder Erfahrung) keine Spur. Aber das war mir egal – ich fühlte mich als gleichberechtigter Teil der Kultur.

Außerdem unterhielt ich mich mit den Bands immer viel über Musik. Nur wenige gaben zu, dass sie andere deutsche Rapper – außer denen aus ihrem engsten Umfeld – mochten. Der Musikgeschmack der führenden Köpfe dieser Szene war relativ homogen: New Yorker Rap hatte seit dem Debütalbum des Wu-Tang Clan den Sound bestimmt. Snoop Dogg und andere Vertreter aus LA hatten es vergleichsweise schwer: Wir hörten es, weil dazu gehörte. Doch im Vergleich zu Notorious B.I.G. galten 2Pac & Co. als totale Prollmusik. Auch wenn beides Gangsterrap war.

Ich hatte mich über mehrere Jahr eingegroovt und die HipHop-Kultur studiert. Auch wenn ich ein deutsches Mittelschichts-Kind war, spürte ich die Vibes, die da jede Woche neu aus den USA zu uns in die Plattenläden und Presseverteiler kamen. Und ich sah, was es mit anderen machte – mit gleichaltrigen Künstlern, die talentierter im Reimeschreiben waren, als ich es mir jemals zutrauen würde.

Und dann kam Eminem. Ein weißer Hänfling, dessen Schizophrenität sich gleich im ersten Video offenbarte. Er war zig Personen auf einmal: eine Marilyn Manson-Karikatur, ein Nachrichtensprecher, ein Blue Collar-Worker, ein verpeilter Drogi. Während andere Rapper von Weed und Alkohol schwärmten, steigerte sich das bei Eminem zu Pilzen, Ecstasy und Koks. Er verkleidete sich als Frau oder Marionette und machte sich über alles lustig – inklusive sich selbst. Er trug eine Zwangsjacke – und neben ihm auf dem Therapeutenstuhl saß sein Entdecker, der legendäre Dr. Dre. Der offenbarte seine Diagnose in nicht mal ganz zwei Gastversen:

‚And Dr. Dre said, „Slim Shady you a basehead! / Uh-uhhh! „So why’s your face red? Man you wasted!“‚

Es war anders, es war verrückt, es war packend – es war genial. Ein großmäuliger Hänfling aus einem Loch namens Detroit, dass wir nur aus den Anfangsszenen der „Beverly Hills Cop“-Filme kannten. Ein Weißer, der mit einer quäkigen Stimme die Musik der Schwarzen adaptierte – und damit zeitweise alle Verkaufsrekorde brach. Die amerikanische Pop-Musikgeschichte schien sich zu wiederholen:

‚I am the worst thing since Elvis Presley / To do black music so selfishly / And use it to get myself wealthy‘

Diese Lines reimte Eminem drei Jahre später in „Without Me“ ungerührt als Antwort auf seine Kritiker.

Und genau diese kongeniale Haltung hat sich Eminem von Tag 1 bis heute bewahrt. Wenn Du anfängst, eine Playliste nur mit seinen Hits zu basteln, hast Du locker zwei Stunden Musik am Stück.

Und das Beste: Die Produktionen sind zwar – genauso wie seine Stimme – immer besser geworden. Doch gleichzeitig haben seine Songs eine zeitlose Qualität: Eminems Texte sind egozentrisch. Sein Output ist – trotz zwischenzeitlicher Auszeiten – riesengroß. Und Eminems Probleme und Aversionen sind so vielfältig, dass ich auch als Fan oft genug nachsehen muss, ob jetzt ein bestimmter Song aus dem Jahr 2000 oder 2009 stammt.

Beim Hören jedes neuen Tracks habe ich das Gefühl, dass Eminem seine musikalische Bühne nutzt, um sich öffentlich zu therapieren. Und das macht es jedes Mal aufs neue wieder (ent)spannend, seinen Songs zu lauschen und mir seine Videos anzusehen.

Kannst Du eigentlich etwas mit Marshall Mathers anfangen?

