61/100: Go

Moby (1991)

Mit Acid House hatte ich gelernt, dass man nicht unbedingt einen Künstler toll finden muss, um zu einem Song richtig abzugehen. Das Genre stand im Fokus, nicht mehr die Personen, die hinter einer Produktion standen. Diese Erfahrung konnte ich auch problemlos auf Techno übertragen. Mir war egal, von wem ein Song war, so lange ich dazu tanzen konnte. Aber es kam doch irgendwann der Moment, wo ich gern wieder mal jemanden anhimmeln wollte. Wo ich mal wieder Fan von einer Person und nicht nur eines Genres sein wollte. In der Silvesternacht von 1991 auf 1992 schaute mich diese Person grimmig aus dem Fernseher an. Ihr Name: Richard Melville Hall. Du kennst ihn vermutlich unter seinem Künstlernamen, mit dem er auf seinen Vorfahren Hermann Melville anspielt: Moby.

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Die Silvesternacht war gelaufen. Ich hatte eh nicht viel erwartet: 1991 war im Grunde genommen ein Scheißjahr gewesen – aber immerhin mit hoffnungsfroh stimmendem Ausklang. Seit Herbst war ich Student an der Uni Osnabrück, die Erfahrungen dort setzten sich in meiner Wahrnehmung immer stärker gegen so manche Katastrophe des Jahres durch. Und auch der Jahreswechsel war okay verlaufen. Mit meinen Freunden, deren Freundinnen und meiner Schwester hatten wir – wie die Jahre zuvor – das Kaff Fürstenau unsicher gemacht. Anschließend schlürten wir alle zum Elternhaus einer Freundin, wo wir alle übernachten wollten. Die Gruppe löste sich langsam auf: Während zwei, drei Jungs noch in der Küche ein letztes Brinkhoffs-Bier kippten, schlurften die ersten schon in Schlaf-T-Shirts und Zähne schrubbend durchs Erdgeschoss. Irgendwer hatte im Fernsehen MTV angeschaltet, es liefen computer-animierte Dance-Videos. Ein paar traurig-melancholische Akkorde ließen mich aufhorchen. Als ich zum Bildschirm schaute, schaute da dieser Typ zurück. Ich wartete auf die Einblendung von Titel und Künstler: Go. Moby.

Das war es was ich brauchte. Techno, House, Melancholie und eine Person auf die ich alles projizieren konnte. Ich nahm mir vor, bei nächster Gelegenheit nach Platten von diesem Typen zu suchen.

Wenige Tage später besuchte unsere Clique ein paar Freunde in Köln. Unsere Gastgeber trauten sich, uns Landeier mit ins E-Werk zu nehmen. Recht spät am Abend vernahm ich wieder diese Akkorde, die ich kurz zuvor bei MTV gehört hatte. Ich stürmte auf die Tanzfläche und gab mich dem Song hin. Mein Vergnügen wurde auch dadurch nicht geschmälert, dass der DJ den „Holiday Rap“ von MC Miker G und DJ Sven reinmischte. Für einen so gelungenen Abend wie diesen war das okay.

Ich machte mich also auf die Suche nach Moby – und wurde Fan. Nach „Go“ kaufte ich so gut wie jede seiner Singles. Und zwar alle Versionen, die es gab. Und da kam ganz schön was zusammen, schließlich gab es zu jedem Song zahlreiche Remixe, verteilt auf mehrere Maxis und Maxi-CDs. Ich kaufte Sampler, weil darauf unveröffentlichte „Go“-Remixe waren. Ich fand es großartig, wie er seine Songs unter unterschiedlichen Pseudonymen selbst überarbeitete. Dass er auf Alan Wilders Solo-Album zu einem Song rappte. Als Moby 1993 dann auch noch zu Mute Records wechselte, dem Haus-Label von Depeche Mode, war es erst recht um mich geschehen. Ich ging dazu über, seine Platten ungehört zu kaufen, etwa als ich in 1994 in London angekommen war. Und zögerte keine Sekunde, als ich sah, dass Moby ein Konzert an der Themse spielen würde: Kurz nach der Ankündigung hatte ich das Ticket schon gekauft.

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Es war mein erstes Konzert in London, von daher war ich ohnehin sehr gespannt auf das, was mich erwartete. Viel zu früh kam ich in der noch hell beleuchteten Disco an. Mit meinem Fosters in der Hand drehte ich eine Runde in der weitgehend leeren Halle, kaufte schon mal ein Moby-Shirt und wartete in einer Ecke darauf, dass etwas passierte. Nach und nach kamen weitere Gäste, bis irgendwann Salt Tank auf die Bühne kamen. Ich kannte das Duo und seine entspannten Elektro-Grooves bereits von einem Sampler und freute mich über die unerwartete Begegnung. Von einem Platz oberhalb der Bühne schaute ich genau zu, wie David Gates und Malcolm Stanners ihr Equipment bedienten. Wenn das mal kein guter Start in den Abend war.

Und dann kam Moby.

Mir wurde gleich klar: Er und ich würden keine Freunde werden. Ich mochte Techno, weil es mit Rock nichts zu tun hatte. Weil die Musik im Vordergrund stehen sollte, und nicht die Posen. Ich mochte, dass man sich bei einem Event nicht zwingend zur Bühne drehen musste, um eine gute Zeit zu haben. Dass man nicht jemandem zusehen musste, wie er auf der Bühne den Affen macht. Moby indes verfolgte offenbar einen anderen Ansatz: Gleich mit den ersten Takten fing er an, auf der Bühne hin- und herzusprinten, das Publikum anzustacheln und dabei wenig anschauenswerte Grimassen zu ziehen. Ich kriegte das, was ich hörte, und das, was ich sah, nicht übereinander. Es war ein wenig abtörnend, meine Lieblingssongs wiederzuerkennen und dazu einem Hampelmann zuzuschauen.

Nach einer Stunde und einem wirklich wenig schönen Finale – Moby stieg auf seine Drum-Pads, streckte die Arme gen Himmel und ließ sich zu einem immer schneller werdenden Techno-Beat abfeiern – war das Konzert vorbei. Ich war ratlos und wusste zunächst nichts mit mir anzufangen. Da kam Moby wieder zurück auf die Bühne und kletterte von dort runter in den Zuschauerraum. „Gut“, dachte ich, „dann kann ich ja mal meine Eindrücke mit ihm besprechen.“ Das tat ich dann auch. Moby war sehr nett und ließ mich mein Lamento über Anonymität, Rockklischees und Fan-Enttäuschungen in sein rechtes Ohr klagen. Dann drehte er sich zu mir um, schaute zu mir auf und sagte: „But I like the energy of my shows.“ Er bedankte sich höflich für meine Anmerkungen und ging dann zu jemand anders hin.

MM_moby_vinylDu kannst Dir vorstellen: Mit der uneingeschränkten Bewunderung war es erstmal vorbei. Erst recht, als Moby 1996 eine Indie-Gitarren-Platte veröffentlichte. Mit „Animal Rights“ konnte ich so gar nichts anfangen. Stattdessen suchte ich auf Plattenbörsen weiter nach Moby-Maxis aus der Zeit, als zwischen ihm und mir noch alles in Ordnung war.

Bei „Play“, das 1999 erschien, stieg ich endgültig aus – während die ganze Welt offenbar erst so richtig auf Moby ansprang. Mit Videos wie „Why Does My Heart Feel So Bad?“ und Bigbeat-nahen Stücken wie „Bodyrock“ etablierte Moby sich in so fast jedem CD-Regal in meinem Freundeskreis. Der Massen-Appeal der Songs zeigte sich auch darin, dass jeder der Album-Tracks an Werbetreibende und Filmmacher lizensiert werden konnte. Ich hörte die eher mittelmäßigen und harmlosen Moby-Songs auf einmal überall… Es begann eine lange Zeit der Abneigung, die durch grauenhafte Platten wie „Last Night“ nur weiter genährt wurden.