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ob ich etwas mit Marshall Mathers anfangen kann? Aber ja. Auch für mich, der ich von 1988 bis 1993 viel US-Hiphop gehört hatte, war Eminem eine Sensation. Ich fand ihn überraschend, witzig, wortgewandt, skurril – einfach anders. Anders als das, was ich früher gehört hatte. Anders als vieles, was ich damals als Hiphop wahrnahm. Meine Neugier und mein Interesse waren geweckt. Und ich wurde in den kommenden Monaten nicht enttäuscht.

    Besonders „Stan“ hatte es mir angetan. Die Geschichte des Fans, der sein Idol mit Briefen versucht zu erreichen, ist großartig. Bewegend erzählt, professionell und doch etwas schräg produziert (der quietschende Stift!)… Als ich vor zwei Jahren eine erste Liste mit Songs zusammengestellt habe, die ich Dir auf 100songs.de nahe bringen wollte, war „Stan“ aus all diesen Gründen mit dabei.  

    Dass ich ihn bislang noch nicht gepostet habe, hat viele Gründe. Andere Songs haben sich vorgedrängelt, Geschichten mussten erzählt werden. Für einen Song wie „Stan“, den ich einfach „nur“ großartig finde, war zuletzt irgendwie keine Gelegenheit. Außerdem hätte ich damit ja Eulen nach Athen getragen 🙂 Vielleicht stand Eminem irgendwann auch nicht mehr so weit oben auf meiner 100-Songs-Liste, weil meine Begeisterung für ihn über die Jahre seit „Stan“ etwas nachgelassen hat.

    Dabei habe ich ihn damals immer verteidigt. Als man mir sagte, er würde mit „Stan“ Gewalt gegen Frauen verherrlichen, habe ich vehement widersprochen. Als es hieß, dass er sich wie Elvis bei einer Kultur bedienen würde, die ihm nicht zusteht, habe ich mich gegen diesen Standpunkt verwehrt. Und ich habe meine besten Freunde tatsächlich regelmäßig auf die Qualitäten Eminems aufmerksam gemacht.

    Aber Eminem war irgendwann nicht mehr nur ein Künstler. Er wurde zu einer Marke, einem Produkt, einer PR-Maschine. Er wurde „larger than life“. In meiner Hoch-Zeit als Musik-Journalist wurde plötzlich jeder Tag zu einem Eminem-Tag. Täglich wurden Meldungen über ihn lanciert, dass er dieses oder jenes gesagt habe; dass er nicht oder vielleicht doch nach Kanada einreisen dürfe; dass er mit einer Kettensäge in der Hand schlecht über seine Frau gesprochen habe; dass er sich mit dem von mir auch mal geschätzten Moby angelegt habe… Vielleicht war vieles davon gar nicht wahr. Vielleicht war es nicht mal auf Marschall Mathers‘ Mist gewachsen. Aber es nervte, auch wenn die Musik weiterhin klasse war.

    Je größer also die Kunstfigur Eminem wurde, umso kleiner wurde meine Bereitschaft, mich mit dem Künstler hinter dem Brimborium zu befassen. Ich verlor den Anschluss. Es gab Zeiten, da konnte ich nicht mal den Titel seines aktuellen Albums nennen. Ich wusste nicht mal, ob er überhaupt noch Platten macht. „Encore“, „Relapse“, „Recovery“… Sorry, aber ich war raus. Und dann erwies Eminem sich auch noch als ein wenig spaßfrei, als ihm Sascha Baron Cohen mit nacktem Arsch ins Gesicht gesprungen ist. Da hätte ich mir von jemandem, der offenbar über Humor verfügt und auch gern austeilt, etwas mehr erwartet.

    Mit seinen neuen Songs, die Du mir in den vergangenen Wochen immer mal wieder ans Herz gelegt hast, komme ich aber wieder ganz gut klar. „The Monster“ etwa überzeugt mich mit dem gelungenen Spagat aus poppigem Refrain und authentischer Abrechnung mit dem Star-Sein. Insofern bin ich froh, dass Du mir Eminem rausgesucht hast. Denn ich glaube, dass er mir gefehlt hätte, wenn er beim Ende unseres Blog-Projekts nicht mit einem seiner Songs auf unserer Liste aufgetaucht wäre.

  2. Pingback: 76/100: Homecoming | 100 Songs

  3. Pingback: Interlude: Blogparade #Väterglück | 100 Songs

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.