In den vergangenen Jahren aber bin ich etwas milder geworden mit dem Typen, der mich vor so vielen Jahren in einer Silvesternacht angesehen und gleich begeistert hat. Erst vor Kurzem habe ich mir seinen Remix von „Do It Again“, der Kollaboration von Röyksopp & Robyn, heruntergeladen. Und war angenehm überrascht. Seine E-Mail-Newsletter lese ich immer noch gern, da sie einen sehr angenehmen Tonfall haben. Und eine Aktion wie mobygratis.com, wo sich Filmemacher bei seiner Musik bedienen dürfen, ist schon bemerkenswert: „The music is free as long as it’s being used in a non-commercial or non-profit film, video, or short.“ Ich könnte Moby dafür fast schon wieder ein wenig anhimmeln…

3 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Ach Michael, ich musste schon herzhaft schmunzeln, als ich mir vorstellte, wie Du dem armen Moby Deine Performance-Beschwerde direkt nach seinem Gig ins Ohr lamentiertest: ein wunderbares Bild, dass immer besser wird, wenn ich mir statt Moby Lars Ulrich, Dave Grohl oder Martin Gore vorstelle…

    Aber irgendwie passt das auch wieder zu dem Wenigen, was ich von Moby weiß. Der kleine Nerd aus Harlem, der von Eminem gehänselt wurde – und wegen ihm sogar zügig ein Hotel verlassen musste, um nicht verprügelt zu werden. Und gleichzeitig ist er ja der Prototyp eines peaceful prophets – ein moderner Gandhi, der mutig den Veganismus predigt und sich für die einsetzt, die keine Stimme haben – auch wenn es sich hierbei um Schlachtvieh handelt.

    Der Typ war irgendwie immer bewunderswert, auch wenn mich seine Musik nie interessiert hat. Klar kenne ich „Go“ und „Why Does My Heart Feel So Bad?“, aber danach hört es auch schon auf. Also habe ich mich in den vergangenen Tagen mal durch ein paar Playlisten gehört und festgestellt: „Verflixt – das ist auch noch von ihm. Und das auch. Damn nice!“

    Denn im Gegensatz zu Dir nehme ich ihm seine musikalische Wandlungsfähigkeit gar nicht so übel. Im Gegenteil: Nachdem ich sein Ouevre nun für mich ein wenig besser sortiert habe, fasziniert mich sein vielseitiges Interesse an Musik. Denn was man Moby lassen muss: Wenn er was macht, dann macht er das richtig. House, Electro, Ambient, Indie… Jedes Genre für sich genommen funktioniert in meinen Ohren. Doch ich bin wie gesagt auch kein Fan und musste mich nicht von ihm enttäuschen lassen.

    Was aber das Jahr 1991 betrifft – da kann ich Dir nur recht geben: Das war in vielerlei Hinsicht eine große Enttäuschung. Jedenfalls musikalisch – beziehungstechnisch befand ich mich mit K. auf dem ersten großen Zenith meines Liebeslebens. Und genau deshalb erinner ich mich auch noch, wie wir gemeinsam den Jahreswechsel davor – also von 1990 zu 1991 erlebten.

    Wir waren in der zehnten Klasse und gerade ein paar Wochen zusammen.  Außer unseren drei engsten Freunden wusste das aber niemand – denn wir gingen in die selbe Klasse. Wir hatten irgendwie das Gefühl, dass die öffentliche Publizierung unserer Liebe schaden könnte – einfach, weil in diesem Alter ja bei allen die Hormone spinnen und in unserem Umfeld nahezu jeder meinte, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen und alles ungefragt zu kommentieren. Selbst Beziehungsfragen. Also spielten wir etwas Verstecken mit unserer Umgebung und dann stellte sich die jährliche Silvesterfrage: Wo feiern wir?

    Klar war: Wir wollten uns zum Jahreswechsel im Arm halten. Aber gleichzeitig unter Leute gehen und ein wenig tanzen – und zwar ohne Gossip. Also passte die Einladung von K.s bester Freundin W. irgendwie perfekt: W. war in so einem Jugendhaus in Wannsee aktiv und schwärmte immer von den netten Parties dort. Zwar handelte es sich dabei um irgendeine christliche Gesellschaft, mit der ich nichts am Hut hatte. Doch wir konnten uns den Ort und die Leute vorher mal zusammen ansehen und fanden keine Fanatiker vor. Stattdessen spielten sie auf der Theaterbühne „Linie 1“. Es war also okay. Außerdem hatten wir nicht viele Alternativen.

    So fuhren wir mit Bus und Bahn ans hinterste Ende Berlins – ein Jahr, nachdem die Stadtgrenzen nicht mehr aus Beton bestanden. Während in Manchester und Mitte wilde Raves gefeiert wurden, bereiteten wir uns auf einen gutbürgerlichen Abend mit netten Christen vor. Und so gab es an diesem Abend nur ein paar Raketen, keinen Alkohol – und Stevie B. 

    Ja, genau. Diesen Artist werde ich ewig mit dieser Silvesterparty verbinden, denn der DJ spielte den „Stevie B. Megamix“ ungefähr vier oder fünf Mal. Es war cheesy, es war peinlich, es war hohl – und es ging in die Beine. Und es war das erste Mal, dass ich zu einem Typen an der Anlage ging und nachfragte, was wir denn da Cooles hören würden. Und dann ganz aufgeregt versuchte, mir den Namen zu merken.

    Wenn ich heute daran zurück denke, ist mir diese ganze Party superpeinlich: Auch damals war mir klar, dass wir uns nicht im derbsten Umfeld der Stadt bewegten. Natürlich gab es ganz andere Feiern, auf denen die Jungs mit den Rucksäcken mit ihren NWA- und Ice-T-CDs immer die Anlage besetzten. Wo die Mädchen zu The Police und Depeche Mode tanzten und irgendwann ein Langhaariger mit Kreator rumnervte, wenn die Streberinnen schon nach Hause gegangen waren und die ersten Total-Besäufnisse meinen Jahrgang erreichten.

    Doch diese Feten meine ich gar nicht – denn auch die habe ich nachweislich miterlebt: So oft stellten die Zehlendorfer Eltern ihren 16-jährigen Sprösslingen die Party-Keller nun auch nicht zur Verfügung als dass man auch nur eine Einladung ausgeschlagen hätte…

    Nein, was mich nervt, ist mein heutiges Wissen darüber, was ich alles hätte kennen können, wenn die deutsche Musik-Landschaft nicht so scheiße gewesen wäre. Ich bin so neidisch auf die heutige Jugend, die sich per Klick problemlos durch den Katalog von 60 Jahren Pop- und Rockgeschichte wühlen darf – und der theoretisch kein angesagter Act entgehen dürfte. Egal, ob es sich nun um Afrobeat, Baile Funk oder K-Pop handelt. 

    Ich hätte so gerne im Jahr 1991 so viel bessere Musik gehört. Ich hätte gerne die Playlist der Hacienda gekannt und dann zu den Meisterwerken der Stone Roses oder von New Order getanzt. Ich hätte so gerne die Möglichkeit gehabt, das Line-Up des CBGB’s regelmäßig zu verfolgen, um die Band of Outsiders oder die letzten Zuckungen der Talking Heads zu erleben. Doch stattdessen lief Stevie B. 

    Ganz schön deprimierend, oder?

    Anmerkung des Autors:

    Aber das Küssen war an diesem Abend trotzdem toll!

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